Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 23 (13.6.1913)
- Date
- 1913-06-13
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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2. ,f.. p Nr. 23 rfes fanüfttctet IsmeMslKm Imiiifienfitaffes, Freiheit. (Eine Z e i t b c t r a ch t u n g v o n „B e »• M c iLa ch e tu".) Das Jahr 1913, das Jubilännisjahr der Freiheit für Deutschland, lvird festlich genug begangen. Und da iiiijrc Zeit sich selbst frei dünkt, so hat sie ja lvohl das Recht zu solcher Feier. Immerhin: wer bei uns das kulturell und politisch „Freie" gegenüberstellt dem darin noch Unfreie», mag ja ein achtbares freiheitliches Plus herauSrcchncn. wenigstens im Vergleich. zcx 1813. In diesem Sinne ist also: . Freiheit Eigentum der Wissenschaft und Kunst, die sich z. Zdurch keine Schranke einer ausgesprochene» Richtung eindämmen lassen; Freiheit das Fundament der Erziehung und Volksbildung; „Freiheit" sogar nach allem Anschein das Merkmal der Mode!? 4kur an einem Punkt hat der Siegeszug kultureller Freiheit Halt gemacht, und in einer Hinsicht stehen wir noch auf dem gleichen Fleck wie vor 100 und vor 50 Jahren: im Verhältnis der deutschen Juden zum deutsche» Staat. Das ist erstaunlich bei den ungeheuren Anstrengungen des Judentums, eine Aenderuug herbeizuführen, — erstaunlich, da uns doch, ei» Gabriel Riester gelebt hat, dessen 50. Todestag am 22. April d. I. man so warm gedacht hat —, erstaunlich, wo seit 20 Jahren der Central- Verein emsig ivirkt! , Solch ei» Misserfolg aus der ganzen Linie muß den nüchtern Denkenden und de», der vor unangeiiehmcr Wirklichkeit nicht die Augen verschließt, zu einem Schluß führen, der ohne allzugroßen Optimismus und ohne allzukrassen Pessimismus in der Mitte liegt: Was das Judentum von seinem Vaterland, das doch als christlicher Staat angesprochen werden muß, je hat erreichen können, hat es erreicht, wird vielleicht auch noch einiges hinzugewiniien, und man kan» auf dem Standpunkt stehen, daß schon dieses sehr viel ist — es kommt eben auf die Wertschätzung dessen an, — aber was Gabriel Rießer, was der heutige Verfechter seiner Ideen, der „Central- Berein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" letzten Endes erstrebt, ist nie zu erreichen möglich. ■ Je mehr Versammlungen des Centralvereins nian besucht, desto mehr wird man von. dieser Wahrheit überzeugt. Das was schon zu Riesters Zeit selbst die liberalen Geister gegen eine völlige Gleichberechtigung der Juden in Deutschland eingewandt haben, was seitdem immer wieder bis auf den heutigen Tag geltend gemacht wird, das ist von Gabriel Rießer nur scheinbar widerlegt worden und zwar nur dadurch, daß er ein außerordentlich reformiertes Judentum — das eigentlich keines mehr war — an Stelle des Judentums schlechtweg proklamierte! * Betrachten wir jene Einwände von nichtjüdischer, aber liberaler Seite und zwar nach Aufsätzen der „Illustrierten Zeitung (Leipzig) vom 17. Juli bezw. 2. Oktober 1847; Aufsätze, welche zur selben Zeit erschienen, als Gabriel ' Riester in der Vollkraft seines Wirkens stand und sich rüstete, zu Frankfurt in der Nationalversammlung mit der ganzen Gewalt seiner Energie und seines Geistes die Sache des Judencuins zu vertreten. Die „Illustrierte Zeitung" lvar 1843 gegründet und hatte sich zu einer für damals sehr liberalen Auffassung der Dinge bekannt. Sie genoß schon nach kurzer Zeit allgemeines Ansehen und wies bedeutende Mitarbeiter auf, die zu einer Zahl von 20 000 Abonnenten (1847) und zu einer noch viel größeren Leserschar sprachen. Die liberale Auffassung des Blattes ersieht man aus folgenden Auslassungen in dem Artikel vom 17. Juli 1847: „ . . . . Bei alledem sind christliche Staaten nicht die, welche nur oder zum größten Teile von Christen gebildet, viel weniger die, welche etwa nur von christlichen Fürste» beherrscht iverde»; sondern wesentlich christlich ist nur der Staat, dessen Gesetze in keiner Hinsicht de» göttlichen Geboten, ivelche die Kirche als höchste und einzige Richtschnur auerkeuut, widersprechen.... .... Am wenigsten aber ist cs eine Forderung des christlichen'"Staates, daß alle seine Bewohner sich mindestens äußerlich zur christlichen Religion bekennen nrüßten; das Christentum trägt vielmehr der äußern Lage der Dinge gar keine Rechnung, weil es nur mit der Beziehung der Willensrichtnng des Menschen auf seinen Gott und Schöpfer zu tun hat .... .Von dem Begriffe des christlichen Staates können daher keine Gründe gegen die Gleichstellung der Inden mit den Christen im Staate genommen werde» . . Und wer sich zu deren Bekämpfung auf den christlichen Staat beruft, der hat notlvendig einen salschen Begriss davon In diesen Anssühruugen ruht schon erkennbar die Bejahung der Trennung von Staat und Kirche, tutb doch muß dasselbe Blatt später zngeben, daß die Juden! frage gerade durch das Verhältnis von fünfzig Millionen zu einer halben Million zwischen Christentum und Judentum so iiugemei» kompliziert wird. Immerhin: Für die Ehrlichkeit dieser Sätze empfindet mau Sympathie. Sie erinnern lebhaft an Gabriel Riesters Worte in der Entgegnung an den Kirchenrat Panlns: „Es ist unbegreislich, wie ein Mann, der sein Leben lang die Trennung von weltlichen und kirchlicheil Dingen vertreten hat, auf diesen Abweg geraten . . . konnte. Wie? Der liebertritt zum Christentum soll nicht die Anerkennung seiner Lehren, feiner Heiligkeit, seines göttlichen Ursprungs, sondern oen Wunsch bedeuten, den andern Bürgern' an Recht gleich zu sein? . . . Mir ein hoher Grad von Geringschätzung gegen den Staat kann als Gewähr dafür, daß man ihm angehöre, nicht die Erfüllung der Pflichten, nicht de» Gehorsam gegen die Gesetze, die der Bürger ihm schuldig, sonder,i einen Akt verlangen, der einer ganz andern Sphäre angehört und angchören inuß..." Ans Ehrlichkeit sind ivir nun mindestens zur ernstesten Beachtung der Ausführungen des 2. Artikels der Jlliistricrtcn Zeitung, vom 2. Oktober 1347, genötigt. Der Verfasser bestreitet den Juden das Recht auf eine unbedingte Gleichstellung im Staat in folgenden Gründen: „Alle Staaten beruhe» ursprünglich auf dem Volkstum und sind ans dem Volkstum erwachsen, ivie denn auch noch heute der vollkvinmcnste Staat der sein und lvcrden müßte, der sich auf ein einziges Volkstum stützen möchte. Allerdings gibl es nun zlvar in der Wirklichkeit keinen Staat mehr, der ans einem einzigen Volke gebildet würde, allein. es ist noch heute Bedingung der Stärke aller Staaten, daß die verschiedenen Völker, welche sie bilden, sich gegenseitig durchdringen und zu einem neuen Mischvolk werden oder geworden sind; wo dies nicht der Fall ist, da verliert der Staat an Einheit und mit der Einheit an Macht, ja es sind und bleiben solche Stämme, die mit den übrigen sich nicht mischen wollen, die schwachen Seiten der Staaten, ivoriii sie sich vorjinden. . .... Ist dies aber der Fall bei Volksstännnen, welche durch, ursprüngliche Verwandtschaft, durch Religion und Sitte und tausendjährige Wechselheiraten mit einander verbunden sind, in wie viel höherem Grade müßte es nicht zur Schwächung eines Staates beitragen, einen Volksstamm in sich auszunehmen, der ihm nach Abstammung, Religion und Sitte völlig fremd ist undmit welchem auch keine allmähliche Vereinigung durch Heiraten herbeigesührr werden kann, weil die Heirat mit Fremden mit einem unbedingten Verbote belegt ist, wie das bei den Inden der Fall." Die Wahrheit dieser Gründe drängt sich jedem Unbefangenen auf. Freilich: Gabriel Rießer hat diesem Einwand gegenüber das Hindernis einfach dadllrch beseitigt, daß er die ewige Giltigkeit bezüglicher Reljgionsgesetze in Frage oder gar in Abrede stellte. und damit grundlegende Stützeir des jüdischen Glaubens — und m. E. des Judentums überhaupt — beseitigte: ein Opfer, um das die Gleichberechtigung zu erkaufen, nicht eben seine Absicht war! Den Beweis für diese Stellungnahme Riesters finden wir sehr deutlich in seiner „Verteidigung :c. gegen Herrn Dr. Ji. E. G. Paulas" und zwar in .dem Abschnitt der -schrift, der die Frage behandelt, ob religiöse Gesetze ein Hindernisgrnnd für die bürgerliche Gleichstellung der Inden sein könnten. Dein Gcdankengang Rießers solgend, darf man ihn wohl wie folgt interpretieren: Er betrachtet die Tatsache, daß das liberale Jiwentum seiner Zeit an Ausbreitung gewinne, als genügend, die volle Gleichberechtigung zu beanspruchen; er glaubt und hofft, daß die „Gesamtheit der Jttdeii" dem Staatsinteresse zuliebe manches tatsächlich hinderliche Religionsgesetz fallen lassen wird, um dafür das Bürgerrecht zu erlangen! — Rießer ist also im Grunde der Ansicht, daß erst ein weitg e h e n d r e f o r m i e r t e s I n d e n t n m mit gutem Recht die völlige Gleichstellung verlangen könne. Er scheint mir sogar darin richtiger Ansicht zu sein, da im strenggläubigen Judentum zweifellos die Grundlagen ziemlich scharfer 4lbsonderung von Andersgläubigen ruhen! Aber Rießer übersieht auch, ivie leicht sich den Reformen gegenüber die Grenzen verwischen und man fragt sich bei nns^mit Recht, ob das von ihiu geschaute Judentum überhaupt ein solches noch sei. Schließlich kann die Orthodoxie mit genau deinselben Recht verlangen, wie die Liberalen, daß man die Emanzipationsfrage von ihrem Standpunkt aus erörtere! Daß ich Rießer mit meiner Interpretation nicht falsch-verstanden habe, mag noch dieses beweisen: „Der Israelit" — begründet ISöO als Ccntral-Organ für das orthodoxe Judentum —, sagte in seinem Nekrolog aus Rießer, in der Nr. 111 vom 13. Mai 1863 unter anderem: „Mit ist eine ganze Richtung zu Gral>e getragen. Die Resormatoren ans Emanzipationsztvecken existieren nicht mehr; damit sind unsre gefährlichsten Gegner überwunden; den andern obznsiegen, dazu möge der allmächtige Gott den wahrhafte» Israeliten seinen gnädigen Beistand leihen!" — — — — — — (Schluß svlgt.) Kunst und Literatur. Denkwürdigkeiten der Glücke! von Hamei». Ans dem Jüdisch-Deutschen übersetzt von Fr. Alfred Feilchenfeld. Al. 4,—, Geschenkband .11. 7,50. Berlin, Jüdischer Verlag. Eine jüdische Fra», die am Ausgange des dreißigjährigen Krieges in Hamburg geboren wurde, hat ihren Kindern zu Nütz und Frommen die Erfahrungen ihres reichen, bewegten Lebens ausgezeichnet, — und diese nur für den engen Familienkreis bestimmten Auszeichnnngen gaben so viel Wertvolles in Form und Inhalt, daß man sie zu den Interessantesten und Besten der Memoieren- Literatur zählen darf. Eine gesunde, mutige Natur, klarblickende Angen und ein gottesfürchtiges Herz sprechen aus diesen vergilbten und doch so frischen Blättern. Esist alles so greisbar lebenswahr, daß man unwillkürlich immer wieder und ivieder Vergleiche mit den Erfahrungen seines eigenen Lebens anstellt. Doch noch ein weiteres Gefühl beherrscht den Leser, ein Gefühl des Erstaunens. Mail will es nicht begreifen, daß vor 250 Jahreil in einein Juden diese Urwüchsigkeit leben koiiiite und nicht minder, daß dieser^Mensch eine Fra»l war. Wieder eiilinal ein Beweis für die hohe Stellung, die zu allen Zeiten die Frau im Judentum eingenommen hat. Vor einigen Jahren ist eine von Berta Pappenheim besorgte deutsche liebcrtragniig erschiene». Bertha Pappen-- heinr gehört zu den Nüchkommen der Glücket und sie hat ihre Üebertraguiig nur als Familiendriick herausgegeben. Die vorliegende Ausgabe ist die erste, die die Memoiereil der Glücket der» großen Publikum bekannt macht. Leider hat der Herausgeber die eingestrenten Betrachtungen und ° Erzählungen weggelassen, wodurch die geschäftliche Tätigkeit und die mütterlichen Bestrebungen der Glücket, ihre zwölf.Kinder zu verheiraten, mehr, als es gut ist, in/den Vordergrund treten. Die Sagen der Jude n. Gesammelt und bearbeitet von M i ch a Josef bin G o r i o n. Von der Urzeit. 378 Seiten. Brosch. 6 .ft, geb, 7,50 AI., Lcderband 10 Al. 1013. Frankfurt a. M., Rütten u. Lvening. Unter „Sagen" versteht man im ersten Augenblick - immer nur die „Heldensage", und deshalb stutzt man beim Titeldieses Buches. Und wenn man es dann aufschlägt und liest, dail» findet man auch nichts von einer Heldensage darin, nichts von jenen sich bahnbrechenden Kräften, denen „gut" und „böse" nichtige Begriffe sind, denen es nur gilt, ihrem Wolle» de» Sieg zu verschaffen. Für Israel, das Gottesvolk, waren die Kräfte der Natur bei allein Abirren nie selbständige göttliche Gewalten und so sah es bei dem rohen Spiel der Kräfte, bei dem Kamps in der Natur die Schranken, gesetzt durch die göttliche Allmacht. Das hatte notwendig eines zur Folge, was man von rein künstlerischen Erwägungen bedauern 'kann: das Gewaltige mangelt seiner Sage: Auch das jüdische Volk hatte eine reiche Phantasie. Dieser Phantasie war aber der Stoff in der Bibel gegeben, und so mußten seinem Stoffe stets moralischethische Tendenzen zu Grunde liegen. Der Jude des Ostens ist heute noch anfs innigste vertraut mit der Sagen- >cnd Legendenloelt feines Volkes. Dafür sorgt schon der Maggid, der Wanderrabbi, der das Beste seiner Reden aus diesem Gebiete, an dem die Midraschim so reich sind, schöpft. Wir im Westen haben mit so vielem auch die Sagen- und Legendenwelt unseres Volkes vergessen. So ist es denn ein höchst verdienstliches Werk für die Wiederbelebung eines eigenen jüdischen Fühlens und Denkens, daß den weitesten jüdischen Kreisen dieses Phantasiereich ihrer Väter wieder zugänglich geinacht worden ist und noch dazu in einer solch schönen Ausgabe. Wrede, Friedrich. Fürst. Die Goldschilds. Die Geschichte einer jüdischen Familie. Ausl. Berlin. Hofncann. Preis 3,50 Al., geb. 4,50 Al. ... * In den Lebensschicksalen dreier Vettern wird uns der Untergang einer jüdischen Familie geschildert. Diese Familie wurzelte fest in dem alten Stamme. Ihre Abkömmlinge aber gehen ihin verloren,- weil ihr Leben, losgelöst von ihrer Geineinschaft, keine Früchte mehr für sie zu tragen vermag. Den einen von ihnen treibt sein Sinn für Mystik in . die Arme des Katholizismirs. Sein Sohn stellt als katholischer Priester seine von Grund aus jüdischen sozialen Ideen in de» Dienst der katholischen Kirche. Der andere findet seine ganze Befriedigung darin/ Millionen über Millionen anzuhänfen. Seine Nüchkommen sind degeneriert. Der Aelteste der Vettern, ein freigeistiger Idealist' und Kosmopolit, bleibt allein in der Welt zurück, unfähig de» llntergang der Familie anfzuhalten. Ganz spät erst erfährt er von dem geplanten Jndenstaat in Palästina. Neue Möglichkeiten erstehe» vor seinem grübelnden Geiste. So endigt das Buch init einem Ausblick auf den .Zionismus, gleichsam den Weg weisend jene» Wurzellosen und Zerstreuten, — de» Weg zu ihrem Volke, — Der Verfasser ist mit tiefem Ernste in die jüdischen Probleme eingedrnnge», und es ist ihnl gelungen, jiidische Typen mit Sorgfalt zu schildern. Mag uns auch das Nebeneinandcrstellen dieser Typen in einer Familie etwas gewaltsanc erscheinen, mag der Stil bisweilen etwas zu lvünschen übrig lassen, so machen doch Ehrlichkeit und Objektivität der Darstellung (ivie ich sie bei einem Nichtjuden noch nie in dem Maße gefunden habe) das Buch lesenswert. R. W. Spende«. Für den Nationalfonds gingen ein: Aus d?r von Fräulein N. Joseph vorgenommenen Büchsenleerung: I. Strauß l.— M Guggenheim 1,10 Löwenthal 2,50 „ Simon O _ Tachauer 2,40 „ Weinberg - ,, S. Rosentbal Rachf. “0,50 >, Weinberg 9.51 „ Nußbaum 1,52 „ Salomo» 0,40 „ 'Dr. Steüipa 2.58 „ Aus der von Fräulein 2. Stern vorgenomniene» Büchsenleeruug: Dr. Goldberg 11,15„ft 4k. 4k. 3.80 „ van Geldern t,G2 „ Zahnarzt Hirsch 2,6;> „ I. Ettlinger 4,10 „ I. Bachrach tr 5780