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Neue jüdische Presse · 1915-07-30 · Heft 29 (30.7.1915) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
13 (1915)
Issue
Heft 29 (30.7.1915)
Date
1915-07-30
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Es ist äußerst interessant und erfreulich, beobachten zu können, wie in letzter Zeit das Verständnis und die Sympathie für die Bestrebungen des Zionismus immer weitere Kreise der deutschen Oeffentlichkeit durchdringt. Besonders bricht sich die Einsicht Bahn, daß eine Verwirklichung der zionistischen Ziele in Palästina für die Aufgaben der deutschen Orientpolitik von größtem Nutzen werden muß, und es mehren sich die Stimmen, die auf Grund dieser Interessengemeinschaft eine Unterstützung der zionistischen Bestrebungen seitens Deutschland fordern. Wir haben bereits mehrfach Aufsätze in bedeutenden deutschen Zeitschriften erwähnen können, die sich in diesem Sinne aussprachen, und freuen uns, auch heute wieder die Aufmerksamkeit unserer Leser auf eine neue Meinungsäußerung eines einflußreichen Organs lenken zu können, die sich in gleicher Richtung bewegt. Nachdem im letzten Hefte der von Prof. Hans Delhrück herausgegebenen „Preußischen Jahrbücher" ein langer, ausführlicher Aufsatz von Kurt Blumenfeld über den „Zionismus" erschienen ist, finden wir in der soeben erschienenen Nummer der von Paul Rohrbach und Ernst Jäckh herausgegebenen Zeitschrift: „Das Größere Deutschland" einen Artikel unseres Mitarbeiters Nachum Gold mann: „Deutschland und Palästina". Das Größere Deutschland" ist eine der angesehensten und führenden politischen Zeitschriften Deutschlands, für deren außerordentlichen Wert schon der Name der beiden Herausgeber bürgt. Umso erfreulicher ist es, daß dieses maßgebende und einflußreiche Organ diesen Aufsatz, der die Bedeutung der deutschen Orient- Politik so klar und überzeugend darlegt, zur Veröffentlichung gebracht hat. Wir geben im folgenden den wichtigsten Teil des Artikels wieder: Unter dem weltpolitischen Aspekt dieses Krieges betrachtet, gewinnt Palästina für Deutschland eine ganz außerordentliche Bedeutung. Abgesehen davon, daß der Suezkanal die Grenze Palästinas gegen Aegypten bildet, abgesehen von den schwäbischen Templerkolonien, die im Lande bereits existieren, beruht seine Bedeutung für das Deutschland der Zukunft vor allem darin, daß es ein Eingangstor nach Borderasien bildet. Borderasien aber bezeichnet eine der stolzesten Hoffnungen und gewaltigsten Ziele der deutschen Zukunft. Es ist über das vorderasiatische Problem bereits so vielfach gesprochen würden, daß wir uns hier mit wenigen Worten begnügen dürfchi. . . Erst wenn man die außerordentliche Fülle und Größe des vorderasiatischen Gedankens ganz erfaßt hat, kann man die Bedeutung erkennen, die.Palästina für Deutschland besitzt. — Die höchsten Werte, die.Europa der vorderasiatischen Kultur verdankt, hat es von Palästina erhalten. . . . So entspricht! es nur der tiefen inneren Harmonie und Gesetzlichkeit des historischen Geschehens, daß dieses Land, das in jenem Kulturprozeß, dqr von Asien nach Auropa führte, die Uebergangsbrücke bildete, nun, da ent Prozeß von nicht minder großer Bedeutung, aber in umgekehrter Richtung anhebt, wiederum die alte Rolle übernimmt. Es genügt, dies erkannt zu haben, nm die welthistorische Bedeutung Palästinas für Deutschland zn erfassen. Mit der Darlegung dieses Gedankens aber sind wir zu einer anderen Seite des palästinensischen Problems getilgt, die nicht minder bedeutsam ist wie die bisher besprochene. Man kann nicht von Palästina sprechen, ohne «rbei jenes Volk zu nennen, dessen heiligsten Hoffnungen seit zwei Jahrtausenden mit diesem Lande verknüpft sind: das Judentum, und ohne jene Bewegung, zu erwähnen, die diesen Hoffnungen ihre Verwirklichung geben will: den Zionismus. Daß dieser Faktor in die Zukunftsrechnung Palästinas an erster Stelle eingereiht werden muß, ist klar, die Palästinasehnsucht des jüdischen Holkes, durch die es befähigt ward, aus einem 2000jährigem Martyrium stark und ungebrochen hervorzugehen, ist eine Kraft, mit der jeder historisch Denkende rechnen muß; und was der Zionismus in der verhältnismäßig so kurzen Zeit seines Bestehens trotz aller großen, äußeren und inneren Schwierigkeiten, die er überwinden nrußte, bereits geleistet hat, ist allen Kennern Palästinas wohlbekannt. Aber auch unter jenem welthistorischen Gesichtspunkte gewertet, unter dem wir das vorderasiatische Problem beurteilt haben, kommt der Zionssehnsucht des Judentums und dem Zionismus als dem stärksten organisatorischen Ausdruck dieser Sehnsucht die größte Tragweite zn. Wenn wir Palästina eine Üebergangsbrücke zwischen Borderasien und Europa in alter 'Zeit genannt haben, so dürfen wir die Inden als die Erbauer und Wächter dieser Brücke bezeichnen. Sie haben jene großen Ideen aus dem Chaos asiatischen Denkens herauskristallisiert, durch die Borderasien der Ausgangspunkt der religiös-sittlichen Kultur Europas geworden ist, und es entspräche so nun der Harmonie und Gesetzlichkeit des geschichtlichen Geschehens, wenn sie diese alte Rolle wiederum, nunmehr aber in entgegengesetzter Richtung wirkend, übernehmen. Vielleicht bietet dieser Gedanke eine geschichtsphilosophische Erklärung der Erhaltung des Judentums, das sich allein aus dem Zusammenbruch Borderasiens errettet und bewahrt hat. Hier vielleicht findet das Rätsel des ewigen Zlhasver seine Lösung; bestimmt, Vermittler zwischen Asien und Europa zu sein, mußte er vom Ende der einen Bermittlungsepoche bis zum Beginn der neuen durch alle Länder wandern nnd irren, um! dann fähig zu sein, von überallher Kultur wieder nach Asien zu vermitteln. ... Damit aber ist schon gesagt, daß eine solche Rückkehr den Interessen des deutschen Volkes nicht widerspricht, vielmehr ganz in ihrem Sinne ist. Die Wiederbelebung Borderasiens durch deutsche Kraft wird ja nicht in der Form der bisherigen Kolonisationsmethoden erfolgen können. Nicht selbst erwerben und besiedeln wird Deutsch-' land diese Gebiete; vielmehr sie durch seine wirtschaftliche Tätigkeit und geistige Anleitung kulturell duvchdringdn. Dazu aber ist es vor allem nötig, Menschen in jene Länder zu bringen; Menschen, die dort einerseits ihre Heimat finden wollen! und imstande sind, dort heimisch zu werden, andererseits aber fähig sind, Vermittler der europäischen Kultur zu'.sein. Wer aber ist geeigneter, solche Menschen zu geben als das jüdische Volk; das durch Abkunft und tiefste Veranlagung noch orientalisch, durch seine 2000jährige europäische Wanderung aber auch europäisch geworden ist? Im gesamten Umkreis der Erde wird man kein anderes Volk finden können, das für diese Ausgabe der unmittelbaren Bermittlertätigkeit durch Anlage, und Schicksal fähiger und disponierter ist als das jüdische. Liegt es so nicht im Interesse Deutschlands, daß der Zionismus des Judenvolkes Wirklichkeit wird? Noch ein anderer bedeutsamer Umstand weist auf dieses Zusammenwirken von Deutschtum und Judentum in der Vollbringung des großen Werkes der Wiederbelebung Borderasiens hin: die kulturelle Verknüpfung nämlich, die schon heute beide verbindet. Denn derjenige Teil des Judentums, der, wie überhaupt das Zentrum, so auch der eigentliche Träger der Zionshoffnung ist, also neben dem deutsch-österreichischen vor allem das osteuropäische (russisch-galizische) Judentum, befindet sich schon heute unter dem starken Einfluß der deutschen Kultur. Der große innere Prozeß, den das deutsche Judentum bereits hinter sich hat,' das osteuropäische aber eben noch durchmacht, die Emanzipation, wie es gewöhnlich genannt wird, besser gesagt: der «Uebergang vom Ghetto zur europäischen Kultur, diesen Prozeß vollendet das Judentum verwiegend unter der Anleitung des deutschen Geistes. Die gesamte neue hebräische nnd jiddische Literatur ist an dar deutschen Kultur orientiert. So liegt es auch hier nur in der Richtung einer konsequenten Entwicklungslinie, daß das Judentum seine große historische Mission, Europa, mit Borderasien zn verbinden, unter der Anleitung und Mitwirkung der deutschen Kultur erfüllt, und daß andererseits das Deutschtum ihm bei der Erfüllung dieser Mission hilfreich zur Seite tritt. So ist denn zu hoffen, daß der Gedanke einer deutschjüdischen Interessengemeinschaft in Palästina ein dauernder Faktor in der Entwicklung dieses Landes bleiben und bald schon Gelegenheit haben wird, sich in seiner schöpferischen Fruchtbarkeit zu offenbaren. Daß aber die Türkei diesen Gedanken auf das freudigste begrüßen kann, braucht kaum noch besonders gesagt zu werden. .Ihrem Interesse kann es nur in hohem Grade dienen, wenn Palästina von jüdischen Händen und jüdischem Geiste unter Mitwirkung Deutschlands zu neuem Leben erwacht und so etzn Präludium für den grandiosen Prozeß der. Wiederbelebung jBorderasiens ' geschaffen wird, mit dessen Durchführung die Zukunst und Größe der Türkei unzertrennlich verknüpft ist. Die Türkei als der staatliche Rahmen, innerhalb dessen, das große Werk der Neubelebung Borderasiens vollbracht wird. das Judentunr als dasjenige Volk, das die Voraussetzung für die Vollbringung des Werkes, die Wiederherstellung Palästinas als lNrbindungsbrücke nach Europa, schaffen soll, und Deutschland als diejenige europäische Macht, unter deren Aegide und Mitwirkung sich das Werk vollziehen soll, das gibt einen Dreibund", der so sehr auf einer Äerknüpfung der wichtigsten Interessen aller beteiligten Faktoren bericht, so sehr in der Richtung weltgeschichtlicher Notwendigkest liegt, daß er gewiß von unzerstörbarer Dauer und fruchtbarster Wirksamkeit werden muß. Golustheorien. Bon Dr. Max Mayer, München. (Schluß). Aber es blieb nicht bei dieser radikalen Golusverneinung. Die Frage nach der Erneuerung des Judentums hat zu einer gründlichen Zerlegung des Begriffes Golus geführt und die besten unserer modernen.Führer anerkannten bewußt oder unbewußt das Vorhandensein eines doppelten Golusbegriffs, eines modalen, in der Psyche jedes Einzelnen von uns lebenden „Golus" und eines geographischen Golus, dessen Komplement Palästina oder irgend ein jüdisches Territorium ist. Wenn die zionistische Terminologie heute von einem „Golusjuden" spricht, so kann sie damit zweierlei meinen: entweder einen Juden, der in irgend einem außerpalästinensischen Land wohnt, oder irgend einen (auch palästinensischen) Juden, in welchem die Eigenschaften lebendig sind, welche sich 8er Jude im Laufe der Jahrhunderte ans Grund seiner Golnsvergangenheit erwarb. Diese Unterscheidung führte zu den verschiedenartigsten Kombinationen der Erneuerungsfrage. Wir wollen nur die beiden wichtigsten hervorhebcn. Mathias Ach er und mit ihm Ne Schar der sogenannten Golusnationalisten (eine nicht glückliche Bezeichnung) erkennt nur den inneren (modalen) Golus als bestehend, an. Der geographische ist ihm unwichtig und bei der Lösung dxr Erneuernngsfrage gänzlich zu vernachlässigen. Der Golus hat in sich nationale EntwicklunoMendenzen. Diese Tendenzen zu fördern, ihnen den Weg ihrer natürlichen Expansion zn ebnen, ist unsere Aufgabe. Mit der Lösung, dieser Aufgabe vollzieht sich von selbst Ne Ueberwindnng des inneren Golus, das heißt die Freimachung der jüdischen Seele von mittelalterlicher Verflechtung und» neuzeitlicher Selbstverleugnung. Die jüngste zionistische Golustheorie unterscheidet sich von der Mathias Achers dadurch, daß sie beide Golusse als zu überwindellde betrachtet und zwar so, dag Ne Ueberwinduug des modalen Golus der des geographischen roranzugehen habe. Schon Herzl hatte ja das Programm des Zionismus lyrisch umschrieben : Zionismus ist Ne Rückkehr zum Judentum vor der. Rückkehr ins Jndenland. Diese seine Meinung ist in der Folge vertieft und ausgebaut worden. Ich will dafür nur zwei markante Beispiele aus Nr neuesten zionistischen Literatur geben. „Zwar nicht Ne größten Werke und Werte hat das Judentum des Exils geschaffen, nicht gar viele Gestalten, die im Volke wurzeln, sind diesem entsprossen, Ne den Ruhm der Geschichte bilden. Zwar hat sich das jüdische Volk auch manche erniedrigende Eigenschaften erworben — in der Verfolgung wie in Nr halben Freiheit, in Nr Affimilation wie in Nr ängstlichen Abwehr einer solchen. Aber dennoch ist ja das Golus bis auf den heutigen Tag auch eine Entwicklung gewesen. Ne das Judentum durch fast zwei Jahrtausende durchgemacht hat, ein Lebensprozeß, nicht nur Nr Ge-

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