Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 14 (1916)
- Issue
- Heft 3 (21.1.1916)
- Date
- 1916-01-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Vor kurzer Zeit fand eine Sitzung des Zentralkomitees der Z i o n i st i s ch e n Vereinigung f ü rDeutschl a n d statt. Der Bericht über die Sitzung, die Mitteilung der darin gefaßten Beschlüsse stellen seit langer Zeit wieder ein weithin erkennbares Lebenszeichen der Zionistischen Organisation dar, von der die jüdische Oeffentlichkeit schon seit geraumer Weile nichts vernommen hatte. Und es lenkt diese Veröffentlichung unsere Aufmerksanlkeit wieder auf die Stellung des Zionismus inr Kriege, auf die Bedeutung, die der Krieg für ihn besitzt, und aus die Aufgaben, die er jetzt, vor allem aber nach dem Kriege, zu erfüllen haben wird. Es gab -ja bei Beginn des Krieges Leute, die, voll prophetischen, Dünkels sich berufen fühlend, über die künftige Entwicklung bestiinmte Vorhersagen zu verkünden, mit emphatischer Bestimmtheit erklärten, dieser Krieg werde dem Zionismus ein Ende bereiten. Die laut so sprachen — es waren ihrer nicht wenige — und still so dachten — es waren ihrer noch viel mehr — gingen dabei in erster Reihe von der Erschütterung aus, die der jüdische Solidaritätsgcdanke durch den Krieg notwendig erleiden müsse und wissend, daß dieser Gedanke die vornehmste, wichtigste Grundlage bilde, gelangten sie so zu der vorschnellen Prophezeiung. Sie hat getrogen wie fast alle Vorhersagen, die man zu Anfang des Krieges aussprach, und daß sie trügen mußte, war jedem, der die . Tinge von einer höheren historischen Warte betrachtete, von vornherein klar. Der jüdische Solidaritätsgedanke besteht in diesem .Kriege nicht seine' erste Belastungsprobe; er hat schon viele andere, vielleicht . sogar manche schwereren und gefährlicheren bestanden und ist doch stark und nnZcbrochen aus ihnen hervorgegangen. Und so durfte man erwarten, daß auch dieser Krieg, trotz alter Verhetzung und Entfremdung der NatiiM neu, trotz des Berges von Haß, Neid und Schmutz, den er aufwarf, den jüdischen Solidaritätsgcdanken nicht brechen würde. Und die bisherige Entwicklung der Dinge hat diese Erwartung durchaus gerechtfertigt. Von. einigen wenigen überreizten Köpfen abgesehen, die ip den einzelnen Ländern den definitiven dauernden Abbruch aller Beziehungen zu den Juden der feindlichen Staaten forderten, hat die jüdische Solidarität überall allen Anstürmen des Krieges standgehalten/ ja, mehr als dies, in sehr vieles Juden x hat die uamenlose Not und Qual, die oas jüdische Volk in diesem Kriege erdulden muß, ihr jüdisches Bewußtsein neu erwachen lassen, und man darf heute schon mit Bestimmtheit ans ein Erstarken der jüdischen Solidarität durch den Krieg rechnen. - Noch ein anderer Gesichtspunkt war für jene, die das Ende des Zionismus prophezeien wollten, maßgebend: der nämlich, daß dieser Krieg auch den j ü d. N a t i o n a l g c d a n k e n, in Deutschland wenigstens, vernichten müßte.. Nach deni ungeheuren Erlebnis dieses Kampfes Deutschlands um Sein und Nichtsein, der alle Glieder des Reiches so felsenfest zusammengeschmiedet hat, nach diesem gemeinsamen Kampfe für Deutschland — meinten jene — werde es nun nieniand mehr wagest dürfen, von der nationalen Sonderart der Juden zu sprechen und ihre nationale Zugehörigkeit zum Deutschtum irgendwie zu bezweifeln. 'Auch dieser Gedanke, vielleicht einleuchtender und scheinbar überzeugender als der andere, der die Solidaritätsidec betraf, hat sich als falsch erwiesen. Das innere Erlebnis dieses Krieges hat gezeigt, daß die Scheidung von Staat und Nation, die der Zionismus immer proklamiert hat, berechtigter ist denn je, und das Beispiel der Polen in Deutschland, vor allem aber das Beispiel Oesterreichs, hat bewiesen, daß man sehr wohl alles für seinen Staat cinsetzen könne, ohne damit irgendwelchen Verzicht auf seine Nationalität verbinden zu müssen. Ja, mehr als dies: in diesem ungeheuren gemeinsamen Erlebnis, das über Deutsche und Juden in diesen Tagen hinwegegangen ist, in diesem nahezu steten Beisammensein tausender jüdischer und deutscher Soldaten draußen an der Front, haben viele zum' ersten Male ihre besondere jüdische Wesensart erkannt, haben viele sich als Juden überhaupt erst entdeckt. Biele Briefe jüdischer Soldaten, auch solcher, die bislang dem Zionismus fcrnstandcu, legen Zeugnis davon ab, und so darf man auch in dieser Hinsicht schon heute sagen, daß der' jüdische Nationalgcdanke, daß der Zionismus innerlich stärker und gefestigter aus diesem Kriege hcrvorgehcn wird. Aber mehr noch als all dies ist ein anderes geeignet, die innere Berechtigung, die moralische und historische Bedeutung des Zionismus gerade in dieser Zeit, durch diese Zeit in außerordentlich mächtiger Weise auch solchen zu offenbaren, die sie bislang nicht erkennen oder zugeben wollten: die unerhörte Not und Tragik unseres jüdischen Schicksals in diesem Kriege. Nie wieder in unserer gesamten Geschichte hat der Jammer unseres Geschicks, die Furchtbarkeit unserer Situation mit solch erschütternder Wucht sich offenbart wie in diesen Monaten. In dieser Zeit höchster und gewaltigster historischer Entscheidung, da alle Völker der Welt durch größte Kraftanspannung, durch die intensivste Entfaltung ihrer Energien ihre Stellung in der Geschichte zu sichern und zu erhöhen sich bemühen, Zind wir das einzige Volk, das nichts zur Selbsterhaltung unseres Zukunft tun kann, sondern machtlos abtvarten und demütig hinnehmcn muß, was ihm die Zeit bringt: während, alle Nationen angesichts der großen Neuverteilung der Welt, die dieser Krieg herbeiführen wird, mit lauter Stimme und mutigem Selbstbewußtsein ihre Ansprüche anmelden, entschlossen, für ihre Durchsetzung zu kämpfen nutz zu leiden, bleiben wir, äußerlich zersplittert und innerlich gespalten, stunlin und lassen die Welt vergessen, daß wir überhaupt existieren. Und bei alledeni erlitt und erleidet doch kein Volk in diesem Kriege soviel Furchtbares als wir, ertrug doch keines solch ein Martyrium wie das unsere. Fürwahr, was vermöchte mit stärkerer Ueberzeugungskrast die Berechtigung und Notwendigkeit des Zionismus zu künden alS diese Zeit? Dem Blindesten selbst müßten die Augen aufgehen angesichts der furchtbaren Lehren dieser Monate, und wer noch einen Funken von Liebe zum jüdischen Volke und jfiite Spur historischer Erkenntnisfähigkeit besitzt, " muß in diesen Tagen begreifen, daß die gegenwärtige Lage unseres Volkes innerlich krankhaft, entwürdigend nnd unhaltbar ist^und, soll unser Volk erhalten bleiben, schneller nnd radikaler Umgestaltung bedarf. So kündet diese Kriegszeit, von der so viele das Ende des Zionismus erwarteten, mit unüberhörbarer Sprache die historische Berechtigung desselben; statt ihn zu schwächen oder gar zu vernichten, wird sie ihn innerlich stärken und neu beleben. Dies ist das wahre Verhältnis des Krieges zum Zionismus.- Wie aber ist das Verhältnis des Zionismus zum Kriege? Welche Stellung nimmt er in dieser Zeit höchster Entscheidung ein? Welche Aufgaben stellt ihm die Zeit und wie erfüllt er sie? Und vor allem: Wie bereitet er sich vor für die große Mission, die er nach dem Kriege zu erfüllen haben wird? Darüber im folgenden Aussatz. U' Roch einiges zum Ostjudeuproblem. Vom Gouverneur v. Puttkamer.*) In einem früheren 'Aufsatz habe ich bereits auf die große Bedeutung der Qstjudenfrage hin-. gewiesen. Aus Grund zahlreicher mir zugegangener Zuschriften kommen ich nochmals auf die Angelegenheit zurück. Nachrichten, die aus Polen zu uns herüberdringen, bestätigen immer mehr, wie wichtig es ist, in den von uns besetzten und verwalteten Gebieten schon jetzt geeignete Maßregeln zum Schutz der dort lebenden nationalen M i n o r i t ä t eil zu treffen. Maßregeln, welche geeignet sind, die praktische Turchjührung der beabsichtigten und durch die künftige Verfassung feftzusctzenden Sicherungen zu ermöglichen. Ter großen Bedeutungdieser besonders im .Hinblick auf die jüdische Bevölkerung überaus schwierigen Frage hat die Reichsregierung dadurch Rechnung getragen, daß sie bereits vor längerer Zeit einem bekaimten jüdischen Reichstagsabgeordneten das Referat über jüdische Kultus- und Schulangelegenheiten beim. Generalgouvernement Warschau anvertraut hat. Es scheint aber dies noch nicht zu genügen; einmal iibersteigt die mit der 'Aufgabe verbundene Arbeit entschieden die Kräfte eines einzelnen; sodann aber kommen außer Kultusnnd Schulsachen noch eine ganze Menge anderweiter unendlich wichtiger Dinge in Frage, wie Vereins- und allgemeine Wohlsahrtsangelegenheiten, Beschaffung und Verteilung billiger Lebensmittel, Bolkshygiene^ Verteilung und Besiedelung von Land, Anlage von Gärten zunr Anbau von Gemüse und dergl. Dies alles nnd noch manches andere ist nötig, um die Lage der jüdischen Bevölkerung zu einer erträglichen zu machen, die Leute ini Lande festzuhalten und sie kulturell zu heben. Und zwar ' tut Eile Not, wenn größtes Unheil verhütet werden soll. Was Warschauer Zeitungen berichten und Pri- - vatnachrichten bestätigen, ist nicht allzu erfreulich. ' Wenn man den Gedanken an eine etwa mögliches Wiederkehr der Russen, die natürlich ein jüdisches: Massengemetzel mit sich bringen würde, nichts ernstlich auskomnien läßt, so hört man doch vielfach: die Ansicht, daß es speziell den dortigen Juden unter der russischen Herschaft gerade in Polen wirtschaftlich eigentlich besser ergangen sei als jetzig; In vielen Gegenden des Landes scheinen die Zustände allerdings entsetzlich zu sein, insbesondere Verpflegung nnd Hygiene nahezu alles zu wün»; schen übrig zu lassen. In einzelnen Gegenden ist die' Kindersterblichkeit ungeheuer, - Kinder; unter fünf Jahren sieht man kaum' noch. Frauen und Kinder müssen oft 25 Kilo-; ineter weit zu Fuß gehen, 'um in der jü-; bischen Volksküche der nächsten Stadt eine warm e, Suppe zu erhalten. Zwar, fehlt es nicht, an einem Hilfskomitee in Warschau, dem. zur Linderung der schlimmsten Not bis jetzt etwa: 11 Millionen Rubel (der sogenannte Tatjana- Fonds) zur Verfügung standen, die auch. unter *) Aus „Der Tag."