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Neue jüdische Presse · 1913-07-11 · Heft 27 (11.7.1913) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
11 (1913)
Issue
Heft 27 (11.7.1913)
Date
1913-07-11
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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ieUap p Nr 27 Bileam.*) Ein seltsamer Mann. Niemals ist einer so im Joche Gottes gegangen wie er. Niemals haben die Zügel des Allmächtigen so um irdische Lippen gelegen. Man hat ihm das freilich nicht sonderlich angerechnet. Es war ja nicht sein Verdienst. Er selbst war ja zum Fluchen gekommen. Und doch, sein Leben ist erschütternd. Mag der Segeln in seinem Munde noch so sehr ein gewaltsames Werk Gottes gewesen sein, der Zwang zum Segen bedeutete doch etwas für Bileam. Es kam über ihn der Ruf Balaks und der stärkere Ruf Gottes als ein großes Erlebnis. Es war das Ereignis seines Lebens': ein herrliches Wunder. Bon dem Augenblick an, da die Boten des Königs von Moab bei BileaM cintreffen, verfolgt ihn ein Zwang. Er ist sich des Zwanges wohl bewußt. Er ist also, das unterliegt keinem Zweifel, eine tiefreligiöse Natur. Er kennt diese Natur. Er weiß: Wenn sie hervorbricht, dann ist er nicht mehr Herr seiner selbst. Dann ist er ein Werkzeug, mit dem ein anderer hantiert, ein Hingegebcnes, das keinen Willen hat. Daher ist er auch in den Augenblicken seines klarsten Bewußtseins ein Mann, der sich nicht auf sich selbst verläßt. Es ist eine Art sicherer Unsicherheit, die ihn beherrscht: Unsicherheit, weil er nicht zu jeder Zeit Gottes Willen unmittelbar erfaßt und sicher, weil er seines Gottes gewiß ist. Als die Boten Balaks kommen, spricht er: „Wartet. Ich muß. erst Gott fragen." In der Nacht konnnt Gott zu ihm, und verbietet ihm zu ziehen. So bleibt er. Zum zweiten Male kontmen die Boten, und diesmal läßt ihn Gott, Aber wehe ihm, wenn er anders redet, als Gott es ihm in den Mund legen wird. Nimutermehr: Und füllte mir Balak sein Haus mit Silber und Gold, ich könnte doch nicht den Befehl des Ewigen, meines Gottes, übertreten, weder int Großen, noch im Kleinen. Bileam zieht dahin. Und noch einmal tritt Gott auf dem Wege ihm flammend entgegom Da zagt Bileam seines Lebens: „Wenn es Dir mißfällt, Herr, so kehre ich mit." Da läßt Gott 'ihn los. Aberznm zweiten Male preßt er ihm, sein Siegel auf die Lippen: Nur was ich sage, darfst Du selber reden. So kommt Bileam zu Balak. „Sein Mund ist mit fürchterlicher» Zaume gebäumt." Und wieder Acdet er: „Ich kann nichts versprechen, ich weiß nichts, ich bin nichts. Kann nicht das Geringste sagen. Die Worte, die Gott in den Mund , legen wird, werde ich sprechen. Was er mir aber in den Mund legen wird, das weiß ich nicht." Das sind demütige Wirte aus einer starken Seele, Worte einer unzweifelhaft tiefen Religiösität. Und doch ist diese Religiösität getrübt durch ein offenbares Heidentum. Man sehe! nur, wie er vor Balak handelt. Er ist dem Heidenkönig in manchen dunklen Dingen willfährig. Er macht abergläubische Zaub'erversuche. Läßt sich dahin und dorthin führen, erst auf diese, .dann auf jene Anhöhe, nachdem der Fluch nicht gleich hat kommen wollen. Er ordnet eigenartige Opfer an und sucht sich an einsamen Punkten künstlich in religiöse Verzückung zu versetzen. Das sind die Schattenseiten seines seltsam gemischten Wesens. Diese dunkelklare Seele nun, dieser schimmernde See über grundigem Moraste, diese trübe Lache, welche dennoch wie Gold zu erglänzen vermochte im Strahle einer ewigen Sonne, erfährt mit einem Male eine Stunde in ihrent Leben, wo alle Trübheit versinkt und nur der Schimmer bleibt, wo der Heidenpriester zuM Gottespropheten wird, wo die an murmelnde Zaubersprüche gewöhnten Lippen plötzlich von einer Kraft der Sprache zu zucken beginnen, die in der Bibel fast unerhört ist. Das ist eines der größten Wunder, die ich kenne. Und doch so natürlich. Und es ist erschütternd zu sehen, wie hier eine Menschenseele zur höchsten Wahrheit emporgerissen wird, um nach einer Stunde herrlicher Begnadung zurückzutaumeln in die alte trübe Tiefe und elend zu Grunde zu gehen. Freilich »ruß das so koMmen. *) Aus „Suchet mich. So lebt i h r!" Moderne Schristcrklärungcu und Andachten von Rabbiner Dr. (Smil (SoTju- Charlottenburg, ,Birgil-B.erlag. füs Frankfurter IsraeliMen FaMenklattes. Denn Bileam ist wohl eine religiös kraftvolle, aber sittlich schwache Natur. Er ringt nicht mit Gott, sondern kampflos erlebt er etwas. Es fällt ihm eine Gnade in den Schoß, kaum weiß er, von wo sie kommt. Darum bleibt sie ihm auch nicht, sondern, geht dahin, als wäre sie nie gewesen, wie ein Sonnenblick durch dichte Wolken. Aber es ist etwas Schönes, so ein Sonnenblick. . . Personalien «. Kleine Mitteilungen. Burgsteinfurt. Die jüdische Gemeinde beging das 150jährige Jubiläum der Synagoge, die der Fürst von Benthcim-Steinfurt im Jahre 1763 für sie bauen ließ, durcheinen Festgottesdicnst, dein die Spitzen der Behörden und der Geistlichkeit beiwohnten. Lehrer Emanuel hielt die Festpredigt. Dhla«. Geh. Medizinalrat Dr. Lichtwitz. Vorsteher der jüdischen Gemeinde, hat aus Altersrücksichten sein Amt als Kreisarzt niedergelegt. Burgpreppach. Meier Uhlmann, Vorsteher der israel. Gemeinde und Mitglied des Marktgrmcindeausschusses, ist verschiede n. Steele. Geh. Sanitätsrat Dr. Strauß wurde anläßlich des 50 jährigen Bestehens des hiesigen Turnvereins, dessen Gründer er ist, mit dem „E h r e n - brief der deutschen Turnerschaft" ausgezeichnet. II,.) Wreschen. Der Regierungspräsident übertrug Stadtrat Hermann Ziegel bis auf weiteres die Verwaltung des Bürgermeisteramtes. Lemberg. Im Dorf Jahada bei Solkew drangen des Nachts. drei Bauern in das Hans des Milchhändlers David Borhochzer, ermordeten diesen und seine Frau und verwundeten schwer die zwölfjährige Tochter. Von den Mörder», die 500 Rubel raubten, fehlt jede Spur. London. Der Gemeinderat bat beschlosirn, zur Ehrung des Andenkens an Chief-Rabbi Dr. H e r m a n » Adler, die Union Street Commercial-Road in „Adler Street" umzuncnnen. Rotterdam. BernardSanson.der im hiesigen jüdischen Leben seit Jahrzehnten eine führende Stellung einnahm, — Präsident der Gemeinde nsw. — ist im 71. Lebensjahre verschieden. Petersburg. ' Auf der Station Schuwalow warf sich die 17jährige Malerin K re in de l» Tochter des bekannten Militärarztes Krcindel, aus Lebensüberdruß vor den Zug und ließ sich überfahren. Konftantinopel. Samuel Es feudi Israel, Direktor des PolizcigcrichtS, erhielt vom Sultan eine goldene Medaille. Der Ausgezeichnete war beim Verfolgen der Mörder des Großveziers verivundet worden. Rew-Aork. Rudolf Schildkraut ist von Max Rernhart wieder für Deutschland gewonnen worden. Sein Fortgehen wird für die hiesige jüdische Bühne einen unersetzbaren Verlust bedeuten. ' A»S der Lehrerwett. Wolfhagen. Lehrer A. Flörsheim beging sein 40 jähriges Ortsjubrl ä u m. Neustadt (Kr. Kirchbain). Lehrer M. Marcus ist nach öljährigcr Tätigkeit in den Ruhestand getreten. Er erhielt aus diesem Anlaß deuHohcuz olle ruschen Hausorden. il,.) Posen- Kantor Wartend erg er ist in gleicher Eignenschast au der Neuen Synagoge in Breslau gewählt worden. Czeruowitz. Auf Anregung Rabbiners Dr. Rosenfeld hat sich ein Rabbinerverband in der Bukowina konstituiert. 1 Prag. D r. S. H. Lieben wurde zum Professor ernannt. Budapest. In Errnihalhsalva verschied der dortige Rabbiner Moses I. Schön selb, gleich ausgezeichnet durch jüdische Gelehrsamkeit wie durch seine jüdische Lebensbetätigung. Frankfurter Berichte. Das Sommerfest des,.Montefiore"-Vereins. _ Sommerfeste üben stets eine große Anziehungskraftaus, und Veranstaltungen des Montefiore-Bereins sind auch nicht gerade unbeliebt. Unter diesen Umständen ist es nicht zu verwundern, daß das Sommer- .fest des . Montefiore sich geradezu eines gewaltigen Andrangs erfreute. Die Veranstaltung stand unter der Devise: „Ein Abend ' bei unserer Wandergruppe.". Während einer die Vorgänge ans den Ausflügen drastisch beleuchtenden Erössmlngsrede kamen die Wanderer mit Musik hereingezogen,^ und auf_ dem Podium spielten sich bald die ergötzlichsten i-ozenen ab. Die einen kochten ab, andere trugen Couplets vor, kurz, das Ganze machte einen durchaus improvisierten Eindruck. Herr Seelig verherrlichte in einem schwungvollen Gedicht die Tendenzen des Vereins, Geschwister Kurt, Anny und Ella Gold schmäd t brachten ein Terzett für Klavier, Violine und Cello trefflich zu Gehör, Herr Theodor Rosenthal hatte als bewährter Vereinshumorist die Lacher, wie stets, auf seiner Seite, Frl. Marthe Wertheimer erregte durch ihre Lieder zur? Laute stürmische» Beifall, Herr Freddy Grünehau m und Frl. A. W e r t h e i m e r sangen und tanzten graziös wie immer, Herr Königsberger sang mit ' lvoluminösem Bariton, von Herrn WArzburgep trefflich begleitet, einige Lieder und während der einzelnen Darbietungen brachte die eigens für diesen Wend gebildete Schrammelkapekle herzergreifende Lieder zum Bortrag, oder es erschallten gemeinsame Lieder. Nach Beendigung des Programms wurde noch lange getanzt, und als man schließlich die gastliche Stätte verließ, da hatte der Montefiore und seine Wandergruppe wieder eine Anzahl neuer Mitglieder gewonnen und man hörte allerseits' den Wunsch, daß bald wieder ein solcher Abend stattfinden möge. Jüdische Wanderarmenfürsorge. Hier hat eine 'Aussprache über die Wanderarmenfürsorge-Organisation Süddeutschlands und deren Anschluß an die Zentralstelle in Berlin stattgesunden. Es wurde nach eingehender Darlegung der Verhältnisse beschlossen, kurz nach der Reisezeit die Vertreter der einzeine« Kassen SüddeutschlandS zu einer Versammlung nach Frankfurt einzuladen, um sodann definitive Beschlüsse zu fassen. Aro» Seligmaua s. A. Vorige Woche verschied hier im 76. Lebensjahre Arou Scligmanu, eine außerordentlich sympathische, vornehme Persönlichkeit und ein Jude, in dem sich reiches Mdisches Wissen verbunden mit idealstem jüdischen Streben und gewissenhaftester jüdischer Lebensbctätignng in harmonischem Zusammenklang fanden. Kleiue Notizen. Dr. Josef Horovitz. Professor der orientalischen Spracken u. für islamitische Kultur an der Englisch-Motzamnicdanischen Universität zu Aligarh in Britisch-Jndicn, ein Sohn von Rabbiner Dr. M. Horovitz s. A-, hat den Roten Adler-Orden 4. .Klasse erhalten. Jüdischer Humor des Ostens. Ich bin meinem Mann sehr teuer. Wieso? Er will mir 10 000 Rubel zahlen, wenn ich mich von ihm scheiden lasse. * Was ltotf) fehlt! — Mau schießt ohne Rauch, mau fährt ohne Pferd, man telegraphiert ohne Draht, — nur Mitgift ohne Frau gibt's noch nicht. * Gedankensplitter. — Kein Volk lebt so in „Normen" wie das jüdische, — und doch ist sein Leben nicht „normal". _ „Der Moment." Kunst uud Literatur. Die Jüdische Welt. Literarisch-Gesellschaftliche Monatsschrift. Abonnement in Rußland 4 Rbl. jährlich, im 'Ausland 5 Rbl. jährlich. Einzelheit 40 Kopeken. Wilna, Wilnaer Verlag von B. A. Klezkin, Heft 5. Inhalt: Nock;'ii Kriea (Jehunosch) — Meine Sichraunmus (I. L. Perez) — Das neue Leben (Sch 'Asch) — Nene Lieder ('A. Reisin) — Der Verführer (D. Käsanski) — Reue Fragmente von De vrofundis (Wilde) — Die iüd. Kolonisation in Palästina (I. Lewin) — Morris Rosenfeld (Sch. Riaer) — Der Salon der Unabhängigen (L. König) — Der Generalstreik in Belgien (I. Padonschnik) — Die Krisis des jüd. Theaters in 'Amerika (B. Gorin) — Die Wilnaer Zusammenkunft der „Jca" (A. Litwin) usw. nsw. Die gediegene, moderne 'Ausstattung und der reiche Inhalt dieser neuen illustrierten Jargon-Monatsschrift erwerben ihr schon beim flüchtigen Durchsetzen Sympathie. Sollte die Zeitschrift, was wir ihr wünschen, prosperieren, so wäre das ein gutes Zeichen für das gegenwärtige geistige jüdische Leben im Osten. Der Orient. Unter diesem Titel veranstaltet die „Allgemeine Jüdische Kolonisations-Organisation" (A. I- K. O.) in Berlin die Herausgabe eines eigenen Publikations-Organs. Die Zeitschrift will dazu beitragen, darzutun, was der Orient für die Juden und was die Iuden /ür den Orient werden können. Die vorliegende Minimer für den Monat Juni enthält — unter den Rubriken „Die Jüdische Kolonisation", „Die Juden und die Orient-Kolonisation", „Wirtschaftliche Erschließung des Orients" und „Kommerzieller Levante-Führer" — verschiedene Aufsätze, die ein interessantes . un.d wissenswertes Tatsachenmaterial über die wirtschaftliche und sozialpolitische Entwicklung des Orients bringcm. Besondere Berücksichtigung findet in diesen Berichten, der Ausgabe der A. I. K. O. entsprechend, das jüdische Kolonisationswerk: das Blatt ist denn auch in erster Linie für die Mitglieder der A. I. K. O. benimmt, denen es unentgeltlich zugestellt wird. Außerdem soll,/Der Orient" an allen bedeutenden Plätzen der Levante, vornehmlich in den jüdischen Kolonien Palästinas, Verbreitung finden. Preisausschreiben. Von der an der „Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums" begründeten Moses Mendelssohn- Toleranz-Stiftung werden alle zwei Jahre zwei Preise von 2000 und 1000 Ji. für Schriften über ein Thema ausgesctzr, dessen Bearbeitung Menschenliebe, Gerechtigkeit und Duldsamkeit zu fördern geeignet ist. Der

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