Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 20 (1922)
- Issue
- Heft 10 (9.3.1922)
- Date
- 1922-03-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Frankfurter Israelitisches Familienblatt Redaktion und Expedition: Frankfurt a.M., Langestraße I Fernsprecher Amt Hansa 2903 Herausgeber: Gach Geis 20» Jahrgang. Donnerstag, den 9. Mar 5682 (S. Marz 1922) Nr. 10. Jnserttonspreis für die sechsgespaltene Nonpareille-Zeile Mk. 3.—, für die Reklamezeile Mt. 12.—. Platz» und Datum- Vorschrift ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der Expedition und in allen Annoncen-BureauS. — Konto Ser dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4864. Erscheint wöchentlich am Donnerstag. BezugspreiSpro Vierteljahr: Bet der Post abonniert M. 6.75, bei der Neuen Jüdischen Presse Mk. Y.50 frei ins Haus. Bei Zusendung durch Streifband für Deutschland Mk. 80.00, ftzr Ausland 10 stanz., 5 schweiz Frcs., 3 holl. Fl., 6 Shilling, 2 Dollar jährlich, im Voraus zahlbar. Das Fest des Golus. Purimgedanke«. » Purnn ist das einzige Fest des jüdischen'Volkes, das nicht auf dem Bode» Palästinas seinen geschichtlichen Hintergrund hat. Purim ist'.das Fest des Golus, Bilder des Exils werden alljährlich mit ferner Wiederkehr lebendig und bringen für alle Zeiten zur Anschauung, wie das Geschick des jüdischen Volksdaseins außerhalb des Jordanlandes nur an einem dünnen' Faden hängt. - Welche Ungeheuerlichkeit! Weil ein Jude einem persischen Minister in seiner rücksichtslos egoistischen Politik gefährlich zu sein schien, deshalb traf sämtliche Inden der 127. Provinzen des persischen Weltreiches, Jünglinge wie Greise, Kinder wie Frauen, das Urteil, an einem Tage getötet zu werden. Wie ein Märchen ans „Tausend und Eine Nacht" steigt aus 2300jähriger Vergangenheit der fabelhaste Glanz und der 'grenzenlose Despotismus des persischen Königshoses auf — und ist doch geschichtliche Wahrheit! Wunderbar, übernatürlich erscheint die Rettung der Juden — und ist doch nichts anderes als aus natürlichen Geschehnissen zusammengefügte Begebenheit gewesen. Dieses Märchenhafte aus dem Nebel längst entschwundener Zeiten, dieses erste' typische Ereignis am Beginn jüdischer Golusgeschichte hat seitdem nie ausgehört, der Wanderung des jüd. Volkes durch die Länder und durch die Zeiten das Gepräge zu verleihen. Hunderte Male geschah es, daß der Wille eines einzigen Menschen genügte, uin die scheinbar gesicherte politische Situation der Judenheit eines Landes plötzlich zu erschüttern und über unzählige Männer, Frauen und Kinder aus keinem anderen Grunde tiefstes Elend zu bringen als, weil sie Glieder des jüdischen Volkes waren. Hunderte Mate geschah es aber auch, daß — wie einst jMordechai — ein einziger Jude die Ursache für den Wandel des Geschickes seiner Brüder von Sicherheit und Freiheit in Druck und» Verfolgung wurde. Mordechai war Jude in 'feinem Denken^ und Handeln, er. .war' in Persien der beste und der markanteste Jude, — doch stets genügte schon allein die jüdische Abstammung, um den Haß aus einen Juden auf alle Juden zu übertragen. Man denke nur an zwei Männer der jüngsten, uns allen noch nahen Vergangenheit, man denke nur an Kurt Eisner und Bela Kuhn, die rein garnichts mehr mit den Interessen der jüdischen Gemeinschaft verband und die dennoch die Ursache wurden, daß sich die politisch günstige Lage der jüdischen Bevölkerung ihres Landes über Nacht in eine ungünstige verwandelte. Das heißt eben Golus: Spielball sein in der Hand 'anderer, nicht seine eigenen Bedingungen gestalten könnnen. Aber auch das bedeutet Wesen des Golus: wie die anderen sein. zu wollen. ... . So geschah es in den Tagen des Ahasverus. Noch hätte die Erinnerung au das Heimatland in seiner Frische das Blnt dieses Geschlechtes durchkreisen sollen, denn es war erst eine der nächsten Generationen nach, der Wegführung ins Exil, und schon wurde Gesetz und Sitte der Väter dem sremden Denken hintenangesetzt. Beim 7 tägigen Gastmahl, ^>as der König seiner Hauptstadt gab, fehlten auch trotz der Freiwilligkeit der Teilnahme die Juden.nicht. Mit Gewalt mußte jenes Geschlecht erst aus dem Sich-Selber-Bergessen- Wollen in das Sictz-Selber-Bewußtwerden zurückgerettet werden. Auch dieses hat sich stets wiederholt, — und wie damals in Persien so hat auch später immer wieder erst eine schwere Krise in der staatsbürgerlichen Position der Juden eines Landes die Auflösung de» jüd. Kulturlebens! gehindert und die Juden wieder ihrem Judentum-genähert. Jahrtausende schon wechselt dieses Spiel ohne Unterlaß, damit nicht einst das Golus' in der Vernichtung des jüdischen Volles, sondern in dem Zurückführen in ein eigenes, selbständiges Leben in dem Laube seiner Väter ende. Deshalb will auch die Symbolik des Purim von. Jahr zu Jahr zweierlei iin Bewußtsein des Juden wacherhalten. Sein Fasten will lehren, daß eigene Schuld es stets war, wenn Ungüick über Israel hereinbrach. Assimilationsstreben heißt diese Verschuldung, und dieses Assimilationsstreben hat dann das staatsbürgerliche Geschick der jüdischen Bevölkerung nicht, wie erhofft, leichter und leichter gestaltet, sondern — Meist unverhofft, unerwartet und plötzlich — verschlimmert. Die Judenheit als Ganzes kann sich nicht assimilieren, sDas ist ihre Bestimmung seitens der Vorsehung, und darum gelingt ihr die Absicht der Assimilation nie, sondern hat nur schwere Katastrophen fiir gie im_ Gefolge. Und ein zweites lehrt die Freude des PuriM: in schwersten Stunden nicht verzweifeln, sondern ruhig vertrauen, daß der Lenker der Geschichte des jüdischen Volkes die Wolken stets Mieder teilt nnd ihm die Sonne wieder erstrahlen läßt. Zur Northcliffe-Affaire. Et« Protest a«s Holland. Eine Gruppe führender Orthodoxer aus verschiedenen! Städten Hollands verösfentlicht folgenden Protest: Protest! Die Unterzeichneten haben mit tiefer Entrüstung davon Kenntnis genommen, daß eine Keine Gruppe von Orthodoxen in Palästina, in einer Deputation vereinigt unter Führung von Rechtsanwalt Jakob Israel de Haan, sich an Lord R o r t h c l i f f e gewendet und diesem Manne Beschuldigungen gegen ihre jüdische Brüder überbracht hat. Das Einbeziehen in intern.-jüdifche Slngelegenheiten eines Mannes wie Lord Northcliffe ist eme Tat, dre vom allgemein - jüdischen Standpunkte, aber nicht weniger vom traditionell-jüdischen Standpunkte aufs Schärfste gerügt werden inuß. Die Unterzeichneten protestieren mit Nachdruck dagegen, daß die erwähnte Gruppe sich erlaubt hat, mit ihrer Handlung den Namen der Thora zu verknüpfen, obwohl sie ebenfalls die Art und Weise mißbilligen, in der ein Teil der Arbeiterschaft seiner Entrüstung Ausdruck gegeben hat. Schließlich bedauern die Unterzeichneten, daß eine religiöse Organisation ihre Vertretung an einem höchst verantwortlichen Posten des Judentunrs, wie Jerusalem ist, in Händen von Männern legt, die auf politischem Gebiete derart unerfahren sind, daß sie nicht die Konsequenzen ihrer politischen Handlungen übersehen, und so verursachen, daß die Reputation des traditionellen Judentums über die ganze Welt und besonders in Palästina unberechenbaren Schaden erleidet. Ph. Coppenhagen, Rabbiner der Aschkenasischen Gemeinde Amsterdams. " ..; Dr. B. Israel Ricardo, Rabbiner der Portugiesischen Gemeinde Amsterdams. A. A f s h e r, Oberrabbiner des Bezirks Groningen. S. PH. de Pries, Rabbiner von Haarlem. Dr. H. P i n k h o s, Kurator des Rabbiner-Seminars von Amsterdam. I. de Jong, Professor am Rabbiner-Seminar von Amsterdam. - L- Dünner, Professor am Rabbiner-Seminar von Amsterdam. Dr. M. Wolfs, Mitglied des geschäftsführendeu Aus- , schusses des nied. isr. GeMeinden-Verbandes. N. B. Davids, Mitglied des Amsterdamer aschkenasischen Gemeinde-Vorstandes. , M. I. Vaz Dias, Mitglied des Parnassim-KollegiumS der Amsterdamer Port. Gemeinde. L. de Beer, Vorsteher des Misrachi in Amsterdam. Dr. M. van der Heyden, Vorsteher des Misrachi in . , Haag. E. Asscher E z n-, misrachistisches Mitglied des Vorstandes des Zionistischen Landesverbandes. Eia sonderbarer Widerspruch. Das offizielle deutsche Organ der Agudas Jisroel schrieb am 19. Januar: „In dem begreiflichen Wunsche, auch in der Agudas Jisroel ein ebensolch politisches enfant terrible, wie die zionistische Organisation es in Jabotinsky besitzt, zu schassen, wird Professor de Haan in Jerusalem, welcher eine» freundlichen Brief an General S t o r r s geschrieben haben soll, von hxr zionistischen Presse zum zweiten Vorsitzenden'der Agudas Jisroel ernannt. Das stimmt nicht. Prof, de Haan gehört zwar auch der Aguda an, ebenso wie eine Zahl der Kaufleute, welche gegen Storrs protestierten, nur mit dem Unterschiede, daß Prof, de Haan wohl das einzige Mitglied der Jerusalemer Aguda ist, welches gleichzeitig — — der misrachistischen Organisation Mitgliedsbeitrag entrichtet. Die Verantwortung für seine Privatkorrespondenz muß daher wohl oder übel der Misrachi mit der Aguda teilen." Das gleiche Organ teilt nun in seiner Nummer vom 2. März Mit, daß der Führer der agudistischen Abordnung an Lord Northcliffe de Haan gewesen ist. Das ist doch ein sonderbarer. Widerspruch: vor sechs Wochen suchte dasselbe Blatt, veranlaßt durch den allgemeinen Unwillen über die unerhörte Handlungsweise de Haans, dem für den November-Pogrom verantwortlichen General Storrs einen Sympathie-Brief zu schreiben,, ihn abzuschütteln und mit einer verlegenen Geste sogar deni Misrachi mitanzuhängen. Und jetzt zeigt das Blatt, daß de Haan nicht nur ein Mitglied, sondern sogar die führende Persönlichkeit der Aguda in Palästina ist und tm schärfsten Gegensatz zur Zionistischen Organisation steht. Es wäre da doch ein Unding, wollte er dem der Zionistischen Organisation angehörenden Misrachi Mitgliedsbeitrag zahlen, und man darf daher wohl, ehe der Beweis von dem Gegenteil nicht erbracht ist, die Behauptung des Blattes als einen politischen Schachzug werten. Uebrigens muß es wie eine Verachtung der jüdischen öffentlichen Meinung empfunden werden, wenn man es wagen konnte, de Haan, nachdem er sich, sechs Wochen vorher so stark kompromittiert hatte, mit einer solch wichtigen Mission wie die Führung der "Abordnung zu betrauen. Will die Aguda schon Politik treiben, dann möge es doch wenigstens eine vernünftige und eine würdige Politik sein, — in Jerusalem war sie weder vernünftig noch würdig. Eine historische Tag««-. (Schluß.) Dr. Soloweitschik schilderte die Schwierigkeit der Verankerung der jüdischen Autonomie in der Verfassung. Dr. R o s e n b a u m führte aus, der Jüd. Nationalrat habe nur die Aufgabe gehabt, die Organisierung der Gemeinden durchzuführen und als Kontrollorgan zu wirken, es sei ihm aber alles aufgebürdet worden. Unangestehjm störe häufig der amerikanische „Joint", der wohl viel für die Fürsorge tue, aber nur nach philanthropischer Methode. Entgegen Dr. Soloweitschik vertrete er, Redner, den Standpunkt, daß der Knllus auch in den Bereich der Autonomie gehöre. Tschernichow widersprach der Behauptung, die demokratische Fraktton bekämpfe das Hebräische, weil sie den Standpunkt vertritt, daß die Unterrichtssprache die „jüdische" sein soll. Die feindliche Stellung der hebräischen Schulen der Tarbuth-Organisation gegen die jüdische Sprache habe nur eine Scheidewand zwischen den Organen der "Autonomie und den arbeitenden Massen geschaffen. . > Brudny (Zeire Zion) vertrat die Ansicht, die Kultus-Angelegenheiten könnten der nationalen Autonomie imr schädlich sein, sie seien daher von ihr sernzuhalten. Die jüdische Fraktion im Parlament verdiene den Tadel, daß sie die volkswirtschaftliche Stellung der jüdischen Bevölkerung zu schwächlich verteidigte. Leo Motzkin brachte die Grüße des Pariser Komitees der jüdischen Delegationen, ferner der Zionistischen Organisation und der Jüd. Wellhilfs-Zentrale. ' Sodann wurde die Generaldebatte fortgesetzt und beendet. Dr. Rosenbanm sagte in seinem Schlußworte, die Kultusfrage sei so zu behandeln» daß der Nationalrat sich auf keinen. Fall >i.ndie Fragen des religiösen LebenA mengen dürfe.