Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 40 (11.10.1912)
- Date
- 1912-10-11
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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M fit. 40 Der Ursprung der sranzöfischen Indem Historische Studie von Rabbiner Halm S t o u r d z s- Paris. Ass man Lord Beaconsfeld' D'Jsraeli eininal ini Parlament seine jüdische Abstammung vorwarf, sprang er zornerfüllt auf die Tribüne, um feinen Gegnern hohnlachend die Worte zuzuschleudern: „Welche Schande, von Juden abzustammen! Wißt Ihr, daß zu einer Zeit, daß meine Ahnen Könige in Jerusalem waren, Eure Vorfahren mit wilden Auerochsen in den Urwäldern um die Wette brüllten?" ■ . , ' Auch, auf die französischen Juden treffen diese Worte zu. Nicht nur waren die ersten . Juden, die sich in Frankreich ansiedelten, wirkliche Könige in Jerusalem; sie trafen auch die Bewohner des Landes in einem Zustande an, der dem etwas drastischen Vergleiche des englischen Premierministers fast aufs Haar entsprach. Frankreich war nicht immer das , Land des Lichts, das „Herz Europas", als welches es heute bezeichnet wird. Zu der Zeit, von der wir sprechen wollen, war es nicht nur rein geographisch ein „wildes Land". Weite Sümpfe, undurchdringliche Wälder bedeckten es auf große Strecken, aber auch die Bewohner, die Väter unserer heüte so stolzen Franzosen, waren Höhlenbewohner wie die wilden Tiere, deren Felle sie trugen, und überragten diese an kulturellen Gütern nur um ein Geringes. Frankreich war damals für Rom, dem führenden zivilisierte.« Staate, das etwa, was „La Noüvolle Calodonie" für unser Frankreich jetzt bedeutet: eine Art „Sibirien", so eine „Teufelsinsel", wohin die Römer ihre.Verbannten schickten. Palästina bildete zu jener Zeit eine autonome Provinz mit eigenem König und selbständiger Verwaltung, trotzdem die Juden bereits dem römischen Staate unterworfen waren. Herodes, jener König unseligen Angedenkens, hatte gerade ein Testament hinterlassen, wonach Archilaos König werden sollte mit der Herrschaft über Juda und Schomron; seine anderen zwei Söhne bestimmte er als Tetrarchen mit der Regentschaft über die übrigen Provinzen. Diese saubere „prinzliche Familie", die von jüdischem Familiensinn und königlicher Ehre so viel wußte wie der würdige Vater,; verstand es, das arme Land durch Jntriguen und Machenschaften genügend in Bewegung zu halten, . und schließlich brachten ihre unaufhörlichen Zänkereien und endlosen Angebereien Äugustus, den römischen Kaiser, dazu, Archilaos seiner Regentschaft zu entsetzen und chn nach dem damaligen Sibirien, unserem heutigen Frankreich, zu verbannen. Das war im Jahre 6 nach gewöhnlicher Zeitrechnung, also etwa 65 Jahre vor dem „Chürbän". Den jüdischen Exkönig Archilaos kann also die Geschichte als den ersten französischen Juden bezeichnen.. Er kam nach Vienne, Departement Jsere, wo eine Garnison römischer Soldaten stand. Bekanntlich hat die ganze herodesianische Familie sich in ihrem Privatleben stets nach den Prinzipien der „Peruschim" geführt. Es ist. also sehr wahrscheinlich, daß Archilaos mehrere Juden zur Begleitung mitgeführt hat, um den jüdischen Pflichten, wie „Minjanbeten" usw., uachz?ukommen. Wir befinden uns hier jedenfalls vor der eigentlichen Ansiedelung der Juden in Frankreich, da die Begleiter Archilaos' viele andere niit der Zeit nach sich zogen. Die französische Provinz, welche im Mittelalter den Namen „Dauphins" trägt und in der sich „Vienne", wohin Archilaos verschickt wurde, befindet, ist nun in der Tat diejenige Provinz Frankreichs, die bereits im ersten Jahrhundert des entstehenden Christentums Juden beherbergt. Das französische Judentum hat sich nun nicht begnügtnur einen König im Stammbaum zu haben; cs hätte deren zweie. Als Agrippa der Erste bei dem römischen Kaiser und Idioten Kaligula sehr in Gunst stand und mit Günstbezeugungen überhäuft wurde, erfüllt dies seinen Schwager und Vetter Herodes Antip'as mit Neid. Herodes Antipas, Tetrarch von Galiäa und Eber Hajardey, der Bruder des Archilaos, buhlte auch um die Gunst des römischest Imperators, von dessen Schwachsinn er den Titel seines Vaters Herodes zu erlangen hoffte. Mer Agrippa Wußte Kaligula ein so reizendes Bild von seinem lieben Vetter und Schwager Herodes Antipas zu singen, daß der römische Kaiser den Tetrarchen staute pede verhaften und nach Roms Teufelsinsel — unserem heutigen Frankreich — deportieren ließ. Seine Frau, die Prinzessin Herodias, Agrippas Schwester und Herodes Enkelin, folgte ihm mit ihren Kindern in die Verbannung nach der Stadt Lyon, wo sie beide starben. Dies war etwa 45 Jahre, nachdem sein Bruder Archilaos nach Frankreich verbannt wurde. Wenn auch nach obigen historischen Untersuchungen das französische Judentum stolz auf seine Wstanrmung sein kann, so weiß jedoch die Volkstradition den Ursprung eines Teils der Judenheit Frankreichs von weniger großem „Jichus" abzuleiten. Die Ueberlieferung erzählt, daß mehrere römische Legionäre, die unter den Mauern Jerusalems kämpften, jüdische Mädchen mit sich schleppten und diese ehelichten. Als „Militäranwärter" erhielten sie dann Wohnsitz in den Provinzen des Rheins, das ist Elsaß-Lothringen und Südsrankreich, angewiesen. Die Kinder der jüdischen Frauen wurden als Juden erzogen, und von ihnen stammt ein Teil der Juden des Elsaß und Südfrankreichs. In der Tat findet man, daß die elsässischen Juden Namen trugen, die keineswegs jüdischen, vielmehr römischen Ursprungs sind, wie z. B. Armentarus, Freskus, Pharagorus usw. Jene französischen Ueberpatrioten Cohen, Cohn, Cahst, Canne, Cahine, Levy und wie sie alle heißen mögen, speziell jene, die aus dem Elsaß eingewandert sind, sind daher vollkommen im Unrecht, wenn sie bei allen Gelegenheiten vom historischen Schnurrbart ihres Ahnherrn Vercingetorix schwärmen; sie könnten mit weit größerer Berechtigung den Donnerkeil Jupiters in ihrem Stammbaum führen. _ Frankfurter Berichte. Unser aufmerksamster Leier ist ein sehr sroininer Herr, und so braucht es nicht zu verwundern, daß er das Gebot „Haureiach tauriach es amisecho" uns gegenüber aufs gewissenhafteste befolgt. Wir habe» in einer unserer letzten Jtummern eine bemerkenswerte Predigt d e s H e r r n R a b b i n e r Dr. S. B r e n e r wiebergegeben. Natürlich nicht nach einem Stenogramm, da die Predigt am Sabbat gehalten wurde. Da nun auch unserm aufmerksamsten Leser sicherlich nicht ein Stenogramm zur Verfügung 'stand, so war' es von ihm sehr gewagt, diesmal sein „Haureiach tauriach" bei uns zu betätigen, — und es tvar nicht nur ein Wagnis, sondern er verdient eine ganze andere Charakterisierung, wenn er cs sich sogar ■ herausnimmt, uns einer „Entstellung" zu bezichtigen.: Doch man vergleiche, wie unser aufmerksamster Leser und wie wir die wesentlichste Stelle der Predigt gehört haben. - Unser aufmerksamster Leser gibt sie wie folgt wieder: „Aus dem bloßen Irrtum des Mcht-Austritts werde sich — so schloß dieser Teil der Predigt -— spätestens in der zweiten Generation die bewußte Abkehr von der orthodoxen Gemeinde und die 'Kultivierung einer geistig ganz von der Reform abhängigen, bewußten „Resorm- Gemeinde-Orthodoxie" entwickeln." Wir schrieben wie folgt: „Und der Austritt muß voll und ganz sein. Es genügt nicht, wenn inan selbst für die Religionsgesellschaft wirke, zugleich aber in der Hauptgemeinde verbleibe. Die so tun, und mögen sie noch so viel Arbeit und Geld für das Wohl der Religionsgesellschaft hergeben, sind keine vollwertigen Orthodoxe, auch sie sind „Chautim", Sünder. Bei ihnen ist es allerdings nur Verirrung; ihre Kinder aber werden die Sünde ganz machon und — welch ein Schauder — Gemeindeorthodoxe werden." Wir glauben, das ist inhaltlich im wesentlichen dasselbe wie das Vorstehende. „P e a h" - B r o ck e n s a »i in l u n g. Zum zweiten Male innerhalb der drei Jahre ihres Bestehens haben sich die Lokalitäten der jüdischen Brockensammlnng „Peah", bisher Mlerheiligenstraße 40, infolge fortgesetzten Aufschwungs als zu klein erwiesen, sodatz nun eine Vergrößerung durch Verlegung nach dem Hanse R e chn e i - grabeii straße 7 notwendig geworden ist. I» den bedeutend erlveiterten Räumlichkeiten ist es möglich geworden, die zum Verkauf gelangenden Gegenstände übersichtlicher zu ordnen, wodurch die Orientierung den Käufern wesentlich erleichtert wird. Die „Peah", die, entsprechend ihrem idealen Prinzip „Kauf statt Bettel", in gleicher Weise jüdischen wie christtlichen Unbemittelten die.Anschaffung unentbehrlicher Gegenstände zu niedrigsten Preisen ermöglicht, erfreut sich eines .ständig wachsenden Kundenkreises. Und noch könnte er aii Ausdehnung gewinnen, wenn die wohlhabende Bevölkerung der Institution reichlicher gebrauchte Kleidungsstücke, Wäsche, Stiefel, Bücher, Papier, kurz alles im Haushalt wie im Geschäft Entbehrliche, zukommen ließe. Auch die Arbeiterwerkstätten, in denen Arbeitslosem Beschäftigung geboten wird, damit sie nicht auf Bettel angewiesen sind, haben eine Erweiterung erfahren, sodaß mehr als seither Arbeit, suchende ihren Erwerb dort finden können. . ' Wir wünschen dem Verein bei seinem Umzug weiter die 'günstigsten Erfolge in der Erreichung seiner idealen Ziele: „Arbeit statt Almosen - Kauf statt Bettel." Samstag, den ö. Oktober veranstaltete die hiesige Ortsgruppe des „Z e n t r a t v e r e i n s deutscher Staatsbürger jüd. Glaubens" eine stark besuchte öffentliche Versammlung. Thema war: „Die Zukunft der Juden." Referent: Geh. Justizrat Dr. Eugen Fuchs-Berlin. Die Rede desselben gestaltete sich zu einer Widerlegung Sombarts und des Goldstein'fchen Aussatzes im „Kunstwart." Der Redner gab die Anschauungon dieser beiden ausführlich wieder und knüpfte daran seine Gegenargumentation, die inhaltlich nichts wesonllich Neues brachte und sich in den bekannten Gedankengängen des Zentralvcreins erging. „Wir wollen gute Indem, aber auch treue Deutsche sein." Neu und interessant war ' der konziliante, versöhnliche Ton der Rede, die . mit viel Beifall aufgeiiommen wurde. (S. darüber: Ereignisse des Tages.) . In der Diskussion sprachen von zionistischer Seite die Herren Levigard, Dr. Tarchaner und Dr, Schwarzschild in ruhiger und treffender Weise. Da der Referent abreisen mußte, wurde die Redezeit auf 5 Minuten beschränkt worauf dann der nächste zn Worte gemeldete Redner Nachum Goldmann aufs Wort verzichtete. Die anderen Redner taten das Gleiche, worauf nach einem kurzen Schlußwort des Referenten die Bersanimluiig schloß. In dem Hörsaäl der Börneplah-Synagoge beginnen diese Woche wieder Lie Freitag-Abend-Borträge des „T a l m it b Thora" - B ereins. Den Eröffnnngsvorlrag wird. Rabb. Dr.- Nobel halten. Die T c hi l l i m - V o r t rä g e Rabbiners Dr. No H el, die sich im vergangenen Jahre so starken Zuspntchs za erfreuen hatten, beginnen demnächst gleichfalls Wied«. Referendar Jacob Möller, aus Altona wird Sonntag abend S:ln Uhr in der Aula der israel. Religionsschule (Hermesweg) einen Vorttag über das Thema „Das Organisationsproblem in der ge se tz eStr c it en Juden hei t" halten. Diesem Bortrag wird sich eine Debatte anschließen. Es sei aus die' Veranstaltung, die interessant zu werden verspricht, ausdrücklich hingewiesen. Die fast ausschließlich aus jüdischen jungen Leuten des Ostends bestehende Bereinigung zur Pflege von Literatur und Geselligkeit veranstaltet Samstag, den 26. cr. 8V-Uhr einen Inng-Wiener A ii t o r e n - A b e n d. Mg. L e n g b a ch vom Frankfurter Schauspielhaus wird charakteristische Werke des zeitgenössischen Wiener Dichterkreises (Altenberg. Ancrnheimer, Bahr, Bartsch, Hofmannsthal, Schnitzler und Zweig) zum Vortrag bringen. Karten sind bei der Buchhandlung Böhler & Recke, Bibergasse 8, erhältlich». - Der Lehrplan de» Vereins „Mekor Chajim" weist wieder eine Fülle von Kursen auf. Das Dozentqnkollegium besteht aus folgenden Herren: Rabb. Dr. S. Breuer. Dr. Joseph Breuer, Rektor B. Falk, M. Goldstein, Rabb. - Assessor G. Posen, Schachnowitz n. Prof. A. Weyl. Dir Teilnahme an den Kursen ist kostonlos. . Auch werde» . kostenlos in kleineron Zirbeln Sonder- Schinrim erteilt. Im Lesezimmer sind Erfrischungen er- : hältlich. Auch steht den Mitgliedern eine Bibliothek zur - Verfügung. Die erste größere Veranstaltung des „Montef i o r e" - B e r c i n s im Wintersemester findet am nächstem M o ii t a g, d e ii U. Oktober in der Frankfurt-Loge Abends 9 U h r statt. Außer einer Ansprache von Herrn Rabbiner Dr. Horovitz ist ein gediegenes musikalisch-deklamatorisches Programm vorgesehen, das einen guten Beginn .verspricht. In der am 8. Oktober 1912 stattgefinidenen Mitglicder-Bersaiumlniig der hiesigen Zionistischen Ortsgruppe erstattete Rechtsanwalt Dr. S. S chlwarzschild einen ausführlichen Bericht über die Tagung des Zentralkomitees. Es schloß sich hieran eine eingehende Aussprache über verschiedene intevne Bereinsangclegenheiten. an der fast sämtliche anwesende Mitglieder sich beteiligten. Bor Einttitt .in die Tagesordnung gedachte der Borsitzende des Todes von Frmc Fanny Wolfsohn sowie der verstorbenen Mitglieder Herrn Szkolnik und Frau Johanna Stern geb. Berge, lvelch letztere der Ortsgruppe testamentarisch ein Legat vermacht hat. ArrS den Vereine«. Alto««. DieJsraelit-Wissenschaftl. Verein hat seit Jahren die schöne Einrichtung getroffen, anläßlich des „Simchas Thora"-Festes ein Kinderfest zn veranstalten. .Und: diese Einrichttmg ist nur zn loben! Nachdem die Kinder des Morgens ans der Synagoge, in der sie mit Leckerbissen beschenkt wurden, dauernde Eindrücke mitgenommen haben, werden diese Eindrücke durch das Kinderfest noch verstärkt. SimchpD Thora ist 4780