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Neue jüdische Presse · 1913-01-24 · Heft 4 (24.1.1913) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
11 (1913)
Issue
Heft 4 (24.1.1913)
Date
1913-01-24
Page
– (sequence 9)
Language
German
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M Nr 4 des fanfefntfec ifmettfifien FamiKlmklaMs. Wir haben von dem bekmmten Schriftsteller C. Berg seinen Roman „Des Scheker-Bilbnl" erworben nnd beginnen in der nächsten Numnier mit dem Abdruck. Die Kolonisation Palästinas. (Ans dem Jahresbericht 1911 der I. C. A.) Von I. T:: roff - Berlin. (Schluß). 3ln der Spitze aller Kolonien, die eine ge- . mischte Kultur treiben nnd ihnen allen z,um leuchtenden Muster dienend, marschiert aber die 'Kolonie Petach-Tikwah. Obwohl die Pflanzungen ihre Hanpteinnahmequellö bilden, verstehen ihre Besitzer auch sehr gut Getreidebau zu treiben und haben aus 334 da Ackerboden 63,286 Frs. herausgeholt. 141 da Weinberge brachten 29,213 und 804 da junge Mandelpflanzungen bereits 103,314 Frs. Die große Bedeutung von Petach-Tikwah ruht aber in ihren Orangepflanzungen, die eine Fläche von 631 ha bedecken. Obgleich noch an: Beginn ihrer Produkfähigkeit stehend, haben sie im Berichtjahre 141,753 Kisten im Werte von 467,322 Frs. gegen 88,431 Kisten im Vorjahre geliefert und somit bereits 14 Prozent des gesamten Exports von Jaffa-Apfelsinen produziert. * Leider schließt mit PetachfTikwah die Reihe der Kolonien mit gemischter Wirtschaft ab. Die folgenden Ansiedelungen setzen alle Hoffnungen und ihre ganze Arbeitskraft auf den Getreidebau. Daher haben, die Kolonisten der fünf Kolonien von Untcrgaliläa, welche 2481 ha sehr guten Bodens bestellt hatten, nicht so günstig abgeschnitten wie ihre unternehmungslustigeren Brüder in Judäa. Zuzüglich einer geringer: Eirnrahnle vor: 11,000 Frs. ans der Milchwirtschaft Haber: die 95 Kolonisten dieses Zoi:trums zusaminen 265,414 Frs. bruttv und 128,317 Frs. netto eingenommen. Auf jede Fanrilie entfielen dernrrach 1336 Frs. Jahresgeivinn. Der Hektar Boden brachte da nur 102 Frs., rvoraus,.zu ersehen ist, daß gute Ernten weniger durch gute Böden als durch gute Bauern erzielt tverden. In der gleichfalls in Untergaliläa gelegener: Kolonie Sedjera wurden von 1620 ha nur 580, davor: 130 direkt fi'rr Rechnung der I. C. 3k., bestellt. Letztere brachten pro ha 140 Frs., während die 26 Kolonisten nur 74,2 Frs. ans den: ha Herausholen kormtcr:. Die Koloinsten sind frühere Arbeiter, die von der F. C. A. geger: Abgabe vor: 20°/o' der Ernten in Natura angesiedeit rvrrrden. Die Methode wird seit einigen Jahre,: systematisch angewendet, sodaß gegenwärtig in der: Kolonien bereits 82 solcher Pächter lebe::. Die vor: ihnen in: Berichtsjahre bestellter: 1305 ha Haben 125,212.96 Frs. pro ha ergeben, ein Resultat, tvelches das Pächtersystem umsoweniger empfiehlt, als die „ausgesuchten Ärbeiter" sehr hohe Produktionskosten haben und ihnen daher pro Familie nur 654 Frs. übrig blieben. Auch die vier Kolonien in Obergaliläa stehen sich nicht besonders g::t> Die 42 Kolonisten von Rosch-Pinah haben 18,453 Frs. au» ihren in voller Reife .stehenden Mandelbäumei: und 97,943 Frs. ar:s den: Getreidebau vereinnahmt. Ihr Reir:gewinn betrug 49,298 Frs., das heißt 1177 Frs. pro Familie. Die Summe rvürde tvvhl ausreichen, nvenn die Kolonisten gegen Viehseuchen versichert wären, oder wenn sie im Berichtsjahre durch eine Rinderpest feine 50 Kühe und Ochsen eingebüßt hätten. Die 32 Kolonisten von Jessod-Hamale Haber: 832 ha bestellt und 61,918 Frs. brutto resp. 24,908 netto erzielt. Die 17 Kolonisten vor: Ai i sch in a r - H a j a r - den haben 296 ha bestellt. Ihr Reingewinn ans Getreidebau nebst 5156 Frs. aus Gemüsebau ::ud Viehzucht belief sich auf 20,400, d. h. 1200 Frs. pro Familie. Die 31 Kolonisten von Met ul eh, der nördlichsten jüdischen Kolonie Palästinas, hatten von den Folgen der in Damaskus herrschenden Cholera sehr zu leiden gehabt. Zurr: Schluß sei' noch die 6000 ha umfassende Domäne in Haurom erwähnt. Ursprünglich für jüdische Kolonisationszwecke erworber:, rvird sie jetzt vor: der I. C. A. geger: Abgabe von 20<Vo der Ernten an Araber verpachtet. An eine Ansiedelung jüdischer Kolonisten ist einstweiler: nicht zu denken, da die türkische Regierung in jener Gegend immer noch wenig zu sagen hat und fiir Schutz von Leber: und Eigentun: nur mangelhaft sorgen kann. Bor 20 Jahren war die Mackst der Regierung auch in Galiläa minimal, und noch vor 10 Fahrer: durfte sich da niemand ohne Flinte vor die Tür Wäger:. Mit den: Bau der Bahr: Haifa-Damaskus haben sich aber die Verhältnisse erheblich gebessert. Man darf daher hoffen, daß binnen weniger Jahre auch in Haura'm bessere Zustände herrschen werden. Dann wird die jüdische Kolonisationsbewegung-, die einstweilen dicht au: Jordan halt machen muß, der: Strom überschreiten und Kultur und Gesittung auch in das transjordanische Gebiet tragen. Ans de» Vereine«. Mainz. Am 15 Januar behandelte Kantor Wallach- Frankfurt a. M. im „I ü d. Iugendverei n", bei vollbesetztem Saale „Die Jüdische Synagogemnusik" und das „Jüdische Volkslied". Redner schilderte in formvollendeter Weise die Entwickelung der Synagogenmusik von ihren Uranfängen bis in unsere Tage. Die größte Förderung habe sic im IS). Jahrhundert durch Männer ivie Belzer, Weintraub. Kwartjel und Lewandoivsky, deren Werten er ausführliche Darlegungen widmeteerfahren. Im 2. Teil seines Vortrages sang Herr Wallach mit glänzender Tenorstimme: „Kol Nidrc", älteste Fassung aus dem Jahre 165t, „Awandoh" von Belzer, „Zur Jisroel" und „Hafchkiweinn" von Weintraub, „Birchas Kauhanim" von Kwartjel und „Hebräische Weisen" von Lewandowskh. Auch das jüdische Volkslied zog der Redner in den Kreis seiner Betrachtungen. Er brachte hier zum Vortrag: „Der Talles" und „Ein Briewele der Mamnie", zwei Lieder, bereu Melodien, von Wehmut und Heiterkeit durchzogen, den Zuhörern tief zu Herzen drangen. Reicher Beifall belohnte Herrn Wallach für , seine glänzenden Ausführungen und seine ausgezeichneten Gesangsvorträge. Bunte Chronik. Ferdinand Laffalle und das Judentum.*) Ferdinand Lassalle wurde am 11. Llpril 1825 in Breslau als der Sohn des wohlhabenden jüdischen Seidenhändlers Heymann Lassal geboren. Der Unterschied der ersten Eindrücke, die Marx in Trier, und die Lassalle in Breslau empfing, war der der alten Kulturstätte mit ihrem freien, französisch beeinflußten Geiste und der alten Grenzstadt gegen .das Slawentum mit ihren Menschenschichten, die uns Gustav Freytags lebendige Schilderung in „Soll und Haben" vertraut gemacht hat. Wir besitzen ans seiner Jugend vom 1. Januar 1840 bis Astern 1841 ein Tagebuch, das zu den merkwürdigsten Beiträgen der Psychologie gehört nnd uns einen tiefen Blick in die Welt erschließt, ans der Lassalle erstanden ist. Er ist früh reif. Er kennt die schlüpfrigsten Romane. Die Heiratsaussichten seiner Schwester erörtert der Fünfzehnjährige mit der Sachkenntnis eines erfahrenen „Schadchens". Eigentümlich ist seine Stellung zuin Judentum. Am 2. Februar 1840 nimmt er an einenr jüdischen Leichenbegängnis teil: „Unterwegs unterhielt ich mich mit Bloch. Er wollte sich ein Air geben und nannte sich einen Atheisten. Als er aber sab, daß ich ganz anderer Meinung war» so sattelte er auch um. Wir sprachen viel von Seelenwanderung, von Geiger chem Rabbiner) und dem Judentum, und er wunderte sich, daß ich mich so des jüdischen Glaubens annehme. Der Esel! Als wenn man nicht treife essen und doch ein guter Jude sein könnte. Ich sagte ihm dies in der Tat, ich glaube, ich bin einer der besten Juden, die es gibt, ohne ans das Zeremonialgesetz zu achten. Ich könnte wie jener Jude in Bulwers „Leila" mein Leben wagen, die Juden aus ihrer drückenden Lage zu reißen. Ich würde selbst das Schafott nicht scheuen, könnte ich sie wieder zu einem geachteten Volke niache». O, wenn ich meinen kindischen Traumen nachhänge, so ist es immer meine Lieblingsidee, an der Spitze der Inden mit den Waffen in der Hand sie selbständig zu machen." Am 30. Juli: „Wieder die abgeschmackten Geschichten, daß die Juden Christenblut brauchten. Dieselbe Geschichte wie in Damask auch in Rhodos und Lemberg. Daß aber aus allen Winkel» der Erde nian mit diesen Beschuldigungen hervortritt, scheint mir anzudeuten, daß die Zeit bald reif ist, in der wir in der Tat durch Christenblnt uns helfen werden." Knust nnd Literatur. I ü d i s ch e -Sprichwörter. Heransqegebeu von Dr- Artur Landsberger. 3.— JL, in Leder 6.— Jf. 1312. Leipzig, Ernst Rowohlt Verlag. Inhalt: Vorwort. — Von Familie und Haus. — Bon Glück und Unglück. — Von Weisen, Narren und Schlehmilcn^ — Von Juden und Andersgläubigen. — Von Gott, Tod :md Leben. — Bon Tugend nnd Lastern. *) Aus Adolf Damaschke „Geschichte der Nationalökonomie", 6. Auflage. Jena, G. Fischer. ErMlimgen aus Mel und! Talmud. Von M. P n l v e r m a n i:. Salomo und S a m a ä l. Salomo faß in seinem Zimmer und dachte über die Allmacht Gottes und über die Eigenheiteil der Menscher: nach, als einer seiner Feldlstrren schreckensbleich und zitternd ins Zimmer stürzte und mit gefalteten, Händen vor dem Könige in die Knie sank. „Mächtiger, großer Herrscher!" jammerte er. „Hilf und stehe mir bei, sonst nruß ich bald sterben! Soebcu habe ich den Todesbvten, den gräßlichen Samaäl, gesehen, dessen finsterer Blick mich drohend traf. Er ist sicherlich gekommen, um mein Leben zu beenden." „Wie soll ich Dir da helfen?" erwiderte Salomo. „Wenn Deine Stunde gekommen ist, iuti> der Herr Deine Seele verlai:gt, so mußt Dn es eben in Demut und Ergebung hinnehmen. So groß auch meine Macht . auf Erden ist, so reicht sie doch nicht so lveit,' den t Willen des Allmächtigen auch nur um Haaresbreite; j\t ändern." „Doch," bat der Unglückliche weiter. „Ich weiß einen 'Ausweg, und Du ivärcst wohl inrstande, mir zu helfen, ivem: Du nur lvillst." „Und was soll geschehen?" fragte der König mit gerunzelter Stirn. „Du weißt doch, daß kein Blatt vom Baume fällt, wenn cs nicht der Wille des Allheiligen ist. Wie sollte es nun einem Menschen gelingen, seine Pläne und Absichten zu durchkreuzen?" „Du kannst es doch! Gebiete nur dem Winde, das; er mich zun: fernster: Ende der Welt hiutrage, dam: bin ich dem Bereiche Samaüls entrückt, und sein Schwert kann mich nicht erreichen! —" „Gut," sprach Salomo, „Du sollst Deinen Willen haben. Aber ich loiederhole Dir: der Hand Gottes entgehst Du nimmer; ob Du auf de>: Fittigcn der Sonne zum Himmel emporsteigst, ob Du zur tiefsten Tiefe der Erde hinabtanchst, oder unter den Wellen des Meeres Dich verbirgst, sein Auge sieht Dich überall, seine Hand trifft Dich allenthalben!" Salomo gebot dem Sturm, daß er den Mann zur fernsten Grenze der Welt hintrage. Der Wind gehorchte nnd trug ihn über Berge und Städte, über Meere und , Wüsten, und ließ ihn dort nieder, wo er bleiben wollte. Salomo aber beschied Samaäl vor sich und fragte: „Warum hast Du Dich diesem Menschen in Deiner grausigen Gestalt gezeigt, sodaß Dein bloßer Anblick ihn fast getötet hat? Er hat sein nahes Ende vermutet und darum mich gebeten, ihn nach dem fernsten Weltende hinschaffen zu lassen, wo er eben angelangt ist." Samaäls Gesicht zeigte große Befriedigung, und er sprach-: „Der Mann hat meine Absicht verkannt. Ich, wollte ihn durchaus nicht vor der Zeit ängstigen; nur konnte ich mein Staunen und Verwundern nicht unterdrücken, daß ich ihn hier in Jerusalem fand, während der Herr mir doch befahl, nach den: fernsten Weltende hinzugehen, um seine Seele vondort zu holen. Es war unerklärlich, nie ich diesen Auftrag aussühren sollte, da der Mann doch nicht an demselben Tage hunderttausend Meilen von hier entfernt sterben koimte. Jetzt aber, da er durch seinen eigenen Willen dorthin gelangt ist, will ich mich beeilen, um meinen Auftrag zu vollziehe!:." Samaäl verschwand. Salomo aber dachte: „Kein Sterblicher entgeht den: Schicksale, das der Weltenlenker ihn: bestimmte, ob der Mensch sich auch mit aller Macht dagegen sträubt und mit aller List ihn: zu entgehen nachtet." 48

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