Mannheim
Compact Memory

Die neue Welt · 1927-12-09 · Heft 12 (9.12.1927) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die neue Welt
Volume
1 (1927)
Issue
Heft 12 (9.12.1927)
Date
1927-12-09
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2711613-2711614-2711626--0156-2713278
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

DIE NEUE WELT Settel! DIE ZAUBERIN VON KASTILIEN (ia> V<Mi Schalbm Aach fe^sÄÄ Mr. fg -;■ ,;:............". '. Humoristische Ecke. CftpyMeht Pftöw-Prtsse. dienst (Di. MatPtlgef) Wien Mittel In einer Stadt tobte ein Jude, der sehr geizig und hartherzig war. Er gab kein Almosen und tat keinem etwas Gutes — kurz» er war ein Mann ohne Mitleid* Seine Fraur die von Natur aus gutherzig war, kränkte sich Sehr über' die Hartherzigkeit tos Mannes, doch sie vermochte nichts dagegen auszurichten. Eines Tages kam, eim Maggid*) in die Stadt. Unter seinen Zuhörern befand steh auch unser Jude. Als er nach der Predigt des Maggid heimkam, sagte er zu seiner Fraui »»Weißt du, Leje, die Predigt des Maggid hat mich zu einem anderen Menschen gemacht. Er hat so gesprochen, daß es Jedem zu Hetzen gehen muß. Man muß, hat er gesagt, mit allen Menschen Mitleid haben. Von haute an will ich ein anderer Mensch werden; ich wefde nicht mehr so hart sein und werde mit allen Menschen Mitleid haben." Diese Worte des Mannes freuten die Frau sehr und sie wartete ungeduldig auf die erste Gelegenheit, da ihr Mann sein Mitleid beweisen würde. Sie mußte fliicht lange warten* In derselben Nacht — es herrschte ein furchtbarer Sturm und, Schneetreiben als Mann und Frau schon im Bette lagen und der Sturm wie ein Chor von bösen Geistern heulte, wurde an die Tür geklopft: „Gebet einem armen Juden Obdach! Ich erfriere, laßt mich herein!" Wie der Mann diese Worte hört, seufzt er schwer: „O Gott, es ist zum Erbarmen, nebbich!" ^ieder klopft es an die Tür: „Habt Mitleid, gebt Bbdach einem armen, nackten Juden!" Der Mann war tief bewegt und schluchzte beinahe: „Ach, züfw Erbarmen, so ein Jammer!" Und je öfter es an .die Tür klopfte, desto mehr nahm es sich der Mann zu Herzen und wehklagte: „0 Gewalt, so ein Jammer!" Da sagt seine Frau: „Gesund sollst du Halt Setitt! Wenn du schön so sehr Mitleid hast, laß doch deh Juden herein, laß ihn nicht draußen erfrieren!" „Dummes Weib!" antwortete der Mann. „Der Maggid hat gesagt, daß man Mitleid haben soll. Wenn ich aber den Juden einlasse, geht-es ihm dödt Schon gut und icli kann nicht mehr Mitleid mit ihm haben!" Der Panzer. Jinr russisch-japanischen;i > wurden bei einigen Trüppenteneii der russischen Armee Versuchsweise Brustpanzer eingeführt. Vor einem größeren Gefecht wurden in einer,.Abteilung, die Panzer zum erstenmal angezogen. Das Gefecht endete mit einem überstürzten Rückzug der Russen. Die Japaner verfolgten sie, und erst nach langem Rückmarsch kam auch die Abteilung der gepanzerteil Soldaten zur Rulle. Das Kommando wollte sich durch Augenschein überzeugen, ob sich die Brustpanzer bewährt hatten. Die Abteilung mußte antreten und wurde < visitiert. Alle Soldaten hatten befehlsgemäß den Partzer vor die Brust geschnallt, nur ein jüdischer Soldat trug ihn auf dein Rücken, ' Der visitierende Offizier fragt ihn.* „Was soll das heißen, warum hast du den Panzer auf den Rücken geschnallt?" „ich habe gewußt, daß wir davonlaufen werden", war die Antwort,........... * Fasten. ., Bin Jude beschließt, sich taufen zu lassen und teilt, diesen Entschluß dem Pfarrer mit. Der sagt: „Gut, ich will dich taufen. Aber doi mußt mir versprechen, ein guter Katholik zu sein* Vor unseren Ostern haben wir sieben Wochen Fastenzelt, in der darf man kein Fleisch essen. Dieses Gebot, müßt dil halten: Kartoffeln-, Heringe, fische darfst du essen* aber ja kein Fleisch. Ich werde dich .einmal -besuchen, um zu sehen, ob du die Fastenzeit hältst." Der.Jude versprach, die Gebote des christlichen Glaubens zu erfüllen, der Pfarrer besprengte ihn dreimal mit Weihwasser und die Taufe war vollzogen. Eines Tages in der Fastenzeit kommt der Pfarrer unvermutet zu seinem Täufling »ti Besuch md findet ihn ein Huhn essen. „Was sehe ich? Es ist Fastenzeit und du ißt-ein Huhn?" Der Täufling antwortet: „Das is kein Huhn, das ist ein Fisch!" Der Pfarrer wird zornig: „S^ell' dich nicht so dumm! Das ist ein Huhn; das sieht Ja Jeder Meftsoh." „Herr Pfarrer," erwidert der Täufling, „erinnern Sie sich,' wie Sie mich getauft haben? Ich bin zu Ihnen als Jude gekommen;" Sie haben mioh mit ein wehig Wasser besprengt und gesagt: Du bist kein Jude, du bist ein Katholik, du bist kein Jude, du bist ein Katholik, du bist kein Jude, du bist ein Katholik! Und ich bin Katholik geworden. So hab' ich's mit dem Huhn gemacht: Ich habe es mit ein wenig Wasser besprengt und ihm gesagt: Du bist kein Huhn, du bist ein Fisch, _ du bist kein Huhn, du bist ein Fisch, du bist kein Huhn, du bist ein Fisch! SöJst'ifeS eln'Pisefr geworden?";: v iV «I WÄödorprwh^ Sobald aber das Volk die nackte, fliehende Gestalt des jungen Mädchens mit dem anziehenden Lächeln und den traurigen Augert erblickte, diesen Augen, die den Eindruck machten» als Sähen sie jeden besonders an und als schenke sie jedem einzelnen ihr© Zärtlichkeit» da verschmähte es alte anderen Heiligenbilder, Die Leute wollten die verzerrten Gesichter der gekreuzigte« Fürbitter keines Bltickes mehr würdigen. Sie wollten nicht mehr die Heiligen mit ihren blutenden Wunden und den im Körper steckenden Schwertern sehen. Alle betrachteten nur den nackten, jungen Leib des JudenmädchertS aus dem Ghetto, Zu ihm erhoben sie ihre Hände, ihm wandten sie ihre Augen zu und vor ihttt warfen sie sich auf die Erde und flehten es um hirtttn* lisches und Irdisches Glück an. „Ave Marial Ö ewige Schönheit!" Und es war, als sättigte die jüdische, Jungfrau das nach Lust und Seligkeit schmachtende römische Volk durch den gewährten Anblick ihres jungen, nackten Körpers Uitd ihres himmlischen Gesichts mit irdischem und himmlischem Glück, das ihrem jungen, beflügelten Körper wie einem bmasenden Quell zu entströmen seiden* * Während der ganzen Zelt, in der die Kirchenfeier stattfand, blieben die Juden Roms in den Mauern ihres Ghettos eingesperrt, da man Gewalttaten des römischen Pöbels befürchtete, wie sie, während der Kiirchenprozessione« stets vorzukommen pflegten* t>er jüdischen Bevölkerung War eä untersagt) das Ghetto an dem feierlichen Tage au verlassen. Die Juden hörten nur das unheimliche Geläute der 'unzähligen Kirchen- und Klosterglocken Roms, das von allen, Seiteh in das Ghetto hineindrang, über den Köpfen der Jude« wie Geschrei Von Raubvögeln tönte und sie beängstigte und zusammentrieb. Mehr als einer von ihnen hatte bereits den letzten Todes- ■schrei seines Nächsten gehört, als dessen „Schmäh Jisrael" sich mit dem Glockengeläut und mit dem Flackern des Sdieiterhaufens vermischte. Mehr als einen von ihnen erinnerte das Geläut an die Flamm6h der Inquisition nnd manch einer sali im,Geiste schon, die auf Kotolefi brennenden Leiber s|Mf Angehörigen. Das Glockengeläut trieb die Jiiidisc|ie .Bevölkerung in die Häuser und Gemächer hereiri; und die Leute schlössen hinter sich Türen und Läden ab. Jeder Glöckehklang war für sie Wie ein Pieitschetl* hieb Über den Kopf und jagte sie tiefer «V. Keller* räume und unterirdisch^ Löcher hinab.. Und wie.' es Stets an großen kirchlichen Feiertagen, war,;'.du die jüdische Bevölkerung vor dem Glöckehgelä'ute erzitterte, so versaantmelten sich auch diesmaldie Juden in den versteckten Unterirdischen Synagogen ' und sagten dort Psalmen her, damit Gott sie beschützen möchte ... Das geheime Gebet an den großen kirchlichen Feiertagen in den verborgenen Kellern wurde gleichsam den Prozessionen der Christen zum Trotze verrichtet und gerade dann, wenn die Goüm ihre Heiligen in Pracht und Glanz durch die Straßen Roms trugen — gleichsam, um den Himmel durch jüdische Gebete zu versöhnen. ' An diesem Tage aber.'hatte das geräuschvolle Kirchengeläut, das von frühmorgens an jenseits der G'hettötore erklang, die Juden noch mehr als gewöhnlich erschreckt. Demi sie wußten nicht, was dieses Geläut bedeuten sollte, was für ein Feiertag es diesmal war. Man nahm aber an, «daß auf den Straßen Röms Juden oder jüdische Bücher verbrannt Würden, und daß die Glocken deswegen erklängen. Und in dem kaum beleuchteten Keller von Josef Pinsi sagten die Juden mit gebrochenen Herzen und bebenden Lipben ihre Psalmen. her für die Seelen der Märtyrer, die da ihr Leben lassen mußten. Unter den Betenlden befand sich auch der alte Blinde von den kastilischen Flüchtlingen; der sich dein Geschlecht der Abrabaneis zuzählte, und seine I&kelin Jephtlra, Sie waren aus der Kirche „Zum Heilken Herzen", an der Pastila gearbeitet hatte, nach dem Ghetto zurückgekehrt, da die Gefahr für die von der Inquisition gesuchten jüdischen Mädchen etwas geringer geworden war, und da sie überdies auch 'keinen anderen Ort hatten, wohin sie sonst gehen konnten, seitdem in jener Kirche nicht mehr gearbeitet wurdej uml auch sie wußten ebensowenig wie die anderen Juden» warum die Glöckett an diesem Tage so laut klangen. Auch das junge Mädchen bebte eben&J ängstlich wie ' die, anderen Juden ' vor den furchterregenden Klängen und betete mit zitternden Uppen au Gott, er möge sie mit allen ihres Stammes att diesem .ischreckilichen Festtaige beschützen. Sie Wußte nicht, daß die^Klrchenfeief ihr iki Büren" begangen wurde; daß die sie ängstigender* Kirchen- Stocken ihretwegen läuteten, daß die Machthaber Roms zu dieser Stunde vor ihr knieten, daß der römische Pöbel ihren von sehten Müllen befreiten Leib anbetete #*« ., xi, .- - VI'. :,\ Die Perl« der Madonna. Der Ruhfft des neuen Madonnenbildes, das in dem Kloster ,»Zum Heiligen Herzen" dttgeweiht worden war» verbreitete sich über ganfc Rom .und dar - Über hinaus ifl ganz Italien. Ueber das Ö1ld gingen Legenden im Volke um: man glaubte, r daß Unter dem Fleische, dem Haar und den Augen auf der Lein" Wand sich wirkliches Leben verbarg. t>ie .Nonnen des Klosters erzählten, das Bild weine in den Nächten und seine Tränen ergössen sich über die Erdkugel Die Nonnen stickten Seidentücher, mit denen, sie jeden Morgen der Madonna die Tränen aus den Augen wischten . . . Sie zeigten an der Erdkugel die Steilen, wo die Tränen Flecke hintert-assen hatten . Das Volk wollte ihdessen die Maidonne nicht . weinend, sondern vielmehr in jugendlicher Pracht sehen. Es gab Ihr den Namen .„Madonna der ,Liebe" und glaubte, Jie sei auf die Erde herhiedergekömmeh, um die abgestorbene Liebe wieder in die Herzen der Menschen zu pflanzen. Die Leute,schrieben ihr die Kraft zu, in jedermanns Herz die erloschenen;. Flammen dieses Gefühls wieder anzufachen; und den Menschen Jugend und Frische zurückzugeben» Häufen liebeshungrige Männer und Frauen belagerten die Töre des Klosters, knieten vor der Madonna nieder Und beteten zu ihr, sie möchte ihre erloschenen Herzen wieder verjüngen und den in ihnen versiegten Qtiell von Leben und Lust neu ersprießen lassen. Sie bettelten hoch um einen Tag, noch um eine'Stunde der Wonne und brachten der Madonna, um ihre Bitten wirksamer zu machen, verschiedene, ätis ihren Ersparnissen gekaufte Geschenke mit. * ■ 1 , Es kamen zu der Madonna vom. Leben verbrauchte- Männer, verängstigte Frauen, keusche alte Jungfrauen, vernarrte Burschen und verliebte Mädchen; niit glühendem Liebesdurst suchten sie Rettung bei der Heiligen, behingen sie; mit. dem Besten und Teuersten, was sie in 'ihren Familien* schmuckkästen gefunden,: brachten ,411'? teüre .Brokatstoffe, Damast und' kostbar gesticktes Seidenzeug: dar. Jeder Gegenstand Würde tlhr liebevoll; da**: gebracht. Wiederholt fände« die Nonnen auf dem Altar unter dem Heiligenbild ^uderkästeiiejh, rote Lippenpomade, Salbei uttü andere weiblich^ Schöna heitsmittel, die die römischen Kurtisanen; der ^eiligen; jttrtgfraü Von ihren teuersten Töilettengeheimnisseri brachten,, damit Sie die Tränen, die. allnächtlich aus; ihren Augen flössen, Wegwischen und ihr schönes Gesiöht Wieder: erfrischen könnte.' \ Allein die Hauptanbeter der Madonna waren die Männer Roms. 'Angehörige aller Stände,- Arme und Meile erkoren' sie ■ sich als?• Beschützerin und Fürsprecherin. Sie kamen zu ihr und vertrauten, sich ihr an* Tagelang sah man vor dem. Bilde kniende Männer, deren-, schmachtende Augen sich in die' nackte rosige Haut der Madonna einbohrten. Das Blut; dies jungfräulichen Körpers schien,' gleich lebendigen- Wei^ len, durch die perlmutterartig glänzende Haut hindurchzupulsierem Der Leib hatte eine rosigevFar.be, die Leben atmete/. Das Bild -der neneÄ- MaaöÄ wurde in ganz Rom und Italien in mehr Exemplaren verbreitet als irgend ein anderes Heiligenbild. Die Männer ersetzten das nichtssagende Kreuz auf ihrer Brust durch das Bild der Madonna", das sie 'in der Nacht mit glühender Liebe ans1 Hetzdrückten . . . Bischöfe, Kardinäle und andere Geistliche, faßten das Bild in Edelsteine und ließen es in ihre kreuze einsetzen. Und" jedesmal, wenn sie das Kreuz''küßten, küßten sie zugleich mit innigst glühender Leidenschaft die Madonna ..,».*. Die Männer schenkten ihr Geschmeide wie einer gefeierten Geliebten. Die reichsten Männer Roms und Italiens wetteiferten miteinander um die Gnade der „Madonna der Liebe'*, als hätte es sich um die Liebe einer berühmten Kurtisane gehandelt. Der Lieblinssschmuck der Madonna waren so behaupteen die Nonnen des Klosters „Zum Heiligen Herzen" — Perlen, so groß und leuchtend wie die Tränen, die übet ihre SÖhÖnen Wangen flössen; Darum begaben sich viele lih das Ghetto und kauften dort bei den Juden die teuersten Perlen, die nur m haben waren. Männer stählen 'ihren Frauen Perlen. Verliebte Leute hielten ihre den römischen Kurtisanen gegebenen Versprechen nicht, trugen ihre erlesenen Perien nach dem Kloster „Zimt Heiligen Herzen" üfld behihgen die „Madonna der Liebe" mit Perlenschnüren. Schließlich war der nackte Körper der Göttin garte mit ^rien bedeckt, die wie groöe erstarrte Träriöntropfen* funkelten. Durch die Perlen aber-schimmerte die rosige Haut der heiligen Jünfc* frau hindureih Es war, als sei 'ihr RosenWätferti gleichender Leib von einem Tau glitzernder Perlefc» tropfen überhaucht ... (Feri&etsuug folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.