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Neue jüdische Presse · 1914-12-24 · Heft 50 (24.12.1914) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
12 (1914)
Issue
Heft 50 (24.12.1914)
Date
1914-12-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
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W äf rtonwinwriilftt Rsmtr «rMMsl NmH< Deiatrltag frlk Briefe litt Ve» Nrie». ii. , Meine Freundin! Während ich die Feder ergreife, um Ihnen diesen Brief zu schreiben, sehe ich das letzte Lichtlein des letzten Chanukahabends verglimmen; und eine melancholische Stimmung ergreift mich bei dem Gedanken, für ein ganzes langes Jahr wieder Abschied nehmen zu müssen von dicseni schönsten aller unserer jüdischen Feste. Ja, dem schönsten all unserer jüdischen Feste! Jedes Geschlecht und jede Zeit, jeder Mensch' und jeder Charakter hat seine eigenen Licblingsfeste. Uns jungen Juden, den Schwärmern des Gedankens von der jüdischen Renaissance, den Träumern, deren Träumen Theodor Herzt Ziel und Inhalt gegeben hat, uns ist gewiß, von allen jüd. Festen Lhannkah das schönste. Es ist das einzige all unserer Feste, das Heldentaten feiert, die wir selbst vollbracht, und mm Siegen kündet, die wir selbst errungen. Pessach, Schewuaus. Sukkaus, Purim — von den «in religiösen Rausch-haschouoh und Jnum-hakiMmm 4» schnei«« — sie find der Erinnerung geweiht an wunderbare Ereignisse, die Gott herbeigeführt, an gewaltige Begebenheiten, bei denen wir »ehr di« Objekte waren; aber Thanukah, welche Bilder erstehen da vor unseren Augen: Mattisjvhu hakauhcn, Jehndoh HamaNabi, Schlachtgclürnmel, Sicgesgcschrei, Paukcnktang und Tromtzetrnschall, jüdisch« Helden und jüdisckfe Sieger, unsere Taten, unsere Größe, »ns selbst scicru wir. - Eben ist das Lichtlein ganz erloschen; und möhrcnd ich es beobachte, steigt m mir der Ge danke aus, daß all dies, was ich Ihnen soeben geschrieben, meine Freundin, in Wahrheit nur konstruiert, nur zurechtgrdreht und eigentlich unwahr ist. Wir? zünden wir diese Chanukahlichtlein an zur Erinnerung an Inda Hamakkadis tzel-' lentaten, an unsere Kümpfe gegen die Ueberzahl de- LntiochuS und unsere Siege über ihn? Oder gelten diese Ehanukahlichter nicht der Erinnerung an jene» wunderbare OeUämpchen, das acht Tage lang im Tempel brannte, an jenes Wunder, das Gott an uns vollbrachte? Heißt das Fest etwa ,Ahag hamakkabim", das Makkabärrfrst, - oder nicht vielmehr Lhmiukah, Einweihung? Nicht unsere kriegerischen Heldentalen, nicht unsere glorreichen Siege, nicht unsere Krügshcroen feiern wir, sondern da- Wunder, da» mit dem Ocllämpchen geschah, die „Lhanukas habajir", die Einweihung unseres Tempel». Bedenken Sie, meine Freundin, waS das heißt! Erkennen Sie. daß das etwas einzigartiges, bei keinem Bolle wirderzufindendc» ist? Oder wo finden Sie das Volk, das ein gleiches, ja nur rin ähnliches zeigte: es wird von einem übermächtigen Feinde überfallen und in seiner «Listen; bedroht, durch ein, Reihe unvergleichlicher Heldentaten besiegt es seinen Angreifer, erringe cs seine Freiheit, das Fest aber, das es zur Erinnerung an diese herrlichen Taten für ewige Zeiten festsrtzt, stiert nicht diese Talen selbst, sondern ein göttliches Wunder. das firf> im Anschluß daran erergnet hat. Und iudem ich Ihre Ausmerksamkrit. meine Freundin, aus diese seltsame, einzigarltgr Eigenart unseres Chanulahscstcs lcnlc, gebe ich Ihnen die Antwort aus die Frage, die Sie mir in Ihrem Briefe gestellt haben. Wie wir Juden uns zum Kriege stellen, welche Ausfassung das Judentum vom Kriege hat, ob mir kriegerisch seien, ob wir kriegerischen Mut besäßen^ all diese allen, schweren Fragen legten Sic mir wieder vor. Hier haben Sie die Antwort in dieser Eigentümlichkeit unseres Chanulahsestcs; die Antwort, die nicht ich Ihnen gebe, sondern unser Volk, unsere Geschichte, unser Judentum, Ein kriegerisches Ereignis höchsten Ranges, dass jedem anderen Volt rin Anlaß zu alljährlichen rauschenden Siegesfeiern wäre, wir feiern es durch das Anzündcn schlichter, bescheidener Lichtlein: aus einer Epoche, die an wunderbaren Heldentaten reich ist wie wenig andere, greifen wir als das einzig, des ewigen Gedenkens allein Wütdioe ein Wunder heraus, das an einem einfachen Ocllämpchen geschah. Kann man ein solches Volk kriegerisch nennen? Kein Narr könnte so töricht sein, es zu tun. Also sind uns Kamps und Krieg fremde Dinge, Mut und Tapferkeit unbekannte Begriffe, also sind wir mutlos, zaghaft, krige, höre ich die Horde blöder Antiseon.- tenbnrschen brüllen? Und David und die Makkabäer und Bar-Kochba und' die Helden der Inquisition, brauchen wir es wirklich zu beweisen, daß auch wir Mut und Tapferkeit , kennen, daß auch wir, wenn es sein muß, wie Mäuuer zu sterbe» wiffen?' Alst» so eiitsach äst das Hroblemk doch nicht; mit Schlagworten läßt es sich nicht abtun. Versuchen wir, meine Freundin, uns tiefer in diesen Fragenfcmplq: zu vertiefen, versenken wir uns in de Lehren, die unsere Geschichte, unser Genius uns gibt und bemühen wir uns, ihreir walnrn Sinn zu ergründen. Kehren wir wieder zu unserem Chanukahstst. zurück. Dies schien uns seine Eigentümlichkeit zu sei», daß wir nicht die Heldentaten unserer Krieger, sondern das Wunder unseres Gottes als die wahrhaft große und bedeutsame Begebenheit jener Zeit betrachten, i» deren Erinnerung wir alljährlich unser Fest feiern. Welches aber ist der Gedanke, der in dieser Auffassung zum Ausdruck gelangt, der sic ermöglicht und bedingt? Run gewiß doch der, daß in allen großen Ereignissen der (beschichte und des Lebens nicht das Irdische, Menschliche das wahrbast Große ist, sondern das llcberirdisch-Göttliche; es ist der Gedanke, daß über dem irdischen Reich der Mensckicumerkr noch ein höheres Reich ewiger Werte, göttlicher Ideen vorhanden ist, niil dem erst das irdische Dasein verknüpft iverden muß, soll cs Sinn und Bedeutung erlangen. Wollten wir aber bei diesem Gedanken stehen bleiben, so wären wir den Weg, den uns der Sinn des Ebanukahfestes iveist, zur Hälfte gegangen. Bedeutet uns denn das Wunder des Ocllämpchens deswegen die größlr Begebenheit jener Zeit, weil es eben ein Wunder war? Oder war nicht vielmehr dieses Wunder nur ein Mittel zu einem anderen noch bedrutsamrren, zu den,, was unserem Feste seinen wahren Inhalt und Ramcn gab: zur „Ehanukas lprbajis", zur Einweihung des Tempel». Sic gilt uns als das Ereignis, das allen anderen Ziel und Sinn gab: die Helde»ta!en der Makkabäer, die Wundertat unseres Gottes, sic waren nur Mittrl, um dieses letzte, größte zu ermöglichen: die Einweihung des Tempels. Der Tempel aber, er ist das irdische Symbol des Göttlichen, Sittlichcn, der elbischen Idee: er ist das Symbol des diirib dir sittlichen Gedanken geweibten Lebens. In dieser Idee des durch die Ethik gcadetren und geheiligten Lebens dürfen wir so den letzten Inhalt unseres Ehanukahfestes. unserer b(eschichtc, unseres Judentums erblicken. Diese Idee stellt das Reue dar, daß das Judentum in die Well brachte. Vor ihm und auch nach ihm kannte dir Men ick,heil nur zwei Möglichkeiten, ihre Stellungnahme zum Leben zu bestimmen: entweder sie beiadle es und bejahte damit das naturgegebene Leben, wie es nun einmal von der Natur aus gestaltet und geformt ist, oder aber sie verneinte 'es und richtete ihren Blick auf ein Jenseits, das sie von der Qual des Daseins erlösen sollte. In der ersten Stellungnahme erkennen Sie die Amikc: ihr war das nackte, reale Leben, das Naturleben, höchstes Glück, die Natur war Inhalt und Objekt all ihres Trachtens, die Götter waren ihr personifizierte Raturkräste und die Menschen die höchsten .Wese» der Ratnr. Die Natur kennt nur die physisch« Kraft. Muskelstürke. Körperschönheit. eine ästhetisch-sinnliche Kunst bildeten die Ideal« der Antike, in der Natur herrscht nur die brutale Macht; die Ethik der Gerechtigkeit war der Antike fremd. Die andere, ledensverncinende Stellungnahme znm Leben fand ihren Ausdruck im Judertum, im Buddhismus, das Leben ist ihm höchstes Nebel, die Natur nur Schein und Trug, der Inhalt dp» Daseins soll das Ertöten Faller Kräfte und Begierden bilden, alle Moral besteht in Mitleid mit dem Jammer dieser Welt, höchstes Idealist. Nirwana. Zwischen diesen zwei Möglichkeiten pendelte die Menschheit: zwischen der Bejahung der Ngtur und der Flucht ins Jenseits, zwischen dem Prinzip der Macht und der Moral des MitLidS, zwischen dem antiken Heros und dem indischen Asketen, zwischen den, Diesseits aller Ethik oder dem Jenseits alles Lebens. Ta kam das Jur: tum und lehrte beides vereinen: das Leben bejahen und die Natur überwinden, e>as Glück suchen und das Gute tun, froh genießen und den Nächsten lieben, das Dasein lieben und Gott verehren. Und seine Zauberformel, durch die es dreje dritte, größte und tiefste aller Lösungen des Daß ins- Problems fand, hieß 'eben: die Heiligung des Lebens, die Verknüpfung des realen Erdenüaseins mst hem überirdischen Reiche der ewigen, göttlichen Ideen, der Ueberwiirdinig des Naturalen durch das Menjchlichc: in der Namr '«rrscht die Krast, im Menschenleben soll der hieist herrschen: in der Natur wallet das Prinzip der Macht, die Kultur sei geleitet vom Prinzip der Gerechtigkeit; der Mensch ist eben mehr als Kind der Natur; steht er mir seinen Füßen auf der Erde, so ist doch sein Haupt gqp Himmel erhoben; eine Bestie ist er, aber auch ein (Katt: und das Zauberwort aller jüdische» Leoenskunsl beißt: die Bestie überwinden und den iKott in sich entwickeln. Und nuu, meine Freundin, brauche ich Ihnen noch, nachdem ivir soimit gelangt sind, eine ausdrückliche Antwort aus Ihre Fragen zu erteilen? Oder ergibt sich nicht au-:- alledem die Stellung unscrrs Volkes zum Kriege wn selbst? Was ist der Krieg? Was ist er, abgesehen von allen Zielen und Zwecken, um deretivillen er geführt ist. was ist der Krieg als solche», als eines der bedeutsamsten Phänomene des sozialen Lebens? Es bedarf keiner beiond.-ren Einsicht, «in zu erkennen, daß der »lieg ein Ausdruck >e naturalen Lebens, ja böchster und geiorlt gster Ausdruck der naturale» Lebens tusiaiinug ist. Die zwei Faktoren, die alleiiaiuea!, Leben öeberr-

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