Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 14 (1916)
- Issue
- Heft 35 (8.9.1916)
- Date
- 1916-09-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Kriegsanleihe lehnt sich eng an die Bedingungen der 4. Kriegsanleihe an. Wieder wird in erster Linie dem deutschen Kapital eine 5»/oige Reichsanleihe angeboten, unkündbar bis 1924, wobei gleich bemerkt sei. . daß die Worte „unkiindbar bis 1924" keine Verkaufs- oder Vcrfü'gungsbeschränküng des Anleiheinhabers ankündigcn, sondern nur besagen, daß das Reich' den Nennwert der Mleih'e nicht vor dem erwähnten Zeitpunkte zurü^ahlen, bis dahin auch keine Herabsetzung des Zinsfußes vornehmen darf. Neben der 5o/<ngen Rcichsanleihe werden iVe^/orge Reichs sch atz anweisun gen ausgegeben, die sich von der Anleihe nur darin unterscheiden, daß das .Reich sich verpflichtet, diese Schätzanweisnngeil in eine»,' ge-, nau feststehenden, verhältnismäßig kurzen Zeitraum mit ihreni Nennwert einzulösen. "Die i g e Re ichs aüleihe wird ziun! Kn r s e von 98»/o (Schuldbucheintragnngen 97,80»/»} ausgegeben. Die Ne t to v e r zi n s u! n g der 5«/» igcn Reichsmileihe beläuft sich bei einein Kurse von 98»/» auf 5,10»/» und, wenn die Rückzahlung im Jahre 1924 erfolgen sollte (infolge des dann eintretenden Kursgewinnes von 2°»h auf 5,35o/o. Das ist angesichts der allerersten Sicherheit, die eine Deutsche Reichsanleihe darstellt, ein außerordentlich günstiges Angebot. Der Ausgabepreis der Schatz anweisun gen beträgt ohne Berücksichtigung der bis auf 1>/z»/o anfsteigenden Zinsvergütung 95»/», und da hier der Zinsstrß sich auf i'fcv’a beläuftso ergibt zunächst eine Rente > von -t,74o/o. Hinzu kommt indes der Vorteil, der deni Inhaber der Schatzanweisnngen durch die Tilgung winkt. Diese findet durch Auslosung innerhalb 10 Jahren, begimiend im Jahre 1983, statt und verbürgt dein Schätzonweisnngsbesitzer einen sicheren Geivinn von 5»/o, der frühestens im Jahre 1923, spätestens im Jahre 1932, fällig wird und'im günstigsten Falle das Zinsenerträ'gnis ans 5,51 o/a, im ungünstigsten Falle auf 5,07 "/o steigert. Beide Anleihen, die 5°/o ige biS 1924 unkündbare Rcichsanleihe und die 4>/-o/o igen Reichsschatzanwcisungen, haben ihre besonderen nnd großen Vorteile, und es muß mithin dem Ermessen des einzelnen Zeichners überlassen bleiben, wofür er sich entscheidet. Au den Zeichmmgen kann sich auch der kleinste Sparer beteiligen. Denn es gibt Unleihestücke nnd Schatzaiuveisungen bis zu 100 Mk. herunter, nnd die Zahlungstermine sind so bequem gelegt, daß jeder, der heute zivar über keine flüssigen Mittel verfügt, sie aber im nächsten Vierteljahr zu erwarten hat, schon jetzt unbesorgt seine Zeichnungen anmelden kann. Das Nähere über die Einzahlungstermiiie ergibt sich mit aller Klarheit aus der im Anzeigenteil dieser Nummer enthaltenen Bekanntmachung. Hervorgehoben sei hier nur, daß jemand, der .100 Mk. Kriegsanleihe zeichnet, denganzen Betrag erst am 6. Februar 1917 einzuzahlen braucht. Der erste freiwillige Einzahlungstermin ist der 30. September. Ihn Vierden sich alle die zunutze machen, die so frühzeitig wie inöglich in den hohen Zinsgenuß treten wollen. Obwohl am 30. September mit der Einzahlung begonnen werden kann, werden Zeichnungs an Meldungen bei allen Banken, Bankiers, Postanstalie» usw. bis zum 5. O kt0ber entgegengenommen. Die Zeichnungen auf Schuldbucheintragun - gen sind mir für die 5v/oigen Reichs'anleihen, nicht aber für die Reichsschatzanweisungen zulässig, und zwar aus : dem Grunde, weil die Schuldbucheintragung möglichst für solche Allleihebesitzer vorgesehen ist, die auf Jahre hinaus an ihrem Besitze festhalten wollen. Ob- >vohl die" Eintragung in das' Reichsschnldbuch für den Anleiheinhaber ganz besonders große Vorteile mit sich bringt, indem , er sich nicht um die Aufbewahrung > seines .Vermögens, die Zinsscheinabtrennnng usw. zu kümmern braucht, ist, wie gleichfalls schon gesagt, der Zeichuungspreis .hier um 20 Pf. niedriger, loeil denen, die die Kriegsanleihe als dauernde Kapitalanlage betrachten, ein besonderes Entgegenkoiiiiiieii bewiesen werden soll. Memand darf zögern bei der Erfüllung seiner vaterländischen Pflicht, jedermann kann überzeugt sein: Es gibt keine bessereiKaPitalanlage als die Kriegsanleihe, für deren Sicherheit die Steuerkrast aller Bewohner des Reiche? und das Vermögen aller' Bundesstaaten hasten! Ix stärker die finanzielle Rüstung, um so näher ist der endgültige Sieg auf dien Schlachtfeldern gerückt. Achad Haam. Zu seinem 60. Geburtstag. Von N a ch u m G 0 t d in a n n. Am 17.!AH ward Achad-Haam 60 Jahre alt. Wenn ein Mensch, vor allem aber ein Mann vom Rang und der Bedeutung Achad-Haams mit dem 60. Lebensjahre die Schwelle des Alters überschreitet, umfängt uns stets so etwas tvie eine Stimlnung des Abschieds. Es ist, wie wenn er dem brausenden stürmenden Leben Lebewohl sagte und einkehrte in jene Hallen der Ruhe, der Beschaulichkeit und friedlichen Weisheit, die dem Alter zugehören. Es ist eigentümlich und in hohem Grade kennzeichnend für Achad-Haam, daß angesichts seines 60. Geburtstages diese Stimmung nicht aufkommt. Man hat gar nicht die Empfindung, wie wenn durch dieses Ereignis irgendwelche bedeutsame Wandlung in seinem Leben, seinem Schaffen und seinem Wesen eingetreten wäre. Das Gefühl kommt nicht auf, als wenn er nunmehr, da er in das Alter eingetreten ist, würdiger, weiser, vollkommener geworden; denn man würde vergebens .nach einer Phase seines Lebens suchen, da er weniger würdig, weise und vollkommener gewesen wäre als jetzt. Dieses Alterjubilänm Achad-Haams ist nicht, wie bei fast allen anderen Menschen von Bedeutung und Eigenart, so etwas wie der Abschluß langer Kämpfe, die Ueberwindung schmerzensreicher Irrungen und Leiden, die .Befreiung von allem Unechtem, Illusionärem, Uebersprudelndem, ist nicht eine Krönung und eine Erfüllung. Denn seine innere Entwickelung kannte keine Wurp sc, die abzuschließen, keine.Irrungen und Leiden, die zu überwinden waren; Achad-Haam als Sechzigjähriger ist derselbe, der er als Vierzigjähriger, ja ich glaube schier, schon als Dreißigjähriger war; er war schon damals, wie er heute ist, ganz, geklärt, vollkommen; er war .schon dann alt, er war immer alt. Ja er war immer alt; diese Erkenntnis, dieses Gefühl überkommt den, der zum 60. Geburtstag Achad-Haams ihm seinen Blick, verehrend, bewundernd zuwendet, mit kristallklarer Gewißheit, und man empfindet, daß man damit unmittelbar an die zentrale Wesenseigenart dieses Mannes gerührt hat, daß man mit dieser Erkenntnis einen starkem Schritt getan hat zum Verständnis des Rätsels seiner Persönlichkeit. Denn — muß es für den Kenner seiner Werke erst gesagt werden? — Achad-Haam ist in seineir Persönlichkeit in so vielem rätselhaft. Man hat sich stets so viel und intensiv mit seinem Leben belaßt, daß man seine Gestalt selbst aus dem Auge verloren hat; man hat so viel über Achad-Haamis- .mns debattiert, daß man gar nicht die Notwendigkeit verspürt hat,, zu erkennen, wer eigntlich- Achad- Haam sei. Es ist die alte jüdische Neigung, über Rr. 35. das Werk den Meister, über die Schöpfung den Schöpfer zu vergessen und zu -glauben, daß man, hatman nur die. Ideen eines Menschen erfaßt lütjj*. analysiert/ auch seine Seele enthüllt hat, unwissend darüber, daß so oft Ideen, Ansichten und Werke nur Masken und Schutzwände sind, hinter deMn sich der Stolze, Einsame verbergen will. Heute, da Achad-Haam seinen 60. Geburtstag feiert, hat er aber ein Anrecht darauf, daß man ihm selbst den Blick zuwendet und sich bemüht, das System, das Werk, das er geschaffen, zurückstellend, sein .Wesen zu erfassen; denn auch von ihm gilt das, 'was für alle Menschen von Bedeutung und Heft sonderer Prägung Geltung hat: daß der Schöpfer stets interessanter, wertvoller, größer ist als seine Schöpfung. Das Rätselhafte, Ungewöhnliche an Achad- Haams Persönlichkeit nimmt man leicht wahr, wenn man ihn nur Ms Auge faßt. Zunächst, was ' ich schon anfangs dieser Zeilen andeutete: sein Mangel an Jugend, Leidenschaft, Irrung; es fehlt ihm eigentlich jegliche Entwickelung; sein erster Schritt in die Literatur erweist ihn .als den Meister,' der er bis heute geblieben ist;: man kann unmöglich'. in den 25 Jahren seines Schaffens irgendwelche Steigerung seiner Kraft nnd Kunst, irgendwelche Vervollkommnung, irgendwelche aufsteigende Kurve ' entdecken; mehr, man kann — Volt kleinen flüchtigen Arbeiten abgesehen — zwischen seinen Essays kaum irgendwelche qualitative Differenzierung wahrneh- ' men, kaum sagen, dieses sei bester, jenes minderwertiger. Sie sind alle gleich gut, gleich geschlossen, harmonisch und vollkommen. Dies gilt von der ganzen Art seines Auf- ' tretens, Denkens nnd Urteilens. Er war von der ersten Stunde seines Erscheinens der abgeklärte, kritische, weise, verehrungswürdige Denker, den wir heute in ihm verehren. Und ist immerdar zu jeder Stunde seines Lebens derselbe geblieben. Er hat sich nie gewandelt, er hat niemals einen seiner Gedanken desavouieren müssen, er hat niemals zugeben müssen, daß er geirrt habe, er hat niemals gesündigt (gedanklich), er ist stets sich treu, konsequent, ganz geblieben. Keine Leidcnschaft hat je das Denken und Fühlen dieses Mannes getrübt, keine Lockung der Sünde (ich spreche immer von der intellektuellen Art) ihn je verführt, er war nie berauscht, nie in Ekstase, hat sich nie vergessen; wann und wo wir ihm begegnen: er ist stets der ruhige, völlig selbstbewußte, kritische, überlegene Achad-Haam. Ist das nicht rätselhaft? Nicht ungewöhnlich? Ich muß gestehen, daß es mir beinahe unheimlich erscheint, diese unerhörte Vollkommenheit und Abgeklärtheit, die nicht das .Ergebnis, der Preis langer, harter Kämpfe, qualvoller Irrungen und peinigender Sünden ist, sondern von vornherein da ist, fertig, kugelrund nnd makellos. Es ist so groß und schaurig zugleich wie alles schlechthin Vollkommene, dem wir die Spuren seines langen, qualvollen Werdens, die Abdrücke seiner.überwundenen Unjvollkommenheiten anmerken. TeM — wer hat es noch nicht erfahren? —, wir verehren das Vollkommene, Makellose, Sündenfreie, aber lieben — lieben können wir doch im innersten Grpwde nur die an Jrnngen und Qualen und Reue reiche Unvollkomimistheit, kurz gesagt das Menschliche. Ein anderes Rätsel an Achad-Haams Erscheinung : Er ist im Grunde kein Schriftsteller. Hat man es schon bemerkt? Dieser gefeiertste, vollkommenste, klassischste aller neuhebräischen' Schriftsteller ist in Wahrheit — in seiner psychologischen