Mannheim
Compact Memory

Die neue Welt · 1928-01-20 · Heft 18 (20.1.1928) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die neue Welt
Volume
2 (1928)
Issue
Heft 18 (20.1.1928)
Date
1928-01-20
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2711613-2711630-2711633--0239-2713366
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

!*r.!» DTE NEUE WELT Seite n SCHOLEM ALEJCHEMs MENACHEM MENDEL. (Ans dem Jüdischen übertragen von Siegfried Schmitz.) Copyright 1921 by R. Löwit, Wien und Leipzig. Gretes Buch: LONDON (3)te Börse in Ode sa). 3. Brief. (l. Fortsetzung.) Menachem Mendel aus Odessa an seine Frau Scheine- Scheindel in Kasrlllwke. Der teuren, edlen, tugendhaften und klugen Bhefrau Scheine-Schoindef meinen Gruß! Zum ersten sei Dir ikundgetan, daß ich — Dank Seinem fliehen Namen! — gesund bin und mein Leben das des Friedens; der Herr, gelobt sei er, möge helfen, daß eirres vom anderen nur Gutes höre in guter Botschaft zu Trost und HeM — Amen. Zum zweiten wisse: ich wundere mich nicht, daß Du den Sinn von „London" nicht verstehst; denn wo jüd'isohe Männer, gewiegte Kaufleitte, Männer mit dangen Bärten nicht wissen, in was für ein Bett sie sich hineingelegt haben, wie soll das eine Frau wissen! Darum will ich. Dir alles erklären, damit Du dieses Geschäft genau verstehst. Siehe denn und wisse: London selbst ist ein zartes Gebilde. 'Man verkauft es aufs Wort, aber man sieht es nicht. Alle Minuten ändert es sich: bald ist es teuer, bald ist es billig, bald in „Hausse", (bald in „Baisse", das heißt, der Rubel dort in Berlin steigt oder er fällt; er dreht sich so m Berlin. Wie Berlin sagt, s/> ist es. Die Kurse laufen auf und nieder, wie verrückt; Depeschen fliegen hin und zurück und Juden schießen herum, wie auf einem Jahrmarkt, machen Geschäfte und machen ihr Glück; und für mich fällt auch was ab. Es ist ein Lärm, eine Verwirrung, rein zum Verrücktwerden. So zum Beispiel habe (iah gestern einen „Schluß" gemacht; einen Fünfziger habe ich hineingesteokt. Und heute Punkt 12 Uhr mittags war er beim Teufel. Doch Du weißt natürlich nicht, was das heißt, „einen ScMuß. machen''; also will.ich Dir das erklären. Zum Beispiel, ich-gebe'einen Fünfziger weg für einen Tag und der andere .„slellt den Kurs"; da kannst Du den Schluß zweiseitig machen, das heißt, einmal „Baisse" und einmal „Hausse": oder D|t ikannst stehenbleiben mnd dem anderen „blind" venkaiifcn bis nach „Börsenschltiß" (Börsenschluß heißt bei, uns in Odessa Nachmittag, so wie bei Euch die Zeit zwischen Minoha- und Abendgebet). Wenn nun der Kurs „fällt", so ist der ganze Fünfziger beim Teufel — das heißt einen „Schluß" machen. Kränke Dich aflfer nicht, meine teu^t^Elvcfran:.^ einen rfi|h:ipz;iger hinschmeißen, das ist liier gar^chfsT*'üoft, gelobt sei er, wird helfen und ich werde auf die richtige Seite fallen; da werde ich, so Gott will, einen Haufen Geld verdienen! Und was Du schreibst y.on den Wechseln des Vetters Menasche, darin irrst Du . Dich gewaltig. Er steht noch fest auf beiden Füßen und gilt •>hiei; in Odessa als ganz gut. Wenn ich ein bißchen auf „Diskont" nachlassen will, so kann ich sie „versilbern". Doch ich will nicht. Brauche ich Geld, so halbe ich genug: ich brauche nur ein paar „Hausseohen" oder ein paar „Baisscchen" zu verkaufen. Doch das zieht mich gar nicht. Ich komme besser heraus, wenn ich noch einen „Schluß" einhandle. Je mehr „Schlüsse", desto besser. Wenn man sich mit so einem „Schluß" schlafen legt, schläft man ganz anders! Da ich jedoch keine Zeit babe, fasse ich mich kurz. So Gott will, werde ich Dir im nächsten Brief alles ausführlich berichten. Jetzt gebe Gott Gesundheit und Glück von Deinem Gemahl Menachem Mendel. Richtig: Das Wä ch t i gs t*e! Was Du fragst über mein Wohnen und Essen, darauf antworte ich Dir, meine teure Ehefrau: ich weiß selbst nicht recht, wie mir ist Dieses Odessa ist ungeheuer groß und alles ist hier entsetzlich teuer; und die Häuser sind so hoch, daß sie fast bis zum Himmel reichen; man muß auf eisernen Treppen eine halbe Stunde hinaufklettern, bis man in seiner Wohnung, beinahe dm Himmel, ankommt. Da gibt es ein kleines Fensterchen wie in einem Gefängnis. Ich bin froh, wenn es Tag wird und ich aus dem Gefängnis hinauskomme in die „Grccka". Dort esse ich dm Gehen; das heißt, man ißt eben, was man gerade kriegt. Denn wer hat Zeit, sich zum Essen zu setzen, wenn man alle Minuten die Kurse aus BerJin nachschauen muß? Dafür ist Übst hier sehr billig. Weintrauben essen wir hier nicht, wie Ihr in Kasriliwke, am Rosch-haschonoh, um den Erstidngssegen darüber zu sprechen, — hier essen wir Weintrauben alle Tage, mitten aufder Straße, und keiner schämt sich. Der Obige. 4. Brief. Scheine-Schelndel aus Kasriliwke an ihren Gatten Menachem Mendel in Odessa. Dem hochgeehrten, edlen und mächtigen Herrn, dem weisen Kenner der Thora, dem hochgelehrten Reb Menachem Mendel ehrfürchtigen Gruß! Erstens vermelde ich Dir, daß wir alle, Gott sei Dank, beim besten Wohlsein sind, gebe Gott uns, das Gleiche 'von Dir zu hören fürderhin und nachts Schlim- «neres. Zweitens teile ich Dir mit, daß ich Dich für verrückt halte! So möge ich Dinge, die man besser eine ganze Woche nicht wi den Mund nimmt, von der Stadt Odessa wissen, wie ich weiß, was all das heißt, was Du mir in Deinem Brief vorplapperst von „Hos" und „Baß" und „Schloß" und weiß der Teufel, was Ihr dort noch ausgedacht habt! Bei Dir fliegen dort die Fünfziger wie Spreu, •ich glaube, bei Dir heißt es dort: Gokl — rollt, und steht der Sack offen, kriegen die Zwiebel Beine! Freilich, bei solchem Verdienst kann man im Gold schwimmen! Ich verstehe eines nicht, und wenn Du mir den Kopf abreißest: was ist das für eine Ware, die man nicht sieht? Die Katze im Sack!? . « . Hör', Mendel, mir gefällt die Sache nicht, ich bin in meines Vaters Haus an solche Luftgeschäfte nicht gewöhnt worden und Gott möge mich weiter davor bewahren! Wie sagt doch die Mutter, sie soll leben: „Von der Luft kriegt man eine Erkältung." Du schreibst: „Wenn man sich mit so einem Schloß schlafen legt, schläft man viel besser . . ." Welcher vernünftige Mensch legt sich mit einem Schloß schlafen? Sonderbare Reden das, redest Du Türkisch? Und was Du da schreibst, daß Du Vetter Menasches Wechsel versilbern kannst, so meine ich; wenn Ich daran nicht glaube, bin ich sicher noch keine Abtrünnige. Wie sagt doch die Mutter, sie soll leben: „Glaube nichts, ehe Du es nicht abgezählt hast!" Weißt Du was, Mendel? Folge mir, Deiner Frau, pfeif auf das Odessa und komm' lieber nach Hause, nach Kasriliwke. Fünfzehnhundert Rubel hast Du, Wohnung gibt uns der Vater, er soll „In Riva di Trento hat er für sie eine Druckerei gegründet und ihr verdammtes Buch, die Mischnäh, die du befohlen hast zu verbrennen, zweimal für sie gedruckt." „Verbrennen! Kein jüdisches Buch soll sich, auf italienischem Boden befinden. Den Kardinal aber auf die Anathema-Liste setzen! Nun aber führe mich zu ihr! Wenn sie wirklich die heilige Mutter, unsere liebe Frau ist, die von den Juden durch ihre verdamimten Bücher gefangen gehalten wird, so muß ein Ohrist. sie von ihnen befreien." „Heiliger Vater, willst du persönlich in, die Inquisitionskeller? In die Folterkammern?" „Wenn ihr Angst habt, euch ihr zu nähern, werde ich allein hingelien und unsere gebenedeite, Herrin aus den Händen der Fremden befreien. Ich bin der Vertreter "Gottes auf Erden." Und der Papst ging in Begleitung, des Großinquisitors nach den Folterkammern, um, wie er glaubte, die heilige Mutter aus jüdischer Gefangenschaft zu befreien. XIV. In den Kellern der Inquisition. In den Kellern der Kirche St. Angelica erscholl in den Nächten das Geschrei der Gemarterten, schlug gegen die dicken Kellermauern, wurde dort erstickt und ging durch den tiefen, von gewölbten Balken überdachten Raum in das weite Labyrinth der in Finsternis gehüllten Winkel . . . In einer Ecke an einer Wand lagen, sich wie Würmer windend, in einem Knäuel menschliche Wesen, mitten in Lachen von Blut, das aus ihren Wunden rann. Andere Gemarterte hingen in einem besonderen Winkel an eisernen Haken mit dem Kopf nach unten über brennenden Feuerbecken, und wieder andere steckten unter Rädern. Mönche mit schwarzen Masken und schwarzen Kopfbedeckungen brannten den Gefolterten mit glühenden Zangen die Nägel von den Fingern, das Haar vom Kopfe. Ueberall tönte Schmerzensgeschrei. Die Luft erklang von menschlichen' Jammerrufen, die wie das .Brüllen : geschlachteter Ochsen klangen. Und es hatte den Anschein, als wären die Gewölbe der heiligen' Kirche St. Angelica ein Menschenschlachthaus, denn ,in allen Winkeln' lagen, menschliche Glieder herum. Der steinerne Fußboden des Kellers war glitschig und feucht von Menschenblut, und mit demselben Saft waren auch dia Wände besudelt ... . . .In. Foltermaschinen wurden Menschen gepeinigt, menschliche Glieder waren in eiserne Kisten eingeschlossen. Menschen stöhnten hier in glühenden Käfigen, nur weil jemand angezeigt hatte, sie hätten am Sabbatabend das Hemd gewechselt. Es genügte, wenn ein Knecht über seine Herrin aussagte, sie I habe die Gewohnheit, jeden Freitag ein Bad zu nehmen —. dann wurde sie in die Folterkammern den Inquisition geschleppt und dort gepeinigt,- um ihr das Geständnis abzupressen, sie stehe mit der jüdischen Religion in geheimer Verbindung. Die Juden folterte man in besonderen Gewölben, getrennt von den Christen, damit diese nicht die Hartnäckigkeit, die Glaubenstreue und den Mut der Juden sehen sollten, mit dem sie das Höllenfeuer der Kirche um ihres Gottes und ihrer Religion willen erduldeten. Sonst hätten die Christen von den Juden womöglich noch in dieser Hinsicht gelernt . In der Tat: aus dem Gewölbe, in dem die Juden gepeinigt wurden, hörte man kein Geschrei und kein Gestöhn, Von Üort drang nur Gesang herüber und leben, Läden gibt es genug m mieten, was brauchst Du noch mehr? Wozu soll ich in den Mäulern a<ller Leute sein und meine Feinde sollen tuscheln, daß Du auf und davon bist nach Odessa und mich hast sitzen lassen, nicht erleben sollst Du das! Indes möge Dein Odessa vergehen vor unserem Kasriliwke, samt all' Deinen hohen Mauern mit den eisernen Treppen, auf die man hinaufkriechen muß, wie närrisch, damit man sich davon zuguterletet den Magen ausdreht. Was gibt es dort eigentlich Besonderes? Weintrauben sind dort billig! Muß man Weintrauben fressen? Pflaumen sind vielleicht bitter? Bei uns sind heuer die Pflaumen gut geraten, der Eimer um einen Gulden! Doch Dich kümmert den Teufel, was bei uns zu Hause los ist. Du fragst nicht einmal, was die Kinder machen, hast am Ende schon vergessen, daß Du der Vater von drei kleinen Kindern bist, sie sollen nur .gesund sein! Wie sagt doch die Mutter, sie soll leben: „Aus den Augen, aus dem Sinn," Und so sicher sollst Du Pocken Kriegen, wie sie recht hat! Inzwischen bleib gesund und glücklich, wie Dir vom ganzen Herzen wünscht Deine wahrhaft treue Frau Scheine -Sc.he in de L (Fortsetzung folgt.) ' das war der einzige Winkel in der großen Kirche St. Angelica, ja, der einzige Raum im ganzen heiligen Rom, in dein sich Lobgesang zu Gott erhob ... Was die menschliche Phantasie aus jenen tief verborgenen Welten, aus denen sie stammt, nur hernehmen konnte, das hatte die Kirche den Juden zur Pein angewandt. Die Inquisition beschuldigte die Judengemeinde von Rom,' die römischen Rabbiner hätten durch einen Geheitnspruch und mit Hilfe ihrer Geheimbrüder die heilige Mutter Gottes, die ja selbst von Juden abstammte, beschworen, zu ihnen ins Ghetto zu kommen; ferner, die Juden hielten sie in ihrer geheimen Synagoge gefesselt. Im Bedarfsfalle aber — so behauptete die Inquisition — schickten die Juden die. heilige Jungfrau vor, damit sie ihr Volk vor den Christen rette. Als die römischen Juden hörten, was die Kirche von ihnen verlangte, nämlich, daß sie die heilige Mutter zurückgeben sollten, glaubten sie, der Papst mit allen seinen Kardinälen sei irrsinnig geworden. Als sie aber begriffen, daß die Kirche nur einen Vorwand suchte, um sie in die Torturgewoibe der'Inquisition zu schleppen, lachten sie über die inquisitorische Justiz und antworteten den Christen, daß sie keines sterblichen Wesens, ■ erst recht aber keiner Verstorbenen bedürften, um sie, vor der Kirche zu retten, da der einzige lebende Gott sich ihrer selbst annehme. Allein die Inquisition erblickte in dieser Antwort wieder eine Gotteslästerung, und man schleppte zehn von den ehrwürdigen jüdischen Greisen in die Keller der Inquisition. Der blinde Rabbi Jakob ergab sich mit seiner Enkelin Jephtha freiwillig in die Hände der Kirche, in dem Glauben, dadurch zur Befreiung der verhafteten Greise beizutragen und die Juden von der sinnlosen. Verleumdung reinzuwaschen. „Denn", so sagte er sich, „die Kirche wird sicli ja überzeugen, daß Jephtha nicht die heilige Mutter, sondern ein einfaches jüdisches Mädchen ist, das mit ihrem Großvater im römischen -Ghetto lebt und sich wie jedes jüdische Mädchen vor den Christen und ihrer Kirche verborgen hält." ..... Wie erstaunt aber war der Alte' und noch" mehr Jephtha selbst, als sie sahen* daß man sie wie übernatürliche Wesen'behandelte. Die Kirchendiener, die Inquisitionsmönche - und die Priester hatten Angst, sich dem Mädchen zu nähern. Sie fielen vor ihr jedesmal nieder, sobald sie sie erblickten, bekreuzten sich, streckten ihr die Hände entgegen und beteten zu ihr. Man hielt das Mädchen mit ihrem Großvater in einem besonderen Zimmer abgeschlossen, und so oft die Inquisitionsmönche, mit Masken vor dem Gesicht, in dieses Zimmer traten und den blinden Greis abführen wollten, genügte der bloße Blick der großen Augen Jephthas, daß sie-vor ihr in die Knie sanken und sich rückwärts entfernten ... Um sie herum aber wurden die jüdischen Greise und die Rabbiner Roms gemartert, da man ihnen das Geständnis abpressen wollte, daß sie die heilige Mutter verzaubert hätten. Zwei von den Verhafteten wurden unter den „Wasserfall" gestellt. Das war eine schreckliche Marter, die ihre Opfer binnen weniger Stunden zum Wahnsinn trieb. In einem Winkel des für die Juden bestimmten Foltergewölbes standen, nackt ausgezogen, zwei junge Männer, mit Händen, Füßen und dem ganzen Körper an eiserne Stangen gebunden. j^ometouii* icrf«Q DIE ZAUBERIN VON KASTILIEN (i7) . Von Schalom Asch S»ttJÄ:

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.