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Neue jüdische Presse · 1913-09-05 · Heft 35 (5.9.1913) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
11 (1913)
Issue
Heft 35 (5.9.1913)
Date
1913-09-05
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 35. „Aber ich bitte Sie, Herr Präsident! Glauben Sie ihr ja kein Wort davon! Die ist mir viel zn garstig und zn mager!" Schallendes Gelächter im Auditorium. Perez sah bestürzt auf, — dann huschte ein Schein von Fröhlichkeit über sein abgehärmtes Gesicht. 'Also man lachte bereits wieder Wer ihn, — nun, da konnte die Sache nicht mehr zu arg werden. „Es scheint, daß Perez sie öfters beleidigt hat," wandte sich der Präsident an Franja. „Ja," antnwrtete sie grollend, „er hat mich häufig geschimpft. Schickse hat er zu mir gesagt." „Schickse ist doch kein Schimpfwort," verteidigte sich Perez. „Hm! Was ist es denn?" „Wenn Sie mir erlauben, gnädiger Herr Präsident, aber Schickse ist wirklich, kein Schinipswort!" „Gut! Uebersetzen Sie mir das Wort!" Perez wurde verlegen, da er Wer merkte, daß Philipp für ihn antworten wollte, wehrte er, seinem Verteidiger wohlwollend zunickend, ab: „Lassen Sie nur, Herr Doktor, ich erkläre es den Herren schon allein! Als unser Vater Abraham noch in Kanaan lebte, hatte sein Weib Sarah sehr viel Streit mit Hagar, der Magd. Abraham Wer, des ewigen Zankes müde, fragte sein Weib: „Soll ich Hagar in die Wüste schicken?" Und Sarah antwortete: „Schick' se!" Darum heißt eine Magd „Schickst. Also ist es doch kein Schimpfwort!" schloß er, verschmitzt mit den Augen zwinkernd. „Wir wollen es dahingestellt fein lassen," sagte der Vorsitzende, „sicher haben Sie das Wort in beschimpfender Weise gegen die Luschek gebraucht. Allerdings berechtigte dies die Luschek keineswegs, in der Voruntersuchung Anklagen gegen Sie zn erheben, die, wenn sie wissentlich falsch vorgebracht wurden, von tiefer sittlicher Verdorbenheit. zeugen. Franizska Luschek, Sie können einstweilen abtreten!" Damit war das Zcugenverhör beendet, kurz darauf wurde auch das Beweisverfahren zn Ende geführt. Der erste Staatsanwalt Dr. Pauli ergriff das Wort. Er erklärte bündig: trotz der Zurücknahme aller belastenden Aussagen der' eben vernommenen Zeugin Luschek müsse er die Anklage auftecht erhalten. Er stehe nicht an, sein Mißfallen über die Frivolität der Luschek hier öffentlich auszusprechen, ja, er erkläre es laut: Zeugen wie diese seien nicht nur ein Unglück für den Angeklagten, sie schaden dem Ansehen der Justiz und der Rechtspflege noch viel mehr. Wer, man halte die Wahrnehmungen der Luschek in jener Nacht für erlogen oder nicht, — trotz alledem bleibe belastendes Material genug vorhanden, den Weichholz als den Mörder des Przynna anzuklagen. Man ftagte, wie immer, zuerst nach den Gründen für die Bluttat. In einer gewissen Presse war das Gerücht von einem Ritualmorde aufgetaucht und mit aller Bestimmtheit aufrecht erhalten worden. Aber vier Sachverständige haben gegen eine Stimme die Annahme von Schnittwunden am Halse der Leiche verworfen, — auch sonst wurde in keiner Hinsicht der Beweis eines rituellen Verbrechens erbracht. „Dagegen liegen genug andere Motive vor, die auf einen Mord aus leidenschaftlicher Eifersucht schließen lassen.!Der Ermordete hatte eine gewisse Pelagia Czorny geliebt, — Perez macht nicht einmal ein Hehl daraus, daß er diese Mlagia gleichfalls sehr lieb hatte. Man vergegenwärtige sich nur seine Erregtheit, tvenn von Pelagia die Rede ist! Der sonst so. bornierte, verkümmerte Mensch rafft sich zu einer Ritterlikeit empor, die jedein Kavalier gut anstehen tvürde. Wir haben es oft mit Staunen während der Verhandlung gehört: Auf Pelagias Ehre duldet er nicht den leisesten Flecken, der ungebildete Perez wird beredt, sobald es gilt, die vorzüglichen Eigenschaften Pelagias zu preisen oder einen Verdacht von .seiner Freundin abzuwälzen. In ei,rem Punkte ist die Staatsanwaltschaft vollständig gleicher Meinung mit der Verteidigung: Sie beklagt es aufs tiefste, daß es den Nachforschungen dcr-Behörde nicht geglückt ist, den Aufenthalt der Czorny zu ermitteln. Betrachte» Sie, meine Herren Geschworenen, jetzt das vergtlügt schmunzelnde Gesicht des Angeklagten: Er ist entzückt, seine Vertraute, ja vielleicht seine Mitschuldige, in Sicherheit geborgen zu wissen! . . . ." Die Glocke des Vorsitzenden ertönte schrill. Der Staatsanwalt hielt inne. Richter, Geschworene, Zuhörer blickten verwundert auf den aufrechtstehenden Präsidenten, der sich entschuldigend gegen Dr. Pauli verneigte ' und dann laut befehlend sprach: „Ich höre soeben ganz ungebührlichen Lärm vor der Tür. Gerichtsdiener, warum halten Sie die-Türen-nichtgeschlossen?" ' Frankfurter Jsraetztisches Familkenblatt. Der Gerichtsdiener kam in atemloser Hast an den Tisch gelaufen. „Verzeihen Sie, Herr Präsident, draußen stehen zwei Weiber, die spektakeln, sie müßten hinein, — die eine weint und schreit: sie wäre die Pelagia Czorny." Wie ein Blitz fuhren alle Augen nach der Tür. Perez war aufgeschnellt. Sein eben noch spöttischlächelndes Gesicht war leichenblaß, vont Ausdruck heftigen Jammers entstellt; init weit ausgespreizten Fingern stand er da, keuchend: „Sie soll nicht hereinkommen, ich sage — sie soll nicht!" Sein Anblick war so erschütternd, daß in diesem Augenblicke selbst seine Verteidiger, wie sie nachträglich eingestanden, an die Schuld des Wasserträgers glaubten. Pelagia stand schon am Eingang des Saales. Frei-, lich nicht mehr die schöne, rotbäckige, stattliche Pelagia von einst, — sondern ein blasses, früh ergrautes Weib mit eingefallenen Zügen, den stummen, hulflosen Zeugen von tausend Schmerzen an' ihre Brust gepreßt. Jetzt reichte sie ihr Kind der schwarzen Hanne, die sie bisher geleitet hatte. Hanne nahm den schlafenden Säugling und setzte sich mit ihm auf die letzte Bank. Pelagia aber, unbekümmert um die zahllosen Blicke brennender Neugier, schritt eilig durch die Reihen der Zuschauer bis an den Platz, den Christine Müller inne hatte, küßte den Kleidersaum ihrer Herrin, die chr mit all der Herzensgute, die aus den Augen der schönen Fran leuchtete, zulächclte, und ging dann, wie nengestärkt durch diesen güttgen Blick, bis an den Tisch, an dem die Richter saßen. Mit der selbst den Polinnen der niederen Stände eigenen Anmut verbeugte sie sich vor den Richtern und sprach so ruhig und laut, daß man es 'bis in die entferntesten Winkel des Saales vernahm : „Ich bin die Pelagia Czorny. Ich bin gebimmen, dem Gericht zn bekennen, daß ich den Julek getötet habe. Ich tat es! Ich ganz allein!" . Stile Hälse hatten sich ausgestreckt, Pelagia zu sehen; selbst der alte Präsident blickte mit einer Mischung von Neugier und Teilnahme aus das junge Weib, da er sie ftagte: „Wer beglaubigt dem Gericht, daß Sie wirklich die Pelagia Czorny sind?" „Es sind hier viele Leute aus Zladno zur Stelle, die mich sehr genau kennen." „Ja, ja, sie ist es! Es ist Pelagia," schallte es von allen Seiten. Der Vorsitzende winkte Ruhe und sprach weiter: „Sie klagen sich hier eines Mordes an. Woran sollen wir erkennen, daß ihre Selbstbeschuldignng volle Wahrheit enthält?" „Ich werde «zählen, wie es in jener Nacht hergegangen ist, dann wird den Herren kein Zweifel mehr bleiben, wer es getan hat." „Was veranlaßt Sie, sich selbst dem Gericht zu stellen? Wissen Sie nicht, daß auf das Verbrechen, dessen Sie sich hier bezichtigen, eine hohe Strafe, sogar der Tod steht?" „Ich weiß es, gnädiger Herr. Aber ich will gern jede Sttafe erleiden. Mein Beichtvater hat mich herge- Mickt; — Gott sei Dank, daß es nicht zu spät war!" „Ja, aber um ein Haar wäre es vielleicht zu spätgkHiesen!" entgegnete der Vorsitzende streng. „Warumkamen Sie nicht früher?" Pelagia seufzte. „Ich wußte gar nicht, daß ich von dem Gericht gesucht wurde, und ich hätte mich auch nicht von ihm finden lassen. Ich war daheim bei meiner Mutter in Czenstochau, da glaubte ich mich ttef versteckt vor aller- Welt. Ich hätte mich auch gehütet, irgendwem mein-Versteck zu verraten. Aber Gott hat gewollt, daß ich meinen Tauffchein in dem Gebetbuch vergaß, das ich dem kleinen Sohne meiner Herrschaft zum Abschied in sein Bettchen steckte. Da hat die Frau Amtsrichter gelesen, in welcher StWt ich geboren bin, und sie hat an den Herrn Pfarrer unseres Ortes geschrieben, — ach, einen so schönen, rührenden Brief! . . . Der hochwürdige Herr ließ mich zu sich kommen, und ich habe gebeichtet, zum ersten Male wieder seit dem Sonntag vor jener Unglücksnacht . . Aber der Herr Pfarrer hat mir die Absolution verweigert; er sagte mir, daß man einen Unschuldigen für meine Sünde eingezogen habe, und wenig fehle, so .käme auch dessen Blut auf mein Haupt. Als ich hörte, daß es Perez sei, wurde mir gar jämmerlich weh. Ich wollte mich auch schon den nächsten Tag auf den-Weg machen, mich dem Gericht zu stellen, denn die Frau Amtsrichter hatte mir das Reisegeld geschickt; aber in derselben Nacht kam mein Kind zur Welt, und ich rang Sette 5 drei Wochen mtt dem Tode. Die Gnade Gottes ließ mich noch nicht sterben, damit ich nun hier stehen und alles bekennen "darf." Sie hielt einen Augenblick inne. Es schien, als ' wandte sie heftige Schwäche an. Der Vorsitzende befahl dem Gerichtsdiencr, ihr einen Stuhl zu bringen. Doch ehe Pelagia sich setzte, ging sie auf Perez : zu und legte ihre zitternde Hand leicht aus seine Schulter. „Guten Tag, Freund Perez." Aber Perez erwiderte ihren Gruß nicht. Er legte sein Gesicht in die Hände und weinte bitterlich. Tief aufseufzend setzte sich Pelagia nieder. „Pelagia," ftagte der Präsident, „fühlen Sie sich jetzt stark genug, um uns den Hergang in jener Nacht zu erzählen?" „Ja, mein Herr, ich bin ganz stark! So kam es: Jedes Kind in Zladno wußte, daß feit zwei Jahren der Julek um mich ging. Er hatte eine große Liebe zu mir. und gab nicht Ruhe, bis ich mich mit ihm verlobte; am Dreikönigstage dieses Jahres sollte die Hochzeit sein. Aber je näher der Hochzeitstag kanr, desto liebloser und kälter ward der Julek zu mir; er, der sich sonst blutige Füße gelaufen hatte, um einen Blick von mir zu erhaschen, er schlich mir jetzt mit Fleiß aus dem Wege. Bis ich dahinter kam, daß es ihm Franja Luschek angetan hatte. In jener Nacht lauerte ich Julek auf, bis er aus ihrem Haust trat Er wies mich barsch ab, — aber ich lief neben ihm her» bis in den Wald hinein. Da habe ich ihm alles Böst, womit er mein Herz zerrissen, vorgehalten, und ich schalt und weinte! Fußfällig habe ich ihn gebeten, daß er von diestr rothaarigen Kröte lassen solle. Und als er meine Tränen verlachte, habe ich ihn angeflcht: ehe er mich in Elend und Schande verkommen ließe, solle er mich doch lieber totschlagen, — mich und sein Kind zusammen. Und dieser Mensch, dem ich meine Liebe gegeben, mein Hab und Gut, meinen Körper und meine Ehre, dieser Mensch —", sie war aufgesprungen und schüttelte sich-vor Zorn und innerem Grauen, — „diestr Julek, der mein Liebster war, gab mtt die nichtswürdige Antwort: „Weiß ich denn, ob es mein Kind allein ist?" Da sprang ich ihm an den Hals und würgte ihn, daß er an den schändlichen Worten ersticken solle und schlug ihm mit der geballten Faust in das Gesicht. Er stieß mit dem Fuß nach mtt, er zog das Meffer, — aber der Satan gab mtt Riestnkraft . . wie ein Hölzlein habe ich mtt der linken Hand das Messer zerbrochen . . . und ich habe Di . . . ich habe ihn ins Wasstr gestürzt" Sie sank erschöpft wieder aus ihren Stuhl nieder. (Schluß folgt.) J. W* Albert, Optik Fits-n. Pincenez Doubl6 Mk. 7.50, Nickel Mk. 4.00. Waissfrauenstrasse II, Ecke Nene Mainzerstraaae. Kaiser Friedrich Quelle —— Offenbach ju K - Segen Sicht and Bhenmatigmas bewährt. Alleiniger General -Vertreter: Frledrloh Stahl, Frankfurt a.M., Gfintherabnrg-AUee 37. TeL25än.714, Wocheu-Saleuder. (Zeitangaben nach dem Loacb.) Samstag, den 6. September (— 4. Mal.) Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 8 Uhr 30 Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 7 Uhr 45 Min. in Berlin 7 Uhr 30 Min. Wochenabschiiitr: Schauftim. Zunächst. wird die }, Einsetzung gerechter Richter gefordert. (Aehnliches im 2. h Bch. M., Kap. 22.) Kein göttlicher Verehrung geweihter H Baum soll angepflanzt werden. Verbot, Tiere mtt Leibes- : i; fehlern zum Opfer zu bringen. Bestrafung von Götzendienern, ebenso von deren Verleitern. Einsetzen des höch- .! V sten Gerichtshofes in der „auserwählten Stadt'-' (Jern-; salein). Einsetzung eines Königs in Israel. Dessen Rechte j- > und Pflichten als Vater des Volkes. Verschiedene Ab- , 1 gaben an Priester. Heidnische Bräuche und Unsitten aus j .j Israels Mitte fernzuhalten. Verhalten gegenüber den wahren und falschen Propheten. Wiederholung der!,, Vorschrift, sechs Zufluchtsstädte einzurichten für den Fall eines unabsichtlich begangenen Mordes. Wahre und falsche? . Zeugen vor Gericht Bestrafung Meineidiger. Aufmunterung zum Kampf bei einer Mobilmachung von Israels Stteitkrästen. Dispensierung verschiedener Kategorien. bec männlichen Bevölkerung durch den „Kriegsininister" (Meschulach Atilchomoh). Verfahren mit einer zernierten und ' okllrpierten Stadt vor und nach der Kapitulation. (Dabei die Anweisung, keinen Fruchtbaum zn zerstören!) Ver- ' antwortung und Sühne des jüdischen Gerichtshofes bet einem Mordfalle, bei dem die Recherchen erfolglos blieben. . . Wochengottesdienste in Frankfurt i Morgens: 6 Uhr (Hauptsynagoge 7 Uhr, Synagoge König- - steinerstraße 7 Uhr 30. Min.). Abends: 6 Uhr (Hauptsynagoge 4 Uhr, Synagoge Könipsteinerstraße 7 Uhr). ' 4

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