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Neue jüdische Presse · 1914-11-20 · Heft 45 (20.11.1914) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
12 (1914)
Issue
Heft 45 (20.11.1914)
Date
1914-11-20
Page
– (sequence 1)
Language
German
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November 1814) Nr. 45 Die russische« Juden - die Freunde Deutschlands. Wir haben bereits mehrfach ausgeführt und betont, daß in diesem Kriege Deutschland'in niemand bessere Freunde habe als in den Juden aller Länder, von Frankreich! und England naturgemäß abgesehen. Ganz besonders gilt dies aber für die Judenheit Rußlands. Die große Masse der russischen Juden muß in einem Siege Deutschlands und einer entscheidenden Niederlage Rußlands den Beginn ihrer Befreiung vom Joche des Zarismus erblicken und schaut mit Sehnsucht dein Tage entgegen, da der Einzug der deutschen Heere ihnen das Ende der unerträglichen Brutalität und ^Gewaltherrschaft der russischen Barbaren verkündet. Nirgends kann man diese Tatsache so deutlich erkennen als in der jüdischen Presse Amerikas. Trotz aller Versuche seitens Englands, die amerikanische Judenheit auf seine Seite zu ziehen, ist der weitaus größte Teil der Juden der Vereinigten Staaten — besonders alle deutschen und russischen Juden — von warmen Sympathien für die deutsche Sache erfüllt, und ihre Presse gibt dieser Stellungnahme unzweideutigen Ausdruck. Diese Ueberzeugung von der deutschfreundlichen Besinnung der russischen Inden wird aber zur Selbstverständlichkeit, sofern sie jene russischen Juden betrifft, die seit Jahren in unserem Vaterlande wohnen. Es ist ja nur natürlich, daß Juden, die der russischen Knute entronnen sind und in einem anderen Lande eine neue gastfreundliche Heimat gefunden haben, in der sie frei und 'ungehindert leben und arbeiten können, für dieses Land nur Gefühle der Dankbarkeit und der Anhänglichkeit hegen. Und wir Juden haben cs in unserer Geschichte zur Genüge bewiesen, wie dankbar wir jenen Ländern sind, die uns als Menschen behandeln, welche Treue wir ihnen bewahren, welche Liebe wir ihnen bekunden. Es entspricht so nur den Gesetzen der menschlichen Natur, den hervorstechendsten Eigenarten des jüdischen Charakters, wenn die seit Jahren in Deutschland wohnenden russischen Juden Deutschland lieben und als ihre wahre Heimat betrachten. Die Regierung unseres Vaterlandes hat dies denn auch sehr wohl erkannt und betrachtet in diesem Kriege die russischen Juden nicht als Feinde Deutschlands, sondern als Freunde. Die Proklamationen, die gleich zu Beginn des Krieges die deutsche' Heeresleitung in hebräischer und jüdischer Sprache an die polnischen Juden verteilen ließ, die von unserem Kaiser angeordnete Freilassung einer größeren Zahl jüdischer Kriegsgefangenen der russischen Armee beweisen dies wohl zur Genüge. Es kann daher keinem Zweifel unterliegen, daß auch! die in Deutschland lebenden ■■ russischen Juden sich eines besonderen Wohlwollens seitens der leitenden Behörden zu erfreuen haben und nicht in eine Reihe mit den anderen Angehörigen feindlicher Staaten zu stellen sind. Denn was sie mit Rußland verbindet, ist in der überwiegenden Zahl der Fälle nur das rein staatsrechtlich-formelle Band der russischen Staatszugehörigkeit, und auch dieses Band hätten die meisten von ihnen wohl schon längst zerschnitten, wäre es ihnen ermöglicht worden. Es ist daher nur natürlich, daß, bei allen besonderen Maßnahmen, die die Behandlung der feindlichen Ausländer betreffen, die russischen Juden mit einem! anderen Maßstab beurteilt werden müssen. Führende .Organe der deutschen Presse,- - wie - die „Kölnische Zeitung", die ^Frankfurter Zeitung" it. a. haben sich erfreulicherweise auch auf den Standpunkt gestellt, daß bei etwaigen Repressalien, die auf Grund der brutalen Behandlung der Deutschen in Rußland gegen die in Deutschland, lebenden Russen ergriffen werden sollten, die russischen Juden samt den Polen, Balten und Finnen davon ausznnehmcn sind, weit Repressalien, die man gegen sie ergreifen würde, aus die russische Regierung nicht nur keinen.Eindruck machen, sondern ihr sogar großes Vergnügen bereiten würden. Dieser Tage mm ist aus militärischen Gründen die Verfügung ergangen, daß aus einer größeren Zahl von Städten — meist wichtigen Verkehrszentren — die feindlichen Ausländer auszuweiscn seien. Diese Maßnahme stellt keine Repressalie dar, vielmehr ist sie lediglich fl ns Sicherheitsgründen erfolgt, an deren Berechtigung selbstverständlich nicht 'gczweifelt werden darf. Allein auch hier ist es ein Gebot der .Humanität wie auch der politischen Weisheit, die russischen Juden besonders milde zu behandeln. Erfreulicherweise hat die Verfügung die Möglichkeit gegeben, Ausnahmen zu machen für solche Ausländer, die viele Jahre in Deutschland wohnen und für „deren deutschfreundliche Gesinnung und Betätigung angesehene Deutsche volle Bürgschaft übernehmen". Hier ist das Mittel gegeben, durch das die Behörden in der Lage sind, den russischen Juden entgegenzukonnnen und ihnen eine milde Behandlung zuteil werden z,n lassen. Es ist dies ein Gebot der Humanität, denn viele Existenzen würden durch eine Ausweisung vernichtet werden, ohne daß im Einzelfall oft die Notwendigkeit der Ausweisung besteht. Das Entgegenkommen gegen die Juden aber entspricht auch der politischen Weisheit, da unsere Regierung sich von vornherein ans den Standpunkt gestellt hat, .in den russischen Juden die Freunde Deutschlands zu erblicken. Daß dieser Standpunkt der Zentralregierung auch im Verhalten der einzelnen Organe zum Ausdruck komme, dafür müßten sich auch die jüdischen Gcnieinden und Organisationen einsetzen. Es ist die heilige Pflicht der deutschen Juden, ihren Brüdern aus Rußland in diesen für sie besonders drangvollen Zeiten zur Seite zu stehen'; wir kommen damit nicht in den geringsten Konflikt mit den Interessen unseres Vaterlandes, handeln vielmehr durchaus gemäß den Intentionen unserer Regierung. Es ist denn auch in der Tat zu hoffen, daß diese für die vielen russischen Inden so harte Verfügung möglichst mild gehandhabt werden wird, die Behörden alle Härten vermeiden und, soweit cs mit der Sicherung des Vaterlandes und der militärischen Interessen vereinbar ist, Ausnahmen machen werden. Es muß ihnen in diesem. Falle besonders leicht fallen, die Gebote der Humanität walten zu lassen, da sich diese Gebote im vollsten Einklang befinden mit den Forderungen der politischen Raison. Unsere Pflicht aber ist es, unseren russischen Brüdern zu beweisen, daß >vir als Juden ihnen treu zur Seite stehen, daß wir nicht nur als Juden, sondern auch in unseren deutschvaterländischen Gefühlen uns mit den allermeisten von ihnen einig wissen, .und alles zu tun bereit sind, um ihnen zu hdksen und beizustehcn, damit sie, die von ihrer eigenen Regierung preisgegcben, auch oft nicht die Möglichkeit haben, volle Bürger 'unseres .Vaterlandes zu werden, wenigstens wissen, daß sie in uns ihre Freunde und Beschützer haben. Die alte große Mahnung unserer Thora klingt wieder in unsere Ohren: „Mit Liebe sollst du den Frencklling ‘ behandeln, denn ein Fremdling warst du selbst im Lande Egypten." Juden, Kinder des Ahasverstammes, die wir sind, sei es u.ns ein heiliges Gebot, unseren Brüdern aus Rußland auch als Brüder entgegenzutreten und unseren Teil dazu beizutragen, ihr tragisches Ahasverlos zu mildern und zu erleichtern. Dr. Karl Jeremias» dem Kämpfer und Dulder znm Gedächtnis. Von Rabbiner Dr. Wilh. Lewy. Unter der gewaltigen Ernte, die der Tod in diesem Jahre mit unerbittlicher Grausamket hält, wird so mancher sein, dem in ruhigeren Zeiten ein feierliches Grabgeleite zu teil werden würde! Mitten in dem betäubenden Getümmel der Kriegsereignisse verhallt jedoch die Klage des Einzelnen, und in der allgemeinen Trauer verstummt selbst der Schnrerz um den geliebtesten Freund und den teuersten Bruder. Wer kennt die schlichten Männer alle, zählt "die Namen all der Opfer, die der Kriegsgott fordert? Still und kaunr genannt, bringen sie lautlos ihr Herzblut dar, und niemand weiß» wieviel glühende Liebe für unsere heilige Sache in diesen stillen Helden verloren ging. Aber auch unter den Großen ist in diesem Jahre manche Zeder gefällt worden,. ohne daß die Welt von Wehgeschrei widerhallte, weil die Not der Zeit zu groß ist, um den Schmerz um einen Einzelnen, und sei er auch der Größte, zum vollen Ausbruch kommen zu lassen. Wer denkt nicht an den Tod unseres großen Führers David Wolffohn, der fast unbemerkt von der großen Oefsentlichkeit den Schauplatz seiner umfassenden Wirksamkeit verließ, und dessen Trauerllage nun von dem Kriegslärm übertönt wurde? So ist es leider auch einem wackeren'Kämpfer und Führer in kleineren! Kreise ergangen, unserem lieben, edlen Freunde und Waffengefährtcn Dr. Jeremias, der einst in der vordersten Reihe gestanden und jetzt wie so mancher aus unserer Mitte so früh und jäh aus seinem segensreichen Wirkungskreise abberufcn wurde. Auch er ist auf dem Felde der Ehre gefallen; denn sein Leben war nichts als ein ununterbrochenes Ringen um die höchsten Ideale der Menschheit und ein steter Kampf für die heiligsten Interessen des Judentums. »Erst jetzt, wo wir allmählich aus der ersten Betäubung erwachen, beginnen wir die ganze Schwere des Verlustes für unsere jüdische Sache und die einschneidende Lücke zu empfinden, die der tragische Tod des einst so kampfesfreudigen Genossen in den Reihen seiner engeren Gesinnungsfreunde znrückgelassen hat. Dr. Karl Jeremias war bei allem stürmischen, vorwärtsdrängenden Naturell, das ihn auszeichnete und zu rastwser Tätigkeit anspornte, doch ini Innersten sei?: dns eine durchaus konservativ gesinnte Pf afür spricht schon seine Herkunft. einer gutjüdischen Familie P-' r, Isidor Jeremias, eine Hol?, ist auch unser verklärj74 geboren und bis zu sein. .jemn-oen. Er besuchte - daselbst das . .tpelm-Gymnasium mit außerordentlichem Erf^.ge und wuchs so in einem Kreise gleichgesinnter junger Leute heran, die unter dem Einfluß doK greisen Oberrabbiners Dr. Feilchenfeld s. A. sich 8a religiöser und geistig-sittlicher ForrbMtng Mstmrmengeichkoffen hatten. Rach AbfowiMng des

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