Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 2 (1928)
- Issue
- Heft 21 (10.2.1928)
- Date
- 1928-02-10
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 21_■_ SCHOLEM ALEJCHEM: MENACHEM MENDEL. (Aus dem Jüdischen übertragen von Siegfried Schmitz.) Copyright 192! by R. Löwit. Wien und Leipzig. Gretes Buch: LOH D02? (3)tt Börse in Öde sa). (5. Fortsetzung.) 8. Brief. Scheine-Scheindel aus Kasriliwke an ihren Gatten Menachem Mendel in Odessa. Dem hochgeehrten, edlen und mächtigen Herrn, dem weisen Kenner der Thora, dem hochgelehrten Keb Menachem Mendel ehrfürchtigen Gruß! Erstens vermelde ich Dir, daß wir alle, Qottt sei Dank, beim besten Wohlsein sind; gebe Gott uns, das Gleiche von Dir zu hören fürderhin und nichts. Schlimmeres. Zweitens teile ich Dir mit, mein geehrter Gemahl, daß ich nicht verstehe, was das für ein Vergnügen ist, bei der Frankoni, brennen möge sie, zu sitzen und von Früh bis in die Nacht ah marmornen Tischen' zu fressen, weiß der Teutel, was. Nur, um Geld auszugeben? Und was ist das für ein Narr dort bei Euch* in Odessa, dem es träumt, daß man schießt — erschossen möge er werden!? Er hat Tust, Krieg zu führen! Wie sagt doch die Mutter, sie soll leben: „Des andern Blut gilt ihm wie Wasser." Goldene Uhren und Bronzeletts hast Du in Odessa in den Schaufenstern gesehen? Die Großmutter wird sich freuen! Was habe ich, Mendel, von Deinen Geschenken, die Du durchs» Fenster siehst? Wie sagt doch die Mut'er, sie soll leben: „Krapfen im Traum sind keine Krapfen, sondern ein Traum!" Geh lieber in einen Laden hinein und kauf mir ein Stück Webe für Wäsche und Inlet für Polster und ein Paar Bettdecken und etwas Silberzeug für die Stube und sonst noch einiges. Daran denkst Du nicht, wie Blime-Zlate sich jetzt vor mir aufbläst (aufblasen soll man sie, bis sie platzt!). Was ist geschehen? Sie trägt eine Perlenschnur um den Hals (erdrosseln sollte man sie damit!). Ihr Mann hat sie ihr ge-» kauft! Es gibt eben Leute, die in allem Glück haben; nur ich bin in einer so schlimmen Stunde geboren worden und muß den Mann um alles erst bitten! Denk' Dir, Du hättest um ein Stück mehr gekauft von der „Hos" und „Baß" samt noch dem Zeug, der Teufel weiß, wie' Du es nennst! Ich sage dem Mann: Verkauf das, wasj Du hast, und half Dir das Geld! Nein — er kauft noch mehr ein! Fürchtest Du Dich, daß die feine Ware später nicht mehr zu haben sein wird? Ich weiß schon, was das für 'Geschäfte sind und was für eine Stadt das Odessa, wenn der Sabbat nicht Sabbat ist und die Feiertage keine Feierage und der Ghasen läuft mit glattrasiertem Gefrieß herum, all mein Kummer möge auf seinen Kopf fallen! Ich denke: so eine Stadt und solche Menschen muß man fliehen wie die Pest; und er — sitzt dort fest und will gar nicht los! Wie sagt doch die Mutter, sie soll leben: „Der Wurm sitzt im Mehl und glaubt, es gebe nichts Süßeres!" Darum schreibe ich Dir, mein geehrter Gemahl: Ueberlege Dir gut, was Du tust und höre endlich auf, ein Lotterleben zu führen in dem süßen Odessa, auf das ein Brand vom Himmel fallen möge, wie Dir wünscht .Deine wahrhaft treue Frau Scheine-Scheindel. Noch etwas, Mendel,, sag' einmal: Wer ist die „Frankoni", von der Du mir schreibst, daß Ihr dortj Tag und Nacht sitzet? Ist das ein „er" oder eine „sie"? 9. Brief. . Menachem Mendel aus Odessa an seine Frau Scheine- Scheindel in Kasriliwke. Der teurem edlen und tugendhaften Ehefrau Scheine- Scheindel meinen Gruß! Zum ersten sei Dir kundgetan, daß ich — Dank Seinem lieben Namen! — gesund bin und mein Leben das des Friedens: der Herr, gelobt sei er, möge helfen, daß eines vom anderen nur Gutes höre in guter Bofr schatt xu Trost und Heil — Amen. Zürn zweiten wisse: Es riecht schon nach fetten Tausendern. Wenn Gott hilft und der „Ultimo" glatt abläuft, dann mache ich einen Haupttreffer. Dann kassiere ich 'alle meine „Differenzen" ein, fahre nach Hause und hole Dich, so Gott will, her nach Odessa. Wir mieten eine Wohnung in der „Richelieustraße", schaffen schöne Möbel an uud werden leben, wie man eben bei uns in Odessa lebt. Inzwischen habe ich — Gott möge Dich davor bewahren — mit dem Magen zu tun: wahrscheinlich hat mir das Gefrorene geschadet... Wenn ich zu „Fanconi" komme, esse ich auch kein Gefrorenes mehr, sondern ich lasse mir ein Getränk geben, das man durcl* einen Strohhalm zieht, es schmeckt süß und bitterlich! zugleich, so etwa wie Salz und Lakritzen. Man kann davon auch nicht mehr vertragen als zwei, höchstens drei Gläser. Die übrige Zeit muß mau halt auf der Gasse herumspazieren und sich mit dem Polizisten abgeben, angenehm ist das nicht! Seit einiger Zeit schon beobachtet er mich, doch mit Wohlwollen. Gott ist mir auch bis jetzt beigestanden und ich entlaufe vor ihm und verstecke mich). Was muß nicht ein Jude dem Geschäft zuliebe tun? Gott möge nur helfen und die „Realisierung" in Frieden ab» laufen» da werde ich Dir, so Gott will, alles hundertfältig kaufen, viel mehr, als Du Dir vorstellen kannst. Wag Du ^_ Dlfi NEUE WELT _ jedoch schreibst, daß Oambetta ein Narr ist, so sage ich Dir: Du bist im Irrtum, er ist nur ein bißchen „verdrehte Oott bewahre den, der mit ihm in der Politik nicht dieselbe Meinung hat, er ist Imstande, den in Stücke zu reißen! Er ist fest überzeugt, daß es heute oder morgen losgehen wird, und daß es jetzt, sagt er, mit einemmal still geworden ist, das ist, sagt er, der rechte Beweis, daß es Krieg geben wird. „Vor einem Gewitter" — sagt er — „ist es immer still..." Gestern habe ich etliche Stück. „Baisse" und zwei oder drei „Schlüsse" verkaufen, und ein schönes Stück Geld dafür verdienen können, Oambetta hat es nicht erlaubt. „Ich schlage Ihnen den Kopf entzwei" — sagt er — „wenn Sie in dieser Zeit ein Stückchen Ware aus der Hand geben!" Es kommt eine Zeft, sagt er, da ein „Schluß" von fünfzig Rubel zweihundert Rubel wert sein wird und dreihundert und sechshundert und tausend und auch zweitausend, warum auch nicht?... Wenn es so kommt, wie Gambetta sagt, wenn es auch nur zur Hälfte eintrifft, werde ich ein reicher Mann! Viele von ihnen «hatten ein weißes Skelett auf ihre schwarzen Mäntel aufgemalt und so sahen sie wie Knochengerüste aius, die aus Gräbern auferstanden waren und nun mit brennenden Kerzen in der Hand dastanden. Zwischen diesen zwei Reihen der furchterregenden Mönche und Inquisitoren mit den . brennenden Kerzen schritt nun der blinde Rabbi Jakob, von seiner Enkelin Jephtiha geführt, ruhig <Und majestätisch langsam hindurch. Der Greis und das Mädchen würdigten weder die Mönche noch die 'brennenden Kerzen, eines Blickes, als hätten sie niemand gesehen, als hätte sich überhaupt niemand im Tribunaisaal befunden. Und sie sangen laut, mit (klingenden Stimmen ihre Psalmenisprüche weiter: ,,Wenu sich sclion ein Heer gegen mich legt. So fürchtet sich dennoch mein Herz nicht, Wenn sioh .Krieg gegen mich erhöbt/'. - So verlasse ich mich auf ihn." Die Mönche und die Priester aber sahen, als die beiden sich ihnen näherten, nur sie— die Jungfrau allein, die sie so gut von dem Heiligenbilde her kannten, die Mutter der Liebe, zu der sie auf den Knien beteten, deren Miniaturbild sie, ant.Goldkettchen auf der Brust trugen, deren Gesicht sie in heißem. Gebet vor dem Schlaf Und beim Aufstehen küßten. Und nun ging sie da in eigener Person, mit,den großen andächtigen Aiigen traurig und liebevoll dreinschauend, und mit dem stillen kleinen Mund, der, zum Weinen verzogen, dennoch lächelte; sie war es leibhaftig in ihrer heiligen Gestalt, mit ihrem langen blauen Gewand, ihren nackten Füßen und ihrem wallenden Haar, und in ihrer edlen, weißen jungen Hand hielt sie die Hand des blinden Juden mit dem langen dünnen Bart, und der hohen., verklärten Stirn: , sah sie da nicht aus wie die „Mater dolorosa", die die Leiden der Welt an ahrer Hand den Weg zur Ewigkeit'führte? 'Wie sie so im1 roten Scheine zwischen den Reihen der roten, brennenden Kerzen und der schwarzgekleideten Mönche wie ein personifizierter Liedgesang leise und langsam dahinschritt. den alten Heiligen an der Hand führend, erinnerte sie noch lebhafter, an die heilige Mutter als das allgemein bekannte Bild. Und Schreck erfaßte, die Mönche und die Priester; die Herzen der hohen Würdenträger der Kirche schmolzen vor ihr, Angstschweiß trat auf ihren Stirnen hervor. Hier und da sank man in die Knie vor ihr. Die Mönche Konnten sich 'hiebt beherrschen, und als sie an ihnen vorbeiging, knieten manche von ihnen mit den Kerzen in der Hand vor ihr nieder und bekreuzten sich angstvoll. Der Papst selbst aber erhob das silberne Kreuz, das auf seiner Brust hing, über den Kardinälen und Mönchen, sobald er deren erblaßte Gesichter sah, als wollte er den Schrecken verscheuchen, der sie befallen hatte. Allein Jephtha würdigte sie alle keines Blickes. Leise, majestätisch, wie in einem rhythmischen Tanz dahinschreitend, unterbrach sie nicht ihren Gesang, mit dem sie ihren Großvater begleitete. Als beide vor dem päpstlichen Thron anlangten, trat Stille im Tribunalsaal ein. „Wer bdst du, 'alter Mann, und wie heißt du?** fragte der Papst "den blinden Juden. „Mein Name ist Jakob Meduga, und ich stamme von der Familie Abrabanel, die zusammen mit allen Juden aus Spanien, dem Lande ihrer Väter, vertrieben wurde, sich in Kastilien niederließ und sich von dort über die ganze Welt verstreute", antwortete der Blinde. Im Saal herrschte Stille. Man hörte nur das Knistern der Dochte der brennenden Kerzen und das Kritzeln der langen Gänsekielfedern auf dem knisternden Pergament, auf dem zwei Schreiber vom heiligen Tribunal alle Aussagen des Juden protokollierten, _Seite 11 Ich glaube, daß ich nach der „Realisierung", so Gott will, mich auf „Hausse" verlegen und anfangen werde, Rubel zu kaufen und „London" zu geben, daß die Welt aus den Fugen geht. Ich will ihnen zeigen, was „Londorf' ist und was Rubel sind! Da ich jedoch keine Zeit habe, fasse ich mich kurz. So Gott will, werde ich Dir im nächsten Brief alles ausführlich berichten. Jetzt gebe Gott Gesundheit und Olück von Deinem Gemahl Menachem Mendel. Richtig: das Wichtigste! Was Du in Deinem Brief nach Fanconi (nicht, wie Du es nennst, „Frankoni") fragst, darauf antworte ich Dir: Das ist kein „er" und keine „sie". Das ist ein Cafe, wo man Kaffee trinkt und Gefrorenes ißt und mit „London" handelt. Ich möchte das nur halb im Vermögen haben, was dort in einem Tag umgesetzt wird* Der Obige. (Fortsetzung folgt) „Und wer ist die Donna, die dich begleitet?" fragte der Papst den Blinden. Der Greis streckte seine Rechte aus, ergriff da-" mit Jephtas Linke und antwortete mit seinem zahnlosen Munde: „Das ist meine Enkelin Jephtha, die Tochter . meines Sohnes Josef Meduga, den Gott als Opfer auserwählte und der in Lissabon von der Inquisition verbrannt wurde zu Ehren des einzigen Gottes, der im Himmel und auf Erden ist. und zur Verherrlichung unseres Glaubens an den einzigen lebenden Gott!" Die Kardinäle erblaßten und sahen einander an, aber der Papst sprach weiter: „Alter Mann, die heilige Inquisition Magt düch an, zusammen mit den Rabbinern vermittels der Formeln eurer Zauberbücher, die nur dir und den Rabbinern bekannt sind, den heiligen Geist unserer Jungfrau, der heiligen Mutter Jesu Christr beschworen zu haben,, in ihrer eigenen heiligen Gestalt von ihrem himmlischen Thron herabzusteigen, und sie dann in eurem Ghetto in einer Geheimkammer der Synagoge verborgen gehalten zu haben, damit sie. euch vor den Christen beschütze. Du hast ferner durch die Macht deines verzauberten Namens den Geist unserer gebenedeiten Frau, der heiligen Mutter Jesu Christi, gezwungen, dich vor der Uebersehwemmung und vor den Christen beim letzten Karneval zu retten. Und auch jetzt noch zwingst du sie durch die Kraft deines Namens, neben dir zu stehen und dich zu beschützen.. Gestehst da deine Sünde, Jude?" . Eine geraume Weile schwieg Rabbi Jakob. Nttr seine todblassen Augen starrten hervor, als bemühte er sich, zu sehen. In seinem Herzen, aber rang sich ein Gebet, wie bei Simson: Gott sollte, nur noch dieses einzige Mal seinen Augen die Sehkraft wiedergeben, damit er nur noch ein einziges .Mai dem Vater aller Christen ins Gesicht schauen konnte.'' Allein seine Augen blifeben blind für diese Welt. Er sah nur tief in sinem Irinern das himmlische Licht, die flammende Wahrheit, die in seinem Herzen loderte, und die große Gerechtigkeit seiner Sache, und aus seinem Herzen entrang, sich ein Gebet zu Gott, zu dem einzigen lebenden Gott, für den sein Leben hinzugeben er bereit war. Er faßte die Hand seiner Enkelin, und beide fingen laut zu singen an: : „Der Herr ist mein Licih/t und mein Heil-, Der Herr ist meines* Lebens Kraft; Vor wem sollte ich mich fürchten?" „Jude, du antwortest mir nicht, das heilige Tribunal wartet auf deine Antwort, Jude." „Ist das die Sünde, um derentwillen du die Heiligen in deinen Folternkammern marterst?" schrie nun der blinde Mann wie ein Löwe auf. „Wehe euch! Wem dient ihr? Einem Gott, den man mit Zauberworten beschwören kann? Dem man Gewalt antun kann? Macht eure Augen auf und seht den einzigen lebenden Gott auf Erden und im Himmel! Nein, das ist nicht euer Gott," zeigte Rabbi Jakob auf seine Enkelin — „sie ist nur ein armes jüdisches Mädchen, gejagt und geplagt wie war alle, allein wegen des ' Glaubens' ihrer Eltern." Wieder machte sich eine leise Bewegung in dem großen Saal bemerkbar. Wieder blickten die Kardinäle einander blaß. an, aber der Papst erhob sich von seinem Thron, nahm das Kreuz in seine Hand und sagte: „Jude, schon zweimal hast du die Kirche und ihre heiligen Dogmen in Gegenwart des hohen Tribunals gelästert. Allein die Kirche ist mitleidig und geduldig wie eine Mutter, die ihre Hände ausbreitet, um ihre verirrten Kinder zu eynpfangen. Höre auf den Huf unserer Mutter, der heiligen Kirche." {Fortsetzung folgt.) DIE ZAUBERIN VON KASTILIEN (2i) Von Schalom Asch .