Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 29 (25.7.1913)
- Date
- 1913-07-25
- Page
- Seite 5 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 29. Christine kam zurück. „Hier ist Dein Wein, Liebster ' : „Laß ihn auf mein Zimmer tragen!" befahl er kurz und ging. Kopfschüttelnd sah ihm seine Frau nach. Zum ersten Mal in ihrer Ehe hatten sich die Gatten gegenseitig angelogen. Christine ging nicht zu ihrer Schneiderin, Müller arbeitete nicht einen Strich, sondern lag finster brütend auf deni Divan und trank ein Glas schweren Ungarwcin nach deni andern. Noch nie hatte er an der Treue seines. Weibes gezweifelt. .... War es denn glaubhaft? . .; War es wirklich möglich, daß sein heißgeliebter Blondkopf ihn hinterging? Und mit tvem? Mit dem Sohne seines Wohltäters, cinein Menschen, der ihm von Kindheit an teuer war. Die ganze Stadt wußte wohl schon von diesem Skandal, man unterhielt sich vielleicht am Biertisch darüber und schickte ihm ein gistiges Briefchen ins Haus . , Das Blut stieg ihm in den Kopf. Er fuhr auf, rannte an sein Pult und öffnete ein geheimes Fach. Da klopfte cs an der Türe; der kleine Heinrich Desiderius hüpfte herein. „Vater, darf ich bei Dir bleiben? Mama ist ausgcgangen. Jetzt geht sie oft vor Abend fort, weißt Du nicht ivohiu? . . . Was hast Tu da für ein paar hübsche, kleine Pistolen? . . . Gib sie mir, lieber Papa!" Müller schob den Jungen von sich. „Gehe an Deine Spielsachen, Heinz, ich hole Mama schon nach Hans." Der kleine Heinrich stand int Dunkeln am Fenster und sah betrübt seinem Vater nach, wie er das Haus verließ. Das Kind war allein in der großen Wohnung; die Eltern fort, der Himmel wußte, wo sich Franja herumtrieb. Ganz gut, daß sie nicht da war, Heinrich mochte sie doch nicht leiden. Als Perez und Pelagia noch in der Küche weilten, ging es weit lustiger her. Auch mit der schwarzen Hanne hatte er sich, gut vertragen. Pelagia besaß seine Liebe, aber Hanne kochte besser, sie köderte des kleinen Mannes Herz durch den bekannten Umweg über den Magen; denn in süßen Speisen war Hanne Meisterin. Schade, daß sie fortgelanfen! . . . Ging da nicht die Tür? .... Vom Oberstock kam es, jemand tappte draußen herum. Heinz horchte auf. Das war nicht Franja» Katzenschritt, — cs schienen fremde, starke Tritte, die sich nach der Küche lenkten. Beherzt lief der Kleine hinaus, dem etwaigen Eindringling entgegen, — seltsam, die Küchentür war versperrt; selbst das kleine Fensterlein, durch das Heinrich stets herein- und h'erausznspringen pflegte, war geschlossen und verhangen. In der Küche schimmerte Licht. „Wer da?" schrie Heinz. „Franja, bist Du da?" Keine Antwort. Er hörte ganz deutlich Teller waschen und spülen, bürsten, scheuern, Holz spalten und das scharrende Geräusch des Kohlenanlegens. Das Schlüsselloch war versperrt. „Wer ist in der Küche?" Keine Seele, die chm Antwort gab. Heinz dachte nach: der Rumor da drinnen war nicht geheuer.- Gespenster gab cs nicht, darüber war der kluge Junge längst hinaus. Aber Heinzelmännlein, die gcht es! Papa hatte erst gestern gesagt: „Ich bleibe dabei, Christine, in unserm Haus treiben Heinzelmännlein 'ihr Wesen." Mama war feuerrot geworden, sie bekam wohl Furcht. Durch das Schlüsselloch zog verlockender Bratenduft, gemischt mit dem lieblichen Geruch, wie ihn eine frisch in die Ofenröhre geschobene Mandeltorte verbreitet. Heinz schauderte, die Männlein backen und braten jetzt. Nun. öffnete sich rasselnd die schwere Küchentür, — erschrocken fluchtete das Kind in einen Winkel und hielt beide Hände vor die Augen. Man darf die Zwerge nicht sehen, sonst tun sie einem etwas an, so hatte ihm Pelagia einmal erzählt. Nun tummelten sie sich in allen Stuben bis hinein ins Kinderzimmer, sie stahlen sich wohl in sein Bett? „Mama, Mama!" schrie er mit vollem Halse, — da mit einem Male ward überall helles Licht: liebe, weiche Hände streichelten sein tränenüberströmtes Gesicht, und Klein-Heinrich lag in den Armen seiner Mutter . . . Trotz Dunkelheit, Nordwind und dem feinen Schnee, der herniederstäubte, stürmte der Amtsrichter die Stadt hinaus, vereinzelte Zlandnoer, denen er begegnete, durch seine hastige Gangart in Staunen und Bestürzung versetzend; er hatte in wenigen Minuten die Birkenallee durchmessen und sein Ziel, die kleine An- , städf. Restaurant und Cafe I Inh.: Anton Pfeiffer )» Friadbepger Ldstr. 420. Tel.48811 empfiehlt seine prachtvollen, schattigen Gärten, Terrasse, Saal, sowie diverse separate Gesellschaftszimmer. ,-- Fflr Sommerfeste vorzüglich geeignet. ■ : Frankfurter Israelitisches FamigenAatt. höhe unter der Marienbuche, erreicht. Da b.ltzb er keuchend stehen, sein Gesicht überflog ein grimmiges Lachen. „Ein vortrefflicher Stelldichein-Platz! Zum Kosen wie geschaffen! Dieser verwünschte Riegner! Der Teufel danke es ihm, daß er es Seladon und Donna so bequem gemacht!" Der Herr Oberamtmann Riegner war ein gläubiger Katholik und seinen Mitmenschen ein sehr wohlwollender Herr. Er hatte vor Jahren das schöne Marienbild an der Blutbuche in seinem Park gestiftet und, um die frommen Beter, die häufig vor dem Bilde ihre Andacht verrichteten, vor der Unbill des Wetters zu schützen, im Viereck um den Baum eine Art Leinwandzelt ziehen lassen, sodaß durch diese menschenfreundliche Einrichtung dem wutschnaubenden Amtsrichter vorderhand1 der Anblick des erwarteten Nebenbuhlers entzogen war. Aber der beleidigte Gatte glaubte, trotz des spärlichen Lichtscheines, der von dem Heiligenlämpchen aus zu ihm drang, an der Leinwaich einen Schatten sich bewegen zu sehen, er glaubte sogar, einen kleinen Hut und einen Pelerinenmantel zu erkennen. Unstreitig, in dieser Vermummung barg sich die schmächtige Gestalt des in verbotener Liebe entbrannten Referendars. Ungestüm, mit der ganzen Wucht gekränkter Mannesehre, stieß Müller den Eingang auf und schrie, — ja, er konnte nicht einmal schreien, er ächzte es, heiser vor Wut: „Unverschämter Lümmel!" „Guten Abend, Herr Amtsrichter! Was haben Sie da gesagt? Ich bin doch kein Lümmel!" „Guten Ab —" Der Amtsrichter stand wie die selige Madame Lot, nur daß es nicht Pech und Schwefel hinter ihm regnete, sondern ein tüchtiges Schneegestöber sich erhob, Ivoranf Nelly Thorner — denn diese saß fröstelnd auf der Moosbank unter der Buche — wie besessen rief: „Tür zu! Tür zu! Sonst geht das Lämpchen aus!" „Nelly, sind Sie es denn wirklich?" Der Amtsrichter, der vor einer Minute noch Philipp Hirschthal auf Tod und Leben fordern wollte, hätte jetzt ein Königreich gegeben/ seinen ehemaligen Schüler hier zu finden. Aber Königreiche siick» nicht im Handumdrehen zu vergeben, und Nelly hatte sich auch beim besten Willen nicht in einen schnurrbärtigen Liebhaber zu verwandeln vermocht. Statt dessen lachte sie Müller keck unter die Nase: „Mein Gott, Herr Amtsrichter, was machen Sie für ein komisches Gesicht?" „Sie wollen wohl ein recht dummes sagen!" Er seufzte tief auf. „Fräulein Nelly, bitte — erklären Sie mir ..." „Nichts da! Es ist an mir, Erklärungen zu fordern. Was verschafft mir hier das Vergnügen Ihrer plötzlichen Anwesenheit? Oder ist etwa —", Nellys lachende Augen blickten plötzlich besorgt —, „ist Christine krank? Es ist ihr etwas zugestoßen? Christine hat sie hergeschickt?" „Mich hergeschickt? Zu dieser Zeit?" „Ja." Müller sah ganz ratlos die junge Dame an, die ungeduldig mit den Füßen stampfte: „So reden Sie doch!" „Nelly," fragte er mit langsam erwachendem Verständnis, „Sie warten hier auf Christine? Sie haben .hier wohl schon öfters Zusammenkünfte mit ihr gehabt?" „Ich mit Ihrer Frau? Wie kommen Sie nur darauf, so etwas — Absonderliches zu fragen?" „Ich habe meine guten Gründe dafür," entgegnete Müller, der mittlerweite seine Sicherheit wiedererlangt hatte. Nun fuhr ct mit altgewohnter Befehlshaberei fort: „Heraus mit der Sprache! Sie und Christine treiben etwas Unerlaubtes hier. . . . Ahä, Sie, werden rot, mein Fräulein, wahrhaftig feuerrot. Vorwärts, bekennen Sie!" „Lassen Sie meine Hand los," rief Nelly empört, „ich habe nichts zu bekennen, ich bin doch kein Spitzbube." . „Sagen Sie erst schön die Wahrheit, Kleine!" „Herr Amtsrichter, merken Sie sich: nur Kinder, und Narren sagen die Wahrheit, kluge Leute beeilten sie für sich. Guten Abend!" Sie wollte hinaus; in demselben Augenblick ging die Tür auf, eine Frau steckte den Kopf hindurch: „Pst, pst, Fräulein Nelly" sie reichte dem jungen Mädchen etwas zu, da ward sie des Amtsrichters ansichtig, und wie der Blitz schlüpfte sie wieder davon. „Das Weib kenne ich doch," dachte Müller. Während er darüber nachgrübelte, wo er wohl diese robuste .Gestalt in dem grau und blau gewürfelten Umschlage- Eeite 5 tuch schon gesehen, ivandte sich Nelly ihm wieder zu und machte gedehnt: „Aha, so steht die Sache." Dann trat sie resolut auf Müller zu: „Herr Amtsrichter, schauen Sie mir einmal ins Gesicht!" „Mit Vergnügen. Sie sehen heute retzend aus." „Bitte, lassen Sie das! Herr Amtsrichter, Sie haben Ihrer Frau nachspiomert!" „Mein Fräulein ..." „Keine Redensarten!" rief Nelly streng. „Christine schreibt mir hier: „Ich komme heute nicht. Liebste, Heinrich lauert mir auf." „Was?" fragte Müller verblüfft. „Was bewog Sie sonst, diesen Ort jetzt aufzusuchen? Abscheulich! Sie sind hier, um den Angelegenheiten Ihrer Gattin nachzuspüren!" Er lächelte sarkastisch. „Sollte ich dazu nicht einiges Recht besitzen?" Und jetzt beging Müller die größte Dummheit seines Lebens, — er reichte Nelly das anonyme Billet. Nelly las. Er forschte in ihren Mienen, sie sah aus, als wollte sie ihn prügeln. „Und Sie schämen sich nicht. Sie schämen sich gar nicht," schrie sie erbost, „solch einem ekelhaften Geschreibsel auch nur einen Augenblick mehr zn glauben als der erprobten, langjährigen Treue der reinsten, besten Frau?! Das ist . . ." „Ich zweifelte selbst, ob es wahr wäre," erwiderte Müller kleinlaut. „Sie dursten gar nicht zweifeln," rief Nelly böse, „das ist eine unerhörte . . ." ritz, ratz, flogen ihm die Stücke des Billets vor die Füße. „Nelly," bat Müller gerückt, „wollen Sie mir eine Frage erlauben?" „Nein, ich will nicht! Gehen Sie mir aus den Augen!" „Aber Fräulein!" „An Christinen zu zweifeln? Und Hirschthal! Ein ehrlicher, braver Mensch!" (Fortsetzung folgt.) J. Wm Albert, Optik Fits» n. Plncenez Doublt Mk. 7.50, Nickel Mk. 4.00. Weissfrauenstrasse II« Ecke Nene Mainz arstraaee. Kunst und Literatur. Jüdische Skizzen von Felix Perles. 314 Seiten, orosch. 4 Jl, Leipzig, Gustav Engel. Inhalt: 1. Jüdische Charakterköpfe.— 2. Die Wissenschaft vom Judentum. — 3. Lü Bibel, Talmud und Midrasch. — 4. Religionsgeschichtliches. — 5. Zur Literaturgeschichte und Volkskunde. Die Erkenntnisse des Denkens fordern eine Beschränkung durch die Wirklichkeit des Lebens, für die sie bestimmt sind, und in der sie ihre Probe zn bestehen haben. Demnach wären alle extremen Standpunkte zn verurteilen — fragt doch das Extreme nicht nach der Ausführbarkeit —, und nur die durch die Erfahrung abgeklärten Anschauungen hätten Anspruch auf Wahrheit. Diese Anschauung der mittleren, gemäßigten Richtungen mag überall recht haben, — im Judentum ist sie überflüssig. Das Judentum stellt bereits den abgeklärtesten Niederschlag weisester Lebensanschauung, di« goldene Mitte dar, und eine mittlere Richtung bedeutet hier —> ob sie es will oder nicht, eingesteht oder nicht — «ine Vermittlung zwischen der jüdischen West und der ganz anders gearteten nichtjüdischen Welt,, bedeutet den Anfang der Assimilation, den Anfang zu einer Entwicklung, die über die Reform zur Auflösung führen muß. Hiermit habe .ich gesagt, was ich an Perles aus-, znsetzen habe. Sein jüdischer Standpunkt sagt mir nicht zu. Besonders bei seiner Würdigung Mraham Geigers kam mir das stark znm Bewußtsein. Doch ich habe auch viel Gutes zn sagen. Die Aufsätze — Skizzen nennt er sie —. geben zum großen Teil einen Ueberblick über die Leistungen auf. dem Gebiete der jüdischen Wissenschaft in den letzten Jahrzehnten und sind so ungemein anregend und belebend. Jede bedeutungsvolle Neuerscheinung gab Perles Beranlassnng, zur Feder zn greifen. Andere Aufsätze sind die Wiedergabe von Borträgen, die Perles gehalten hat S» „Soziale Gerechtigkeit ’ im alten Judentum", ,/öaä ebet im Judentum", „Die Poesie der Juden im Mittelalter"). In dem Buche lernen wir Perles als einen überaus belesenen Gelehrten mit der gewandten Feder eines Schriftstellers kennen. Offenbaeber Drncklnfl» Anlage Offanbaeh a. M. Telefon 133. (Anachlnm mit Frankfurt). Bewährteste Tspplchrslnlgang. 100,000 gm jährlich sowie unübertroffene Betten- und Bettfedemreinigung mittelst Druckluft und Wasserdampf. üalser Friedrich Quelle — — Offenbach a. M. - Gegen Gicht and Bhewmatismna bewährt. Alleiniger General -Vertreter: Friedrich Stahl« Frankfurt a.M., GOnthersborg-Allee 37. TeL259u.7I4.