Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 1 (1927)
- Issue
- Heft 11 (2.12.1927)
- Date
- 1927-12-02
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. tl DIE NEUE WELT Seite n Humoristische Ecke. Copyright toy PrlRer-Pr««<*. dienst (Dr. Mu Priger) Wien Oer sprechende Hund. Der Gutsherr rief eines Tages seinen Bausjuden und befahl ihm, seinen Hund sprechen zu lehren: ,$ringst du das nicht zustande« so kostet es dich deinen KopfIu Der Jude hielt dem Gutsherrn vor: „Das ist doch unmöglich 1 Hat man schon gehört, daß ein Hund sprechen kann?" Der Gutsherr wollte aber nichts hören und bestand darattf, der Jude müsse den Hund sprechen lehren. Der Jude sieht, da sei nichts auszurichten und sagt: „Gut, ich Übernehme den Auftrag; aber du verstehst — von heute auf morgen lernt ein Hund nicht sprechen. Laß mir also den Hund für zehn Jahre, nach zehn Jahren wird er sprechen können." Der Gutsherr ist einverstanden. Wie der Jude mit dem Hund heimkommt, fragt - ihn seine Frau: „Was ist das für eine Bescherung? Wozu brauche ich den Hund?" Der Mann antwortet: „Das ist der Hund des Gutsherrn; der Gutsherr hat mir. auf getragen, ihn sprechen zu lehren; wenn ioh's nicht zustandebringe, kostet es mich den Kopf."..... Die Frau fährt los: „Du bist toll! Was heißt — du wirst den Hund sprechen lehren? Eher wirst du bellen, als der Hund reden!" — „Darüber zerbrich dir nicht den Kopf!" .— erwiderte der Mann. — „Ich habe den Hund auf^ zehn Jahre zu mir genommen; und in zehn Jahren — entweder krepiert der Gutsherr, oder der Hund geht ein oder ich sterbe." Ein treuer Soldat. Der Zar wollte sich einmal überzeugen, ob seine Soldaten ihm treu seien. Er ließ seine Truppen in einer langen Reihe Aufstellung nehmen und schritt die Front ab; bei einem baumlangen Kerl, einem Russen, blieb er stellen und fragte: „Achtgeben! Wenn ich dir befehle, mich zu erschießen, wirst du mich erschießen?" Ohne lange zu überlegen, antwortet der Russe: „Natürhch werde ich .dioli erschießen; ich muß ja alles tun, was du befiehlst." Der Zar geht auf einen anderen Russen zu und .stellt ihm dieselbe Frage; ebenso einem dritten; einem vierten und fünften; alle antworten: „Wenn der Kaiser es befiehlt, muß ich schießen." Der Zar war am Ende der Reihe angelangt; dort stand ein jüdischer Soldat; der Kaiser tritt auf ihn zu : „Und du, wirst du auch auf mich schießen, wenn ich es dir befehle?" „Nein!" antwortet der Jude ohne Zögern. Der Kaiser ist hocherfreut; ein wahrhaft treuer Soldat! Und er fragt den Juden: „Warum wirst du nicht auf mich schießen? Du ' mußt doch tun, was ich befehle!" „Jawohl, Majestät! AtterMch bin Tambour..." * / Der Traum. Zwei arme Juden gehen hungrig durcli die Stadt. Da sehen sie ein schönes, braunes Brot auf der $traße liegen. Beide stürzen'sich darauf und fassen danach; jeder will das Brot zuerst' gesehen haben. Da man aber nicht lange streitenkann, wenn man hungrig ist, kommen sie-überein, .daß .sich .beide schlafen, .legen sollen; wer den .schöneren Traum hat, dem soll das Brot gehören. Abgemacht — sie legen sich schlafen. Eine Stunde später erwachen sie und erzählen einander ihre Träume,. Der erste beginnt: „Wie ich so liege und schlafe, sehe ich dm Traum einen weißen Vogel; der hat mich auf seinen Rücken genommen und ist mit mir geradewegs ins Paradies geflogen." —- „Ein sonderbarer-Zufall!" sagt der andere — „So wahr ich -lebe, ich -will so. gesund sein mit dir. .zusammen und allen unseren. Freunden -rich habe genau dasselbe geträumt; ich habe gesehen, wie du ins Paradies fliegst. Da dachte ich, du würdest wohl nicht mehr zurückkommen, und habe das Brot aufgegessen!";;; 11.;;;;; Ein Jude geh.t in Petersburg ,über. die Straße; da kommt ein russischer, General auf ihn.zu und fragt ihn: „Jude, wie kommst du.nach Petersburg? Hast du Wohnrecht?" „Ja," antwortet -der »JiKle, „ich. bin Handwerker"-1). ..... „Was für ein Handwerk betreibst du?" — „Ich gieße Essig und Wasser zusammen." „Das.ist .doch Ke*P fia.it4werkf" fährt der General den Juden an, „das kann ich auch." — „Na schön, da haben Sie eben auch Wohnrecht." DIE ZAUBERIN VON KASTILIEN (U) Von Schalom Asch x. Wenn die Glocken läuten. *) Handwerker und Katifteute erster Gilde hatten Wohnrecht in Petersburg.__ E Saide macht Freude und Jst zu Wiens billigsten Preisen in größter Auswahl zu finden nur bei der Resten-VerkaufogeselJsciuit, VI., Mariahüferstraßc 3. Vom frühen Mörgen au läuteten die Glocken Roms Von allen Seiten. Von allen Hügeln und aus allen Tälern, über die die Stadt sich erstreckte, ergossen sich die tönenden Wellen. Einige der Glocken hatten ernsten, tiefen, metallenen, drohenden Klang, der jedermann Schreck einjagte, andere klangen dagegen gleich bittenden, mädchenhaften Stimmen, wieder andere schienen für sich zu ihren besonderen Göttern zu beten. Eine Klangwelle erhob sich über der anderen. Eine Glocke wollte die andere übertönen. Manche dröhnten Gefahr kündend, andere bebten flehend. Es war,, als schrien in der Luft über den Häuptern der Menge unsichtbare Bestien, die immer näher kamen, um ihren blutrünstigen Grimm zu'stillen, und als ertönten dazwischen die jammervollen, aus letzten Kräften ausgestoßenen Hilferufe, ihrer bedrohten Opfer ... Schon von frühmorgens an bewegten sich über die Straßen Roms verschiedene Prozessionen. Aus allen Kirchen und Klöstern trug man Heiligenbilder und Kirchenfahnen unter roten, vielfarbigen Baldachinen zusammen mit ernst todesfeierlichen, flakkernden großen Wachskerzen, die lange Reihen weißgekleideter Priester in der Hand hielten. Es er-. klang das leise Totengeläute kleiner silberner Glöckohen, die den Heiligenbildern voranschreitende Chorknaben schwenkten. Kardinäle mit blutroten Hüten, mit Scliäfer-stöcken in den Händen, führten die - Prozessionen an. Aus den Weihrauchwolken ragten Gipsfiguren, der Heiligen; die von Menschen auf den Schultern getragen wurden und die gekreuzigte Männer darstellten, deren Gesichter in Physischem Schmerz verzerrt waren, oder nackter Menschen, in deren Körpern Schwerter staken, lind aus deren offenen Wunden geronnenes Blut floß; manche von ihnen hatten verweinte ' und; verzerrte »Gesich ter und zeigten auf ihre Wunden, und auf efre Hände, in denen noch'" die eingeschläg^her^Nägel steckten. Hinter ihnen folgten in endlosen,Reihen.;Mönche mit Totenf masken, schwarzen Mänteln und schwarzen Kopfbedeckungen. Sic verhüllten ihre Züge mit schwarzen Schleiern, ' auf denen weiße Schädelknochen gemalt waren, und durch deren Augenausschnitte unheimliche, furchteinflößende Augen hindurchblickten ... Die Vermummten hielten große gelbe Wachskerzen in den Händen, und es' schien, als wären die Toten aus ihren Gräbern auferstanden, und. als wandelten sie .jetzt durch die Straßen Roms Von frühmorgens an hörte man auch Clesänge. Allein, was da überall erscholl, war kein eigentlicher Gesang, sondern vielmehr unheimliches Totenklagetv das1 sich wie ein Ausruf des Schreckens anhörte, jenes Entsetzens vor dein. Unbekannten, von dem Rom befallen worden war und das immer näher rückte ... " , / . Alle diese Prozessionen kamen yor diev Tore der Kirche „Zum Heiligen Helzen", 'ließen Kfrchenfahnen, Heiligenbilder und Gipsfiguren, Von ,den Schultern herunter und trugen sie in . die Kapelle, in, der Pastila seine Fresken^ anfertigte.. Er hatte diese am Altar der heiligen Mutter aufgestellt, an dem das neue Bild der Gottesmutter eingeweiht werden sollte, das dann durch ein geheimes, von den Mechanikern erfundenes Mittel, in der Luft erscheinen •sollte. Die Kirche war voller Kardinäle,Bischöfe, Priester, Mönche und Nonnen. Alle knieten, in ihren Priestergewändern auf der Erde nieder und warteten auf den großen Augenblick, da die unbefleckte Mutter; vor dem Altar erscheinen würde. Die Orgeln tönten, die KirChenchöre sangen, das Volk aber,'Männer, Weiber und Kinder, pochte gleich stürmischen Meereswellen an das offene Tor und verlangte Einlaß. Allein die Kirche war schon'übervoll,'und' die- •tausendköpfige Menge überschwemmte; Wie .ein; ausden- Ufern tretender Fluß, den mit Gras bewachsenen Platz vor dem Gotteshans. Sie sah nur die brenfpenden gelben Wachskerzen in den hohen , hölzernen Leuchtern, die gleich brennenden Säulen'.über eleu, Häuptern der Weißgekleideten Priester \.und ' den schwarzen, mit Totenmasken vermummten Mönchen' ragten. Sie hörte den Gesang, der aus der Kfrche herausströmte, und alle schwiegen in 'ernster Stille. ." Dann erklang das furchterregende Geläute des. Toteniglöckohens — ein Geläute, das jeden gläubigen Christen an die letzten AugenJblicke seines Lebens gemahnt, da der Priester kommen wird; ihm zum letztenmal die Sakramente zu reichen. Die .ganze Kirche mit den Priestern und Nonnen kniete nieder, senkte die Köpfe .tief zur- Erde und verharrte in Schwelgen. Ueber den Häuptern der. Zusci>a.uer er/hob sich eine dichte Weihraucnwolke, und aus dieser Copyright by R. L8wtt. Verlag, Wien—Leipzigstieg, wie durch ein Wunder, ein leuchtender mädchenhafter Körper auf, flog über die Köpfe der Menge hinweg und stellte sich zwischen die Heiligen.bikler und Gipsfiguren, auf den für das Sakrament reservierten Platz am. Altar der Heiligenmutter. Der Bischof vom Kloster St. Markus, der an der Spitze der Prozession stand, erhob zuerst seinen grauen, kahlen Kopf, der mit einer Krone geschmückt war, und warf einen Blick auf die neue Gottheit, die vor den Zuschauern erschienen war. Er erstaunte aber sogleich über die unbekannte und ungewohn.te Darstellung der Gottesmutter, die er jetzt vor sich sau, über dieses Bildnis eines nackten Mädchens, das eher einer jungen Jüdin aus dem Ghetto, als der Gottesmutter auf den traditionellen Bildern, die er bisher gesehen hatte, glich. Hinter dem Bischof entstand leises Gemurmel. Einen Augenblick lang trat eine Pause im Gottesdienst ein; niemand wußte, was nun kommen, würde. Die Priester und die Nonnen erkannten nicht in dein Bilde ihre Gottheit und blickten einander unruhig und befremdet an. Aber plötzlich fiel einem von den jungen Priestern, der das neue Bild genauer betrachtete, das traurige Lächeln der zarten Lippen und der tieftraurige Bück unter den halbgesenkten Augenlidern auf, und es war ihm, als sähe das junge Mädchen ihn an, als rede sie zu ihm durch ihren Blick und durch ihr Lächeln. Und mit einem Male empfand er eine traurige Rührung, eine Andacht und eine Erhebung — wie wenn, ein Zittern ihrer Aiugcn und ihres Lächelns durch sein Herz und seine Seele ginge; Und er fühlte sich mit ihr auf ewig, auf ewig vereint und verbunden ... Da streckte er seine dürre Hand zu ihr aus, hob sein erleuchtetes Gesicht zu ihr empor und rief mit übermenschlicher Stimme, a:ls hätte er ein Wunder nicht von dieser Welt gesehen: „Ave Maria! O heilige Mutter, ewige Reinheit, o hetöigef QueM, ich bin dein, ich bin, dein!" Seine Stimme wirkte wie mit Zauberkraft, und* seine Begeisterung griff um sich. Die Kardinäle, die Bischöfe, die Priester und die Mönche erhoben sich einer «ach dem andern, um die Muttergottes zu betrachten. Und alle fühlrbni, was der junge Mönch empfunden hatte: die jungen Priester, dann die Nonnen,, da rauf die Alten. Jedermann schien es, als blicke die Gottesmutter gerade ihn, an, als meine sie gerade ihn mit «ihrem Blick. Jeder einzelne der Zuschauer fühlte, wie. weit er würdig war des edlen Anblicks dieser Erhabenheit ihres nackten, lebendigen Körpers, ihres -schmerzensvorlen Blickes und ihres beseelten Lücheiris. Ein jeder wurde sich bewußt, wie weit er des Schauens dieser. Mischung 'himmlischer und irdischer Seligkeit würdig war. Der nackte, eben reif gewordene, Körper reizte wie ein. frischer, reifer Apfel, und das; Gesicht und 'die traurigen Augen und das bittende Lächeln verwandelten den irdischen, Reiz in himmlischen Genuß. Und es schien, als zöge die Madonna mit'irdischen und himmlischen Kräften an sich lieran, und so betete man auch zu ihr mit Leib und Seele ... - Und einer nach dem andern streckte zu ihr die Hände aus — knöcherne, ausgemergelte Skeletthände fastender Mönche; fette, behaarte Hände genußsüchtiger" Bischöfe; junge Mädcheiiiiände der Nonnen und schüchterne, abgemagerte Hände von Keuschheit verzehrter Klosterschwestern. Und alle Gesichter, erleuchtet von himmlischer und irdischer Seligkeit, wandten sich zu ihr und alle riefen»: ' - -„Ave Maria - Draußen hörte das Volk die Ausrufe und den Gesang in der Kirche und wurde, wie trockenes Holz vom Feuer, mitangesteckt von der Begeisterung, die aus der überfüllten und vom Kerzenschein überfluteten Kapelle . herausströmte. Wie Meereswellen, begannen. die Leute in die Kirche einzudringen und hoben ihre Hände und Gesichter zu dem Licht, das dort erschienenVwar. Die Kirche wurde von menschlichen Körpern überschwemmt. Aber stärke .Männer hielten die Wellert zurück, und das Volk draußen begann nach Gott zu verlangen. „Zeigt uns das Heilligenbild!" „Ein Wunder ist geschehen, ein Wunder!'*; rief man. von innen. ''„Laßt uns das Wunder sehen! Wir wollen auch ■das *Wunder sehenI"; raste das Volk wie eine stürmische' See.:; | ' ' Bald, darauf nahmen Priester das Bild des Judenmäclcbens aus dem Ghetto auf ihre Schultern und gingen damit im feierlichen Zuge aus der Kirche. Voran trug, man a-Ue Kirchenfahnen und alle He#igenbilder. Aber die Göttin wurde aUeln in ihrer ganzen Majestät, unter einem rotsamtnen Baldachin, mit goldenen Quasten, zum Volke hinansgetraigen, begleitet von den Machthabern Roms, von Kardia nälen und/Bischöfen. (Fortsetzung folgt)