Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 13 (1915)
- Issue
- Heft 29 (30.7.1915)
- Date
- 1915-07-30
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. Nr. 29. N Frankfurter Israelitisches FamilieMatt. schichte, sondern auch in gewissem Sinne des Geistes. Hätte dieser Lebensprozeß nach Moses Heß auch nur in der Konservierung schlummernder Kräfte, in einer Art Ruhepause nach zu starker Energieausgabe bestanden! Und so können wir, wenn es uni eine Erneuerung des jüdischen Wesens geht, an diesem Fortlcben im Golus auch nicht vorübergehcn; denn die eigene Urkraft, die nicht nur im Mut und in der Erde, sondern auch im Geiste des Volkes lebt, ist durch das Golus hindurch an uns gekommen und hat uns "durch das Golus hindurch zu dem geschaffen, was wir sind. 'Dieses bildet die Kette, die uns nach rückwärts an die eigenen Wurzeln bindet, nicht nur äußerlich, sondern in uns selber. Wollen wir — selbst in Palästina — neue Werte erringen, dann können wir dies nicht ohne Bewußtsein jenes großen Zufanunenhanges, der auch durch das Golus hindurchgeht — sonst schaffen wir mechanisch, höchstens willLirlich-geistig, aber nicht organisch. — Denn wenn das Judentum sich selber ganz verstände, sowohl in dem, was cs erworben, als in dem, was cs an sich rcrdorben hat, wenn cs auch den Sinn des Golus ganz erfassen würde — vor allem auch in den feinsten Blüten des Leidenheldentums, der innerlichen Versenkung, der Willensklärung, welche im Golus erblüht sind — dann würde schon hierdurch das Golus sich selber überwinden, über sich selbst hinauswachsen. Freier und natürlicher würden dann die Kräfte des Judentums von selbst die natürliche Einheit ihrer nationalen Betätigung suchen und finden" (Dr. Ernst Müller, Heimkehr, 1912). Und Martin Buber geht in seinen drei Reden iwch weiter, indem er sagt: „Zweifellos würde eine zentrale jüdische Siedlung in Palästina etwas Großes, etwas in der Geschichte fast Beispielloses bedeuten: die Möglichkeit, daß sich ein gesundes jüdisches Kcrnvolk bilde, das sicherlich im Laufe der Generationen auch kulturelle Werte erzeugen würde. Wahrscheinlich würde sic auch auf die jüdische Diaspora einen stärkenden und zusauunenhaltendcn Einfluß ausüben. Aber eine Erneuerung im absoluten Sinne könnte sie nicht verbürgen; und das Zentrum des jüdischen Volkes wird nur dann auch das Zentrum des Judentums werden, wenn cs nicht um der Erneuerung willen, sondern aus der Erneuerung und durch sie geschaffen wird. Ein geistiges Zentrum kann wissenschaftliche Arbeit fördern, cs kann sogar Ideen — wenn auch nicht schaffen, so doch verbreiten und Propagieren, ja es könnte vielleicht auch ein soziales Vorbild werden;aber das, wovon ich einzig das Absolute erwarte, die Rückkehr und Umwandlung, den Umschwung aller Elemente, wird es nicht bewirken können. Ja, cs will mir scheinen, daß für die Erschütterung von Grund aus, die ihm vorangehen muß, die ungeheure Zerrissenheft, die schrankenlose Verzweiflung, die unendliche Sehnsucht, Las pathetische Chaos vieler heutigen Juden ein günstigerer Boden sind, als das normale und zuversichtliche Dasein des Siedlers im eigenen Lande."*) Das sind in großen Zügen die zeitgenössischen Auffassungen vom Golus und seiner Bedeutung. für die jüdische Zukunft. Aus ihnen läßt sich die fteudige Ahnung schöpfen, daß, je tiefer Israels.Führer in das Problem der jüdischen Frage eindringen, desto weniger für sie Anlaß ist, auf das Positive alles jüdischen Werdens zu verzichten, und: daß schließlich die Meinung ihren Siegeslauf durch die jüdische Welt nehmen wird, welche es versteht, alle in uns wirkenden und schlummernden Kräfte zu neuer .freier Betätigung zu erlösen. *) Die sogenannte „Enicuctu 11 g", von der der geschätzte Schreiber referierend berichtet, ohne selber Stellung zu nehmen, hat seit dem Entstehen des Zionismus schon viel Staub aufgewirbelt. Anfangs verstand man zunächst darunter die körperliche Verjüngung des jüdischen Volkes. Dieses ist infolge der anormalen Lage»;in der es sich im Galnth befindet, geschwächt. Ueberdics hat eine Galnth - Askese, die in den schiefen Anschauungen einer Minderheit zur. Zeit des geschichtlichen Verfalls wurzelt, diese Entartung gefördert; verschrie sie doch sogar frische, gesunde Gesichtsfarbe und kräftigen Körperbau als „»»jüdische Art", als Zeichen Esaus. Gegen diese Denkweise wendete sich die nationale Bewegung gleich bei ihrem Entstehen und prägte als Gegenstück das „Muskeljudentum", dessen Aufgabe es ist, an Stelle des entnervten Galuth-Luftnienschen ein gcsuRtzes, bodenständiges Element zu erziehen, ein Bestreben ganz im Sinne des „alten" Judentums, nach dem der Prophet nicht nur ein Weiser, sondern auch ein „Gibaur", ein Held sein muß. Für dieses Ziel bedars's also keiner revolutionierenden Jugend, keiner Buber und Welsch, — wohl aber der Schaffung gesunder, normaler Lebensbedingungen. Ein Blick auf die westeuropäischen Juden beweist, was geordnete Verhältnisse, was der bloße Wohlstand allein auf diesem Gebiete auszurichten vermag. Man sieht: auf dies allein, auf das nur Körperliche kann sich, diese Erneuerung nicht erstrecken, sie muß in erster Hinsicht auf dem Gebiet des Geistes getätigt werden. Mystiker zvie Buber kümmern sich herzlich wenig um starke Muskeln. Nun hört man häufig sagen, mit dem „altruistischen". Judentum lasse sich kein Staatswesen begründen unN erhalten. Doch diese Behauptung ist ebenso wie manche anderen Behauptungen vom Judentum grundfalsch: das Judentum ist in seinem Hauptwesen gerecht, und die Gerechtigkeit ist nicht altruistisch, fußt vielmehr auf dem Prinzip des „Schell schell, weschelcho. schelcho (was mir ist, ist mir, und was dir ist, ist dir)"; also Jedem das Seine! Doch was Buber und Genossen tvollen, ist weit mehr, als geistige oder körperliche Schäden zu heilen. Ihre Bestrebungen gehen auf das Ganze hinaus, auf die Seele des Judentums! Man möchte alles Erneuern, sogar die Ethik des Judentums. Freilich handelt cs sich nur um, ein „Mögen", denn einstweilen chat man noch nichts in! Händen, man tastet im Dunkeln, ist sozusagen Es der Suche. . . Und weshalb? Hat sich unsere alte Ethik als fehlerhaft erwiesen? Keineswegs! Die Erneuerer kennen das Judentum zu oberslächlich, zu ungenau, um greifbare Mängel aufweisen zu können. Der einzige Untergrund der ganzen Bestrebung ist der Wille zu erneuern, ohne recht zu wissen, was eigentlich der Erneuerung bedürftig ist. Ist etwa Grund zur Besorgnis vor diesen Erneuern gegeben? Keineswegs! Bor Unklarheit brauchen wir nicht zu fürchten. Im übrigen ist die Zahl der Suchenden ganz minimal. Das jüdische Volk im großen und ganzen krankt nicht an Unklarheit! D. Redakt. Brief aus Amerika. Die Juden des Staates Georgia durchleben jetzt eine schwere Zeit. Die Umlvandlung der Todesstrafe Leo M. F r a n k' s in lebenslängliches Gefängnis seitens des Gouverneurs John M. Slaton 'hat den Pöbel des Staates geradezu in Raserei gebracht. Der Pöbel wollte Blut sehen, und wenn Frank nicht vor der Verkündigung der Umwandlung heimlich aus Atlanta weggeführt worden wäre, — sicherlich hätte ihn der Pöbel nach dem dort üblichen Brauche aus dem Gefängnis geholt und selber getötet. Der Pöbel r.ast, — und tüchtige Leute der Geschäftswelt suchen die Situation gegen ihre jüdische Konkurrenz auszunützen, indem sie zur Boykottierung der Juden rufen. Das Ganze aber zeigt, wie es auch im Lande der Freiheit nur eines Funkens bedarf, die Flamme des Judenhasses lichterloh aufzupeitschen. — Während so der Antisemitismus auch in Amerika eine allgemeine Erscheinung ist, ivird andererseits alles dafür getan, daß die Juden in dem großen „Schmelztiegel" verschwinden, sich anpasscn, amerikanisieren. Diese Aufgabe soll in erster Reihe die Schule erfüllen, und man weiß, wie systematisch in dieser Hinsicht die Schule arbeitet. Aber auch sonst zeigt sich dieses Bestreben. So hat Einwanderungskommissar Fred er i c C. Howe die Veranstaltung eines Bürgerschaftstages vor. Es sollen in New Dork die rund 20,000 Ausländer, die im letzten Jahre ihre ersten Papiere erhielten, in cinein Zuge nach dem Stadium marschieren — cs ist das die Rennbahn, die Adolph Lcwisohn der Stadt schenkte —, um dort feierlich als Bürger Anicrikas willkommen geheißen zu werden. Präsident Wilson und der Bürgermeister sollen sprechen. Die Teilnehmer sollen ein geeignetes Abzeichen und ein Diplom erhalten, das dann — eingcrahmt — in ihrem Heim einen Ehrenplatz finde. — Das Bollwerk gegen Antisemitismus und Assimilation kann nur das jüdische B e w u ß t s e i n geben. Deshalb muß das sichtbare Fortschreiten der zionistischen Bewegung begrüßt werden, denn sic erweckt jüdisches Interesse und verleiht das Gefühl des Stolzes, ein Angehöriger des jüdischen Volkes zu sein. Dieser Tage fand in Boston unter sehr großer Beteiligung die I a h r e s k o n - fercnz der amerikanischen Zionisten statt. Dem Berichte des Vorsitzenden, Louis Lipski, war zu entnehmen, daß im letzten Jahre die Zahl der Schekelzahlcr um mehr als 4000 zugenommen hat und für die zionistischen Institutionen in Palästina und für Organisationszwecke 80,000 Dollar gesammelt wurden. Auf dem Essen, womit die Tagunss ihren Abschluß fand, und an dem 1400 Personen teilnahmen, wurden 100,000 Dollar für zionistische Zwecke gezeichnet. Gattzische Jaden. Zwei Briefe. I. . Ich las letztens einen Artikel im Hamburger Fremdenblatt über die Verhältnisse in den österreichische» Barackenlagern, verfaßt von Toni Ruth, Prag., Darin hieß es: „Die hübsche und elegante- Frau, die sonst in Wien, Graz, Brünn und in den anderen österreichischen Städte» die anmutige und liebliche' Hauptrolle im srohbewegten Straßenbild spielte, trägt jetzt einfach das schlichte Schwesterngewand, die Weiße Binde mit dem Roten Kreuz mn Arm und waltet still und unscheinbar in einem Laza rett ihres barmherzigen Amtes. Statt dieser liebvertranten Gestalten schleichen lang bärtige, bleiche, kleingewachsene Galizier durch die Straßen, in eigentümlich, gebückter Körperhaltung,' als laste das Jahrtausend alte Leid ihres Volkes drückend auf ihren Schultern. Fremdartige Erscheinungen im pelzverbrämten oder ärmlichen geflickten Kaftan, mit hohen Schaftstiefeln und mit merkwürdig flachen Hüten von vorsintflutlicher Form. Fremdartige Gesichter, die scharf von ihren mitteleuro päischcn Stammsgenossen abstechen, die eine wunderliche Sprache, das Jiddisch, Mit . unglaublicher Geläufigkeit sprechen: mit kurz geschnittenem Haupthaar, das nur an den Schläfen in einem wirren Ströhn oder in einem pingedrehten Löckchen herunterbanmelt. . . Der Staat hat die geflüchteten Einwohner Galiziens in schncllerbanten Barackenlagern, nach Religionen getrennt, untergebracht. und zahlt pro .Kopf 70 Heller täglich. Die armen Wasserpolacken befinden sich unter diesen Umständen sehr wohl... Schwieriger gestaltet sich die Lage der Juden, von denen manche wohlhabend, ja reich waren und nichts oder nur einen geringen Teil ihrer Habe retten konnten. Auch sic sehen sich auf die Unterstützung des Staates und ans die Mildherzigkeit ihrer Stammesgenossen angewiesen. Aber auch die ganz armen Inden, die in ihrer galizischen Heimat nur Elend, Schmutz und Hunger kannten, sind viel ärger daran als ihre katholischen Schicksalsgenossen, die Polacken. Die galizischen Juden sind alle strenggläubig und haltqn zäh an ihren Gebräuchen fest. Das zu einem billigen Einheitspreis gelieferte Mehl im Barackenlager dürfen sie, da es nicht .Koscher" zubereitet ist, nicht berühren. Man hat sie daher besonders nntergebracht, wo für sic nach ihren Ritus gekocht wird. Da jedes Nahrnngs mittel in einem besonder» Topf zngestellt werden muß und sich an die sonstige Zubereitung zahllose Bedingungen knüpfen, ist ihre Beköstigung viel kostspieliger als die der garnicht wählerische» Polacken., So wird z. B. das ganze Hinterteil eines Tieres als unbrauchbar angesehen. „Warum"? fragte ich erstaunt meinen Führer, einen aufgeklärten Prager Inden. Er lächelte halb verlegen, halb ironisch und .erzählte mir eine Geschichte aus dem Talmud. Der Eindruck des jüdischen Flüchtlingslager ist trvst los, vielleicht weit hier die satte, tierische gutmütige Be haglichkcit fehlt, und weil die Männer stumpf und untätig beisammen hvcken, da sss schwer hält, für ihre schwachen," arbeitsungewohnten Kräfte eine angemessene Beschäftigicng zu finden. Krasser, fanatischer Merglanbe spricht aus den Zügen dc-r Galizier. Ws wir an einer alten Frau vorüber gehen, reißt sie ein.Amulett aus der Jacke, sieht mich wild und unverwandt an und murmelt eine Beschwörung» formet. Nur ungern gibt mir mein Führer die Erklärung „Die Alte fürchtet Ihren Einfluß aus irgend einem mir unbekannten Grund. Darum griff sie nach dein „Tephillinr", der den Träger vor jedem „Schedim", jedem Dämon, schützt." Er erzählte weiter von sonderbaren Bräuchen und Sitten, von starren harten Forineln, die das Leben dieser Menschen einkreisen und beengen, und ihnen vorschreiben,!wie sie reden, essen und trinken, und wie sie schlafen sollen." , Und nun frage ich dich, haben diese galizischen Juden nicht selbst schuld an ihrem traurigen Los? Wie sollen solche Menschen anders behandelt werden? . . . - II. . . . Die Galizier, besonders die jüdischer Nationalität, sind ein sehr populäres Thema unserer Zeitungen geworden. Ihr Handeln und Wandeln, Treiben und Jagen, Sprechen und Sagen, ihre Schmerzen und ihre Plagen zuhause und itt der Fremde sind bereits in den Kricgsmonatcn viel mehr als nötig vor die Augen der sog. zivilisierten Welt öffentlich zur Schau geführt worden und natürlich nicht immer in schmeichelhaften Weise. Das bei einem Teile dieser Leute manchmal wahrnehmbare äußerlich Unschöne, die absonderliche Art ihrer Kleidung, ihre etwas nachlässige Haltung im Verein mit ihrem nichtklassischen Sprachidiom beeinflussen gleich im ersten Augenblick den Fremden ungünstig und verwickeln ihn unwillkürlich in den Wust alter Vorurteile. Aus den vermeintlichen Fehlern der Einzelnen ,wird der Strick für die Gesamtheit gedreht. Sind denn die galizischen Bauern sympathischere Gestalten und manierlichere Leute? Dürfen die galizischen Juden keine Bauerntypen unter sich haben? Man begegnet sogar in Deutschland sowohl auf Pc» flachen Lande, als auch: .unter der Stadtbevölkernng nianchen Typen, die nicht-besonders appetitlich sind; auch der! slavif vrdm Saul rührt tmd gebrir neigr zesch auf glück dann und jönli Geist Jndi Aras: wird krach vill. Maß Bold Grui feziei eine Den! gxlek Volk von anal nach ,,g°l ino Zeit: nng Aeri Gau Berc ist e sckte Md das Und ein über Anß SM und Ori! 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