Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 6 (7.2.1913)
- Date
- 1913-02-07
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Frankfurter Berichte. Die ordentliche Generalversammlung des Minjan- Bereins „Ah aw as-Chesed", die am letzten Sonntag im Hörsaale der isr. Religions-Gesellschaft stattfand, gestaltete sich diesmal lebhafter, als dies sonst bei den Jahresversammlungen hiesiger ähnlicher Vereine üblich ist. Nachdem der Vorsitzende, Herr Hermann Zuntz, dem Andenken der in den letzten 2 Jahren verstorbenen Mitglieder die übliche Ehrung erwiesen, insbesondere der sel. Herren Simon Jsaac und Benjamin Sonnenberger rühmend ''gedenkend, wird der Geschäfts - und Verein s b e r i ch t für die verflossene Bereinsperiode verlesen. Danach hat der Verein, wie seit Jahren, in reichem Maße seine fromme Tätigkeit in der Abhaltung von Gebetversammlungen während der sieben Trauertage und anderweitiger liebevoller Unterstützung entfaltet. Die Mitgliederzahl hat nach Abzug der verstorbenen Mitglieder ein Plus von 17 aufzuweisen. Aus der Versammlung wird hierauf dem Vorstand für dessen opferwillige, pflichttreue Geschäftsführung der Dank der Mitglieder votiert; doch kommt der Wunsch zum Ausdruck, die Hauptversammlung in Zukunft in einem neutralen Lokal zu veranstalten und die Mitglieder durch Karten und nicht nur, wie in diesem Jahre, durch Zeitungen einzuladen. Der Vorstand verspricht, diesen Wünschen nach Möglichkeit Rechnung zu tragen. Es wird sodann zur Sprache gebracht, daß viele hiesige Juden in letzter Zeit auf ihre Anmeldung ohne Antwort seitens des Vorstandes geblieben seien. Es scheine, als ob der Vorstand, ohne Rücksicht auf den § 2 seiner Statuten, wonach jeder hier wohnende Glaubensgenosse Mitglied des Vereins werden könne, eine Auswahl unter den Reflektanten treffe. Es sei auch wirklich bekannt, und werde vom Vorstand zugegeben, daß nur streng fromme Glaubensgenossen Aufnahme fänden; das entspreche jedoch weder dem Statut, noch dürfe es geschehen mit Rücksicht auf das Pietätgefühl der Aufnahmesuchenden, die durch ihre Anmeldung bei einem Verein, der seine Gebetversammlungen nach jüdisch-orthodoxem Ritus abhalte, ihren religiösen Sinn beweisen, zumal das Gebot der Elternverehrung dem der Sabbatheiligung gleich zu achten sei. Vielmehr müsse j e d e r sich Meldende ausgenommen werden, den man vorher verpflichten könne, die Trauervorschriftcn zu beachten und den Gottesdienst im Trauerhause in der vorgeschriebenen Weise abhalten zu lassen und zu helfen. Diese Ausführungen fanden den Beifall der großen Mehrheit der Anwesenden, wurden jedoch vom Vorstandstische aus grundsätzlich zurückgewiesen. Herr Zuntz legt dar, wie oft die Gefühle der frommen Mitglieder durch weniger religiöse, insbesondere durch Unterlassung des Tefillin - Legens, verletzt würden, und wie dies nur durch die bisherige Handhabung vermieden werden könne. — Auch Herr Prof. Dr. Fink verteidigt den Standpunkt des .Vorstandes aufs schärfste; es sei nach § 4 der Satzungen dem Vorstand überlassen, ohne Angabe der Gründe die Aufnahme zu verweigern; so sei auch nur 'der erwähnte § 2 auszulegen. Nach eingehender, oft sehr erregter Diskussion, an der sich fast alle Anwesenden beteiligen, findet jedoch die Auffassung des Vorstandes bei der Mehrheit keinen Beifall; vielmehr wird schließlich folgender Antrag mit Majorität angenommen: Der § 2 der Statuten soll von dem Vorstand in Zukunft so gehandhabt werden, daß jedem Aufnahmesuchenden zur Bedingung gemacht wird, bei den Gebetversammlungcn 1. Tefillin zu legen und 2. nichts zu tun, was das religiöse Gefühl konservativer Mitglieder zu verletzen geeignet sei. Bei der hierauf folgenden Borstandswahl wird der turnusmäßig ausscheidende Herr Samuel Mainz durch Zuruf wiedergewählt; an Stelle des verstorbenen Herrn Jsaac wählt die Versammlung, ebenfalls per Akklamation, Herrn Martin Meyer. In Sachen der bekannten Vorstands-Erklärung wird uns der nachstehende Brief, der die weitesten Kreise der Frankfurter israelit. Gemeinde interessieren durfte, zur Verfügung gestellt: ,,.... unsere Ausführungen sprechen es mit aller Deutlichkeit aus, daß der Vorstand niemals Anlaß genommen hätte, in die Auseinandersetzungen zwischen den konservativen und liberalen Rabbinern einzugreisen, wenn die Erklärungen der Ersteren und zwar sowohl der orthodoxen als der traditionell-gesetzestreuen die Grundlagen unserer Gemeinde als Einheitsgemeinde in gehöriger Weise berücksichtigt hätten, daß aber zu den sogenannten Richtlinien der liberalen Rabbiner der Vorstand weder hat Stellung nehmen wollen noch genommen hat. Auch Sie, sehr geehrte Herren, erkennen an, daß es die notwendige Vorbedingung für den Bestand einer Einheitsgemeinde, wie Frankfurt, ist, den liberalen Mitgliedern ebenso wie den konservativen ihr Recht werden zu lassen. Nun spricht die Erklärung der orthodoxen Rabbiner von zwei Religionssystemen und erklärt das Schisma als gegeben. Unser gutes Recht, gegen diese Erklärung Einspruch zu erheben, die unserer Einheits-Gemeinde den Todesstoß versetzen will, bestreiten Sie nicht. Diese Erklärung steht somit außer unserer Diskussion. Was "dagegen die Erklärung der traditionell-gesetzestreuen Rabbiner betrifft, so will uns nach Ihren Auseinandersetzungen scheinen, als ob hier ein Weg des Friedens und der Verständigung mit diesen Herren gegeben ist, Md wir wären glücklich, wenn wir uns hierin nicht irrten.. .. Wenn nämlich die traditionell-gesetzestreuen Rabbiner eine authentische Interpretation ihrer „Erklärung" dahingehend erließen, daß sie unter Zerstörung der Grundlagen des Judentums Grundlagen des traditionell-gesetzestreueii Judentums verstanden wissen wollten, daß sie ferner unter-' den religiönsgesetzlichen Entscheidungen, deren Ungültigkeit sie proklamieren, die Entscheidungen von religionsgesetzlichen Anfragen verstehen, deren Beantwortung im Sinne des traditwnell-gesetzestreuen Judentums verlangt wird, bei religiösen Fragen aber, die sich nicht auf konservative oder gemeinsame Institutionen beziehen, son- ,dern innerhalb des Liberalismus erwachsen und von;den Gemeindeverwaltungen oder liberalen Gemeindemitgliedern gestellt werden, keinerlei Veranlassung hätten, die Entscheidungen liberaler Rabbiner irgendwie vor ihr Forum zu bringen, so würde eine solche Auslegung zur Folge haben, daß wir-freudigen Herzens anerkennen, die Erklärung des Vorstandes sei unter diesen Umständen überflüssig geworden und daß, wenn von vornherein die Erklärung der traditionell-gesetzestreuen Rabbiner nur in diesem Sinne auszulegen gewesen wäre, kein Anlaß sür den Vorstand Vorgelegen hätte, gegen diese Erklärung Stellung zu nehmen." Im Verein „Tiferes Bachurim" sprach am Sonntag Herr Isidor Kahn über „Die Juden in Kunst und Handwerk". Redner zeigte, wie sich die Juden zu allen Zeiten den Verhältnissen angepaßt haben. Zur Zeit, als sie in abgeschlossenen Städten wohnten und jeder sein eigenes Feld hatte, konnte Kunst und Handwerk nicht aufkommen, da jeder seine Gebrauchsgegenstände sich selbst verfertigte. Sie nahmen einen Aufschwung zur Zeit des Königreichs, beim Tempelbau und in den Gesängen Davids und Salomos, die Rabbinen pflegten sic, aber durch die Zünfte wurden sie später wieder unterdrückt, um in ^neuerer Zeit wieder mächtig emporzublühen, wie Redner an Hand vieler berühmter Namen bewies. An der Diskussion beteiligten sich die Herren Müller, Kahn, K orinis, Stern und Salo Posen. Im Verein „Nachlaß Z w i" sprach Professor Dr. A. Sulzbach unter gespannter Aufmerksamkeit des zahlreichen Publikums über das Hohelied. Rabbi Akiba habe gesagt: „Wenn die übrigen Bücher der Hagiographen Heiligtümer sind, so ist das Hohelied Allerheiligstes." Rein wörtlich genommen, sei das Hohelied das wundervollste Liebesliä» der Weltliteratur, getragen von einer natürlichen Sittlichkeit und Reinheit ohnegleichen. Redner zeigte dies an den charakteristischsten Stellen. So: „Folge mir, Geliebter, in das Gemach meiner Mutte r." Allegorisch ausgefaßt, solle das Hohelied das Verhältnis zwischen Gott und Israel schildern. Ueber seine Symbolik finden sich im jüdischen Schrifttum die verschiedensten Deutungen. Redner brachte auch hierüber Stichproben und schloß dann seine klaren Ausführungen mit den. Worten Samson Raphael Hirschs über das Hohelied. Personalien «. Kleine Mitteilungen. Köln. Hier verschied Frau Abraham Dünner geb. Wormser, eine Esches Chazil im edelsten Sinne des Wortes. Slls Vorstandsmitglied des Israelit. Frauenvereins widmete sie sich! mit Hingabe der Armenfürsorge und den letzten LiebeÄncmsten. Eberbach. Aug. Maier und Frau, Seaiorchef der Roßhaärfabrik Maier & Sigmund, feierten die goldene Hochzeit. Markirch i. Elf. M. D r e y f u s. Präsident der jüd. Gemeinde und Beigeordneter. der Stadt, feierte unter allgemeiner Beteiligung den 70. Geburtstag. Offenbach. I. sLandsberg, siüher Mitinhaber der Firma Sally 8. Goldschmidt, feierte in Gesundheit seinen 90. Geburtstag. Dürkheim. Hier verschied Fräulein Anna Maria Friedheim im 100. Lebensjahre. Zürich. Das „Israel. Wochenvl." schreibt: Gegenwärtig wandern ganze Schaaren jüdischer Arbeiter aus Rumänien, Galizien und den Balkanländern durch die Schweiz, um "sich zum . großen Teile nach Paris oder nach den Hafenstädten Antwerpen, Cherbourg usw. zu begeben. Die Wimmen pekunären Zusljände der Länder, die 'sie verlassen, mögen die meisten Auswanderer nach einer neuen Existenzsuche hinaustreiben. Kriegsfurcht spielt auch eine Rolle dabei. , Pieschen. Hier wurde Buchdruckereibcsitzer Joachim S Beigeordneten und in Ostrowo — wie seit reit — Justizrat Boß zum Stadtverordnetenvorsteher gewählt. Breslau. Hier verschieden im 82. Lebensjahre Maurermeister imd Stadtverordneter Louis Ehrlich I und im 72. Lebensjahre Kreisphysikus a. D. Dr. Nathan Loeser. In Münsterberg verschied der Vorsteher der jüdischen Gemeinde und Stadtverordnete Louis Hirsch. Stratzburg. Stadtrat Max Frank erhielt den Roten Adlerorden 4. Klasse. Salzburg (Baden). Ein ansehnlicher Leichenzug bewegte sich am letzten Sonntag durch unser Städtchen Es galt die sterbliche Hülle der Gattin des von hier stammenden Kaufmanns Maier Mayer aus Schopfheim zur Erde zu bestatten. Im blühenden Alter von 35 Jahren nach 12 jähriger Ehe> mußte sie ihre schöne Heimat, ihren lieben Gatten, ihr Hoffnungsvolks Söhnchen verlassen, um auf Gottes Ratschluß in eine bessere Welt einzugehen. In gut gewählten Worten schilderte auf dem Friedhofe Bezirksrabbmer Dr. Eschelbacher-Freiburg die Vorzüge der Verblichenen, welche Lücke die Entschlafene hinterlassen hat. Sie war im wahren Sinne des Wortes eine Ei sch es Chajil. (I,.) Pose«, Anläßlich d>s Kaisers Gebuttstages ist den Frauen Geheimer Medizinalrat Bertha Rüben so hn, geb. Friedländer in Gr ätz und Ro falle Gotthelf, geb. Goldschnidt in Frauftadt dwRote Kreuzmedaille dritter Klasse verliehen vwrden. In Rocasen starb das Vorstands- und Ehrenmit- ‘ glied des Israelitischen Fcauenvereins Frau Buchhändlers Henriette Alexander im 02. Lebensjahre. Wie«. Der vorige Woche verstorbene Erzherzog Rainer nahm öfters Gelcgenhett, sich offen gegen den Antisemitismus zn äußern. Als er anläßlich seiner goldenen Hochzeit von einer Abordnung der hiesigen israelit. Kultusgemeinde beglückwünscht» wurde, sagte er zn Oberrabbiner Dr. Güdem ann: „Sie haben in den letzten Jahren manche schwere Stunde gehabt, wirklich unge* rechtfertigt; wir beten alle zn einem Gott, wir unfern Gotteshäusern, Sie in Ihren Synagogen, und wir sind alle L) esterreicher, ohne Unwrfchied der Konfession und Natton; nur Einigkett macht stark und wir Oesterreicher brauchen die Einigkeit." Ttrua» (Ungarn). Rabbiner Reichen beiger ist in AbLltzia verschieden. Er war erst 42 Jahre alt. Prag. In Austerlitz wurde Sigmund Bachrich zum Bürgermeister der politischjeu Judengemeinde gewählt. Hersch Kopelunt in Brody testierte u. a. 10000 Kr. für ein jüdisches Waisenhaus, 28000 Kr. für eine zn gründende Schule und 6000 Kr. für ein Observatorium. Lemberg. Hier verschied der einst verübmte Opernsänger Mathensz Schlafenberg im Mer von 65 Jahren. Schlafenberg, der von armen jüdischen Eltern stammt» war einer der gefeiertsten Opernsänger in ganz Polen; sein Ruf ist auch nach dem Westen gedrungen. Er hatte in den meisten größeren Opern erste Rollen inne, und besonders sein Eleazar in der „Jüdin" galt als unübertrefflich. Bor einigen Jahren verlor Schlafenberg plötzlich seine Sttmme, und von da ging es mit dem einst gefeierten Künstler auch materiell bergab. Er wurde rasch vergessen, und erst sein Tod hat die Erinnerung an seine einstigen großen Triumphe wieder wachgerusen. Petersburg. Der durch seinen sensalwnellen Flug Berlin—Petersburg auch im Auslande bekannte russische Aviatiker W. Abramowitsch ist, kaum 22 Jahre alt» plötzlich g e st o r b e n. Abramowitsch war ein Enkel des berühmten jüdischen Schriftstellers S. Abramowitsch (Mendele Mocher S'forim). Er fungierte als Oberinstruktor an der Aviatikerschule in Johannistal bei Berlin und hatte durch seinen Welt-Höhenrekord den ersten Berliner Aviatikerpreis errungen. Den Flug Berlin—Petersburg legte er in 17 Stunden zurück. Rom. Bürgermeister Ernesto Nathan ist vo» der französischen Regierung znm Großoffizier der Ehrenlegion ernannt worden. Hausbesitzern Ugewähre anf Tapeten v. 12 bis 200 -H 25 °/o Rabatt Echte Linermstav.504ab 25°/o Rabatt 1 ■ Verlangen Sie Muster! ■ - ■—: C. Kupsch, Frankfurt a. M. Ringfreie Tapeten-lndnatrie. Altegame 27/29. fbt* der Letzrerwett. Eolmar. Hier verschied — 84 Jahre alt — Overkantor L. Metzger und in Hagenau —. 52 Jahre att — Gemeindesekretär Henri Kahn. Würzburg. Die orthodoxen Raübtuer in Bayern einigten sich heute auf folgende Erklärung: „Nachdem wir in Konsequenz der von uns mitunterzeichneten Erklärungen gegen die Richtlinien der liberalen Rabbiner aE Kollegen nach dem jüdischen Religionsgesetz nur solche Rabbiner anzuertenten in der Lage sind, welche die unmittelbare Offenbarung der Thora durch Gott und die gleiche Verbindlichkeit der mündlichen Lehre wie der schriftlichen in Lehre u. Leben im Sinne des orthodoxen Judentums ststhalten, erklären wir, daß wir in der Rabbinerkonferenz nur verbleiben, um die uns vom Staate überwiesenen Aufgaben im Rahmen der bisherigen Geschäftsordnnng zur gemeinsamen Lösung zu bringen." , Esse». Der Vorstand deS Vereins israelit. Lehrer der Rheinprovinz und Westfalens beschloß, die Mhrung der Geschäfte Lehrer Abraham- Essen zu übertragen, nachdem Hauptlehrer Graf wegen Arbeitsüberlastung von feinem Amte zurückgetreten ist. Lübeck. Die Familie unseres geliebten Rabbiners ist von einem schweren Schicksalsschlage betroffen worden: sein Sohn, Rabbiner Dr. David Carlebach, verschied im blühenden Alter von 27 Jahren an den Folgen einer Operation. Der Verstorbene war Privatrabbiner in Halberfiadt und zeigte in der kurzen Zeit seines dortigen Wirkens, daß das traditionell-gesetzestreue Judentum große Erwartungen auf ihn setzen durste. (L.) Pose«. In der ganze» Provinz, die zusammen 120 Städte zählt, stmgkeren nur 23 Rabbiner, — auch ein Beweis, wie in unserer Provinz die jüdische Seelenzahl von Jahr zn.Jahr abnimmt. — Wie«. Rabbiner Dr. Adolf Schmied! feierte tinen 92. Geburtstag und Religiomsschilinspektor Dr. eopold Langfelder den 80. Geburtstag. — Der hebräische Gelehrte David Schwarz und Frau stierten die goldene'Hochzeit. 4780