Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 12 (1914)
- Issue
- Heft 8 (27.2.1914)
- Date
- 1914-02-27
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2692297-2692872-2692880--08283-2703411- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
■Mtiifle p He. 8 tf es FmnkskM IsmekWe» Famlimklalles Aus Israels Lehrhalle«. (Schluß). Da ist es denn eher ein Beiveis für die innerliche Unselbständigkeit -der Midrcischliteraten, ivenn ein ziemlich alter, noch, in aramäischer Sprache verfaßter Text die Erzählungen der Makkabäerbücher über den König Anttochus wieder volkstümlich zusannneilzieht. Und zwar mich dies zu einer Zeit geschehen sein, als der böse Antiochus Cpiphanes (176—164 v. Ehr.), Judas eifrigster Bedrücker, in seiner ebenso historischen Eigenschaft eines Rönlerfreundes zu nachträglich besserer Schätzung gelangt oder erhoben worden war. So fällt der Hauptabschen jetztauf die Werkzeuge des alten Syrerkönigs. Er selbst aber wird zu Anfang mit seinem größeren Vater, zunr Schluß mit einem! späteren Fürsten des Hauses verwechselt, erkennbar in mildernder Absicht. Sonst freilich erweisen die talmudischen Midraschim den Römern jn der Regel keine Artigkeiten. . . Simeon Ben Jochai gilt als Verfasser von ..Geheimnissen" und eines inhaltlich sehr ähnlichen Gebetes, das von einem Bündnis der Jsmaeliten (Neuperser) mit Israel den Untergang der Römerherrschaft in Asien erhofft. Wie auch anderwärts, heißt Rom hier Edom (Esau); als sein letzter „König" wird„Armylos" genannt, worunter die Erklärer einen typischen Romulus verstehen. Da der letzte weströmische Schattenkaiser wirklich als Romulus Augustulus figuriert, so hätte der Rabbi nicht übel geweissagt, wenn sein Armylos nur bescheidener aufträte. Er bekämpft aber an der Spitze aller Westvölker den. „König Messias" der Juden, wobei zu Tage kommt, daß der Römer und seine Scharen schon als Christen gedacht, sind. Natürlich besiegt der wahre jüdische Messias den Armylos, der ein falscher war, unddas zweitausendjährige Gottesreich bricht an. Ein Nachschub zu. den „Geheimnissen" scheint bis in die Zeit der fatemidischen Kalifen in Kairo hinabzuführen, iveil die Erwartung des Messias sich immer verlängert hatte. — Damals war man aber schon zu der Lehrmeinung gelangt, daß es um die Welt noch immer nicht schlimm genug stehe; der Messias werde erscheinen, wenn erst alle Frömmigkeit, gute Sitte, Billigkeit und jedes Behagen dahin seien. Der Traktat SanhedriN stellt im Abschnitt. vom Anteil diese düsteren Vorbedingungen Zusammen, vergißt aber nicht, ermutigende Aussprüche jüdischer Weisen einzuflechten. „Wenn Rab Zera unsere Rabbineu mit der Frage nach Israels Erlösung beschäftigt sah, pflegte er ihnen zu sagen: „Ich wünsche euch, daß ihr nicht in die Ferne rückt. Ist doch gelehrt worden: Drei kommen unversehens: der Messias, ein Hund und ein Skorpion." — Große Hoffnungen riefen die ersten .Erfolge her.Kreuzfahrer wach. Man betrachtet das neue christliche Königreich Jerusalem als Vorstufe des verheißenen Gottesreiches im Lande der Väter. ... von ihren Thronen zur Erde: „dem einen, hieb er die Füße, dem anderen den Kopf ab, diesem brach er die Augen aus, jenem zerschlug er dieArme. Als alle zerbrochen waren, ging er hinaus, legte aber zuvor -die Axt in die Hand des größten der Götzen. Da der König seine Bilder zertrümmert fand, sprach er: „Wer hat sich also erdreistet?" Das ganze Volk antwortete weinend: „Herr König, wisse, daß Abraham bei ihnen saß, und daß wir hören konnten, wie er sie zerschlug." Nimrod läßt den Täter vor sich bringen und verhört ihn. Doch Abraham entgegnet behend: „Nicht ich, sondern, der große unter ihnen hat das angerichtet. Er hält ja noch die Axt in der Hand, und wer mir nicht glaubt, ftage ihn selber." Dafür wird der Kecke erst durch Hunger, staun durch Feuer gepeinigt, aber iinmer steht ihm der Engel Gabriel bei bis zum guten Ende. — Schcche ist, daß Wünsche nicht auch aufnahm, was der Midrasch von Sodom erzählt hat. Danach wäre diese nachmals „umgekehrte Stätte" durch die große Katastrophe gewissermaßen wieder in Ordnung gebracht worden, denn die Leute zu Sodom hätten nach Art Eulenspiegcls alles überquer angefangen, lind es war Abraham, der laut dieser Götzengeschichte nicht ohne Sinn für dergleichen Scherze gewesen wäre, wohl zuzutrauen, daß er hartnäckig um Begnadigung der Spaßvögel anhielt. . . Ganz.anders in ihrem Element , sindaberdie Midrascherzähler, wenn es sich um überirdische Geheimnisse dreht. Das kabbalistische .Stück von der „Quelle der Weisheit" kann genau berichten, wie Mose, um von Gott, das Gesetz p empfangen, über den „Himmelsdamm" (durch, den Tierkreis) geschritten sei, als wäre es gewöhnlicher Erdboden. Ta treten ihm nacheinander . die Engelsfürsten dieses Gebietes drohend entgegen, einer immür riesiger als der andere: zuerst der „Pförtner" Kemuel, dann der fenerblitzende Hedarniel, der „Kronaufsetzer Gottes" Sandalpon; hinter dem glühenden „Jungbrunnen der Dienstengel" aber, den sie alle Morgen benutzen, .stößt Mose auf den Engel Gallizur, „der auch den Beinamen Raziel hat". Es sind altheidnische Planetengötter, und Gott selbst muß mit ihnen parlamentieren, damit sie seinen Knecht hindurchlassen; am Gallizur geht es sogar etwas fluchtartig vorbei. Auch 'die „Engel des Schreckens", die Gottes Thron als Trabantenschrr umgeben, wollen erst für die Neuerung eines menschlichen Besuches gewonnen sein. Endlich ist alles in Ordnung, und Gott „lehrte ' Mose die ganze Thora (das Gesetz) .in 40 Tagen". Aber die Schrecknisse des Rüchveges bewirken, daß .der Aermste das Gelernte wieder vergißt. Nun wird er mit geheimnisvollen Wundermitteln beschenkt, und der Engel Jofjafja wird zum „Fürsten der Thora" bestellt. Er scheint die schriftliche Ausfertigung in Obhut behalten zu haben, bis Mose wieder auf dem Sinai angelangt war. Ein seltsam schwirrendes, flackerndes, dröhnendes Himmelreich kam hier zur Ausmalung, das ein paar verdächttge Berührungen mit den sonst der Hölle vorbehaltenen Unannehmlichkeiten besitzt. Beschreibungen der Unterwelt (Gehinnom) und ihrer Qualen fehlen natürlich ebensowenig wie Spekulationen über den Zustand zwischen Tod und jüngstem Gericht. Die Gelehrten sind da natürlich nicht ganz einig. Ein Systematiker unter ihnen sagt, das Gehinnom habe sieben Häuser, und eins davon heiße Dum ah (= Schweigen),, der Geisterhof. Er bildet den Wartesaal der Abgeschiedenen. Geist und Seele seien aber nicht identisch. „Die Seele gleicht einer geflügelten Heuschrecke. An ihrem Fuß ist eine Kette befestigt, die (mit dem anderen Ende) am Mark des Rückgrats hängt. Wenn der Mensch schläft, verläßt seine Seele den Leib und sturchschweist die Welt. Siehe, ' das gibt dann die Träume." Naht aber das Ende, so holt.der Todesengel die Seele. Ausdem Leibe der Gerechten zieht er sie gelind heraus, wie einen Faden aus. der Milch, beim Frevler aber geht es zu, als zöge man Dornen über Wolle. Der Geist hingegen verläßt den Toten freiwillig, und Mar durch die Nase; so" ganz klar ist die Verschiedenheit seiner Schicksalsentwicklung nicht Umrissen. — Dafür sind | die Säle des Himmels, der Garten Eden, das Mahl der Gerechten, das neue Jerusalem um so lieblicher geschildert, aber .fast niemals ohne ein Zahlenspiel, woraus lauter astrale Lehrsätze und Religionsbcgriffe von zuweilen hohem Alter hervorgucken. Im Traktat Schobbat wird schließlich wieder ein Tiefpunkt erreicht, indem dort die hebräischen Buchstaben einzeln vor Gottes Anngesicht aufmarschieren: „Ter eine sprach , zu ihm: Mit mir sollst du die Welt erschaffen, und der andere: .Mit mir sollst du die Welt erschaffen! Jedem einzelnen aber beweist per Schöpfer aus biblischen Gründen mit talmudischer Logik, daß sein Anspruch ungenügend sei. Erst als das 8 (bstb) austritt, fällt der günstige Bescheid, denn nrit dem Worte Bereschith („Am Anfang") hebt ja der Schöpfungsbericht au. lind das A ialeph) soll Haupt der Reihe sein, dieweil die zehn Gebote mit „Ich", hebräisch Anoki, beginnen. — Wer den Midraschim näher nachgeht, wird noch viele Fragen auf sehr ähnlichem Wege überraschend, entschieden.sehen, aber auch manchen weisen Spruch, manches alte Gut aus fernen Tagen vorfinden. 6. dl. Frankfurter Berichte. „Montenore-Vereia Mittwoch findet ein Portrag des ans dem Gebiete der Frankfurter jüdischen Geschichtsforschnng rühmlichst bekannten Dr. Alexander Dietz statt. Eine interessante Fortsetzung des vorwöchentlichen Besprechungs-Abends wurde uns letzten Mittwoch durch die Behandlung von Ibsens „Wildente" geboten. In einem trefflichen, umfassenden Referat führte uirs zunächst Herr M. Hirschberg in die Handlung-des Dramas ein, nnd' knüpfte hieran eine wohlgekimgene Charakteristik der handelnden Personen. Die in einer lebhaften Diskussion angeregten Fragen und Zweifel wußte der Leiter, Herr Dr. Heinemann, in hervorragender Weise zn ordnen und zu lösen. sicherlich sind derartige Besprechungsabende, unter' Leitung einer kompetenten Persönlichkeit stehend, in günsrigcnl Maße dazu angetan, das Geistesleben der Hörer zu fördern nnd zn vertiefen. Die Juden im 2». Jahrhundert. Sonntag sprach im Bcrc in „Tiseres Bachnr i nt" Herr D a n. Ratzker über das Thema „Die Juden im 20. Jahrhundert." Besonders würdigte der Referent die Massentaufeu, den Zionismus und die Agudas Jisroel. Er betonte, daß die Bewegung, die "durch die Anstellung der Richtlinienthesen eingesetzt hatte, in positive 'Arbeit um gesetzt werden müsse, und deshalb sei die Agudas Jisroel ein Bedürfnis. Zum Schluß appellierte er an die Anwesenden, die Agudas Jisroel in jeder Hinsicht zn unterstützen. Der Zionismus «ud feiue 8eguer. Mit die>em aktuellen Thema hatte die Franks. Zion. Vereinigung eine öffentliche Bersammbmg einbernfen. Die Versammlung gestaltete sich zu einer imponierenden, imponierend durch die Menge des Publikums (800 bis 900 Herren und Damen) und durch den würdigen Ton der Reden. Die schamlose Denunziernng der Zionisten vor der deutschen Christenheit hätte die schärfste Tonart verständlich gemacht. Bankier Jakob Wolfs, der erste Redner, dessen 'Aufgabe es im wesentlichen war, diese als Inserat in den großen liberalen Tageszeitungen erschienene Erklärung zu beleuchten, verstand es aber, vornehme Reserve zn bewahren. Trotzdem genügte die Beleuchtung zur Illustrierung der Erklärung. Sie zeigte die Hohlheit nnd das Widerspruchsvolle des Gedankliche,, und die unglaublich Verirrung infolge des Hasses der Tendenz. Erne Meinungsdifferenz genügte, so sagte sehr richttg der Redner, um liberale Juden, deren erstes Postulat die Gedankenfreiheit ist, zn veranlassen, die Zionisten öffentlich irr Acht nnd Bann zu erklären, eine Handlung zn begehen, wie sie in der jiid. Geschichte noch niemals vorgekommen ist. Warum stellten die Erlasscr der Erklärung ihre Sache nicht vor die jüdische Deffentlichkeit? Vor dieser haben die Herren, von denen ein Teil znm ersten Mal seine Visitenkarte auf den Tisch jüdischer Interessen gelegt hat. sich wohl nicht sicher gefühlt? Und welch' Wagnis bedeutet die Erklärung in unserem Frankfurt, in dem der Einheitsgcdanke stets so sehr betont wird; — und die Bewahrer dieser Einheit, so der Vorsitzende des Vorstandes und der Vorsitzende des Ausschusses der israelit. Gemeinde, stehen unter der Erklärung! Hier in Frankfurt . haben Zionisten wahrlich nie, wie es in der Erklärung heißt, andere süd. Organisationen gestört, im Gegenteil, sie haben in, Vereinsleben der Gemeinde Außerordentliches tz geleistet! Nur eine Deutung gibt es für die Erklärung: f der Haß ist es, der dazu verkettet hat! ) Der zweite Redner, Jul. Simon-Mannheim, wür-; digte vor allen Dingen den Frieden, der Sonntag im ' Kuratorimn des Haifaer Technikums geschlossen wurde: x Denn der Kampf um den hebräischen Unterricht am 's Technikum war es ja, der das anonyme Antizionistische j Komitee die günstige Gelegenheit ergreisen ließ, die Er-; klärung abzufassen und Unterschriften dafür zn sammeln. tz Er ging dann, veranlaßt, durch den Vorwurf der Er- I klärung, der Zionismus bewttke eine Scheidewand zwi- - .< scheu Juden nnd Christen, ans die tatsächlichen x Wirkungen des Zionismus ein. Er zeigte, wie einerseits tz selbst in den fteiesten Ländern gar keine Aussicht ist. daß die gesellschaftlichen Schranken zwischen Christen und Inden fallen, und wie andererseits der Zionismus der jüd. Jugend ein Ideal und Würde gibt, -sehr tteffend ) zeichnete Redner die Nutzlosigkeit unserer gewaltigen knl- | turellen Leistungen ip den Ländern unseres Wohnens für uns selber, da diese Leistungen ja nicht auf die Leistungen des jüdischen Volkes gebucht werden, während j das von dem Häufchen palästinensischer Juden in zwei I Jahrzehnten Geschaffene bereits als jüdische Arbett 't gewürdigt wird. Was würde der Jude Ehrlich an einer Jerusalemer Universität bedeuten! Und hat man schon; einmal in einem Konsnlatsbericht eine Würdigung jüdischer 'Arbeit gelesen, wie es bei den Berichten der Km- , Juten in Palästina jetzt selbstverständlich geworden ist? tz Die wenigen Zehntausend Juden des neuen Palästina bedeuten heute als Juden schon mehr als die eine Million Juden Newyorks. Ihr Wille allein hat sich jetzt auch in < dem Kamps des Haifaer Techittkums durchgesetzt. J Redner anerkannte, daß die Zionisten wohl auch; Fehler machen. Mer das komme daher, weil sie die j schäumende, zählende Jugend bei sich haben. Auch betonte Redner, daß er davon überzeugt sei, daß es auch unter; den Assimilanten gar manche es ehrlich mit der Judenheit Meinende gebe. Nachdem Redner alles Große des Zionismus änfgezählt hatte, schloß er seine Ausführungen: Es wäre eine unsagbare Tragik, wenn einmal die assimilatorische Jugend ttn gereiften Mannesalter erwachen nnd wegen des von ihren Eltern verpaßten historischen Mo-; ment» diese verwünschen werden. I. L. G o i t c i n, der Vorsitzende, forderte die Gegner zur Erwiderung auf, doch niemand ttat vor, und die ) von ihm vorgeschlagene Resolution wurde mtt allen gegen 'i vier Stimmen unter Begeisterung angenommen.? , Kleine Notizen. Im 68. Lebensjahre verschied hier, wo er sich im § Hause seines Schwiegersohnes, Lehrer Zirkel, seit i einigen Monaten aufhielt, Rabbi JsaakLeibLeben- -s o h n ans Liban. Mtt ihm ist ein jüdischer Edebnensch im besten Sine des Wortes dahingegangen. Ein Kenner tz