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Neue jüdische Presse · 1915-05-14 · Heft 18-19 (14.5.1915) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
13 (1915)
Issue
Heft 18-19 (14.5.1915)
Date
1915-05-14
Page
– (sequence 9)
Language
German
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rrr es 1! 1! > Eige Inn», Kau!' e I Das Fest der geistigen Kultur. 11 B e t r ci ch t u n g z.um W o ch eufeste.. I! Bon Tr. med. R a t n e r, dlrzt zn Wtesbaden. Tas herrliche, geradezu klassische Wort Kaiser Lilhekms: „Tie Engländer haben eine hohe Ziviisation, aber keine Kultur", findet seine richtige || jistori > ch e Beleuchtung in unserem Wochenfeste. > Mir feiern den Empfang, die flammende Qffennmg der höchsten göttlichen Moral: der „zehn Gebote". Mehr als vierhundert Jahre waren die kinder Israels in Egypten ansässig; zumeist gekauft m'cfjtct, ausgebeutet, schändlich mißhandelt von Zutat «u Pharaonen, — körperlich und gerstig vergewtligt.. Und schon sieben Wochen nach ihrem luszug aus Egyprcn empfingen' sie am Zinai — imnh »rt, wo jetzt auch der Weltkamps tobt — die Wj öltliche Lehre. Ja, die Egypter! Sic hatten, wie ihre jctzim britischen ,Vergewaltiger, eine „hoho Zivilisacm" schon zu damaliger Zeit! Sie hatten ihre hramidcn, ihre Sphinx, ihre Zauberteinpel, ihre äiesterkasten, ihre Prachtbauten — und ihre Geehrten. Aber von „Kultur", geistiger Kultur Hatteir ic leine Spur. Sie beteten zwar ihr göttliches Lamm" — wie die Bibel erzählt — an, begingen icr alle Scheußlichkeiten, vor denen die Bibel »twährend die Kinder Israels warnt. Sie hatten »gar ihre „egyptischen Krankheiten", ebenfalls ach dem Berichte der Bibel. Mord, Ehebruch,!aub und Bergewaltigung, Blutschande, Sodomie sw. waren an der Tagesordnung. Aber „zivilia‘'‘icvt", hoch zivilisiert waren die Mizraiten für die amaligen Verhältnisse. Um nun die Israeliten von dein verderblichen gljprischen Einfluß, vor dem schlechten „Milien", a dem sic ausgewachsen, zn schützen, erhielten ie sofort nach ihrer Befreiung aus egyptischer mechtschaft die Anleitung zur echten geistigen Kul- , ui-, die höchste gütiliche Moral: „Du sollst leinen , iötzendienst ireiben, nicht morden, stehlen, ehej rechen; sollst nicht Gottes Name zn falschem chwur mißbrauchen; es soll Dich nicht gelüsten ach des Nachbars Gut" nsw. Tie ganze Welt wurde damals erleuchtet durch iesc Worte, /welche in Donnergetöse, und Blitzeslammen erschollen. Tic „'zivilisierte Barbarei" erirlt den Todesstoß: die „geistige Kultur" ivurde eweiht. Und das sollen wir nicht mit bcrcchtigtem stolz alljährlich feiern? Das hehre Bewußtsein, eit Geist über die rohe Gewalt, über Sch einet ligkeir zuerst habe trinmphiercn lassen, darf insere Brust wuchtig schwellen lassen: W i r habe n ie göttliche Moral der Welt verkünct, Menschenrechte zur Geltung gerächt, Erbarmen und Wahrhaftigkeit uin Weltprinzip erhoben. Und diese haben sich stets bewährt und »erden sich auch in unserer Zeit bewähren. Und anim feiern wir heute fürwahr ein herrliches fest. Wiste, was Du dem Gottesleugner aulworteu sollst. Bon H. C., Jkürnberg. Die jüdische Religion will im Gegensatz zu de» ndern Religionen ihre Bekenner nicht in Unwissenheit nd Abhängigkeit von wcingeii Wissenden, mögen sich dierlben Auguren, Geistliche öder sonst wie nennen, halten, irlmchr ist jeder einzelne Jude nicht nur berechtigt, »ndern sogar verpflichtet, sich unausgesetzt mit Studium u befassen. I» erster Linie natürlich mit dem Studium er göttliclicn Lehre: denn „ReischiS Chochmo Firäs aschem." Wenn uns aber die göttliche Lehre nicht mehr >» „Glauben", sondern durch unuiiistößliche Ueberzeugung in „Wisseii" geworden ist, sollen wir uns auch mit, der wsanen Wissenschaft befassen; selbstverständlich, ohne das Nigiöse Stildium zu vernachlässigen; denn Stillstand wäre > Rückschritt. . Durch den an der Spitze des Artikels stehenden üsspruch unserer Waisen: ,Missc, was Du dem Gottesugner (in alten Zeiten gleichbedeutend mit „Epiknräer") ntworten sollst", wird uns nahe gelegt, auch die Arguicnte der Gegenseite kennen zn lernen, da man einen cistigen Gegner am besten mit seinen eignen Waffen hingen kann. — Gerade durch die völlige Unkenntnis :r profanen Wissenschaften, besonders der Naturwissenhaft, sind unzählige halbgebildete, modern sein wollende snden-dem Abfälle in. die Arme, .getrieben morden.. Die, "-'istey wissen ja nickst, daß Pie moderne Wissenschaft auf mehr Dogmen und mibewiesenc Theorien sich stützt als irgend eine bieligio»! Findet die Nakurwisscnschast aber einmal für irgend etwas einen über die Theorie hinausgehendei! wirklichen Beweis, dann ist letzterer nicht ein Widerspruch gegen die Richtigkeit des göttlichen Gesetzes, sondern stets eine Bekräftigniig desselben. — M kann ja auch 'licht anders sein: stammt doch das jüdische Religionsgcsetz ebenso wie das Naturgesetz von demselben Schöpfer des Alls! In einem früher» Artikel d. Bl. (Rümmer Hi vom 30. 4. 1910) habe ich nachgewiesen, daß die jüdische Ueberzeugung, Gott habe die Welt nur durch sein Machtwort aus -Nichts — Fesch Meajin — geschaffen, durch die neuesten Forschungen Professor O st w a l d' s, daß nämlich alle Materie nur konzentrierte Kraft sei, ihre modern wissenschaftliche Bestätigung gesunden habe. — Heute .möchte ich den Lesern ein scheinbar kleines, viel vernachlässigtes und viel angeseindetes jüdisches Gebot Vorfahren, welches durch die modernen wisscnschastlichen Forschungen eine Tiefe des Inhalts erhält, die von keinem derjenigen, welche dieses Gebot vernachlässigt oder gar verspottet haben, geahnt wurde. Schon lange war cs bekannt, das; bei vielen Tieren, bei mancher Art die Männchen, bei mancher die Weibchen, einzelne Körperteile gewisse Düste ansströmen, welche den Zweck habe», das andere Geschlecht anzuziehen, erotisch zn erregen. Manche Tiere haben, wie der berühmte Forscher Li n g u st W e i s m a n n nachgewiesen, zur Brnnsrzeit direkt mit offnen Kanälen versehene Dusthaare. — Das Gebot vom Verhüllen des Kopfhaares bei einer verheirateten Frau hat nun eine viel tiefer» Sinn, als man gewöhnlich annimmt. Hätte das Gebot darin seinen Grund, das; die Kopfhaare einen Teil der weiblichen Schönheit bilden, dann müßte vor allem das Gesicht, als eigentlicher Träger der Schönheit, verhüllt werden. Weibliche Schönheit allein wird wohl vom Manne bewundert, erregt ihn jedoch säst nie erotiich,es genügt in solchem Falle wohl bei jedem die Erinnerung an das zehnte Gebot: „Du sollst nicht gelüsten", um ihn vor einer sündhaften Handlung zn bewahren. — Erotisch viel stärter jedoch als der bloße Anblick einer Frau wirken Düfte, die spezifisch weiblich sind,. und es ist nicht nur eine beliebte Romanphrase, wenn man von duftigem Frauenhaar spricht. Der Naturforscher- und Philosoph Wilhelm B ö l s ch e schreibt in seinem wundervollen Buche „Das Liebesleben in der Natur" (. Teil, 8. Buch, Seite 436}: „Noch heute ist das gesunde, nicht init Parfüm narkotisierte Frauenhaar der Quell höchst eigenartiger Duftwirkunge».Daß aus reinen weiblichen Locken im Moment des höchsten erotischen Genusses ein ganz besonderer Duft ansströmt, dürfte eine Erfahrung sein, die ich wohl nicht allein gemacht habe. Zweifellos hat das Kopfhaar der Frau in Zeiten, da echte, nicht geborgte erotische Düste überhaupt eine ernste Rolle spielten, auch nach hier herüber eine starke Bedeutung gehabt." — Hierdurch findet auch der oft gehörte Einwand, daß die moderneil „Scheitel" oft schöner seien als das natürliche Haar seine Erledigung. Das Verhüllen des Haares soll eben die Frau nicht häßlicher machen, sondern die erotische Dnftwirknng des natürlichen Haares auf jeden jrcmden Mann verhindern und bildet somit einen nicht zu unterschätzenden Faktor zn der Erhaltung der Keuschheit im jüdischen Familienleben. In memoria Dr. Simon Kirchheim. Von Dr. G n st a v Löffler, Frankfurt a. M. Ist's nicht Widersinn, einem Manne in einer jüdischpolitischen Wochenschrift ein Gedenkblatt zu widmen, der sei» Leben abseits des jüdisch-religiösen Lebens führte und auch an jüdischer Gemeinde-Politik keinen oder wenig Anteil nahm? Und doch — war tzer vor wenigen Tagen zn Grabe getragene, einstige -Arzt Dr. Simon Kirchheim ein aufrechter Jude, wie wir uns deren im Lager der äußersten „Linken" unserer Stammesgcnossenschaft viele wünschen möchten. Bei aller Freizügigkeit seiner Weltbeträchtnng hatte er größte Hochachtung von ausgeprägt jüdischer Weltanschauung, und es war seine ehrliche lieber zcuguiig, daß man in vollster Wahrhaftigkeit, — gegen die er wohl nie im Leben fehlte! — sein jüdisches Bekenntnis ablegeu und doch .Gedankenfreiheit nehmen und geben könne. Zudem findet seine eigenartige, von unzählige» Patienten und Freunden heiß geliebte Persönlichfeit nur dann volles Verständnis, wenn man bedenkt, daß er eben von jüd. Blute war. Er war nicht nur im politischen, sondern a uch im Privatleben und in seinem Berufe eine interesjante Mischung vom Demokraten besten Kornes und Conservativen, — eine politische Natur, wie man sie gerade bei Männern, jüd. Herkunft nicht selten findet. So schwärmte er denn sür Freiheit der Persönlichkeit, glaubte aus tiefster vaeetc an den Triumph der Ethik und einerneu ans ethischen Prinzipien begründeten Erziehungsmethode, hatte aber zugleich allezeit eine geradezu kindliche Ehrfurcht vor allem wahrhaft Großen und Erhabenen, mochte es sich zeigen, in welcher Gestalt es immer wollte. Ein solcher Mairn mußte als Arzt dem Seelenleben seines Kranken reichstes Verständnis entgegenbringen. In der Tat' war nicht nur in seiner früheren umfangreichen Privatpraxis, sondern zumal im Hospital der Israelit. Gemeinde, dem er etwa zwei Jahrzehnte als Ehesarzt Vorstand, sein Wirken gerade infolge seines psychologischen Feingefühls besonders segensreich. Man mußte ihn sehen, wie er bei den täglichen Visiten von Bett zn Bett ging und gerade für die am schwersten Leidenden ein tröstliches, neue Hofsnungen weckendes Wort fand, um zu verstehen, daß gar viele denr gütigen „Papa Kirchheim" das Gefühl kindlicher Liebe bewahrten.' Was vielleicht manche „Modernen." als eine Schwäche deuten könnten, daß er kein strenger .Wissenschaftler war, — war ganz in seiner -Art begründet, war ein Zeichen seiner Bedeutung: Für ihn hatte nur das Mittel, die Methode Interesse, die dem Kranken Erleichterung und Heilung zn bringen versprachen: wichtiger als die Stellung einer haarscharseir Diagnose war ihm rasche Linderung der Beschwerden. Seiner demokratischen und in letzter Linie echt jüdischen Art 'entsprach es auch, daß er den Hilflosesten unter seinen Schutzbefohlenen, den kranken ausländischen Juden, eine besondere Liebe entgegenbrachte. Sie ließ er zumeist besonders lange in der Pflege des Hospitals, da sie vom Leben besonders hart mitgenommen wurden. Was Dr. Kirchheim „seinen" Schwestern vom .herein jüd. Krankenpflegerinnen" war, ist zn bekannt, als daß es näher ansgeführt werden müßte. Vielleicht, ja sicher wird er in diesem Kreise am meisten und dauernd vermißt werden, denn es dürfte nicht so leicht eine ähnliche Persönlichkeit zn finden sein, die so umfassende Liebe und großes Interesse für jede Einzelne aus dieser „großen Familie" — so nannte er oft die 'Schwesterschaft — auftnbringen vermag. Aus dem Hospital der Israelit. .Gemeinde hatte er sich schon vor mehreren Jahren zurückgezogen, als er sich „älter werden" fühlte. Auch dieser freiwillige Rücktritt in leitender Stelle ist ein Merkzeichen seiner weit über den Durchschnitt stehenden Persönlichkeit gewesen. Das Bild dieses Mannes dünkt mich unvollständig, wenn ich nicht seine große Liebe für die Natur und für das klassische Altertum erwähnt hätte. Stets waren es vor allem die Menschen und ihre Eigenart, denen er auch hierbei nachspürte. Auf weiten Reisen ging er während der alljährlichen Erholungszeit diesen Liebhabereien nach, und es war ein nicht geringer Genuß, dann nach der Heimkehr seinen sprudelnden Erzählungen zn lauschen. So werden alle Freunde Dr. Kirchheims s. -A.» seine -Assistenten und einstigen Patienten ein leuchtendes Erinnerungsbild von ihm bewahren, als von einem Manne, der unentwegt wahr, stark gegen Starke, aber gütig und hilfreich gegen Schwache war. Bmtte Chronik. „Bloß JuSenbeugel." Der Sonderberichterstatter der „Bojsischen Zeitung" schreibt in einem längeren Artikel „Unter russischen Gefangenen": Etwas abseits von den übrigen hocken auf dem Bahnsteig einige schwarzhaarige ausgemergelete Gestalten in zerrissenen Soldatenmänteln und murmeln im eintönigen Singsang etwas vor sich hin. „Wer sind diese Kameraden?" frage ich den rauflustigen Feldwebel. .Das sind keine Kameraden, Euer Hochwohlgeboren, sondern bloß Judenbengel (Shidi), die gerade ihr Nachmittagsgeber' verrichten." Also „bloß Judenbengel", — die entsittlichende Zarenwirtschast richtet selbst auf dem Schlachtfeld und in der Gefangenschaft eine himmelhohe Schranke zwischen Auchchristen -und Nnrjuden auf. Diese haben inzwischen ihr Gebet beendet, und scheu, gleichsam selbst hier in steter Angst vor dem russischen Polizisten, nähern sie sich unserer Gruppe. .Mir sind aus Balta, teurer Herr," beantworten sie meine Frage» „und Gott segne die Deutschen, die uns jetzt ausgenommen haben. Biele sind ja von uns nicht übrig geblieben, denn so oft die Russen stürmten, mußten wir in erster Reihe voranstürmen: selbst die Maroden und Kranken wurden dann jedesmal dazu aus den Revieren (Okolodki) geholt. Gott verzeihe ihnen diese Blutsünde!" Eine magere Faust schlägt an die eingefallene Brust, und in trüber Resignation nicken die übrigen jüdischen Mitkameraden. „Ich war Rabbiner in Ostrowko," sagt ein zweiter, „habe ehrlich Gottes Wort gepredigt und war nie Soldat gewesen. Da haben sie mich am 29. Januar vom Morgengebet weg aus der Synagoge unter Faustschlägen und Kolbenstößen geholt, haben mich nicht einmal von meiner Frmt und meinen Kindern Mschied nehmen lassen, schleppten mich in einem Viehwagen an die deutschen Berge und ließe» mich stürmen. Wie konnte ich dies aber — wußte ich doch nicht einmal, was ich mit einem Gewehre änfangen sollte, das sie mir in die Hand gedrückt. Gott sei dafür gelobt, daß die Deutschen mich gerettet haben!" Die vornehme Kriegsführnng der Zentralmächte bereits von de« Inden in altersgrauer Zeit befolgt. Bekanntlich zeichnen sich die Zentralmächte im Gegensatz zum Dreiverband dadurch aus, daß sie chuman verjähren, kein Privateigentum antasten, keine Mordbrennereien, keine Zerstörungen begehen. Diese gerechte Taktik ist ,vo» den Juden zn Ahasveros Zeit bereits befolgt worden. Es heißt in „Mcgillath Esther" wiederholt, daß die Juden trotz des ausdrücklichen Befehles des Ahasver „ an ihren Feinden nach.Belieben zn bandeln" kein P r i v a t c i g e n t n m a n t a st e t e n. Ist dies nicht ein Zeugnis des hochentwickelten jüdischen Moralbegrisss schon im -Altertum, da damals alle Böller an ihren Widersachern ohne Bedenken die größten Scheußlichkeiten begingen und alles raubten und iriederrissen? Mus; man nickt an das „iverauniamtonu mikkot halsckmunans" denken? Dr. R.

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