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Die neue Welt · 1928-03-02 · Heft 24 (2.3.1928) · page 11

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Journal
Die neue Welt
Volume
2 (1928)
Issue
Heft 24 (2.3.1928)
Date
1928-03-02
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 24 DIE NEUE WELT Seite ft SCHOLEM ALEJCHEMj MENACHEM MENDEL. (Aas dem Jüdischen übertragen von Siegfried Schmitz.) Copyright 1921 by R. Löwlt. Wien und Leipzig. (8. Fortsetzung.) 2. Brief. Scheine-Schelndel aus KasriHwke an ihren Gatten Meikachem Mendel in Jehupez. Dem hochgeehrten, edlen und mächtigen Herrn, dem weisen Kenner der Thora, dem hochgelehrten Reib Menachem Mendel ehrfürchtigen Gmßl Erstens vermelde ich Dir, daß wir alle, Gott sei Dank, beim besten Wohlsein sind; gebe Gott uns das Gleiche von Dir zu hören fürderhin und nichts Schlimmeres. Zweitens teile icb Dir mit, mein teurer Gemahl, daß meine Feinde so die Kraft haben mögen zum Leiben (erfülle mir das, Herr der Welt), wie leb noeb Kraft habe, Dir auch noch einen Brief zu schreiben; icb schleppe mich mit Mühe auf meinen Beinen fort. Es ist ganz sicher, daß ich eine gründliche „Reparatur" brauche — so sagt der neue Doktor (ansagen möge man ihm alles Leid der Welt und alle zehn Plagen Pharaos!). Er glaubt, daß er mir .Rubel um Ru'bel abknöpfen kann. Und wovon, glaubst Du, kommt das alles? Nur von Kummer und Henzweh. Ich bitte Dich, Mendel: was soll das heißen? Ich schicke Dir Reisegeld und heiße Dich nach Hause kommen und Du machst Dich auf und fährst nach Jehupez! Bist Du nicht wert, daß man Dich lebendig begräbt? Und dann: diese Schmach, die Schande vor der Welt! Wie sagt die Mutter, sie soll leben: „Er schneuzt die Nase und macht sich das Gesicht schmutzig . . ." Geschäfte! Waren! Ich habe gemeint, da das schöne „London" schon endlich ein böses Ende ge« nommen hat, werde ich aufatmen können und mein vortrefflicher Brotgeber wird endlich heimkommen, wenn auch m'.i nicht mehr als mit dem nackten Leben. Und was geschieht? Ein neues Trugbild^ ein wüstes, finsteres „Jehupez"! „Papiere!" Auch ein Geschäft! Ein Jude handelt, weiß der Teufel, mit Papierfetzen! ... Ich lese Deinen Brief, teurer Gemahl, und den'ke dabei-: Herzlieber, guter Vater im Himmel! Bist Du, Gott bewahre, verrückt, oder bin ich nicht recht bei" Sinnen? Du sprichst Türkisch mit mir: „Papier" . . . „Petersiburg".....Porteflöh"! Eine Hexe oder ein böser Dämon hat sich dem Mann In die Seele gesetzt und bei Tag ist er in Jehupez, bei.Nacht ist er in Bobrisk, zusammen mit Mannsbildern und Frauenzimmern . . . Was hast Du bei Nacht in Bobrisk zu tun? Was für Absichten hast Du? Bist Du meiner überdrüssig, so komm her und gib mir den Scheidebrief; wenn Du das nicht willst, so fahr* lieber gleich zu allen Teufeln nach Amerika, wie Jossei Leib Aarons und laß. mich nicht erst wissen, wohin Dein Gebein geraten ist, da es mir schon bestimmt ist, für immer verlassen mit drei kleinen Kindern dazusitzen. Wahrhaftig, Du hast ein SaugJüdk, daß ich jetzt nicht zu Dir fahren kann; ich bin — Gott sei's geMagt — so hart gestraft (auf meine Feinde (komme es!), daß Ich sogar im Bett liegen muß. Wie sagt meine Mutter, sie soll {■eben: „Wer keine Finger hat, kann niemand eine Nase drehen." Wäre das 'nicht, so wäre ich auf Deinen schönen Brief hin gleich zu Dir nach Jehupez gefahren und hätte Dich schon nach Hause gebracht; ich hätte Dir gezeigt, daß ein Weib — ein Weib ist. So haite ich doch endlich ein hartes Wort gefunden? Das macht der Kummer — und lang hält's nicht vor. Wie sagt die Mutter, sie soll leben: „Ein Zündholz entzündet sich schnell und verlöscht bald." Dies wünscht Dir Deine wahrhaft treue Frau Schein'e-Scheindel. 3. Brief. Men-achem Mendel aus Jehupez an seine Frau Scheine» Scheindel in Kasriliwke. Der teuren, edlen, tugendhaften und klugen Ehefrau Scheine-Scheindel meinen Gruß! Zum ersten sei Dir kundgetan, daß ich — Dank Seinem lieben Namen! •— gesund bin und mein Leben das des Friedens; der Herr, gelabt sei er, möge helfen, daß eines vom anderen nur Gutes höre in guter Botschaft zu Trost und Heil — Amen. Zum zweiten wisse: Papiere sind nicht, wie Du meinst, gewöhnliches Papier. Man nennt das Papier, doch gemeint sind Aktien, Petersburger Aktien, zum Beispiel: „Putilow", „Transport", „Ma'lteewer", „Wolga" u<nd dergleichen. Das sind Fabriken, wo man Eisenbahnen auf Aktien verfertigt; das heißt nämlich: es werden Aktien ausgegeben von einem Hunderter und dafür bezahlt man drei Hunderter. Warum? Sie geben „Divandenden"; je mehr „Divandenden", desto besser; nur weil eben keiner vor Ende des Jahres weiß, was für „Divandende" gegeben werden wird, deshalb fast man blind zu und kauft und kauft; und daraus wird eine „Hausse", das heißt, das Papier steigt, Juden verdienen Geld und für mich fällt auch was abi Du solltest sehen, teure Gattin, wie armselige Menschlern, Mäkler, Nichtse, mit einem Male plötzlich autgekommen sind und schwer reich geworden! Das sitzt jetzt auf „Sommerfrische" in Bobrisk und fährt baden ins „Ausland". Ihre Damen gehen eingewickelt in Gold und Silber, die Kinder fahren auf „Lozi-peden", in der Wohnung halten sie „Kuhfernanten", sie sprechen auch „Französisch" und spielen „Piano", essen „Eingemachtes" und trinken „Likör". Ein Rubel heißt bei denen nichts; da heißt es; Leben, leben, bis man draufgeht — und das alles von den „Papieren". Wenn es Tag wird, 4« solltest Du sehen, wie der Börseplatz aussieht: vcll, gesteckt voll von Juden! Unangenehm ist nur, daß man in den Kontoren nicht bleiben darf und auf der Gasse nicht stehen; wie soH man da etwas besprechen und erfahren? Das ist böse. Doch es muß gehen und es geht! Gerade heute Ist der Bericht aus Petersburg, gekommen: Kurs „PutHow" — 178. Sag', soll man da nicht „Putilow" kaufen? oder zum Beispiel „Maltizewer"; sie stehen schon» sagt man, 350; wer kauft da keine „Maitzewer"? Wo sie doch Tag um Tag höher springen?! An meinen „Putilow" kann ich jetzt, Gott sei gelobt, schöne paar hundert Rubel verdienen. Doch so lange sollen sie in Petersburg Prügel kriegen, wie lange es noch dauern wird, bis ich verkaufe! Im Gegenteil, ich denke daran, noch so hundert Stück „Putilow" und fünf „Maitzewer" mit ein wenig „Wolga" zu kaufen und, wenn Gott das Leben schenkt — auch ein bißchen „Transport" zu erhandeln; denn aus Petersburg schreiben sie, man möge, um Gottes willen, nur „Transport" kaufen. Alles hat jetzt „Transport": Juden, Frauen, Doktoren, Lehrer, Diener, Mägde, Handwerker — wer hat eigentlich keine „Transport"? Wenn ein Jude einem anderen begegnet, so ist sein WHJkommgruß: „Wie stehen heute »Transport'?" Kommt Du in ein Restaurant, so begrüßt Dich die Wirtin: „Wie stehen heute Wunderdoktoren, mit langen Hüten, auf denen astronomische Zeichen prangten, mit langen Mänteln, auf denen Sterne und Kometen aufgemalt waren, standen auf ihren Wagen und priesen in Versen die Kraft ihrer Magik an, die sie instand setzte, durch ein Zaubermittel, der ausgemergelten, runzlichen Haut der Frauen rosig jugendliche Farbe zu verleihen, welken Leibern ihre Jugend zurückzugeben; Brünette in Blonde, schwarzes Haar in goldiges zu verwandeln, kranke Zähne auszuziehen, Leibschmerzen zu .heilen, zur Ader zu lassen und den bösen Blick durch einen Spruch unwirksam zu machen. Die Wege, die zu diesen Doktoren führten, waren stets voller Frauen, die sich das schwarze Haar blond färben ließen, was damals die große Mode war. Auch fehlten an diesem Tage des .Festes der Kirche und des „Glaubensaktes" die römischen Straßenweiber nicht, die ihre farbigen Zelte unter der Menge aufgeschlagen; die Türen mit roten Rasen geschmückt und als Symbol ihres Berufes vor dem Zelteingang das Bild der heiligen Magdalena mit aufgelöstem goldigen Haar aufgehängt hatten, die seit jeher als Beschützerin der Straßenweiber, gleichsam als offizielle Dirne der Kirche, galt... Inmitten dieser ganzen sich dicht zusammendrängenden^ Menge, die nach Schweiß, gepfefferten Speisen, saurem Wein, schlechtem. Parfüm der Dirnen, zertretenen Blumen und erhitzten Körpern roch, war auf dem Campo di fiera ein viereckiger Raum abgeteilt worden, der für den Scheiterhaufen bestimmt war, auf , dem die Hexe von Kastilien verbrannt werden sollte. Der Raum um den Scheiterhaufen samt den Logen für den. Papst und den Großinquisitor wurde vor den Massen abgegrenzt und von schwarzgekleideten Inquisitionsmönchen bewacht. Der Scheiterhaufen hatte die Form einer Pyramide, die ausschließlich aus — jüdischen Mamtskripten und Büchern. bestand... Man hatte in allen italienischen Provinzen diese Bücher aufgetrieben, Synagogen überfallen und Famiilienbibliotheken, von Geschlecht zu Geschlecht sich vererbende Büdiersammlungen weggenommen, die ihren Besitzern wertvoller als alle Schätze der Welt waren und sorgfältiger behütet wurden als das einzige verwöhnte Kind der Familie; Bücher, die die Juden au« Spanien, aus Portugal und aus anderen Ländern der Diaspora mitgebracht hatten, als sie .nach den damals toleranten italienischen Provinzen geflüchtet waren. Man hatte die jüdischen Druckereien überfallen (die sicli sehr schnell über die italienischen Provinzen verbreiteten), hatte die beschlagnahmten Bücher der Inquisition zugeführt und sie für das Fest des Autodafes gesammelt, um die jüdische Hexe zusammen mit den jüdischen Zauberbüchern einzuäschern. Schon wiederholt hatte man in Rom jüdische Bücher verbrannt, aHein deren Zahl und deren Wert waren noch niemals so groß wie diesmal. Die Juden hatten nach Rom und nach Italien ihre Bücherschätze mitgebracht,,^ die aus seltenen Manuskripten und wertvollen Büchern bestanden, um sie vor den Scheiterhaufen der, spanischen und portugiesischen Inquisition zu retten. In. den Städten Ferrara und Manfrua, in denen die Juden ihre ersten Druckereien gegründet hatten, befanden sich seltene Manuskripte, nach denen die ersten Pentateuche und die ersten Talmudexemplare gedruckt wurden. All dieser Bücher bemächtigte sich jetzt die Inquisition, um die Pyramide aus Papier zu errichten, auf der die Hexe von Kastilien verbrannt werden sollte. In .Transport'?" Gehst Du ein Pätikchett Zündhölzer kaufen, fragt Dich der Krämer: „Wie stehen heute /Transport*?*« Kurz und gut — Jehupez ist wirklich ein Geschäftsplatz, Alle „spiegulleren", alle kommen vorwärts, alte verdienen Geld und für mich fällt auch etwas ab. Doch da ich keine Zeit habe, fasse ich mich kttfz: So Gott wiäl, werde ich Dir Im nächsten Brief aHes ausführlich berichten. Jetzt «ehe Gott Gesundheit und Glück, «ruß' alle sehr herzlich von Deinem Gemahl Menachem Mendel. Richtig: das Wichtigste: Du fragst, was ich bei Nacht in Bobrisk zu tun habe; ich habe Dir doch schon gesagt: Jehupez ist eine Stadt, in der Juden nicht wohnet» dürfen, außer sie sind „privteeidiert". Bis Ich mein „Portefeuille" losgeworden bin und die erste BHanz gemacht habe, will Ich dort» wo es notig Ist, „geMieren" und werde dann in Jehupez sein dürfen, wie alle anderen. Jetzt heißt es sich verstecken und ein besseres Versteck als Bobrisk grbt es nicht. Das ist efn Ort, wo es Sommerwohnungen gibt; und es gibt eine Menge Sommerfrischler, die hinlaufen — so laufe ich auch hin. Verstehst Du da» jetzt schon? Der Oblgt. (Fortsetzung folgt.) _ dieser Bücherpyramide befanden sich auf Papyrus geschriebene TalmudroÜen;, Exemplare, die aus den Schulen der Pumbaditha stammten; Pentateuche, die von jüdischen Originalen für die Exilarchen von Babylon kopiert worden waren; Bücher des Maimonides, von seiner eigenen Hand geschrieben; Dichtungen und religiöse Lieder der großen jüdischen Dichter Spaniens, die nunmehr im Feuer für immer untergehen sollten; Erstauflagen des'Talmuds, der „Jad hachasakah", der ethischen und philosophischen Schriften, herausgegeben von den ersten Druckereien der Welt, die sich in Mäntua und Ferrara befanden und von dem christlichen Gelehrten de Rossi gegründet worden waren; die ältesten, Exemplare der prachtvollen Drucke der Familie Soncirio aus Rimini; Ausgaben von seltener Schönheit, Erzeugnisse der berühmten Druckerei des Christen Daniel Bamberg aus Venedig; Talmudausgaben und Gebetbücher, die der gelehrte Kardinal Madrüzzi gemeinschaftlich mit dem großen Rabbiner Josef Ottolerighi in Riva di Trento gedruckt hatte; Pergamentbriefe, die die babylonischen Exilarchen an die Juden, in den entfernten Ländern der Slawen und Tataren geschrieben hatten; Klagegesänge und Lieder der Juden am Rhein aus der Zeit der ersten Kreuzzüge; wissenschaftliche Bücher, Kontorbücher, astronomische Schriften, medizinische Werke und kabbalistische Manuskripte, geschrieben von den alten spanischen Juden, in der Zeit der Blüte unter der Herrschaft der arabischen Kultur, Alles, alles war zu der großen Pyramide zusammengetragen worden, um zusammen mit der Hexe von Kastilien verbrannt zu werden. "f _ Das Judenghetto Roms wurde an diesem Tage innen und außen abgeschlossen. Man Sah keinen, Menschen in den Straßen, Tür und Tor waren verriegelt. Groß und klein, Mann und Weib, hielten sich in den Häusern, den Gemächern und den Geheimkammern auf, und ihr Weinen, und Klagen stieg zum Himmel empor, ein Klagen nicht darüber, daß ein Mensch verbrannt werden sollte, sondern, ein Jammern über das unschuldige große Opfer, über die heiligen Bücher, die vernichtet wurden. , Zu der vom Haupt der Sternseher am päpstlichen Hofe bestimmten Minute setzte sich der Inquisitionszug mit der Hexe von Kastilien von der Kirche St. Angelica nach dem Campo di fiera in Bewegung, auf dem sich die Bücherpyramide erhob. Die Kirche führte der Außenwelt ihre ganze Pracht und ihren Glanz vor: es war ja ihr Siegestriumph, die Macht des von ihr vertretenen Glaubens, die sie durch diese Prozession bei herrlichem Sonnenschein manifestierte. Eine Schar von Otfenheizern und Schornsteinfegern In schwarzen Gewändern eröffnete den Zug. Sie hatten ein Anrecht auf diesen Platz, weil sie bei allen Inqulsitionsfesten die heilige Pflicht auf sich nahmen, das nötige Brennmaterial zu liefern. In den Händen hielten sie schwarze brennende Fackeln, mit denen der Scheiterhaufen in Brand gesteckt werden sollte. Ihnen folgten die Dominikaner mit Heiligenbildern aus verschiedenen römischen Kirchen, die den Gläubigen durch die von ihnen vollbrachtet! Wunder bekannt waren. Jedes Bild hatte seinen besonderen Namen und seine besonderen Anhänger, wie wen« es ein lebender Herrscher wäre^der seine besonderen. Favoriten hatte. Einer der Heiligen war der Schirmherr der Weinhändler; der andere — der Wollfärber; der dritte, — der Bäcker; selbst die Straßenweiber hatten eine Schutzheilige; und jedermann fiel heim Anblick des Schutzpatrons seines Berufes auf die Knie und rief aus: „Es lebe der Gtoi&er . (PortseUun^foJsft,. DIE ZAUBERIN VON KASTILIEN (24) Von Schalom Asch

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