Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 14 (1916)
- Issue
- Heft 29 (28.7.1916)
- Date
- 1916-07-28
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr 29 „Dar,auf kam ich keine Rücksicht nehmen", entgcgnete der Doktor mürrisch. „Schwere Not! auf was wohl sonst? Mein Lieber, im Jntzsesse Meiner Possition hier möchte ich Dir ein ein größeres Solidaritätsgefühl für Deine Glaubensgenossen anempfohlen haben. Welcher Satan treibt Dich, Deine natürlichen Verbündeten Dir in Widersacher umzuwandeln? Auf wen rechnest Du Wohl hier? Daß Du's nur weißt, Max, die Freundschaft des Apothekers zählt nicht mehr wie esn falscher Groschen, jeder anständige Mensch, der nur einmal darauf hineingefallcn, trachtet ihn schleunigst wieder los zu werden. Bilde Dir doch um Himmelswillen nicht ein, daß Dir der Verkehr!>nit dem glatten Biedermeier zur Ehre gereiche. Oder glaubst Dü etwa, der Mann habe ein ehrliches Interesse für Dich? Er kennt Dich kaum, er weiß den Teufel, ob Dü seiner Karessen und Komplimente würdig seiest. Sonnenklar will er Dich also übervorteilen. Der feine Kunde wird dich wie eine Zitrone in seinen Punsch ausprcssen Aind dann magst Du seinetwegen ..." Starkes Läuten übertönte den Schluß von Hansens Psiophezeihung, der Doktor eilte hinaus, Hans hörte ihn im Vorsaal jemanden sehr laut begrüßen. Bald darauf trat er mit Mucha herein, der einen Arm vertraulich unter den des Doktors geschoben, auf dem anderen einen stattlichen Pelz mit sich führte, welchen er dem Doktor trotz dessen Weigern und Widerstreben sehr umständlich aufnötigte. „Und den müssen Sic mir nmnehmen, teurer, junger Freund, das hat mir Marie dringend auf die Seele gebunden. Das Mädchen hat vollkommen recht. Sie sind zart. Sie sind Strapazen nicht gewöhnt, ja meine Marie, wivd's wissen . , . Ergebenster Diener, Herr Sekretär — gefällig mitznfahy-n? — Haben bestimmt darauf gerechnet". Hans verbeugte sich gemessen. „Bedaure, biu dienstlich verhindert." „Ja, der Dienst, der Dienst! Das versteht sich, die Pflicht vor allem. O, Herr Doktor, Ihr Freund! Es gibt keinen Zweiten. Der lebt und stirbt nur seiner Pflicht. Ganz meine Grlundsätze, immer brav, immer pflichttreu! jDa kann keiner auftreten und mir nachsagcn, daß ich nicht Zeit meines Lebens ein grundbraver Kerl gewesen.... Sind Sic fertig, Herr Doktor? Schön, schön, Ihre Ausrüstung liegt unten im Wagen. Es war mir sehr angenehm, Herr Sekretär. . . Bitte, bitte, belieben Sic nur voran zu gehen, mein bester Herr Doktor — will mal sehen, ob Ihnen der Pelz nicht allzuweit sitzt — es macht sich — macht sich wirklich — na daim wollen wir. Empfehle mich nochmals, Herr Sekrvtär." „Jnkiriguanter Hallunkc", murmelte Hans, der hinter ihnr schritt. „Noch im letzten Augenblick fühlte er Angst, ich würde ihm dcir Gimpel zurücklocken." Der Wagen war mit den Herren die Straße hcraufgcfahven lind hatte wenige Minuten vor der Apotheke gehalten. „Donnerwetter, das ist ein starkes Stück", fluchte Hans in sich hinein, als er Fräulein von Mühlcnfeld den Wagen besteigen und neben dem Doktor Platz nchnlen sah- Um diese Zeit standen die guten Trcbanobitzer recht zahlreich auf der Straße und verfolgten den kleinen Vorgang lau der Apotheke mit großer Aufmerksamkeit. „Da fahren sic hin", seufzte , die sanfte Frida. „Ja, da fahren sie hin!" wiederholte die Mutter, „recht wie ein iBriautpaar." „Dummheiten", knurrte Hans. Aber das Wort ging ihm nach, Wochen und Monate. Das Pärchen sorgte dafür, daß er's nicht vergessen sollte. . Fünftes Kapitel. Falsch tourniert. „Liebe Hanna! Ich habe Dir versprochen, über Deinen Bruder zu wachen, und ich wollte es auch von Herzen gern tun. Erstens, weil Dein Bruder mein Freund ist, und zweitens, weil mir keine Mühe uild Sorge zu groß erschiendie ich in Deinem Aufträge nicht bereit wäre zu übernehmen. Aber diesmal-wirst Du mit Deinem getreuen Wächter nicht zufrieden sein. Ich bin ein rechter Prahler getvesen. Er. ist mir über, unser Max. Ein junger Mensch, der seine-Dummheiten vollbewußt jlind,methodisch ausführt, der wird durch labsichtliches Mißverstehen der' Besorgnisse und Ratschläge des ehrlichen Freundes schnell genug den Knebel gefunden haben, der den unbequemen Warner verstummen macht. Mein Wille war stark, Hannaaber mein Können erlahmt und humpelt hinterdrein. Die Dummheit heißt Marie Mucha oder Marie von Mühlenfeld, wi.e -sie sich lieber schelten läßt. Sie gibt Frankfurter Israelitisches FamilienAatt. vor, sich in Deinen Bruder verliebt zu haben. Und Max glaubt ihr die Aiätzchen und ist ganz stolz auf ihre reichen Gunstbeweisc. Denke doch, sic ist ja von Adel! Es .ist kein Kleines, den Verehrer einer adligen Dame zu spielen, und ihr Blumen senden zu dürfen und Bücher, deren Titel sic nur schwerlich ansieht. Alle seine freie Zeit bringt er in Gesellschaft des Apothekers und dieses Wädchen zu'; wenn er sich nicht Zivang anlegcn inüßte, würde er auch seine Mahlzeiten bei ihnen einnehmen. Und haben Bitten, Vorstellungen und Stachelreden ihn? wirklich einmal das Versprechen abgezwungen, doch eineil Tag liur wegznbleiben, dann jagen sich Botcir und Briefe hin und her, als letzter Trick siegt noch inlmcr, daß die liebende Jungfrau plötzlich „schwer erkrankt," sie würde vor einem Armbruch oder gar vor einem Typhus nicht zurückbeben, ivillkoinnienc Mittel deuchten sie ihr, um so rückhaltloser die häufigere Gegenwart des Unerfahrenen zu erlangen. Das Schlimmste aber bleibt, daß er sie heiraten Ivird, obwohl er sic gar nicht liebt, — aus Trotz, aus Eigensinn und Eitelkeit, der Schlviegersohn eines Adligen zu heißen. Wenn er .ihn nur gekannt hätte den hochwohlgcborencn Herrn Schwiegerpapa, diesen Borgmirwas und Saufaus. Und erst hie Mutter! Verkommen und verdorben in Laster und Schmach! Liebe Hanna, was schreibe ich Dir heute für häßliche Sachen. Max muß fort von hier, oder der Skandal ist unvermeidlich. Natürlich >vird er nicht so leicht Ivollen. Die Praxis hat sich leider, leider ziemlich erträglich eingefnndcn. Die Städter mögen ihn gern um seines sichern und bescheidenen Auftretens tvillen, das Landvolk aber tpird ihm scharenweis von dem nur zu gefälligen Apotheker ins Haus getrieben. Das ist der Köder, der ihn angeln soll. Kluge Hanna, Dein Kopf tvird findiger als der meine sein; — tvie bekoinmen wir den dummen Bengel wieder zit Verstand? Dein, Dir stets ergebener Hans." Der Schreiber hatte den Brief noch ciumal aufmerksam durchgelcsen, änderte hier uud besserte da, strich ein Wort oder ein Zeichen, schob dann den Bogen in einen Umschlag, auf dem die Aufschrift in großen, kräftigen Zügen bereits geschrieben stand: „An Fräulein Johanna Goldmann in Kronstadt (Oberschlesien)", und war eben im Begriff, den Umschlag zu schließen, als er plötzlich den Brief wieder herausnahm uud einer Eingebung folgend, ihn an den Kamin trug und auf die schoil verglimmenden Kohlen legte. Träumerisch sah er zu, toie die Flamme auflodcrte in bläulichem Licht, und die Foriil des Papiers irnd die Buchstaben sich sekundenlang <11 der Asche erhielten, che sic zerstäubten. Das war -der vierte, murmelte Hans, der vierte heute. Nein, noch soll sic nichts erfahren, sie soll nicht weinen. . . Vielleicht, daß ich noch verhüten, noch abwcndcn kann. . . Er muß mich hören . . . Zum Glück ist jede Feigheit seinen! Wesen fremd. Einer direkten Aufforderung gegenüber tvird er ja Rede stehen und dann — wenn er sich nur überzeugen ließe! Wahr ist's, man kann dem Mädchen nichts nachsagen. Ihre Vergangenheit scheint rein. Wüßte ich die Zukunft nur nicht so verwünscht genau vorher! Wie er dann leiden tvird, der Starrkopf, mit dem tveichen Kinderherzcn. „Herr Sekretär!" „Sie sind's, Frau Schmidt. Was bringen Sie?" Der Laufjunge ist eben zurück. Der Herr Doktor lassen grüßen, und er werde pünktlich erscheinen." Hans sah erfreut auf. „Wirklich? also doch. Ich danke Ihnen, siebe Frau Schmidt." , „Hat sich tvas zu danken. Es ist weit gekommen, daß Sie nach Ihrem früheren Intimus auf die paar Schritt erst schicken müssen und ihil womöglich bitten, tvenn Sie 'nen Ton mit ihm reden wollen. Natürlich war er nicht allein. Der Alte und Marie saßen schon wieder bei ihm. — „Willst Du wirklich gehen?" hat ihn Marie gefragt. Ja ja, sie dutzen sich die beiden, der Junge hat es ganz deutlich gehört, denn tvenn er auch nur polnisch spricht, er versteht ganz gut deutsch. Die Racker, sic verstehen es hier alle, sie wollen cs blos nicht reden. O, mein guter Herr Sekretär, tvie ist das alles anders geworden. Wie hübsch war's, als der Doktor bei uns wohnte, und Sie jeden Abend zusammensaßen und plauderten und sangen, bis das Unglück mit der Marse drüben anfing." Hans nickte. „Ja, Frau Schmidt, cs tvar Ivirklich c>n Unglück." „Und dem Apotheker plötzlich einfiel, in sein Erdgeschoß zu ziehen, das zwanzig Jahre lang — seit der häßlichen Geschichte mit seiner Schtvester — leer gestanden hatte, und dem Herrn Doktor seinen ersten Stock anzubieten. Freilich für ein rechtes' Lumpengeld, aber der Doktor biß doch schnell genug darauf an... Leite 5. Mein lieber, guter Herr Sekretär, tvie geht es nur zu, daß die Herren Gelehrten mitunter so schrecklich dumm sein können?" Und da Hans dieses Phänoiucn leider durchaus nicht auf seine Entstehung znrückzuweisen wußte, fuhr Frau Schmidt, nachdenklich mit sich selber redend fort: „Wenn ich geahnt hätte, er rmirde eine Christin nehmen, so konnte es auch meine Frieda sein. Sie hätte viel . besser zur Frau Doktorin gepaßt. Sie hat so tvas Gesetztes, nleine Frieda, nicht tvie die andere, deren ganze Bildung darauf hinansläuft, daß sie mit den Männern hübsch tzu jrm versteht." Hans gab keine Anttvort, aber seine Gedanken sprachen: „Wie gerecht ist die KriUk dieses einfachen Weibes! Ja, meine brave Frau Schmidt, wie dumm kann doch ein Gelehrter mitunter sein!" „Zu Ihnen gesagt, Herr Sekretär, ich hätt' ihm das Mädel gern gegeben und ein hübsch paar Böhmen Geld obendrein. Die jüdischen Herren sind gute Ehenlänner; alles, was recht ist, die Frauen haben es bei ihnen viel besser, als tvie — Jesus, jetzt kommt er und mit dem Herrn Amtsrichter. . ." und Frau Schmidt rannte im höchsten Schrecken davon, so schnell, daß sie sogar die Strickerei mitzunehmen vergaß, di^ bis daher munter ihre Rede begleitet hatte. Hans stand auf, um zu öffnen, auf seinem Gesicht malte sich Mißmut und Verdruß. Max, der seit Wochen jeder längeren Zusammenkunft mit ihm hartnäckig ans dem Wege gegangen tvar, war heute seiner Einladung gefolgt; — aber brachte er nicht den Amtsrichter mit, um abermals jeder vertraulichen Anssprache vorzubeugen? Die halb trotzigen, halb verlegenen Mienen, mit welchen der Doktor hereintrat und . seinen Gruß erwiderte, bestätigten vollkommen seinen Verdacht. Auch der Amtsrichter sah befangen drein. „Sic müssen mir heute Abend einen Unterschlupf gewähren, lieber Scholz", sprach er mit viel zu ausgelassener Lustigkeit, als daß sie natürlich klingen sollte, „ich bin meiner Alten durchgebrannt." Hans hatte sich schnell gefaßt. Der Amtsrichter war, obwohl in seinem Fache ein kenntnißreicher, vielwissender Mann, „einen verschlossenen Bücherschrein" hatte ihn einmal ein Witzbold getauft, im Privatleben von ängstlicher, leicht eingeschüchterter Natur; daß er einen Streit zweier Freunde indiskret weitertragen oder sich gar zum Schiedsrichter aufwerfen werde, durfte man keinestvegs von ihm erwarten. Wenn Max keine gefährlicheren Verbündeten ins Treffen schob. . . Hans lächelte daher verbindlich, als er dem Amtsrichter zur Antwort gab: „Atein lieber Herr Seligsohn, es soll mir ein unendliches Vergnügen bereiten. Sie die ganze Nacht hier zu behalten, und ein ivahrhaft paradiesisches Labsal ivollte ich empfinden, wenn Ihre Frau Gemahlin selbst bei mir suchen kam'." „Weiter nichts? Scholz ich glaube. Sie fürchten sich vor keinem Teufel.". „Bor keinem Teufel, nicht einmal vor den Weiben." „Quod erat demonstrandum." Der Amtsrichter hob den Strickstrumpf der guten Frau Schmidt in die Höhe. „Welche hübsche Frau hat Ihnen eben die Zeit vertrieben. Sie Don Juan?" - „Gott sei Dank, nicht ineine eigene." „Nichtsnutzer, Götter! Aber nehmen Sie sich wohl in acht. Hirtenknabe, Hirtenknabe, Dir auch singt man so einmal!" „Ich werde niemals heiraten", versicherte Hans mit siefeni Ernst. „Er hat eine unglückliche Liebe", scherzte Max. „Welche ich einer zil glücklichen entschieden den. Vorzug gebe," entgegncte Hans gereizt. „Was soll das hier?" Ma xnmr aufgesprungen. Bleich und erregt maßen sie sich mit finsteren Blicken. Da legte der Amtsrichter seine Hand begütigend auf Hansens Schulter. „Wie ist's, Herr Wirt, spielen oder trinken wir?" „Wir wollen beides", entschied Hans wieder mit seiner gewöhnlichen Ruhe. Er stellte einen mächtigen Steinkrng schäumenden Bieres auf den Tisch, um bald darauf seinen Gästen je ein Trinkgefäß in Form eines wohlbeleibten Klosterbruders hinzureichen. Wenn man die Mönchlein tränken wollt, mußte man ihnen die Köpfe abschlagcn. Die Herren stießen an. „Salve contrater. Wetter, ist das ein süffiger Stoff", schmunzelte der Amtsrichter. „Und ihn so grad' heraus loben zu dürfen, ohne daß mich meine erschrecklich Prüde Eheliebste sofort verbessert. Welche Wonne, welche Lust." (Fortsetzung folgt.)