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Neue jüdische Presse · 1921-08-25 · Heft 32 (25.8.1921) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
19 (1921)
Issue
Heft 32 (25.8.1921)
Date
1921-08-25
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Frankfurter Isra elittsches Familienblatt Erscheint wöchentlich am Donnerstag. Bezugspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt am Main bei der Neuen Jüdischen Presse, auswärts Lei der Post abonniert Mk. 4.H0 frei ins Haus. Bei Zusendung durch Streifband für Deutsch, land Mk- 30.00. für ^Ausland 10 sranz., 5 schweiz. Frcs„ 3 holl. Fl., 6 Shilling, 2 Dollar jährlich, im Voraus zahlbar. Redaktton und Expeditton: Frankfurt a.M.,Langestraße 1 Fernsprecher Amt Hansa 2903 Herausgeber: Galy Geis Jnsertionspreis für die sechsgespalteneNonpareMe-Zeile ISO Pfg., für die Reklamezeike Mk.3 7S. Platz» und Datum- Borschrift ohne Berbinölichkeit. Annoncen-Annahme bei der Expedition und in allen Annoncen-Bureaus. — Konto bet dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4864. 19. Jahrgang Donnerstag, Len 21. Aw 5681 (25. August 1921) «r. 3 2 4 Ürnold Zweig über Theodor Herzl.*) Der Weg des Geistes in das Volk hat manchmal Geilten und nimmt manchmal Wege, von denen niemand, der e miterlebr, missen kann, da» sie der Geist sind, der i die..verdorrten. Gebeine fahren soll. Es must in dem eben des Schriftstellers Theodor Herzl Tage gegeben haben, i denen es sich entschied, ob-er eine Null bleiben sollte, ine Tagesberiihmtheil, die vergessen oder verlacht wurde, Ser ob es ihm aufgegeben war, eine Wirkung von sich nsgehen zu lassen, von der er selber nicht wustie, wohin e ihn führen würde, die er nur antrat, weil er nicht ustte. 'wohin sie ihn führte: in den Tod und in die Itnerblichkeit, in einen vorzeitigen Tod und eine Nnsterbchkeit von 2—300 Jahren. Nehmen wir einen Äugenblick an, Herzl wäre georben; unmittelbar nachdem er den Judenstaat geschrieeii, sagen mir, nachdem er Alt-Neuland geschrieben, und ehmen wir den Zeitraum ganz kurz: dann würde, wenn inc gute Literaturgeschichte erschienen wäre, er in »ihr!ö Verfasser einer Utopie genannt werden, die für die -elt als Liieraturerzengnis geringer ist als die Feuilletons > der Neuen Freien Presse. In diesem'Strom, mit dem 5ort. -.Neue Freie Presse - Feuilleton" gekennzeichnet, »eit sich sein-Leben ab, nicht Wider seinen Willen, sonderst si, ihm bejaht. Dieser Schriftsteller Herzl, von dem wir »nehme», dass er gestorben sei nach Verfassung seines Buches, btc in-der Zeit von Tolstoi, Zola, Dostozewski. Nitzsche, in er die' wirklich grosten und die pseudogroßen Kräfte nngeeucr am Werke waren, er erlebte den Aufgang des Soziaömus, — und alles, was wir von ihm in den _ bisher »öffentlichsten Briefen finden, ist von einer Dürftigkeit, »er Oberflächlichkeit des Wesens, von spielerischem Geiste, -st wir uns immer und immer wieder zurückgestoßen fühlen, icscr Schriftsteller Herzl, dessen Biographie noch nicht gehrieben ist, zu der bis jetzt zwei schlechte, weil verliebt« leiträge erschiene» sind, ist, wenn man seine Bilder ansieht, i! eleganter Salonmensch, aus den es überhaupt nicht aniinmt, von denr inan meint, wenn er stirbt, dann ist es mm ein Verlust für irgend eine Gemeinschaft — sei 'Deutsche, sei es Juden —; so gering, als wenn gend einer von 'den zweit- bis sünfirangigen Leuten geörben wäre. Die oft bissige, scharfsinnige Satyre, die «inrich Mann im „Schlaraffenland'^ geschrieben, hat mir -r Karikatur in Liebling, wenn man vom Gesicht mischt, vollkommen recht. Er kist ebenso eine Nult, wie Max kordan, der zwar zu all den Grosten Stellung nahm, aber »r, unr sie zu bekämpfen. Nnd doch ist es 'dieser Manu Herzl, ist es dieses uneincrkte -Journalistenleben, dieser öberslächliche Charakter, t er es, von den, die tiefste Wirkung auf das jüdische Volk usging seit Moses Mendelssohn, ist er es, dessen sich der ieist bediente, um in das verdorrte Gebein zu fahren. >erzl, während er den Judenstaat schreibt, fühlt sich ummischt von den Flügeln des Geistes. Wir heute wissen, aß, er sich nicht geirrt hat. In den Druckwerken klingt es wie eine Anmaßung, enndieser Mann war der Meinung, daß mit der -eröfscntlichung des Judenstaates seine Rolle bei der Ausährung eines solchen Vorschlages abgeschlossen sei. Und ihn berkommt ein Gefühl der Schwäche, wie. wenige Wochen arnach, plötzlich von Menschen, die er nicht gekannt hatte, on Städten, Menschen, Juden, Zeitungen, von denen er -Iber nicht wußte, Anträge komme», er möge aussühre», las er oorgeschlagcn. Njir ein Schriftsteller kann das Entsetzen »achfühlen, as ihn befallen habe» muß. Es ist wie wenn im 2. Teil eines!omanes einer etwas anregt, und plötzlich trete» die Geölten des Romanes zu ihm und sagen: Du mußt das mchen, was Du vorgeschlagen. Und das ist die Entscheidung, ie er getroffen: daß er sich nicht entzog, daß er hinaus rat aus der bisherigen Existenz unter Menschen, unter jaden, von denen er einen falschen Begriff hatte, um etwas >, tun, wovon er auch einen falschen Begriff hatte. Er bildet sich ein, in 5 Jahren wäre alles geschehen, i 10 Jahren wäre Palästina vollkommen besiedelt. Ohne lese Phantasie hätte er 'nichts ausrichten können. Und daß er sich seinen Tod lund seine Unsterblichkeit .werben wütde,. das hat er am allerwenigsten geahnt, stnn er, glaubte, daß-die'Begeisterung, das, was zu tun er är nötig hielt, leicht und schnell ausführen würde und alles lit der Begeisterung geschehen werde, wie er es an den Wir- *) Stenogramm einer von Arnold Zweig in Frankfurt ehaltenen Rede. kungen seines Buches erlebt hatte. Ich glaube, daß er nach zwei Jahren bereits wußte, daß er an das 'Beleben eines Gräberseldes gegangen war. Daß ein Volk, welches seit Jahren kein Volk war, und eine Wirtlichkeit, die er selber nicht kannte, von ihm aufgeweckt war zum Leben, und diese Wirklichkeit nicht allein gegen ihn, aber hauptsächlich gegen ihn sich richtete. - Dieser Widerstand der stumpfen Welt Hai für Herzl den Tod vorbereitet, denn er empfand diesen Widerstand als persönliche Kränknng, als Bosheit der Welt, während es nichts war -als das Gesetz der Welt allem wirklich Neuen gegenüber. Allem wirklich Neuen gegenüber muß die Welt eiilgcgeiiarbeiieii. Trägheit, Angst, Feigheit, konventionelle öffentliche Meinung. Bequemlichkeit» all diese Gewalten, die das Leben des Menschen mehr bestimmen als die Keren der antike» Welt, empfindet er persönlich gegen sich. Und dann gegen sich das Sachverständnis, die genauere Kenntnis, als er sie hatte, der Wirklichkeit, derer, die ans dem Osten tömineu und die Leute kennen. Wenn Herzl sie genau gekannt) hätte, wäre er verzweifelt. Denn sie sind noch heute unorganisiert; die einzelnen konnten nicht zujaminengeschlossen iverden zur gemeinsamen Tat. Und das Land war auch durch uiiüberschreitbare Schranken vo» der Verwirklichung der Idee getrennt. Von Herzl stammt die Formel: Palästina ist ein Land ohne Volk, die Jaden ein Volk ohne Land. Bringen wir sie beide zusammen. Wir wissen, daß' Palästinaein Land ist, in dem viel mehr Menschen wohnen könne», als jetzt; — aber - in ihm leben die Araber, die in ihrem Lebenswillen und konservative» Beharren der stärkste Widerstand sind. Bis vor zwei Jahren wurden sie ganz übersehe», und heute haben sie die Besiedlung um Jahrzehnte verzögert. Die Charakteristika der Wirklichkeit waren Herzl und seinen Mitarbeitern verschlossen. Vorher war man gewohnt, über Völker und ihre Tendenzen und ihren eigenen, Willen hinwegzngehen, wenn mandie Regierenden für sich hatte. Und wir haben die stärkste Hand in Europa, für uns, aber das Araber-Problem ist davon völlig unberührt. Und so haben wir inbezüg ans die Wirklichkeit bei Herzl nur Täuschung. Wir müssen diesen Mann,, der hinanstrat und nicht sah, was ihn schob, wo er zu ziehen glaubte, wie die Selbsttäuschung dieses Mannes segnen. Denn durch diese Selbsttäuschung har er es ausgehalteii, so viele Jahre an der spitze dieser Bewegung zu stehe». Ohne den Elan, den er aus der Selbsttäuschung schöpfte, wäre er sicher zerbrochen, viel früher als vor 17 Jahren. Was ihm aber inzwischen zugesiotzen ist, kann man sagen, wenn man seine Bilder ansieht, vor — und nachdem er den Jndenstaar geschrieben. Man sieht, wie .hier ein Mensch von seinem Elan' in einen ganz anderen verwandelt wurde, wie er in Verhandlungen mit Menschen, im Kampfe mit Massen, gerieben wurde. Wie er von einer Stadt in die andere fuhr, im Kampfe mit der besseren oder schlechteren Einsicht auf- ■ um einen Vorteil zu erlangen, wie er sein Geld hingibt, wie er den Lebensunterhalt für seine Familie erschreibt, wie er schon Staatsmann ist, während er noch im Feuilletonismus steckt und zum Vergnügen seiner Leser schreibt. Während er so mit den Widerständen ringt, verwandelt ihn der Geist in das Werkzeug, Und diese Wirklichkeit, mir der er zu kämpfen hatte, und die 'Arbeit in seinen. letzten Lebensjahren war harmlos im Verhältnis zu heute. Wir können nicht über Herzl sprechen, ohne über uns zu sprechen, nicht über die Entstehung des Zionismus, ohne über die Gegenwart. Das was für Herzl Symbol war, das'ist uns allen im Grunde die Forderung der Gegenwart. Die Wirklichkeit von Herzl ist folgendermaßen zu charakterisieren: Es gibt »och einen Block nationaler jüdischer Existenz, es gibt in der politischen Welt noch die Möglichkeit der Verträge, den Glauben an den Charter. Wenn in Odessa das Judenviertel brennt, kommt von den Juden in Riga Hilfe. Wenn jüdische Sozialisten nach Irkutsk oder Tomsk verbannt werden, dann finden sie in Jrkuisk oder Tomsk Juden.-die mit ihnen die gleiche Staatsangehörigkeit haben, die ihnen sofort die Verbindung mit ihren daheim gebliebenen Lieben aufrecht erhalten, sich von ihnen nicht scheiden lassen durch. politische Grenzen. Wenn irgendwo ein Aufruf einer jüdischen Organisation erscheint, dann findet er in Kiew ebenso Widerhall wie in Dorpat. Das ist. das eine. - . Das'andere ist d i e Wirklichkeit, daß wenn der Sultan etwas sagt, und dem türkischen Beamten genügend Bakschisch gegeben wird, man sicher ist, daß es auch ausgesiihrt wird. Sie haben eben eine 'Macht hinter sich, die an sich; glaubt und respekneri wird. Geldmänner in Paris sind imstande, in der Türkei zu kolonisieren mit Hilfe der Regierung. Und der Premier in London, wenn er mit anderen Regierungeck zusammen kommt und das Schicksal der rumänischen -Juden zuin Gegenstände der Verhandlungen macht, muß dafür sorgen, daß die Nichtbefolgung der Verträge an die Oefsenrtichkeit kommt. 'Als drittes Charakteristikum ist auszusprechen, daß in der Zeit Herzls das Geld des Jude» im Osten mehr Wert hatte, als das Geld der Juden des andere» Kontinents und ebensoviel Wert wie das .Geld der 'Juden in London und Amerika. Und schließlich noch das: Wenn man in der damaligen Welt von Judeunor sprach und voii 'Antisemitismus, meinte man, daß gelegentlich in einer stadr des barbarischen Ostens ö0—60 Juden erschlagen wurden, daß, wo Deutsche ecwas zic sagen hatten, die Juden zurückgedrängk wurden, daß in Frankreich Antipathie gegen die Inden herrschte, und daß in Amerika bestimmt« Bäder nnd Hotels für Juden nicht zugänglich waren, daß in Deutschland ein Jude nicht Richter oder Offizier werden konnte. Sonst aber war alles gut. Wenn einer nicht sehr empsindlich war und eine Hornhaut harte, konnte er sich wohl fühlen. Aber sich leidenschaftlich erregen über die Verhöhnungen nnd Hemmungen, das tat keiner. Das ist die Wirklichkeit, die Herz! ailirifst. Und wenn jemand sein Buch Altnenland durchlas, dann dachte er: Wen» es so schön gegangen wäre, alles zur rechten Zeit und glatt und schön, dann wäre es vielleicht möglich, daß auch du »ach Palästina gehst. Und die Wirklichkeit, mit der wir heute zu rechnen haben, sieht so aus: Der Block jüdisch-nationaler Existenz ist völlig aufgetciti und den? sicheren nationalen Verderb ausgesetzt. In Polen wird die Assimilaiion mir Gewalt durchgesührt. Juden, die ihr entgegenkommen., werden überall bevorzugt, die andern werden mißhandelt. Man hat es erreicht, daß es in Polen nur noch zwei Arten von Juden gibt: Sozialisten jüdischer Zunge und eine polnische Bourgeoisie. Das ist das größte Unglück. Wenn mir die Sicherheit hätten wie früher, daß im Osten so viele konservative Kräfte am Werke sind, daß sie nicht.zersvrengi werden können, hätte es nicht solche Eite. iibt/f dieser Block ist unterminiert. Jeder weiß, daß dort die Orthodoxie an ihrem Ende steht, weil sie keinen Nachwuchs hat. 'Abgesehen von den Jeschiwas, gibt es keinen jüdischen orthodoxen Nachwuchs mehr. Das heißt, daß mit dein Tode derjenigen Juden, die noch orrhodox find, diese strengste bewahrende Tendenz wegsällt. Dem kann nur noch die nationale Idee enigegengestellt werden, die aber in: Osten nur ans schwachen Kräften beruht. Stärker ist der Sozialismus und die Bourgeoisie. Der Sozialismus fühlt sich nur als Sachwalter der Internationale und Hai kein Interesse, das jüdische Bolk^konservativ zu behandeln. Cs ist bekannt, daß die ru>sische Regierung Chedarim schließt, jüdische Druckwerke konfisziert usw. und nur darlnn jüdischen Schriftstellern das Recht zur Ausreise gegeben hat, weil diese ihr Widerstand entgegensetzen, während, .wenn sie im Auslande sind, ihre Schriften von den Grenzen znrückgehalten werden können. Das ist die eine Zerstörung jüdischer Wirklichkeit, der eine Unterschied unserer heutigen Wirklichkeit von der damaligen. Der andere Unterschied liege in den Geldverhältnissen. Wer imstande ist, das meiste Geld herzugebe», kann sei» Wort am meisten in die Wagschale werfen. Geistig führend in der jüdischen Welt sind das deutsche und das östliche Judentum. Heute aber sucht die Führung zu bekommen das Blufssudentum, das amerikanische. Sie wissen, daß vor zwei Jahreg der Zionismus in Amerika zwei Millionen Anhänger hatte, und heute, wo er an der Verwirllichnng ist, hat er nur hunderttausend. Von den dortigen Zeichnungen wurde nur der zehnte Teil eingezahlt. Das amerikanische Judentum besteht ans vielen einzelnen, und kleinen Massen. Sie haben noch keinen Kontakt, wie im Osten und in Deutschland. Was geistig in Amerika den 000. beschäftigt, beschäftigt in Polen den zehnten.. Diese Inden haben aber jetzt in jüdischen Dingen, am meisten zu sagen. Wir müssen glücklich sein, daß das südafrikanische Judentum energisch Maßnahmen zur Erhaltung des Heims in Palästina trifft, weil seine Wahrung und sein Interesse als

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