Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 1 (1927)
- Issue
- Heft 7 (4.11.1927)
- Date
- 1927-11-04
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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rmf DIE NEUE WELT 9*»fl Humoristische Ecke Copyright by Präger-Pressedienst (Dr. Mnx Präger) Wien- Vom Schnorren. Ein Schnorrer kommt zu "einem Mann, der als geizig weit und breit bekannt ist, und bittet ihn um ein Almosen. Der Reiche schreit ihn an: „Geh* zum Teufel! Ich gebe keine Almosen!" und beschimpft ihn kräftig. Darauf der Schnorrer: ,£>as hab' ich mir redlich verdient! Warum hab' ich auch zu Ihnen kommen müssen? Soll der, der mich geschickt hat, selber zu Ihnen kommen!" Wie der Reiche hört, daß der Schnorrer von jemandem geschickt wurde, wird er noch wütender und schreit: „Was ist das für eine Frechheit? Wer hat sich erlaubt, dich zu mir zu schicken?" — „Was heißt wer? Der Dalles!" Geschäft Ist Geschäft. Ein Schnorrer kommt am'Freitag in eine Stadt und geht zum RoW: „Rabbi, ich habe da einen Beutel mit etwas Geld und weiß nicht, wo ich es über den Sabbat*) aufbewahren soll; seid so gut, Rabbi, bewahret den Beutel bis Sonntag auf; Sonntag hole ich ihn wieder." Der Row übernimmt den Beutel; wie er ihn verschließen will, fällt der Beutel zu Boden und eine Menge Goldstücke kollert heraus. Der Row läßt ein paar Bürger der Stadt holen, sie zählen das Geld und finden mehr als 1500 Rubel. Der Besitz eines Schnorrers, der von Tür zu Tür.geht! Wie der Schnorrer am Sonntag seinen Geldbeutel holen kommt, sagt der Row: „Das und das hat sich ereignet; du hast jetzt die Wahl: entweder geben w'c dir das Geld zurück und geben dir einen Juden mit, der mit dir in die und d*e . Stadt fährt und dir dort einen Laden einrichtet, damit du nicht 'betteln gehen mußt. Oder wem du das nicht willst, behalten wir das Geld und verwendeh.es für wohltätige Zwecke." Der Schnorrer denkt eine Weile nach und sagt . dann: „Nein, behaltet das Geld; ich bleib' bei meinem Geschäft!" Ein kurzes Telegramm. Eine junge Frau hat einen Buben bekommen. Ihr Mann will das freudige Ereignis seiner Mutter, telegraphieren und setzt folgende Depesche auf: „Fanni glücklich entbunden Sohn." Das Telegramm zeigt . er dem Schwiegervater; der schüttelt mißbilligend den Kopf: „Da sieht man gleich, daß du kein Kaufmann bist; wer telegraphiert einen solchen Roman? Schau nur, wieviel überflüssige Worte du da schreibst! Da hast du erstens: Fanni. Was 'heißt Fanni? Natürlich Fanni! Du wirst doch nicht telegraphieren, wenn eine andere Frau.entbindet! Zweitens: glücklich. Was denn? Nicht glücklich? Wäre es, Gott be-\ wahre, gefährlich gewesen, hättest du da telegraphiert? Weiter: entbunden. Was denn? Das Kind ist vom Himmel gefallen? Und wozu schreibst du eigentlich Sohn? Wenn man sich.freut und schon telegraphiert, ist es doch sicher ein Sohn. Bei einer Tochter wäre doch die Freude nicht so groß." Der Kontroüor. Ein . Jude will von Kowno nach Wilna fahren. Er geht auf den Bahnhof und fragt den Schaffner: „Kann man heute ohne Billett fahren?" — „Nein," antwortet der Schaffner, „heute fährt ein KöntroMor mit." — „Wo ist der . .Kontrollor?" fragte der Jude. — „Dort! sitzt er." — Der Jude geht auf den Kontrollor zu und fragt ihn: „Sind Sie der Kontrollor?" Der fährt auf ihn los: „Was geht das dich an, Jude, wer und was ich bin?" — ,;Aber, was macht ' Ihnen das? Was schadet's," Ihnen?,',Sagen Sie mir's!" t— Darauf der andere: „Also ja. ich bin ,der Kontrollor, was gibt's?" — Der Jude fragt weifer: „Seien Sie. dicht böse, Herr Kontrollor; sagen Sie, werden Sie mit diesem Zug fahren?" ^- Wütend, schreit ihn? der . Kontrollor an: „Was geht das dich .an?" -r „Warum sind Sie so böse? Was schadet's Ihnen? Sagen Sie mir: werden Sie mit dem Zug fahren?" —- „Also ja, ich werde fahren, was kümmert das dich?" — „Nun, so werde ich nicht fahren!" antwortet der Jude. ■ . , Wo alles kriecht ... In einem Waggon dritter Klasse in Rußland sitzt eine Menge Juden, wie gewöhnlich ohne Fahrkarte, mit Wissen des Kondukteurs. Nach ein paar Stationen' kommt der Kondukteur und sagt: „Der .Todesengel'*) ist im,Zug." Wie die Juden das hören, kriechen alle unter die Bänke; der Waggon ist leer. Nach! einer Weile 'kommt der, Kontrollor mit dem Kondukteur; sie finden den Waggon leer und wollen weitergehen, da sieht der Kontrollor ainter. der Bank .einen Stiefel. „Was sind das für Stiefel? Nachsehen!" befiehlt er dem Kondukteur. Der zieht und mit dem Stiefel kommt ein Bein hervor und schließlich ein ganzer .großer Bauer. Der Kontrollor fährt ihn an: „Was soll das heißen? Hast du eine Fahrkarte?" Der1 Bauer "greift in die Tasche, zieht eine vollgültige Fahrkarte .hervor und reicht, sie dem Kontrollor. Der fragt verwundert: „Wenn du eine Fahrkarte hast, wozu bist du unter die Bank gekrochen?" fjWas weiß ich?" antwortet der Bauer. „Ich habe gesehen, daß alle kriechen, so büi ich auch gekrochen." Die drahtlose Telegraphier Ein Jude und ein Grieche streiten miteinander, welche Kultur die höhere ist, die 'jüdische dder die griechische. Jeder verteidigt die seines Volkes. Dör "Grieche sagt: „Ich will dir einen Beweis bringen, der dich überzeugt. Vor drei Jahren hat man bei Ausgrabungen in ^Griechenland Drähte in der Erde gefunden; das beweist, daß es im alten Hellas bereits den Telegraphen gegeben hat.!' Drauf der Jude: „Das beweist mir nichts; denn ich kann dir beweisen, daß die Juden die höhere Kultur haben. Bei uns •in Palästina hat man auch Ausgrabungen gemacht;, man hat gegraben und. hat niejits gpfu,nd,en; das isf ein Beweis, daß unsere alten" Juden schon die drahtlose felegraphie gekannt haben!" •■•*•■•-<• *) Am. Sabbat darf man kein Geld bei sich tragen. *) Eine spöttische Bemerkung für den Kontrollor im früheren Rußland, die aus dem Jiddischen genommen war. JIIIIIIIIIIIIIIIIII« Verband zion. Jugendorganisationen §| Dfemtag, den 8. Juli, halb 8 Uhr abend« M Im Saale der „Scholle', II. Bez., Liüenbrunngasse la s (Dianabadgebäude) M Jugendversammhing | „Was erwartet die Jüdische Jugend von der Jüdischen Gemeinde?'* Referent: Dr. Jo»ef Löwenherz Vizepräsident der Kültusgemeinde Wien Zion. Jugendliche aller Gruppen sind zur Teil' nähme eingeladen, ^IIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIP DIE ZAUBERIN VON KASTILIEN (7) Als die Juden sahen, wie das Wasser unbezähmbar und unaufhaltsam anwuchs, stürzten sie hilferufend, Kinder, Greise und Bündel mit ihrer Habe auf den Schultern, vorwärts, zu den Ghettotoren. Aber sie pochten vergeblich an diese Tore — draußen antwortete nichts, und einsam, klangen nur die Schritte der Torwächtef, die mit spitzen Hellebardet^ bewaffnet auf und ab gingen. „In Gottes Namen, öffnet die Tore! wir ertrinken ja", schrien die Juden und schlugen gegen die Tore. „Das ist uns nicht gestattet", erwiderten . von draußen harte, rauhe Stimmen, und dann erklangen wieder die einsamen Schritte. Die alten Juden nahmen damit vorlieb — und; warteten auf ein Wunder: sie'waren die ersten, die; in. den obersten Gemächern der Häuser Zuflucht suchten; die jungen Leute dagegen, deren junges Leben und pochendes .-Blut stürmisch nach Rettung verlangte, suchten weiter nach einem Platze, wo sie cler Gefahr entrinnen konnten. Viele von ihnen kletterten die dicken Mauern hinauf, und vielen war es schon gelungen, auf diese Weise ihr Leben zu retten. Bald aber werden die Torwächter auf sie aufmerksam, schlugen ihnen mit den spitzen Mellebarden auf ihre an die Maliern geklammerten Hände Und . jagten sie in das Ghetto zurück. So flüchteten auch die Jungen zu den alten Leuten in die obersten Geschosse der Häuser und warteten dort auf ein Wunder.. Als die, römische Bevölkerung die Ghettomaüern besetzte, beherrschte das Wasser1 schon majestätisch die ganze-'Fläche des' Ghettos. Auf dem „Platze der Juden" war bereits alles überschwemmt, äußer dem Rande des Wasserbrünnens,; der in der Mitte, aus, den Fluten ragte. , Auf" dem Platze /des Tempels aber sah man'überhaupt nichts mehr — das, Wasser umspülte die dicken Wände 'der Häuser, die mit verriegelten. Türen und tören dastanden, und suchte nach einem .Spalt, einem Loch, einer Oeffnung, durch die es in das Innere dringen konnte. An den obersten Fenstern aber, in den Nischen, Erkern und Brücken, die; voit; eih'e.ni rlaüse zum andern führten, mit einem Worte, an Jeder Oeffnung sah man Menschen rriit erschreckten Gesichtern und ausgestreckten dürren Händen^ Einer stieß dem andern beiseite, ein Kopf erhob sich über dem andern, ein Gesicht schaute über das andere hervor—- die Hände verflochten sich ineinander ünd';'alles rief zu den auf den •Ghettomauern sitzenden Menschen um Hilfe —/ Mütter erhoben ihre kleinen Kinder über ihre Köpfe. und flehten aus den Fenstern die Einwohner Roms durch Zeichen an, ihre'Kinder zu-retteh; junge Leute traten von ihren Fenstern zurück und ließen die alten vor, die den Menschen auf den Mauern hilfesuchend ihre Hände entgegenstreckten. Aber das Flehen der Greise,- das Weineil' der .tyütter, die vor Schreck ge1 weiteten Augen der Kinder erheiterten und errögteri den' Pöbel nur noch mehr und steigerten die Spannung des Schauspiels, den Slpott und das Lachen"der Zuschauer. „Zeigt ihnen das Kreuz, sie sollen ' zu Boden' fallen und das Kreuz küssen 1" .....'♦. Hie und da über der Mauer er-hobon-Franziskaner und Dominikaner ihre Kreuze und zeigten sie den-aus den Fenstern schauenden Juden. An einer Stelle hatte eine Gruppe von Nonnen ein Heiligenbild aufgestellt, um die Unglücklichen darauf aufmerksam zu.machon, und deuteten mit ihren Fingern auf das Bildnis "des Gottes Jesu, wie wenn sie sagen wollten, daß er'allein ihnen noch helfen könne. Aber sobald die Juden die Kreuze,'die Heiligenbilder und die Kirchenfahnen erblickten, die ihnen vorgehalten wurden,, zogen sie die Köpfe zurück, die .Greise schlössen die Augen und gedeckten .die Gesichter mit den Händen, um nichts zu sehen, und selbst die Mütter nahmen ihre Kinder fort und verhüllten ihnen die Gesichter mit ihren Tuniken und Tüchern, damit sie die fremden Götter nicht sehen sollten. . „Starrsinniges Volk! Seht, . wie" es' sich vo'n Gottes Zeichen 'abwendet! Wahrhaftig: esist mit Blindheit geschlagen — genau wie es in der Heilige« Schrift steht", rief ein. Mönch einem .andern zu.. . . „Das macht alles der Satan, er läßt sie nicht Gottes Gesicht schauen. Seit der Stunde,, da. sie unsern Gott gepeinigt, drang der Satan jn sie ein, und jedesmal, wenn sie des Ewigen Antlitz erblicken, weint der Satan in ihnen und, läßt sie nicht schauen." ,-,Sö hat sie die heilige Maria verflucht, als man ihren lieben Sohn vom Kreuze abnahm und sie die Wunden sah, die sie in Seine Hände geschlagen hatten:, da hat sie dieses Volk verwünscht, daß es Sein liebes Antlitz nicht sollte schauen könneu, Die Von Schalom Asch Copyright by R. LSwIt- Verfij?, Wien-Lelpzisr. Sonne quält sie, die Sonne peinigt sie, und sie können nicht ohne Scham in Sein heiliges Gesicht blicken." „Man muß sie ins Wasser werfen, muß sie wie die Ratten ertränken!" „Wie die Ratten, wie die Ratten!" schrie der Pöbef. Ihm genügte das Gebotene nicht,, ef wollte noch mehr Aufregung und verlangte Steigerung des Schauspiels. Er hatte sich an die Gesichter der Juden auf den Turmdächern und in den Fenstern bereits gewöhnt und wollte nun das unmittelbare Ringen der Menschen mit dem Tode sehen. Da« Einströmen des Wassers, in die Straßen langweilte den Pöbel, er hatte noch niemand ertrinken sehen. „Von den Dächern .herabwerfen! Von den Dächern herab, wie die. Ratten, wie die Ratten!" schrie der Pöbel. Doch bald wurde sein Blutdurst gesättigt. Das Wasser begann aus den offenen Kellern und Erdgeschossen verschiedenes: Hausgerät hemuszuschwern.- men. Nun sah man in den Fluten, auf den Wellen Tische, Bänke, Kisten mit Waren, Kleidungsstücke, Bücher, Pefgamentrollen und andere Gegenstände, ertrunkene Haustiere und Vögel schwimmen, und das Volk geriet in Aufregung vor gespannter Erwartung. Jedes Möbelstück und jedes Stück Geschirr und jedes "Kleidungsstück, das sich auf.dem Wasser zeigte,:rief neue gewaltige Freudenausbrüclie des Pöbels hervor, der auf die herumschwimmenden Gegenstände mit Händen wies. Bald aber erschienen auf den Wollen auch menschliche Körper — tote Kinder und Greise -— und diese menschlichen Leichname steigerten den Blutdurst des römischen Pöbels, noch viel mehr: über der Mauer erscholl jetzt ein solches Geschrei, und man vernahm solche Ausrufe, als hätte der Pöbel seinen Retter,' seinen Held und Befreier erblickt. „Pharaos Meer, Gott will die Juden in dem Meer Pharaos ertränken!" . „Es ist der Tag der Rache Gottes an seinen Feinden!" „Es lebe der Heilige Vater .Paul der Vierte, der treue Diener Gottes, der die Kränkung unseres Heilands rächt!."' " .. „Gottes Blut ist gerächt!" Hie und . da knieten Mönche auf der Mauer, beschatteten ihre Äugen mit den . Händen und beteten für die "ausgehauchten Seelen, auf daß Gott sich ihrer erbarme lind' sie 'Iii' sein himmlisches' Reich aufnehme; sie; hielten ihre Kreuze Über das Wasser.und die dahinschwimmenden Leichen. ., Von weitem erklang.; das einsame Geläute der fernen Kirchenglocken, und die Zuschauer senkten die Köpfe. Die Mönche knieten und stimmten Kirchenlieder an. ' ... j . Auf der Ghettomauer aber zeigte sich jetzt in einem Tragstuhl, der Heilige Vater. Er trug einen scharlachroten Mantel'-und wurde von einer ganzen Reihe von Kardinälen und anderen hohen- Würdenträgern der*Kirche" geleitet. Auf der MaVir war für sie. schon zu Beginn ein 'Zelt aufgerichtet worden, das mit Brokat und anderen teuren Stoffen; geschmückt war, damit der Heilige Vater alles, was im Ghetto vor sich ging, sehen konnte. Als; der Pöbel den Papst: bemerkte, erhob er sich und starvl mit bebendem Herzen, in gespannter Erwartung dess'en;:was jetzt kommen würde. Als aber die Juden auf den Türmen, in den Fenstern und auf den Brücken den Heiligen Vater erblickten, begaunert, sie plötzlich von neuem zu schreien und zu weinen. Männer streckten durch die Fenster lliorirollen heraus, Mütter zeigten ihre Kinder und flehten laut rufend: ' „Im Namen Gottes, rettet uns! Rettet uns!" * „Oeffnet die Tore! Wir ertrinken mit Weib und Kind!" , ■ Alle blickten auf den Heiligen Vater. Doch seine Züge blieben düster und stumm, die Runzeln seines Gesichts furchten sich wie eine bewegte See, und nur die Augen schienen zu schlummern, so tief eingesunken waren sie in die Falten dieses finsteren, reglosen Gesichts. , VI. Das Wunder. . . .Bald, erlebte der Pöbel von Rom die Befriedigung seiner Wünsche. Ob es das Wasser war, das die Juden aus ihren Zufluchtsstätten vertrieb, oder ob die eingebildete Hoffnung, die Anwesenheit des Heiligen Vaters würde ihnen baldige Rettung bringen, sie beflügelte, jedenfalls verließen sie plötzlich ihre Häuser, stürzten sich aus den Fenstern ins Wasser, nahmen die Kinder und die .Greise, auf-die Schultern und began* nen durch die. Fluten zu waten. (Fortsetzung folgt.)