Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 2 (1920-1921)
- Issue
- 11-12 (8.1921)
- Date
- 1921-08-01
- Page
- Seite 217 (sequence 31)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2708691-2708699-2708705--345-2709082- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nun scheint aus dem Kreise der deutschen Pfadfinderei sich plötzlich eine Bewegung Bahn gebrochen zu haben, die* zeitlich schon bald nach Kriegsende sich angekündigt und in vielen Menschen und Gruppen bereits 1919 eine erste Gestalt angenommen hat, die aber erst in diesem Jahr zu ausgebildeteren Formen ihres besonderen Lebens und zu beginnender Klarheit über ihre Bedeutung und ihre Aufgabe gelangt ist. Diese Bewegung, die ursprünglich als „Erneuerung* des deutschen Pfadfinderbundes auftrat und sich nach der Losiösung vom Bunde als „Reich der Neupfadfinder" Ausdruck verschafft hat, ist von Anbeginn an von der Idee des Volksaufbaus durchdrungen gewesen, die auch den stärksten Schwung des Eigenlebens, alles Gefühls- und Stimmungsmäßige vor dem Fatum esoterischer Verdämmerung beschützt. Alle Versuche des Wandervogels und der Freideutschen Jugend, die eigene Person mit dem Ganzen des Volkes zu verbinden und wirklich schaffend ins Tätig-Lebendige einzugreifen, jene Versuche, zur Scholle zurückzukehren und in Gemeinschaft zu siedeln, das Bild der neuen Schule und der neuen Erziehung zu verwirklichen, die v/ahre Kunst, das schlichte Schauspiel und den Tanz ins Volk zu tragen, alle diese Unternehmungen gingen nicht vom Bund, sondern von Einzelnen aus, und Isoliertheit, Inselhaftigkeit sind es auch, die sie charakterisieren. Der Grundfehler dieser im Individu- ,,*aJ(ismus steckengebliebenen Erschei-;:mxageiL ist . die Verkennung der eigenen Stärke und der eigenen Situation, das Unverständnis für die Öeffentlichkeit und -Schlichtheit volklicher Kultur. Für eine so! ' e sind die Versuche, die gemacht wurden und auch noch zukünftig werden gemacht werden, um so belangloser, je anspruchsvoller sie sich ausnehmen, und in diesem Belang ist selbst die Güte einer Leistung gleichgültig. Die aus der Jugendbewegung bisher hervorgegangenen Menschen wollen das Volk „zu sich emporziehen", und in der konsequenten Verfolgung einer solchen Anschauung gelangen sie zum Protest gegen ihr letztes Ziel: Sie sondern' sich ab, statt sich ins Volk' einzufügen. Den Neupfadfindern liegt nichts ferner. Im Widerspruch gegen jene halboffizielle Jugendpflege, die die deutsche Pfadfinderei des kaiserlichen Deutschlands gewesen ist, aufgewachsen, haben sie sich mit entschlossener Kraft der englischen Bewegung zugewandt, von deren Geist im alten D. P. B. kaum etwas zu spüren gewesen war. Gerade jene Strömung im Boy Scout Leben, die, in manchen Punkten ein Gegner des Staatsbürgergedankens Baden- PowelFs, auf das Stammesleben der wilden Völker, auf ihr Leben' im Freien und ihre „Waldverwandtschaft" (woodcraft) zurückgriff, machten sich die Neupfadiinder zu eigen, und wenn auch heute über die Form, die indianische oder die ritterliche, gestritten wird, der Geist dieser Form ist der gleiche, hier und dort, und ist der gleiche wie in England. Wenn man die Zeitschrift der Neupfadfinder »Der Weiße Ritter" (Eigener Verlag, Regensburg) sich vornimmt und sich Mühe gibt, das Wesentliche zu erkennen, wird man immer wieder auf die Hauptfrage treffen, um die es sich für die deutsche Jugend wie für die Jugend, eines jeden Volkes handelt. 217