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Die neue Welt · 1928-03-16 · Heft 26 (16.3.1928) · page 13

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Journal
Die neue Welt
Volume
2 (1928)
Issue
Heft 26 (16.3.1928)
Date
1928-03-16
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 26 DIE NEUE WELT Seite 13 SGHOLEM ALEJCH E M: MENACHEM MENDEL. (Abs dem Jüdischen übertragen von Siegfried Schmitz.) Copyright 1921 by R. Löwlt. Wien und Lelpalg. (10. Fortsetzung.) 6. Brief. Sctinlne-Scbefndef aus Kasriiiwke an ihren Gatten Menachem Mendel in Jehupez. Dem hochgeehrten, edlen und mächtigen Herrn, dem weisen Kenner der Tbora, dem hochgelehrten Reb Meniachem Mendel ehrfürchtigen Gruß! Erstens vermelde Ich Dir, daß wir alle, Gott sei Dank, beim besten Wohlsein sind, gebe Gott uns, das Gleiche von Dir zu hören fürderhin und nichts Schlimmeres. Zweitens teile ich Dir mit, mein teurer GemaW, daß Du, wie ich glaube, Schon total verrückt bist; Du wirst bald anfangen, in den Gassen herumzurennen wie unser Stadtnarr. Es genügt dem Manne nicht, daß man ihn in Odessa kennt, in Jehupez und Bobrisk, er muß es noch fertig bringen, daß man in Warschau auch weiß, daß es aui der Welt einen Menachem Mendel gibt, welcher mit Narren wäre handelt; zuerst hat er mit „London" gehandelt und Jetzt handelt er mit alten Fetzen und allem möglichen Narren werk: mit „Papieren", „Porteflöhen", „Wagen", „Liliputanern". Und die muß er ausgerechnet in Warschau auftreiben und sich darum mit den Leuten herumschlagen. Gott gebe es, erleben möchte icih's,, daß sich ein vernünftiger Mensch findet, welcher aus Dir Deine Narrheit herausprügelt, damit Du nicht nur, der Teufel weiß was, tm Kopfe hast; hier zu Hause hast Du eine Frau — bis hundertundzwanzig Jahre — die muß sich Tag und Nacht mit seinen Kindern plagen: bald gibt's das, bald jenes! Erst gestern hätte ich beinahe ein Kind mit siedendem Wasser vom Suppensieb verbrüht. Ein Glück, daß es nicht über den ganzen Kopf gegangen ist! Wie sagt die Mutter, sie soll leben: „Zum Unglück muß man auch Glück haben!" Und der Mann, ihn geht das nichts an; er schaut sich Brände an! Großartig: Jehupez brennt; verbrennen und zu Asche werden möge es Dir samt Warschau und Petersburg zusammen, Gott gebe es! Jeder ordentliche Mensch hier darf mich mit Nadeln stechen! Kann Ich mich überhaupt noch auf die Gasse wagen? Jeder zeigt auf mich mit Fingern: „Aha, da geht sie, die Frau von Menachem Mendel aus Jehupez!" Ein schöner Spitzname. Ach und wehe wird mir, wenn ich ihn höre! Leben soll mir die Mutter; sie gibt es mir ordentlich zu hören: „Einen Mann" — sagt sie — „darf man .keine Minute frei herumlaufen lassen; denn" — sagt sie — „wenn der Zimmermann sich auf Späne verlegt, werden die Späne — Späne . .; Ich' habe es" — sagt sie — „im voraus gewußt: das wirdkein gutes'Ende haben; ich wollte eine Geldheirat'haben. Wie sagt man doch: Schwein, hast Du Geld? Sei mein Sahwäher? Jetzt habe ich die Geldheirat: geradezu eine. Goldgrube! Das Gold" —- sagt sie — „zerrinnt und die Grube bleibt übrig. Briefe" — sagt sie ~ „woHf ich ihm schreiben! ■ Das Fieber sollt' er mir davon kriegen! Wer einen Wink mit dem Stock nicht versteht," — sagt sie — „muß den Stock selber zu kosten kriegen. Ich würde ihn" — sagt sie — „mit einem Besenstiel naoh Hause bringen! Mit einem Ochsenziemer!" . . . Sag', Mendel: hat sie nicht recht? Doch, was kann ich tun, da ich — leider — so ein Bählamm bin, dem alles recht ist, was man sagt, und mit dem man machen kann; was man will! Eine andere an meiner Stelle, zum Beispiel Blime-Zlate, wäre schon längst in Jehupez bei allen Rabbinen und Dajanlm gewesen, hätte Dich auf der Gasse abgefaßt und Dir das Nötige zu hören gegeben, aber so, daß Du vergessen hättest, ob Du Menachem Mendel heißt und ob Du mit Liliputanern handelst oder Zwergen) . . . Weißt Du, Mendel: Deine Goldgeschäfte und die Schätze, welche Du dort einheimsest, die erkenne ich an den Geschenken, welche Du mir aus Jehupez schickst, die Diamanten und Brillanten und die gestickten Hemden und die Spitzen-, tücher, die ich von Dir kriege — sie sind nicht ohne! Mein teurer Gemaihl, ich sage es Dir im Guten: das halte ich nicht mehr aus! Entweder — oder; Entweder Du fährst, so schnell als es geht, nach Hause und wirst wieder ein Mensch wie die anderen Menschen, oder -rder schlimmste Tod falle auf meine Feinde — und ~ alles muß ein Ende haben. Das wünscht Dir für heu,t* und allezeit Deine wahrhaft treue Frau .Scheine-Scheindel. 7. Brief. Menachem Mendel aus Jehupez an seine Frau Scheine- Scheindel in Kasrfliwke. Der teuren, edlen, tugendhaften und klugen Ehefrau Scheine-Scheindel meinen Gruß! Zum ersten sei Dir kundgetan, daß ich — Dank Seinem lieben Namen! — gesund bin und mejn leben das des Friedens; der Herr, gelobt sei er, möge helfen, daß eines vom anderen nur Gutes höre in guter Botschaft zu Trost und- Hell--- Amen! „ Zum zweiten wisse: Es geht vorwärts, mit Wdndesejfe, es geht hinauf, hinauf! Eine Menge Leute beneiden mich; denn was ich heute kaufe, wird morgen teurer. »Wagen" sind noch um 200 Rubel vorgerückt und meine jJLMiput" sind schön — Dank seinem Ueben Namen! — bei der zweiten Hälfte von '2000 anklangt; doch' ich haibe noch kerne Lust, zu verkaufen, weil alle sagen, daß es noch nßwn wlwii gs gebt 4*i <fcf«i^,i4tf;4a* «Atitorf* sich auf unsere Papiere geworfen hat und daß sich ein „Syndikat" gebüdet bat Das heißt* sie arbeiten dort alle Hand in Hand und wollen alle unsere Papiere aufkaufen bis zum letzten Stück; nicht soviel wollen sie übritg lassen, wie unter einen Nagel geht! Du fragst natürlich, warum? Ganz einfach: Ge!d, Du verstehst, gibt es heute auf der Welt in Unmenge; es liegt auf der Straße; die Zinsen sind sehr nfedrig, vier, fünf vom Hundert sind für uns übergenüg; wenn heute Irgendwo Geld zehn oder fünfzehn Prozent trägt, so ist das ein Glücksfall! Und was Du von den „LHirut" sagst (nicht, wie Du sie nennst, „Liliputaner"), so habe ich Dir doch schon geschrieben, daß das so ein Papier von einer Fabrik ist, wo man Eisenbahnen herstellt und davon „Divandenden" gibt Die Eisenbahnen sind in „Simbiflen", die Papiere in Warschau und die Käufer In Jehupez. Jetzt verstehst Du das doch sohon? Genau so verhält es sich mit „Butflow", mit „Wagen" und mit „Transport". Doch Du meinst vielleicht: wenn man Papiere kauft, sieht man sie vor Augen? Da irrst Du Dich sehr. Das muß ich Dir genau . erklären, damit Du das Geschäft verstehst. Also — Du hast zum Beispiel Lust, Dir „Transport" zu kaufen; da gehst Du in ein Börsenkontor, gibst in eine Kasse etliche Rubel als „Depot" und läßt Dir ein wenig Ware notieren. Dann kriegst Du einen Brief, daß man für Dich so und soviel „Transport" gekauft hat, zu dem und dem Preis, auf Grund dieses und dieses „Depots". Und wenn sie —- Gott behüte — fallen, so bist Du verpflichtet, noch Geld einzulegen. Doch das ist ein Unsinn, denn so schnell fallen, sie nicht und Du mußt kein Geld nachschießen: im Gegenteil, sie steigen fortwährend! So arbeite ich also immerfort und es geht — Dank Seinem lieben Namen, es möge nur so weitergehen und nie ärger, Gott möge helfen — gut. Könnte ich mich auf ein paar 7'age vom Geschäft losreißen, so würde Ich einen Sprung naoh Wassll'kow machen und dort „geldieren". Da könnte ich das Hin- und Herwandern ersparen, daß ich bei Tag ein Jehupezer Wn und bei Nacht ein Bobrisker. Alle Makler sind schon „Kupcy" geworden. Du solltest sehen, wie das lebt, wie das ißt. Und ihre Damen, behängt mit Diamanten und Brillanten — loii habe mich übrigens erkundigt, wo man da Brillanten kauft und habe einige Sachen für Dich angeschaut; loh sage Dir: nicht nur bei Euch in Kasriiiwke, sogar bei uns in Jehupez werden die Sachen Aufsehen machen! Da ich jedoch keine Zeit habe, fasse ioh midi kurz. So Gott will, werde ich Dir im nächsten Brief alles ausführlich berichten. Jetzt gebe Gott nur Gesundheit und Glück. Grüß Jeden extra gar herzlich von Deinem Gemahl Menachem Mendel. Rddhtig: das Wichtigste! Du glaubst wahrscheinlich, meine teure Gattin, daß ich der einzige bin, der mit Papieren handelt? Brodzki handelt auoh damit Der Unterschied Ist nur der: Wenn ich Papiere kaufen gehe, muß ich vorher ausrechnen, wieviel mein Magen verträgt; wenn aber Brodzki Papiere kauft, dann kauft er auf einmal tausend, fünftausend, zehntausend Stück. Du, mit Brodzki ist nicht zu spassen! Wenn er in seiner Kalesohe vorbeifährt, zittert der Börseplatz und alle Juden ziehen die Hüte; auch ich. Sohön wäre es, wenn ich einmai ein Brodiztoi würde . . .1 Wenn Gott wiö, mein liebes Weibchen . . . man kann nie wissen. Der Obige. (Fortsetzung folgt) DIE ZAUBERIN VON KASTILIEN (26) Ihre Äugen blickten mit einem solchen Ausdruck von Barmherzigkeit auf das Volk, das die Straßen füllte, und auf das, was um sie herum war, daß es schien, als umfinge „sie alles mit ihrem Blick, als drückte, sie es an ihr Herz und weinte darüber unsichtbare. Tränen. Es twar, , als sähe sie das, was hinter einem jeden in der Menge unsichtbar stand; sein Los und seine. Bestimmung, und als trauerte sie über jedermann... So Äöte Mn Teil der Menge instinktiv. ypr ihr*, senkte^ Lda^pesicht zur Erde* bekreuzigte steh? und betete ih|frßnstigen Herzens?. Später behauptete man'y;sie habe deinen jeden, der ihr ins Gesicht g$bliä|& fü%|ein ganzes Leben verzaubert: er mußte äri sie'bis zu sei-nem letzten Augenblick denken, saih sie vor, den Augen bei seinen Gebeten, und richtete diese an sie... Als der Zug autleni:;&ampö di fiera anlangte, saßen der Papst mit seinerq-Gefolge sowie der Großinquisitor mit dem heiligen Tribunal 'bereits in ihren Logen unter den^ roten; Baldachinen. Das Volk, das den ganzen Platz füllte* war beim Herannahen der , Prozession so erschrocken und still geworden, als hätte es eine göttliche Vision erblickt. Die Dominikaner mit den KjrchenbildiB/n f. umringten den Papst und das heilige Tribunat Dfe' Nbiinen' vom Kloster zum „Heiligen Herzen" trugen, das Bild der Madonna jan den Scheiterhaufen heran und hoben esin die Höhe, um dem Volke die Gestalt derjenigen zu zeigen, um derentwillen ein lebender; Mensch verbrannt werde« sollte. Allein das Volk wollte nicht die tote, sondern nur die lebende Hexe sehen. Es freute sich an jeder Bewegung der ihm so gut bekannten und von ihm so verehrten Gestalt. Die Menge sah es wie ein Wunder, wie eine unerklärliche Zauberei, an, daß das lebende Bild, das den}, toten folgte, gehen, sich bewegen und atmen konnte." T „Seht, seht, wie sie geht, als berühre sie mit ihren Füßen nicht die Erde." „Das-ist Zauberei." ,d , ' „Sie weint. Seht die Tr||ien in ihren Augen." „Nein, sie lächelt, thVe feucht schimmernden ' Auge»lächeln.** / „Es sieht aus, als bewegten, sich ihre Lippen, als wollte sie sprechen." „Ihre Lippen: bewegen .Sieh immer auf dem Bild, siehst d-u, wie die Lippen der heiligen Mutter sich bewegen."; ' ' „Und siehst du, wie « die Augen der heiligen Mutter feucht sind, wie sie Hlb';h durch die Tränen lächeln, "gena^i so wie die Augen jener?" „Blickt , ihr . nicht ins Gesicht, sonst werdet ihr verzaubert!" rief eine Frau warnend der Gruppe zu, die so sprach. ,•• „Es tut so wohl, in ihr Gesichtzu schauen. Und dieser Körper soll von den Flamirön verzehrt werden? Es ist zu schade!" > „Der Rücken, das Gesicht, die Locken — das alles soll verbrannt werden!" * „Ihr seid schon, verzaubert! Sie hat euch verzaubert, weil ihr zu lange in ihr Gesicht geblickt habt.** „Sie wird alle verzaubern; auch das Feuer wird sie verzaubern.'* Von Schalom Asch Copyright by R. Lflwft- Vetlag, Wien-Leipzig. „Vielleicht ist sie aber ein himmlisches Wesen! Vielleicht ist sie in Wirklichkeit ein überirdisches Wesen?" „Das wird eben das Feuer beweisen; wenn sie ein himmlisches Wesen ist, können die Flammen keine Macht über sie haben." Als Jephtha den Stoß der Bücher bestieg und am Kopfe der Pyramide stehen blieb, wandte sie ihr Haupt zum Himmel empor; in diesem Augenblick glich ihre Gestalt noch, mehr dem Heiligenbild. Es schien, als sähe sie "'nichts von dem, was um sie herum vorging, oder als ginge es sie nicht im mindesten an. Ais sie so mit hocherhöbenem Haupte dastand, da schien es, als würde sie jeden Augenblick die Arme erheben, sie ausbreiten und sich in die Höhe schwingen, während i\tt blausamtnes Gewand von ihrem Leib auf den Stoß der Bücher fallen müßte — genau wie das Gewand auf dem Bildnis. Die Menge erschrack vor ihr. Es wurde still, wie in der Kirche beim Gebet. Da und dort streckten die Leute ihre Hände aus, aber nicht nach dem Heiligenbild, das die Nonnen hielten, sondern n;ach der wahrhaften, lebenden, atmenden und beweglichen Jungfrau, die auf dem Bücherstoß mit hocherhobenem Kopfe stand und in ihrer Trauer die ganze Welt mit ihrem Blicke umfing, der voll Barmherzigkeit war. Und; es schien, als würde sich das gereizte Volk jeden Augenblick vorwärtsstürzen, um die, die sie für die neilige Mutter hielten, vor den Flammen zu retten... Als aber das Volk sich beruhigte und so still wurde, daß man seinen schweren Atem vernehmen konnte, der sich wie das Keuchen eines durstenden Tieres anhörte, erhob sich der Großinquisitor in seiner Loge, trat an den Thron des Papstes, stellte sich am Fuße dieses Thrones auf und las laut die Anklage und das Urteil des heiligen Inquisirionstribunals gegen die Hexe von Kastilien vor, wie man das jüdische Mädchen schon überall nannte: „Sterbliches Menschenkind!" rief der Kardinal mit lauter Baßstimme Jephtha an. „Das heilige Tribunal beschuldigt dich, durch eine Zauberkraft, die du aus den unreinen jüdischen Buchern geschöpft hast, die heute mit dir zusammen zum Ruhme Gottes und seiner Kirche verbrannt werden sollen, das G%sicht unserer gebenedeiten Frau, der heiligen Mutter, vom Himmel herabgezaubert zu haben, wie sie sich auf dem Bilde ,Die Mutter der Liebe* enthüllt, das sich irn Kloster der reinen Nonnen, genannt ,Das Heilige Herz', befindet. Das heilige Tribunal beschuldigt dich ferner, dieses heilige Antlitz statt deines unreinen Gesichtes angenommen zu haben, um das glän. big© Christenvolk zu verführen, und zweimal in der Gestalt der Gottesmutter erschienen zu sein: das erstemal bei der Uebcrscbwemmung im Ghetto und das zweite Mal beim Karneval, um deine ungläubigen Brüder vor dem mit Recht aufgeregten gläubigen Volke zu retten. Und auch jetzt, in den letzten Augenblicken deines ungläubigen Lebens, verbirgst du dich noch hinter dem Gesicht der heiligen Mutter, um dem gläubigen ChHsteri\*o!k Angst einzujagen und die Vollziehung des von dir verdienten Urteils zu'verhindern. (Fortsetzung folgt)

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