Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 13 (28.3.1913)
- Date
- 1913-03-28
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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I " " zu Ht. 13 ifes Frankfurter UmeMslKm FamlimklMes. Friedrich Hebbel und die Jude«. 3m 100. Geburtstag des Dichters. (18. März 1913.) Bon Jda Kaufmann-Marx (Berlin). (Schluß. Ein Kreis bedeutender junger Männor scharte sich nun um Hebbel, von denen nur einige erwähnt sein: Hieronymus Lorm (Heinrich Landesmann, der Schwager Berthold Auerbachs), L. K o Mpert, der Humorist M. G. Saphir, Ludwig August Frankl und vor allem der nachmalige österreichische Justizsminister JuliusGlaser sind in erster Reihe als Vertreter des Judentums zu nennen. Zehn Jahre lang verband Hebbel die herzlichste Freundschaft mit Emil Kuh, der den Dichter verschiedentlich auf seinen Reisen begleitete. Jedoch Kuh's Entschluß, sich taufen zu lassen, um die Sängerin Adele Ferari heiraten zu können, brachte die erste Disharmonie in dieses einzigartige Verhältnis. Wie Hebbel versucht, im heiligen Eifer mit aller nur ihm zu Gebote stehenden Ueberreduugskunst den jungen Freund von dieser Absicht abzubringen, dokumentieren die .folgenden, am 18. Dez. 1856 an Kuh gerichteten Zeilen: „Zu der Herausgabe Ihrer Gedichte gratuliere ich-, dagegen verlangen Sie wohl nicht von mir, daß ich Ihre Ansichten über die Juden unterschreibe, da Sie wissen, daß ich Mich vor vielen Jahren schon mit einem christlichen Freunde auf. lange entzweite, als er ähnliche aussprach, und da Ihnen früher obendrein mein Wort: Der Jude ist' gerade so schlecht wie der Mensch! recht wohl gefiel. Der Jude ist freilich als Auserrvählter, wie jeder Aristokrat, zu Anmaßung und Undankbarkeit geneigt, und da seine Ansprüche aus historischen Gründen immer derber abgewiesön und stärker darniedergehälten wurden wie die der übrige n A d e l s k a st e n, so hat sich das in ihm ausgebildet, was ich die kleine Courage nennen möchtet Aber diese Eigenschaften können sich zunächst nie gegen Sie kehren, da Sie ja selbst zu den Auserivählten gehören, und dann denke ich viel zu groß vom Menschen, um nicht an dem Glauben festzuhalten, daß er die kleinen Hindernisse, welche die Rasse ihm allenfalls in den Weg legen mag, durch die kleinste sittliche Anstrengung überwinden kann. Erwägen Sie diese Gedanken in ihrer ganzen Tiefe, und söhnen Sie sich mit Ihrer Nation wieder aus; es .tut nicht gut, sich von dem Boden loszutrennen, dem man angehört, und ich sehe Sie nicht gerne auf diesem Wege." Freilich fielen diese gutgemeinten Worte auf unfruchtbaren Boden, und trotz einer momentanen Aussöhnung kam es einige Zeit später zum jähen und endgültigen Bruch, den Hebbel Zeit seines Lebens nicht mehr verwinden konnte. Nur Ed. Kulke, auch Jude, trat ihm von der jüngeren Generation in den letzten Lebensjahren noch näher. In seinen „Erinnerungen an Friedr. Hebbol" hat Kulke dem großen Freunde ein unvergeßliches Denkmal gesetzt, so wie vor ihnr Kuh in seiner Biographie und nach ihm Bamberg durch Herausgabe von Hebbels Briefen und Tagebüchern. Kulke erzählt uns u. a. auch, daß Hebbel oftmals bedauert habe, daß ihm die hebräische Sprache fremd und somit die Schätze des Judentums verschlossen seien. Auch daß Hebbel sich gern von seinen jüdischen Freunden Legenden und Parabeln aus dem Midrasch erzählen ließ' und diese Kenntnisse anzuwenden verstand. Eines Tages brachte ihm Saphir ein Gedicht. „Ich las es durch", erzählte Hebbel seinem Freunde Kulke, „und erklärte nnch mit der Form nicht einverstanden." „Die Form, die Form, lassen wir die Form"', sagte Saphir, „aber die Idee, die Erfindung, der Inhalt!" ,/O, die Erfindung ist vortrefflich!" — „Saphir wußte nicht", erzählte Hebbel weiter, „daß ich die Erfindung sehr genau kannte. Die Sache war .aus dem Talmud, ich konnte die Erfindung mit gutem Gewissen loben." Ein anderer von Hebbels Freunden, L. A. Frankl, berichtet uns von dem überwältigenden Eindruck, den ein jüdisches Begräbnis auf Hebbel hervorbrachte, wie er erschauernd dein hebräischen Gesang ' den Psalmen auf dem Friedhof mitanhörte und dann erschüttert ausrief: „Kommen Sie mit fort, ist leide zu sehr unter der Erhabenheit!" Wie Hebbel sich dann auf dem Heimwege von den jüdischen Gebräuchen erzählen läßt, wie tief ergriffen er ist, als er hört, daß die Juden ihre Begräbnisstätten „der gute Ort" nennen und wie er dieses Wort immer wiederholte: „Der gute Ort, der gute Ort, ja, das ist er, es gibt keinen besseren." Und wie ein elementares Bekenntnis wirken die folgenden Worte: „Ein Volk, das aus sich Dichter, wie König David einer ist, und die Propheten hervorgehen sah, darf sich mit stolzem Bewußtsein rühmen, ein auserwähltes zu sein. Es rollt selbst in den modernen Juden trotz starker Verdünnung etwas wie ererbter Geistespurpur in den Wern. Meine nächsten und vertrautesten Freunde sind Juden, von denen sich auch einige taufen ließen. Ich hasse jedes Renegatentum." — Noch ist zu erwähnen, daß Hebbel die Gewohnheit hatte, sich kurze und bezeichnende Ausdrücke lind Anekdoten aus dem Talmud zu notieren, ilnd daß sich in seinen umfangreichen Tagebüchern eine ganze Anzahl Aphorismen über die Juden befindet. Dazu gehört auch die folgende Tagebuchs eintragung vom 1. April 1859: „Im Juden liegt eine nicht zum zweiten Mal vorkommende, höchst eigentümliche Mischung von kaustischeni Verstand und von symbolisch-allegorischer Phantasie. Er mußte darum groß im Religionsstiften sein; denn sein Verstand gestattete ihm nicht, an dem Grundgcheimnis der Welt mit zugedrückten Augen vorüberzugchen, und seine Phantasie war besser geeignet wie die irgend eines anderen Volkes, es visionär zu lösen." Die „Bayerische Rabbinerkonserenz" und die „Richtlinien". Wenngleich bei der Aussichtslosigkeit der Durchführbarkeit der „Richtlinien" ein weiteres Eingehen auf den Streit pro und contra eigentlich nicht angezeigt ist, so soll doch die Kontroverse, welche diese Sache innerhalb der sonst einigen bayerischen Rabbiner hervorgerufen hat, in diesem Blatte nicht linerwähnt bleiben. Bekanntlich besteht in Bayern seit. 20 Jahren die sogenannte „Bayerische Rabbinerkonserenz", eine Vereinigung aller bayerischen Rabbiner von den verschiedensten religiösen Schattierungen, welche sich bisher auf das beste bewährte und auch als einzige Körperschaft von der Regierung als Vertreter der bayerischen Jndenheit respektiert wurde. Diese Vereinigung war eine umso erfreulichere Erscheinung, als hier die Herren Rabbiner äußerster orthodoxer Richtung neben solchen der äußersten Linken in Harmonie die jüdischen Interessen in der Oeffentlichkeit wahrnahmen und scharfmacherische Anzapfungen von rechts und links stets unbeachtet blieben. Die „Richtliriien" sollten nun einen KMdazwischen treiben, wenn auch nicht soweit, daß schon jetzt eine Spaltung erfolgte. Die orthodoxen -Mitglieder erließen vor einigen Wochen folgende Erklärung: „Nachdenr wir in Konsequenz der von uns mitunterzeichneten Erklärungen gegen die Richtlinien der liberalen Rabbiner, als Kollegen nach dem jüdischen Religionsgesetze nur solche Rabbiner anznerkmmen in der Lage sind; welche die unmittelbare Offenbarung der Thora durch Gott und - die gleiche Verbindlichkeit der mündlichen Lehre wie der schriftlichen im Sinne des orthodoxen Judentums in Lehre und Leben festhalten, erklären wir,, daß wir in der Rabbiner-Konferenz nur um deswillen verbleiben, um uns vom Staate überwiesene Aufgaben im Rahmen der bisherigen Geschäftsordnung zur gemeinsamen Lösung zu bringen. (gez.) Rabb. N. Bamb'erger-Wnrzburg, S. Bamberger- Kissinoen, Breuer- Aschafsenourg, A. Cohn - Illnhausen. R. Cohn-Burgpreppach, Goitein-Bnrgkundstadt, Klein- Nürnberg, Kohn-Ansbach, Mannes-Schwäbach, Meyer-Regensburg, Stein^Schweinfurt, Weinberg-Neumarkt, Wohlgemuth-Kitzingen." Hierauf antworteten nun die Mitglieder der mittleren und liberalen Richtung folgendes: „Gegenüber der von 13 orthodoxen bayer. Rabbinern am 26. Januar a. c. in Würzburg veröffentlichten und dem K. Staatsministerium übermittelten Erklärung sehen sich die Unterzeichneten trotz der prinzipiellen Verschiedenheiten ihres religiösen Standpunktes, zu folgender gemeinsamen Gegenerklärung gezwungen. I. Die orthodoxe Parteirichtung ist im Judentum nicht die allein maßgebende. Deshalb protestieren wir gegen die Behauptung, daß nur diejenigen als Rabbiner und Kollegen anznerkennen sind, die der orthodoxen Parteirichtung angehören und verwahren uns gegen das Unterfangen, alle diejenigen Rabbiner als disqualifiziert zu erklären, die sich nicht zu dieser Richtung bekennen. II. Die bayerische Rabbinerkonserenz hat seit zwei Jahrzehnten ihre Tätigkeit nur dadurch entfalten können, daß alle ihre Mitglieder ohne Unterschied der religiösen Richtung den Konferonzsatzungen entsprechend bestrebt gewesen sind, unter Wahrung der Einheit und des Friedens das religiöse Leben nach der Lehre des Judentums zu heben. Die orthodoxen Mitglieder haben selber rückhaltlos anerkannt, daß insbesondere ihre Anforderungen stets von allen Seiten Unterstützung fanden. Getreu unserer bisherigen Haltung, die Interessen des Gesanltjudentums höher zu bewerten als die eines ausschließlichen Parteistandpunktes» werden wir auch weiterhin in der Konferenz verbleiben und weisen die in jener Erklärung enthaltene persönliche Herausforderung und den Versuch, Spaltung. und Trennung in unsere Reihen zu tragen, mit Entschiedenheit zurück. Im klebrigen unterlassen tvir es, vor der Oefsentlichkeit auf die in der Erklärung enthaltenen Widersprüche und Unrichtigkeiten näher einzugehen. Rabbiner: Dr. Bärwald-München. Dr. Eckstein-Bamberg. Dr. Einstein-Landau. Dr. Finkelscherer-München. Dr. Freudenthal-Nürnberg. Dr. Grünseld-Augsburg. Dr. Heilbronn-Nürnberg. Dr. Nenbürger-Fürth. Dr. Salomon- Bäyreuth. Dr. Steckelmacher-Dürkheim. Dr. Werner- München." Während die erste Erklärung von allen orthodoxen Rabbinern, mit Ausnahnle des Herrn Dr. Eh re nt reu in München unterschrieben ist, ist die Antwort nicht nur von den liberalen, sondern auch von den „richtlinien"feindlichen Rabbinern der mittleren Linie unterzeichnet. Ein Führer der Rabbiner der mittleren Linie wie Herr Dr. Werner in München hat sich in seinem Kampf gegen die Richtlinien (wie seine Rede in Berlin am 5. März zeigt) in nicht weniger scharfer Weise wie seine orthodoxen Kollegeir ausgesprochen, und! es war daher von Seiten der orthodoxen Rabbiner ein — gelinde gesagt — nicht sehr weiser Zug, eine Erklärung zu erlassen, die Herrn Dr. Werner und seine mittleren Kollegen trotz der Verschiedenheit des Standpunkts veranlassen muhte, mit den liberalen Kollegen die obige Erklärung zu veröffentlichen. Wir möchten der Hoffnung Ausdruck geben, daß das scharfe Auftreten auf beiden Seiten 8er bayerischen Jndenheit zum Stillstand komme. Wege, wie die bisher in die Oeffentlichkeit gesetzten Erklärungen, dienen nicht dem Frieden, und dieser ist in Anbetracht der bevorstehenden Revision der Judengesetzgebnng nötiger als je. d. I. Frankfurter Berichte. Verein zur Erziehung jüd. Waise« in Palästina. Dem Bericht des Vereins über die Jahre 1908 bis 1911 entnehmen wir folgende Einzelheiten: Die Verbindung mit der Lämelschule wurde gelöst und dem „Hilssverein der Deutschen Juden" die Verwaltung dieser Schule übertragen. Es schien ein Gebot der Gerechtigkeit und Klugheit, die Mittel des Vereins ungeteilt der Waisenpslege znzuwenden, nachdem der Hilfsverein bereit war. die Pflichten für die Ansgestaltung der Lämelschule zu übernehmen. Die sehr bescheidenen Mittel wurden durch neue Ziele vollständig in Anspruch genommen. Das Waisenhaus sollte — nach dem Plane des Ehrenmitgliedes Rabb. Dr. Salvendi — nicht nur für die Erziehung der ihm anvertrauten Zöglinge während ihrer Schuljahre sorgen, um sie nachher dem in jedem Sinne gefahrvollen Ungefähr ihres Berufslebens preiszugeben, sondern ihnen auch die Liebe zum Boden ins Herz pflanzen, indem sie frühzeitig dem A ck e r b a n zugeführt werden, als derjenigen Arbeit, die naturgemäß dein Menschen das tiefste Heimatsgefühl verleiht und ihn mit den starken Banden der Liebe an die Scholle bindet. Ans solchen Erwägungen heraus und von so beschwingten Hoffnungen getragen, überwies Rlwb. Salvendi dem Verein die Kolonie F e d g e bei Pethach- Tikwäh (jetzt Salvendi-Kolonie). Hier soll das neue Waisenhaus errichtet werden. Der Vorsitz des Vereins wurde Rabbiner Dr. R»-° b e l übertrage». Das Amt des Schatzmeisters übernahm Julius F. Goldschmidt, das des Schriftführers Dr. med. H. S a l o e»d i, beide zu Frankfurt a. M. Zu Mitgliedern -des Vecwaltungsrates wurden ernannt Rabbiner Dr. Jakob Horovitz, Jos. Wisloch in Frankfurt a. M., Wilhelm Kober in Breslau, Martin M a t h i a s o h n in Hamburg. Kleine Notizen. Wirkl. Geh. Rat Dr. Paul Ehrlich erhielt de» bayerischen Maximilianorden für Wissenschaft. - und Kunst und Maler Rudolf von Gold- 4780