Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 1 (1927)
- Issue
- Heft 3 (7.10.1927)
- Date
- 1927-10-07
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 3 DIE NEUE WELT Set* i! DIE ZAUBERIN VON KASTILIEN (3) Zur Zeit des Papstes Kalonimus IV., als Salomon Molcho sich in Rom aufhielt und seine mystische Wirkung auf den Papst zugunsten der Marranen ausnützte, war der Befehl ganz außer Kraft gesetzt worden und die Kirche im Ghetto wurde geschlossen. Erst in den Zeiten des „Papstes Haman", wie die Juden Paul IV. nannten, wurde das Gesetz erneuert und verschärft. Als Prediger in dieser Kirche hatte der Papst einen getauften Juden, namens Josef Moro, angestellt. Dieser achtete streng darauf, daß alle Einwohner des Ghettos die Kirche regelmäßig an jedem Sabbat besuchten. Die Juden hatten aber Angst um ihre Kinder, denn Josef Möro war von gewaltiger Beredsamkeit und in ganz Italien als einer der wirkungsvollsten Prediger bekannt. So pflegten sie denn ihre Kinder zu Hause zu lassen und allein in die Kirche zu gehen, da sie ihrer selbst ja sicher waren. Allein Josef Moro wollte gerade zu jungen, unschuldigen Gemütern, in reine, .unbelastete Ohren sprechen und sandte deshalb jeden Sabbat-die Kirchensoldaten in die jüdischen Häuser, um die Jugend gewaltsam zum Besuch der Kirche zu zwingen ... Als Pastfla hinter dem Händler von Kastilien und seiner Tochter in die Kirche trat, war diese schon mit Frauen und Männern, Burschen und kleinen Kindern, Knaben in ihren Arba-Kanfoth, Jungfrauen und kleinen Mädchen gefüMt, Die Kirche sah aus wie eine Synagoge. Alles war mit hebräischen Zitaten ans den Propheten' bemalt, . die angeblich Andeutungen des christlichen Glaubens enthielten. An der östlichen Wand stand ein reichgeschnitzter Heilagenschrein, ähnlich dem Schrein,,in,dem.die Juden die Thorarollen. aufbewahren, über dem aber ein. großes silbernes Kreuz hing ... Große Wachskerzen brannten in einem jüdischen siibernen, siebeharmigen Leuchter, vor einem christlichen Heiligenbild.... Josef Moro aber stand, in einen Talls — das jüdische religiöse Obergewand — gehül'lt, auf der Erhöhung gegenüber dem Schrein. Er hielt in der einen Hand eine ThoraroWe, in der anderen ein Kreuz, und redete zu den Juden. Er richtete, seine Worte an sie in ihrer eigenen Sprache — auf kastilisch — führte Zitate aus der Thora, den Propheten, dem Talmud und dem Midrasch an und brachte Beweise' aus .den kabbalistischen Büchern bei. Er drohte dem Zuhörern mit der Holle, verhieß ihnen! das Paradies und schilderte dabei in lebhaften Farben einerseits Qualen und Pein der Hölle und andererseits das Leben im Paradies. Er erinnerte die Juden an die beschämende Erniedrigung, in der sie lebten, und an den Spott, dem ihre Religion, preisgegeben war. . „Und wo ist er, euer Gott?" fragte er. „Und WO ist euer Messias? Warum antwortet er nicht? Warum gibt er, euch kein Zeichen? Wieso seid ihr schlechter als die Gojim? Warum hat er euch zur Zielsehelbe des menschlichen Spottes und der Verachtung gemacht?" Dabei streckte er seinen Zuhörern-die Thorarolle mit dem Kreuz entgegen und flehte sie an: „Kommt her, kommt her unter ihren Schutz!" Seine Stimme war tief, von schwerem, metallischem Klang, und flößte seiner Zuhörerschaft Angst und Emtsetzen ein. Seine Augen brannten und sein Gesicht war blaß und traurig. Neben ihm saß der päpstliche Notar, mit einer großen Kielfeder und mit langen Pergamenlstreifen versehen. Und wenn ein Jude zu der Erhöhung, auf der Moro stand, kam und seinen Kopf unter das heilige Wasser hielt, bekam er sogleich vont dem Notar einen Schein, der ihm das römische Bürgen recht verlieh, ihn zum einzigen. Erben aller väterlichen Habe einsetzte und ihm das Vermögen und die Häuser zu eigen gab, die, der Papst den Juden, die außerhalb der Ghettomauern lebten, beschlagnahmt hatte. Auf der ersten Bank gegenüber der Estrade, auf der der Priester stand, saßen die zehn Batlanim. Zwei von ihnen, niamens Chajim Adoni und Mordecfmi Alfi, waren die „Narren" des Ghettos, die bei Hochzeiten und sonstigen festlichen Anlässen „Totentänze" aufführten und beim Vorlesen der biblischen Strafpredigt in der Synagoge aufgerufen wurden« Ihre Aufgabe war auch, die jüdische Gemeinde von Rom In der Kirche su vertreten. Ohajim Adoni, ein noch junger Bursche, tat so, als sei ihm eine Backe vor Zahnschmerzen geschwollen. Er hatte sich um das Gesicht ein wollenes Tuch gebunden, von einer Größe, die genügt hätte, daraus ein ganzes Gewand zu fertigen; natürlich kamen seine Ohren dabei gar nicht zum Vorschein, und nicht nur die Stimme des Predigers —. mochte sie noch-so laut und metallisch klingen Konnte nicltf durch; den Schutzwall dieses wollenen Verbandes dringen, sondern auch ein Kanonenschuß wäre nicht an?m Ohr gedrungen, Der zweite Narr aber hatte seiuen Kopf, vor lauter" Kopfschmerzen, mit Zitronen und weißen Hand- Von Schalom Asch tüchern tmibunden, so daß auch seine Öhren eben so von der Rede des Predigers nichts vernehmen konnten. Der Priester geriet bei Ihrem Anblick in so heftigen Zorn, daß er von der Kanzel zu der Bank der Narren herunterstieg, ihnen das Kreuz vor die Nasen hielt und sie mit der Faust nötigte, das Kreuz zu betrachten. Er riß 'die Tücher von der Backe des einen, die Handtücher vom Kopfe des anderen, und wollte sie zwingen, das Kreuz auch zu küssen; aber die Narren erhoben ein derartiges Geschrei über ihre Zahn- und Kopfschmerzen, daß man sie schließlich aus der Kirche werfen mußte. Darauf wandte sich Josef Moro an die Kinder, rief ihnen mit seiner metallischen Stimme Drohworte zu und flößte ihnen Angst ein. „Habt Mitleid, habt Mitleid mit euren Kindern, die ihr nur in Schande und Spott zerrt, so daß sie von allen verachtet und von allen verfolgt werden! Gewährt ihnen Schutz unter dem Kreuz!" flehte der Abtrünnige. Aber die Kinder drängten sich an ihre Eltern heran, und von Ohr zu Ohr, von Vater zu Sohn, von Mutter zu Tochter ging ein Murmeln, ein Flüstern: „Schmäh Jisrael!" Und es war, als besäßen diese Worte Zauberkraft. Die Herzen bebten. Die Stimme der Generationen schien laut geworden zu sein, und flackernde Feuer erstanden vor den Augen der Zuhörer — brennende Menschenleiber, vor Schreck geweitete Augen, Und sie vernahmen zitternde Stimmen, die in der letzten Lebensstunde ausriefen: „Schmäh Jisrael!" . Und sie standen alle da, jung und alt, Kjnd und Mann und senkten die Köpfe zur Erde und murmelten gespensterhaft: „Schmäh Jisrael." Josef Moro verstummte und erschrak vor diesem Flüstern, sein Herz zuckte, er hörte sein eigenes Blut rufen und unwillkürlich murmelte er mit: . „Schmäh Jisrael!" * In .einem Winkel der Kirche stand Pastila. Er war erschrocken über all das Fremdartige und Erhabene, das er sah. Er bewunderte die Kinder, die hartnäckig, mit gesenkten Köpfen dastanden, denn keine Hand rührte sich, kein Blick erhob sich zu dem Kreuz, das der Priester ihnen entgegenstreckte und das ihnen Rettung bringen sollte in diesem Leben und im Jenseits ... Er begriff aber nicht, warum sie den Glauben nicht annehmen wollten, der all ihrem Elend ein Ende machen würde, und den er für den einzig wahren Glauben hielt. Warum? Warum? Mit bebendem Herzen betrachtete er den Kaufmann von Kastilien und dessen Töchter. Einen Augenblick lang schien es ihm, als wollte das Mädchen jetzt ihre Hand, dem Kreuze entgegenstrecken — doch nein, auch sie senkte den Kopf zu Boden wie die andern, stand hartnäckig da und murmelte etwas. „Und dabei scheint sie doch so christlich, so göttlich, so edel und fromm zu sein!" dachte der Maler. „Sieht sie nicht aus wie die Madonna, wie jene heilige Jungfrau, zu der Gott selbst niedersteigt, um sich mit ihr zu vereinigen?" Erst jetzt, als sie ihren Kopf zur Erde neigte, sah er ihn ganz und das unendliche, übermenschliche Leid, das um ihren kindlichen Mund ausgeprägt war. In ihrem Gesichte spiegelte sich der Weltschmerz wider. Aus ihren Augen leuchtete eine Traurigkeit; über ihrer hohen gewölbten Stirn schwebte reine Frömmigkeit, und der Maler verspürte den Wunsch, vor ihr niederzuknien, die Hände zu ihr zu erheben und zu beten: „Heilige Maria, unschuldige Reinheit, Du Lauterkeit der Seelen, die Du das Leid der Welt in Dir trägst, habe Mitleid, habe Mitleid!" Vom ersten Augenblick an, da er sie erblickt hatte, hatte er die Absicht, sie als heilige Maria, als Mutter Gottes, zu malen. Denn die, der Gott sich gezeigt hatte, mußte ja auch solche traurigen Augen und den Ausdruck eines übermenschlichen Leides um den Mund gehabt haben; in ihren Zügen mußten der gleiche Schmerzensschrei, der stumme Schmerzensschrei unserer Marter und das unendliche Erbarmen ausgeprägt gewesen sein. Vor diesem Antlitz werden Menschen niederknien; zu diesem Antlitz werden sie ihre Hände erheben und beten. Und diese Augen werden in die Herzen schmerzensreichen Edelmut pflanzen und innige Trauer, und stille, reine Liebe zu allen, allen, und unendliche Nachsicht und tiefes Erbarmen, genau so wie sie jetzt das alles in seinem Herzen waebgerufeu hatten. * Pastila war durch und durch Venezianer. Er haßte Rom mit seinem triumphierenden, satten, herrschsüchtigen Aeußern. Er haßte die Kunst dieser Copyright by K. LW«. Vertag, Wien-Leip*fr. Stadt, über alles aber den jungen Gott Raphael, det die christliche Welt mit der Schönheit seiner Frauenkörper, mit der Sattheit der bloßen, armseligen Mutterliebe beherrschte. O Venedig, die Stadt, die beschwingt ist durch die Segelschiffe aller Flüsse und Meere! O Venedig, das einer göttlichen Vision gleicht, in weißem Marmor verkörpert! 0 Venedig! deine Kirchen und Paläste haiben gleichsam Flügel und schweben in den Lüften! Doch über alles vergötterte Pastila die venezianischen Maler. Seine Lehrer waren Glorgione, BelHni, Tintoretto, vor allem aber der alte St. Angelico, dessen „Heilige Mütter" er in Florenz gesehen hatte, Angelico, der die himmlischen Gestalten zur Erde herabgeholt und ihnen den Ausdruck kindlicher Unbeholfenheit verliehen hatte. Rom aber beherrschte der junge Gott Raphael, dessen Name die Welt wie ein Blitz durcheilte. Ganz Rom, die ganze christliche Welt kniete und betete zu seinen Madonnen, deren Urbild seine Geliebte, eine Bäckerstochter, war. Durch seinen Pinsel und seine Palette versklavte und beherschte er alle Künstler, die nach ihm kamen, und jede Madonna mußte der Geliebten Raphaels, der Tochter des römischen Bäckers, ähnlich sein; sonst hatte sie keine Aussicht, in einer Kirche aufgenommen zu werden, und ihr Schöpfer mußte Hungers sterben. Pastila trug schon damals, wie' alle andern jungen Künstler, in sich, den Protest gegen die Herrschaft .Raphaels. „Nein," dachte er, „die Frau, die Gott auserwählt hatte, um sie das Leid der Welt gebären zu lassen, besaß nicht nur vollkommene menschliche Schönheit und unendliche Mutterliebe. Nein, sie war wohl tiefer und mannigfaltiger, da sie ihre Mutterliebe einem Höheren — der lendlichen Liebe der ganzen Welt opferte. Ihr G. sieht , muß jenen mystischen Glanz besessen haben,< bei dessen Anblick wir uns von irdischer Schönheit und irdischen Neigungen frei fühlen und von einer höheren, übernatürlichen, unbegreiflichen und grenzenlosen Liebe erfaßt werden ..." Und Uebermenschliches prägte sich auch in dem Antlitz dieses jüdischen Mädchens, der Tochter des Kaufiiianns von Kastilien, aus. In ihren Zügen sah der Maler jene unfaßbare Schönheit, die uns die'Geheimnisse einer andern, Welt „enthüllt, und die er so lange gesucht hatte. Zu diesem Antlitz werden Menschen beten, beten mit ganz anderen Gefühlen, mit reinem Herzen und nicht mit kleinlichem Verlangen nach einem Brocken dürftigen, menschlichen Glücks — so, Wie man zu Raphaels Madonnen; betet. Nein, anders, anders, frei von allen persönlichen Wünschen und von jedem kleinlichen Glüclcssireben werden sie um ein erhabenes Glück, um eine höhere Erlösung beten. Doch wie, wie kann er. als. guter Christ die Tochter eines Juden zum Urbild der Mutter Gottes nehmen? Wie sollen gute Christen vor. einem Bilde niederknien, das die Züge einer Ungläubigen wiedergibt? Aber sogleich erinnerte er sich an die Legende von der Geburt Christi und fragte sich: „Hat Gott nicht selbst sich eine Tochter dieses Volkes auserwählt? Gehörte nicht die ewige Reinheit, die Mutter Gottes selber diesem Volke an?" i_" Das war ja eben das Unbegreifliche, Hohe und Mystische, das diesem Volke innewohnte,,daß Gott es auserwählte, damit von ihm, allein^ di^ijBriösimg der ganzen Welt ausgehen sollte; und ge.rade unter seinen Jungfrauen fand Er die, die jene Schöriheit besaß, nach der Er so länge gesucht! Der Maler erwartete den Vater und die Tochter vor der Kirchentür, und als beide erschienen, kniete er vor dem Mädchen nieder; ' 4?.\ <" „O Madonna, du, die du ein Antlitz hast, das in die Menschenherzen Frömmigkeit . und Edelmut pflanzen könnte, du hast kein Recht, deine Züge zii verbergen. Gott hat sie dir geschenkt, damit'du die Menschen schöner und edler machst. Ich will nach deinem Urbild die heilige Madonna für die Kirche des „Heiligen Herzens" malen. Menschen werden dein Gesicht sehen, werden vor ihm knien und zu ihm mit reinem Herzen beten. O Madonna, laß mich Gottes Werk für den Ruhm und die Herrlichkeit Seines Namens schaffen!" Aber das Mädchen schwieg und senkte ihr Haupt zu Boden, genau so, wie sie es in der Kirche bei der Predigt des Priesters getan hatte, Sie horte den Maler nur aus Angst und Achtung an. Dann aber entfernte sie sich mit kleinen Schritten hinter ihrem Vater und folgte ihm geneigten Hauptes. Der Maler aber, der sich auf ein Knie nieder« gelassen hatte, blieb auf seinem Platz. (Fortsetzung folgt.)