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Neue jüdische Presse · 1912-08-16 · Heft 32 (16.8.1912) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
10 (1912)
Issue
Heft 32 (16.8.1912)
Date
1912-08-16
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Frankfurter Berichte. Der 56. Bericht des'Vereins zur Beförderung der Handwerke unter den Israel. Glaubensgenossen in Frank f n r t a. M. umfaßt die Iahte 1910 und 1911. Es wurden in diesem Zeitraum 235 Lehrlinge unterstützt und 45 Meistern Bei hülfe 'für Handwerkszeug nsw. gewährt. DieAusgaben hierfür beliefen sich aus 31380 Mark. Die erstrebte Errichtung eines L ehirlin gs he i m s befindet sich infolge mangelnder Geldmittel noch in weiter Ferne. Der Vorstand des Vereins setzt sich gegenwärtig wie folgt zusammen: Stadtrat E m i l S t i e b e l (Bors.). Heinrich Bauer, Jacob Ballin, Moritz Emden, Dr. Franz Hans mimt, Julius Hehrst a n , Emil Horkheimer, Emil Rothbartb und Anselm Schwabacher. Veranlaßt durch.die Ernennung Lncien Picards zum Konsul der Schweiz, wird dem „Jfr. Wochenbl. für die Schweiz" geschrieben: ,,Lncien Picard, ein geborener Basler und Schweizer Bürger, Mitinhaber des bekannten Bankhauses Lazard Speyer-Ellisen in Frankfurt a. M., ist zum Konsul der Schweiz für Frankfurt ernannt worden. Diese Ernennung ist insofern interessant, als es n. W. das erste Mal ist, daß die Schweiz .einem Inden ein solches Ehrenamt überträgt. Claparäde, der schweizerische Gesandte in Berlin, hat sich persönlich nach Frankfurt begeben, um Herrn Picard im Aufträge des schweizerischen Bundesratcs dieses hohe Ehrenamt anzubieten. Lncien Picard gilt nicht nur als einer der größten Finanzgenies in Deutschland, sondern ist auch! ein vortrefflicher Mensch und ausgezeichneter, überzcugungstreuer Jude, der bei jeder Gelegenheit mit Stolz sein Judentnstr bekennt und betätigt. Uns dem Gebiete der Humanität und der echt jüdischen Wohltätigkeit im.Stillen dürfte Herr Picard nicht so leicht übertroffen werden. Er gehörte viele Jahre dem engern Vorstande des Hilfsvereins der deutschen Juden in Berlin an, wo er sich anläßlich der großen Sammlungen für Kischinew besonders hervorragend beteiligt hat. Später war Herr Picard Vizepräsident der Deutschen Konferenzgemeinschast der Alliance isr. 'Universelle und gehört außerdem dem Vorstande vieler jüdischen humanitären Gesellschaften und Vereine an. Herr Picard wird in allen ihm nahestehenden Kreisen wegen seiner vorzüglichen Geistes- und HerzenSgaben, vor allem wegen seiner großen Bescheidenheit hochgeschätzt und verehrt. Die Genugtuung über seine Auszeichnung seitens der Regierung seines Heimatlandes ist daher eine allgemeine und hochverdiente." Wie uns mitgeteilt wird, soll anfangs Oktober in der früheren Klinik des Herrn Prof. v. Noorden und San. - R. Dr. Lampe in Frankfurt a. M„ Schisserstr. 84/86 ein streng rituell geführtes Sanatorium für diätetische Kuren, insbesondere für Zuckerkranke errichtet werden. Die Leitung wird in den 'Händen des Herrn Dr. med. I. Lange, früher Sandweg 141, liegen. Herr Sanitätsrat Dr. Lampe hat seine Klinik in den Neubau, Schisserstr. 78/82 verlegt. Auf der Börse erlitt Dienstag mittag der 75 Jahre alte Börsensensal Leonhard Nachmann einen tödlichen Schlag an fall. Josef Fürth, Prokurist der Firma Siegmund Strauß jun., feierte am 15. August sein 50jähriges Geschäf tsjnb iläum. Witwe Betty Schloß, Schützenstr. 1, begeht am 21. dss. Akts, in körperlicher und geistiger Rüstigkeit ihren 85. Geburtstag. Frau Schloß ist in Ennerich bei Runkel a. d. Lahn geboren und war verheiratet mit dem im Jahre 1881 gestorbenen Religionslehrer Hermann Schloß zu Ellar inc- Westerwald. Frau Schloß lebt seit 1883 hier, wo auch ihre vier verheirateten Kinder wohnen. Aus 0er zionistische» Bewegung. Frankfurt a. M. Sonntag, den 11. Aug. verschied hier im Sanatorium Lampe Ingenieur Jan Kirschrot aus Lodz. Es ist eine erschütternde Tragik, die der Tod dieses Mannes enthält, der in seinen besten Mannesjahren — er zählte erst 33 Jahre — fern der Heimat dahingehen und eine junge Gattin samt einem kleinen Kinde allein und verwaist zurücklassen mußte. Wenn Männer in hohem .Alter scheiden und dann Klagen über den Verlust laut werden, so will das nicht soviel besagen; welcher Mensch vermöchte es nicht, in einem langen GrzMimgen. aus fiüieC um£ iaCmud. Von M. Pulvermann. D>avid auf der Suche nach, seinem Gef ährten im Paradiese. David bat Gott, daß er ihm schon bei seinen Lebzeiten seinen Gefährten und Nachbar im Paradiese zeigen möchte. Sein Gebet fand Erhörung, und eine Stimme rief ihm zu: „Lege die Staatsgeschäfte in die Hände Deines Sohnes Salomo, und der Herr wird Dir den rechten Weg zeigen, ans daß Du Deinen Nachbar im Paradiese schon auf Erden sehen kannst." David säumte nicht, zu tun, wie ihm befohlen war, und bald verließ er Jerusalem in der Kleidung eines Pilgers, den Wanderstab in der Hand, den Brotbeutel um die Schultern gehängt. Er wanderte von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf, über Berg und Tal, er durchschritt Bäche und Ströme, — doch den, den er suchte, fand er nicht. So waren Wochen und. Monate vergangen, bis er schließlich in die Nähe eines Marktfleckens gelangt war, nicht weit vom Meeresstrand. Da sah er einen Greis, der ein schweres Bündel Brennholz auf dem Rücken trug und schier unter der schweren Last zusammenbrach, dessen Aeußeres aber dennoch Achtung und Ehrfurcht einftößte. David folgte itznl, bis er das Holz verkauft hatte. Die Hälfte des Erlöses gab der Greis einem Armen, für die andere Hälfte aber kaufte er ein Brot, mit dem er bald wieder bcu Ort verließ. Auf der Landstraße, wohin David chm gefolgt war, kam ihnen ein Armer entgegen, — sofort teilte der Greis das Brot mit ihm. Dann schritten beide weiter dem Gebirge zu. „Dieser Mann ist fleißig und wohltätig," murmelte David, ,ch'arnm wäre er würdig, mein Gefährte im Paradiese zu sein. Ich werde ihn nach dem Namen fragen." Inzwischen war der Greis bei einer Höhle zwischen den Felsen angelängt, die nur durch einen schmale» Spalt ein wenig erhellt war. David blieb draußen, da der Greis seine Andacht, eben begonnen hatte, wobei er eine Anzahl Psalmen Davids sang, um dann noch im heiligen Buche zu lesen, bis die Sonne unterging. Er zündete dann eine ■ spärliche Oellampe an, verrichtete das Abendgebet, wusch sich dreimal die Hände und verzehrte die Hälfte des übriggebliebenen Brotes. David, der es. nicht gewagt hatte, den frommen Mann in seiner Andacht zu stören, betrat jetzt die Höhle und begrüßte den Alten. „Wer bist Du?" fragte dieser verwundert. „Bis zum heutigen Tage habe ich noch kein menschliches Wesen in dieser Wildnis gesehen, außer Mata, So.hn Jochanans, der bestimmt ist, dereinst der Gefährte des königlichen Davids im Paradiese zu sein." David gab sich zu erkennen und befragte den Greis über Mata, Sohn Jochanans, und wo dieser anzntreffen .sei. Der Alte verbeugte sich tief vor dem Könige und sprach: „Deinen Wunsch kann ich leider nicht erfüllen. Ich weiß nur, daß er zwischen den Felsen sich aufhält und nur hin und wieder sich sehen läßt. Aber, wenn Du .noch länger im Gebirge verweilen willst, dann rate ich Dir, alles genau zu beobachten, was Deine Augen sehen; vielleicht, daß Du dann Mata findest." David erschrak heftig. Wer war dieser Mata, Sohn Jochanans, der sich hier im Gebirge Herumtrieb, wo ihm doch keinerlei Gelegenheit geboten war. Nützliches und Gutes für die Menschen zu leisten? Dennoch war er entschlossen, den Rat des Alten zu befolgen. Er durchstreifte das Gebirge nach allen Richtungen, über steinige Täler und kahle Felsen, ohne die Spur eines menschlichen Fußes zu entdecken. Er. hatte bereits jede Hoffnung ausgegeben, als er auf der Spitze eines schaurig zerklüfteten Felsens eine Stelle erblickte, die im Gegensatz zu der ganzen Umgebung feucht und schlüpferig war. Erstaunt und verwundert ftagte sich David, was. dieses wohl zu bedeuten habe, da doch seit Wochen kein Tropfen Regen gefallen war. Woher nur diese Feuchtigkeit inmitten der steinigen, dürren und trockenen Fläche? Während er noch über diese rätselhafte Erscheinung nachdachte, kam ein Mann keuchend und mühselig die - andere Seite des ,Berges empor, - dessen Augen zur Erde gesenkt waren, sodaß er David nicht bemerken konnte. Dieser aber hatte sich bei dem Erscheinen des Mannes .hinter einem Vorsprung verborgen, um das Tun des Ankömmlings zu beobachten, der in gebückter Stellung bis zu der feuchten Stelle schritt, wo er mit solcher Andacht betete. Laß seitten Augen Mche von Tränen entströmten und zur Erde fielen. Jetzt wußte Leben sich einige Bedeutung, einige Verdienste zu erwerben! Wenn aber jemand in frühen Jahren eben erst im vollen Besitze seiner Kräfte dahingerafst wird und sein Verlust dennoch als unersetzlich von vielen empfunden wird, so muß dieser Mann viel mehr als der Durchschnitt gewesen sein. Dies aber ist bei dem Verstorbenen der Fall. Trotz seiner jungen Jahre hatte er in seiner Heimatstadt Lodz und weit darüber hinaus einen großen Namen und war weithin in Rußland als hervorragender Zionist, als unermüdlicher Arbeiter im Dienste der allgemeinen Interessen seines Volkes bekannt. Schon als er krank war, sorgte er noch rastlos weiter für das Wohl seiner Brüder, und nicht zum 'wenigsten hat diese Ueberarbeitung im Dienste der Allgemeinheit sein frühes Ende beschleunigt. So hat er sich, wenn auch jung gestorben, eine bleibende Stätte der Erinnerung in den Herzen seiner Volksgenossen innerhalb und auch weithin außerhalb seiner Vaterstadt erworben, und sein Andenken wird als das eines begeisterten Juden und edlen, selbstlosen Menschen unvergessen bleiben. Die Leiche wurde auf Wunsch der Gattin nach Warschau, wo der Verstorbene geboren ist; überführt. Bei der Abfahrt der Bahre gaben das letzte Geleite hiesige Gesinnungsgenossen des Verstorbenen. , * Jan Kirschrot wurde in Warschau als Sohbr einer assimilatorischen Familie geboren. Ms 20 jähriger Student machte er eine innere Umwandlung durch, und indem er der Assimilation den Rücken kehrte, stellte er sich unter die vordersten Streiter der nationalen Bewegung. Er war die Seele der polnischen jüdischnationalen Zeitung Ws'chod, denn er war ein talentvoller Schriftsteller und seine Artikel, die auch im Raswjet erschienen, machten stets tiefen Eindruck. Aber auch mit seinem glänzenden Rednertalent wirke er für den Zionismus. Er hat eine ganze Reihe zion. Stndenten-Organisationen gegründet. Jan Kirschrot hat in den Polytechniken zu Warschau und zu Charlottenburg studiert. Nach Beendigung seiner Studien wurde er Direktor der Technischen Abteilung der Lodzcr Talmud-Thora, die er zu hoher Blüte brachte. Noch im letzten halben Jahr hat er mit Aufwendung seiner letzten Kräfte einen Handwerker- Klub gegründet. David, .woher die Feuchtigkeit kam. Mer er wollte den Mann in seiner Andacht nicht stören. Wie erstaunt aber war er, als er die Worte vernahm» die aus' dem Munde des Mannes kamen. ./Barmherziger Gott!" betete dieser, „durch Lessen Allgüte allein jeder Mensch imd jedes Wesen bestehen kann, o, vergib und verzeihe dem König David,feine Sünden und Vergehen, die er in jugendlichem Eifer oder in stolzer Ueberhebung begangen! O, bewahre iljjt* daß er nicht mehr der Versuchung anheimfalle, und daß sein Herz rein und lauter bleibe! Wenn ich Gnade gefunden habe in Deinen Augen, so erhöre mein Flehen und rechne seine Sülchen mir an, damit der, der durch Deinen heftigen Willen groß und mächtig geworden, auch rein und makellos vor Menschen dästetze, auf daß er dereinst auch im Paradiese im Bunde der Frommen und Gerechten wellen möge!" Erschüttert und bewegt lauschte David den Werten des Mannes, sein Herz war voller Rührung und voller Dankbarkeit. Mft ausgebreiteten Armen lief er zu dem Beter ,hin, der durch Frömmigkeit und Menschenliebe wohl würdig war, der Gefährte des königlichen Sängers zu werden. Ehe er aber zu ihm gelangte, war der 'Mann znsammengebrochen und die Seele denl Körper entflohen. David beweinte den Tod bitterlich, und seine Tränen vermischten sich mit denen des Frommen. Dann grub er mit seinen Händen das Grad an dieser feuchten Stelle, legte den Leichnam hinein, bedeckte chn mit Erde, verrichtete die Trauergebete und kehrte müde und matt nach Jerusalem zurück. Ms er, zu Hause angelängt, sein Gemach betrat, erblickte er den Todesboten neben seinem Lager. Der Engel sprach zu ihm: „Dein Wunsch ist erfülle Du hast Mata, Sohn Jochanans, gesehen, der Dein, Gefährte in der Ewigkeft sein wird. Seine Seele wellt bereits im Gefilde der Seligen, und darum hat auch Deine Pilgerfahrt jetzt ihr Ende erreicht." David faltete seine Hände und sprach voller Demut: „Gerecht ist der Herr in all seinem Tun und Lassen, und sein heftiger Wille geschehe!" Mft diese« Worten hauchte er seine Seele aus. Vier Engel stiegen vom Himmel nieder; zwei überreichten Salomo ein Totengewand, in das er seinen Vater hüllen sollte, während' zwei andere ihn in seiner Trauer trösteten. Ganz, Israel folgte der Bahre nach Hebron, wo Salomo seinen königlichen Vater mit allen Ehre« be- - stattete. _

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