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Neue jüdische Presse · 1912-08-23 · Heft 33 (23.8.1912) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
10 (1912)
Issue
Heft 33 (23.8.1912)
Date
1912-08-23
Page
– (sequence 9)
Language
German
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schreiten wir vorwärts oder rückwärts T .Von A. I, (FraUksurt a. M.s Jn^ der kleinen Stadt am Wein, die mich [f.u Jugend auf Li§ zum Verlassen der «Schule ju. ihren Einwohnern zählte, brauchten wir nicht nchr vorwärts zn kommen. Denn die Verhältlisse in dieser kleinen Stadt unter den einzelnen Konfessionen waren, wenn auch streng gesondert, doch in großen und ganzen einheitlich und vor allen lingen friedfertig. Die Zeit, von der ich spreche, mr die Zeit, in der Stöcker sein Unwesen treiben, oilnte, in der Böckel als Agitator von Stadt zu rtadt und von Land zu Land zog, und in der der Antisemitismus immer neue Anhänger fand. An msernt stillen Städtchen Merkten' wir davon gar lichts. 80o/o der Bevölkerung waren katholisch, 14»/o eangelisch und 6 o/a jüdisch. Mein Vater, der sich lebhaft für Politik intecssicrte, sah das Altwachsen der antisemitischen Belegung sehr kühl an. Er vertrat den Standpunkt und wiederholte ihn immer wieder, daß dem Znden, der sein.en andersgläubigen Mitbürgern gegenüber seine Pflicht tut »nd s ich nich ts zu schulden konrmen läßt, -er Antisemitismus nicht schaden kann, ßin eigentlich etwas bequemer Standpunkt, aber »a ich ihn als Junge so oft hörte, so prägte er sich imd nvft ihm auch seine Berechtigung bei mir ein. Kurz und gut, in unserer stillen Stadt konnten mr ruhig und zufrieden der Entwickelung der Auge zusehen. Einmal war eine antisemitische Versammlung angesagt, und ein protestantischer Lirt hatte sich bereit erklärt, seinen. Saal für die Versammlung herzugeben. Der Vorsteher der jüdischen Gemeinde, getreu seinem bequenien Standpunkte, schilderte den Sachverhalt deM katholischen Ortspsarrer, und. dieser wendete sich an den Herrn Bürgerineister. Der erklärte, daß in der Stadt kein Bedürfnis nach ,einer konfessionellen Verhetzung bestünde undverbot die Versammlung. Das ging damals noch sehr glatt unter dem alten Vereinsgesetze, und damals hat man auch von Beschwerden über Saalabtreibungen noch! nichts gewußt und zchört. Ueberhaupt war der erwähnte Pfarrer ein gerechter Mann, der gelegentlich .seinen eigenen k-cuieindeangehörigen derb die Meinung sagen bunte, besonders, wenn sie zu viel der guten dteit rheinischen Sitte, nämlich dem Weintrinken, Llagen. Er konnte dann in seinem harten nicdercheinischen Dialekt von der Kanzel Herabrufen: „Nehmt euch ein Beispiel an den. Juden! Habt ihr schon je einen „besoppenen" Juden gesehen?" lieber den evangelischen Herrn Pfarrer war auch nicht zu klagen, das war zu danraliger Zeit Pfarrer Jatho. Und dein Manne kann Man doch eigentlich wirklich nicht gut nachsagen, daß er konfessionellem Nnsticden hinncige. Der jüdische Lehrer tvar ein junger, lediger Herr, ein gelehrtes Haus und dabei. ein großer Verehrer weiblicher Schönheit. In dieser-Verehrung ist er aber immer streng parilätisch vorgegangen.. Aus der Schule und im Gymnasium ist mir niemals in'all den Jahren auch nur au, einem einzigen Tage etwas widerfahren, was man auch nur entfernt als eine Benachteiligung eines Juden auslegen könnte. Es ist wiederholt vorgekomMen, daß der Kaiserpreis gerade an einen jüdischen Schüler verteilt wurde, gewiß ein Zeichen der strengen Rechtlichkeit.- Das altes ist schon mehr als 20 Fahre her, und in diesen 20 Jahren soll die Zeit, die Kultur und bas Verhältnis der Menschen zn einander angeblich weiter fortgeschritten sein. Daß es nacht so ist, sondern daß wir uns langsam, aber sicher rückwärts bewe gen,werden wir in den folgenden Ausführungen sehen. Nach beendigter Schulzeit ging es in die Ähre nachj Frankfurt a. M., bei einer dortigen Großbank. Das Personal, ungefähr 150 Köpfe, bestand nur zu Vs aus jüdischen Herren, und» auch hier wurde ein konfessioneller Unterschiedin keiner Beziehung gemacht. Aar der Börsenatürlich noch weniger, da dort die Juden dominieren konnten, Das kam, weil zu damaliger Zeit noch das alte Haus Rothschild bestand, das infolge seiner überwiegenden Stellung dem ganzen Bank- und Börsenwesen nicht nur in Frankfurt seinen Stempel aufdrücken konnte. Wenn auch dieses! Bankhaus damals seinen Höhepunkt schon überschritten hatte und nur noch von den zwei Augen des Barons Willy v. Rothschild abhängig war, so konnte doch niemand ahnen, wie rasch und sicher das ganze Frankfurter Bank- und- Börsenwesen einen ganz anderen Anstrich bekam, als nach seinem Tode "eine Berliner Großbank seine Erbschaft antrat. Der Uebergang vollzog sich nicht so glatt, wie man vielleicht im großen Publikum annahm. Es kam in der Bprsö mehr als einmal zu «Reibereien, als die Berliner Herren im gewohnten Berliner Tone die KomMandogewast an sich reißen wollten. Der bisherige sanfte, glatte, ja nahezu familiäre Umgangston in der Börse war verschwunden. Die Berliner Herren ließen die Makler und Frankfurter Börsenherrcn, die bisher mit dem Hanse Rothschild so zu sagen eine große Frankfurter Börsenfamilie gebildet hatten, das Ueberwiegende ihrer Berliner Großbankstellung mehr als einmal fühlen. Es waren schneidige Reserve-Offiziere und sogar ein Garde-Landwehr-Hauptrnann, die an die Stelle der bisher bestimmenden zwei alten Frankfurter Prokuristen des Hauses Rothschild getreten waren. Dazu kam noch eine Gesetzgebung, die ihren Ursprung, das kann, man ruhig sagen, in dem Neid der Großagrarier, die damals noch nicht rechnen konnten, gegen den vermeintlich mühelosen großen Verdienst der Börsenleute hatte.' Die antisemitische Natur dieser Gesetzgebung wurde nicht verleugnet. Man war offen genug, diese glatt cinzugestehen: Kein Fortschritt! In diese Zeit des Werdegangs beziv. Rückgangs fiel die M i l i t ä r z e i t. Es waren damals in Frankfurt zwei Regimenter, bei denen die Frankfurter Einjährigen ihrer Dienstpflicht genügten. Die Reichen gingen zu den teureniBockenheimer Husaren und die andern gingen zur Infanterie. Dort war es auch;, wo ich meiner Dienstpflicht genügte. Arpch hier mußte ich seststellen, daß die idyllischen Zustände in konfessioneller Hinsicht, die in meiner Heimat geherrscht hatten, sich nicht vorfanden. Es kam zwar nicht zu irgend welchen Zurücksetzungen, die offenkundig auf Antisemitismus zurückzusühren waren, aber man merkte dcch deutlich, daß der christliche Referendar, besonders wenn er einen Schmiß an der Wange trug, etwas höher bewertet wurdeals sein jüdischer Kamerad, wenn der auch mehr hatte lernen und leisten müssen. Ich erinnere mich noch sehr gut der ersten Vorstellung der Einjährigen, bei der gefragt wurde, wer die Absicht habe, Reserve-Offizier zu werden. Darauf traten natürlich alle vor, denn als junger Soldat hat inan Ehrgeiz. In der Auswahl der. Einjährigst jedoch, die zum Offiziersunterricht kamen, Merkte man schon/ was los war. Während der Dienstzeit selbst käm es Mitunter, wie das bei den etwas derben militärischen Sitten üblich ist, auef) zu kräftigeren Ausdrücken, die sich vielleicht auch auf die Religion bezogen. Aber wer nicht gerade ein zn feingebildetes Ehrgefühl besaß, konnte nicht behaupten, daß es antisemitische zugegangen wäre. Der Hauptmann, der wegen seiner überaus großen und starken Figur in Frankfurt jedem Kind bekannt war, liebte dergleichen kräftige Scherze. Er beförderte jedoch! gerecht nach! Leistung ohne Ansehen der Religion. So kann ich eigentlich nicht über ihn klagen und ,nur bedauern, daß der gerechte Hauptmann nicht kommandierender General oder Kriegsminister geworden ist. Einmal, als ich ihstn zur Osterzeit begegnete, hielt er mich aus offener Straße an und schrie, daß es hundert Leute hören konnten: „Was' laufen Sie denn hier herum? - Ich habe doch etwas von Mazzen gehört; scheren Sie sich gesl. acht Tage nach Hause!" Das war zwar ein etwas derb erteilter Urlaub, aber er war deswegen nicht weniger angenehm. Nach Meiner Rückkehr beförderte er mich sogar zürn Gefreiten, und bei meinem Abgang stellte er mir ein glänzendes Zeugnis aus. Wie gesagt, schade, daß er nur Kommandeur eines Landwehrbezirks geworden ist und nicht Kriegsminister. Als ich nach beendeetr Dienstzeit wieder in uwine alte Stellung eintrat, näherte man sich so nach und nach dem Wandel im Bank- und Börsengeschäfte, dem ich, schon vorhin geschildert habe. Das Fehlen eines so mächtigen Finanzzentrums, wie es das Haus Rothschild gewesen war, degradierte Frankfurt nach und nach" zu einer richtigen Provinzialstadt, erst recht in Börsensachen. Mer auch in gesellschaftlicher Hinsicht machten sich, die veränderten 'Verhältnisse geltend, und es kann keinem Zweifel unterliegen, daß cs richtig ist, wenn ich behaupte, daß mit dem Mbsterben des Bankhauses Rothschild auch die gesell - s ch a s t l i ch e Stellung des alteingesessenen reichen jüdischen Bürgertums einen karstigen Stoß nach rückwärts bekommen hat. Man war eben auch in dieser Hinjsicht nach und naich den! Berliner Gebräuchen gefolgt, und es bildete'sich allmählich ein Zustand heraus, der nach außen reyräsenren wollte, nach innen aber noch in den althergebrachten Fesseln lag. Diese Entwickelung nahm ihren stetigen, man möchte beinahe sagen, vorgeschriebenen Fortgang, und je mehr sich auch die politischen Zustände zuspitzten, desto mehr bekamen wir statt Fortschritt nur Rückschritt. Was früher laut und schreiend unter dem Namen RadouantisemitisMus mit Leichtigkeit durch tadelloses Benehmen und aus andern guten Gründen bekämpft und besiegt werden konnte, das verwandelte sich im Lause der Jahre nach und nach in einen stillen, schleichenden aber nicht weniger gesellschaftlichen Antisemitismus. Auch in der Heimatstadt, deren idyllische Zustände ich im Anfänge meiner Erzählung schildern konnte, hätten die letzten 20 Jahre keinen: Fortschritt, sondern einen Rückschritt gebracht. Da sieht es setzt ganz anders aus. An Stelle des längst verstorbenen alten. Psarrherrn amtiert jetzt ein wackerer Zentrumspfarrer und ein hervorragendes Mitglied der Zentrumssraktion im Landtage. Streng geschieden ist nun alles in der Religion und Konsefsion. Man merkt es, so zu sagen, schon wenn man in das Städtchen hereinkommt. Die verschärften politischen Gegensätze, an denen man die Schuld im Wahlkampfe und bei anderen Gelegenheiten so gern dem Zentrum zuschiebt und den Herren von der sehr positiven Richtung der evangelischen Kirche, die aus guten Gründen seit 25 Jahren am Ruder sind, sie sind doch auch teilweise, das darf man einmal offen eingeßehen, auch auf das Konto derjenigenJudenzu fetzen,die da glaubten, mit Riesen schritten die Assimilation durchsetzen zu können. Dagegen erhob sich denn doch ein stärkerer innerer Widerstand. Es ist auch nicht zu vcrschioeigen, daß die politischen Parteien, die sich mit Recht in den Dienst des Schutzes des zu Unrecht zurückgedrängten Judentums gestellt haben, selber Fehler gemacht haben. Wenn wir also die Frage, die wir im! Wn--- fancj unserer Ausführungen stellten, wiederholen, fornüssen wir sagen, daß wir nicht vorwärts!, sondern rückwärts gekommen sind. - Wie kann man es auch anders bezeichnen als Rückschritt, lvenn man in der Lage ist, über folgende zwei Erlebnisse zu berichten: Es handelte sich beim ersten Male darum, . daß einer unserer Glaubensgenossen den Verlag eines Aachblattes übernehmen sollte, das hauptsächlich für Handwerker und Jnnungsmeitzer bestimmt ist. Man machte die 'Reflektanten darauf aufmerksam, daß er es unmöglich unter seine in N a m e n unternehmen könnte, das Organ zu betreiben. Es bestünden in den in betrachtkoiUmenden Körperschaften doch zu viel innere Widerstände gegen einen Juden. Diese Tatsache, daß überhaupt ein derartiger Einwand erhoben werden konnte, zeigt doch schon offen, daß wir glücklich zurückgegangen sind zu einer Ansfassung, die nichts weniger als würdig ist der viel gerühmten Aufklärung im 20. Jahrhundert. Das zweite Mal handelte es sich um ein ähnliches Geschäft, nur daß es diesmal statt biederer Handwerksmeister Vereine nnd Sportklubs waren, Auch hier wurden dieselben Gründe ins Feld geführt. Wenn es natürlich nun auch nicht als maßgebend bezeichnet werden kann, was einzelne Leute sagen, und wenn man, sobald man offen um Aufklärung bittet, auch nie etwas richtiges heraushört, — etwas' wird doch wieder daran sein. 4288

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