Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 30 (2.8.1912)
- Date
- 1912-08-02
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Aus dem jüdische« Bereiusleve«. Von L.Perlmutter-Frankfurta. M. „Es ist kein neu' Gedicht", daß Israel nur den Feinden trotzt, den „Freunden" nie. Die trübsten Erinnerungen der jüdischen Geschichte knüpfen sich an die Ruhepausen, die Freiheitsphasen. Sie alle bedurften eines Pinchas, Zeines Matisjahn, gegen Leiden, die' andere Völker erdrückt hätten; die vielen Schläge, die auf uns niederprasselten, haben unseren Nacken gesteift, und wenn wir es weiter verstehen werden, die Wucht der uns bedrohenden Stürme in die Segel unseres schwer bedrängten Schiffleins zu leiten, so werden diese, anstatt uns in den Ilbgrund des Vergehens zu schleudern, zum vorwärtstreibenden, fördernden Winde werden. Dies gilt insbesondere von jenen wirklichen Gefahren, die uns nicht als Feiikbe, sondern als „Freunde" umlauern. Wollen wir das Volk des „Geistes der Zeiten" bleiben, so muffen wir dem jeweiligen Geist der Zeiten — unter Umständen mit Sympathie — aber immer gegenüber stehen. Es gibt eigentlich nur eine Gefahr für das Judentum: die Assimilation, die Aufgabe aller jüdischen Werte. Von jeher fand das Judentuin für alte Wunden in sich die Heilung, Die Muhen unserer unseligen Wanderung machten uns unempfindlich die gegen ihre Zeit ankämpften. Diese zu bekämpfen, müssen wir uns der besten Waffen bedienen. Eine solche Waffe, deren Spitze sich zunächst gegen uns Kn richten scheint, gibt uns der Zeitgeist in die Hand. Die Moderne Kultur hat neben vielem eine Erkenntnis gefördert, die dazu berufen ist, auch auf dein weiten Gebiete geistig-kultureller Betätigung bahnbrechend zu wirken, den Gedanken der Zusammenfassung, die Organisation. Interessengruppen bilden sich, der einzelne verschwindet in ihnen oder drückt ihnen das Gepräge auf, unterordnet oder überordnet sich dem Ganzen. Die einzelnen dienen der Gesamtheit, diese dient allen. Die Organisation nimmt aber nicht nur Stellung, sie zwingt auch, Stellung zu nehmen. Sie verlangt Oeffentlichkeit und' besteht vor der Oeffentlichkeit. Das sind Werte, die man sich schwer aus unserem öffentlichen Leben heränsdenken kann. So hat sich auch ein Vereinswesen entwickelt, das sicherlich Auswüchse gezeitigt hat, dessen Kern aber gesund ist, und das den modernen Menschen, der auf seine Fortbildung bedacht ist, von allen Seiten umfaßt. Von Vortrag zu Vortrag wirft es uns, jagt uns von Versammlung zu Versammlung, Thema auf Thema umwirbelt uns. Ein zielsicherer Verstand gehört dazu, sich in dieser Unmenge von Interessensphären zurechtzufinden. Nicht nur geistige, auch gesellige Kräfte werden der Allgemeinheit nutzbar gemacht. Immer populärer werden die „Äbendunterhaltungen". Ein geselliges Leben entwickelt sich. Mir steuern immer mehr der Zeit entgegen, in welcher der geistige Mensch nur noch in Vereinen leben wird. „Sage mir, in welchem Verein Du bist, — und ich will Dir sagen, wer Du bist!" Keine Schranken hindern uns heute, am allgemeinen Kulturleben teilznnehmen. Weite jüdische Kreise, große jüdische Kräfte haben sich chm hingegeben. Ein Sombart behauptet auf Grund tatsächlicher Feststellungen, daß die Juden zum unentbehrlichen Bestandteil der Kultur geworden seien. Möglich; sie haben aber größtenteils ihre Kräfte dem Judentum entzogen. Das kann auch von der Mitarbeit im allgemeinen Vereinsleben gelten. Darum gilt es, seinen wertvollen Kern dem Judentum wieder nutzbar zu machen. Der erste tragische, mißglückte Versuch der Heine, Gans und Genossen zeigt das Problem. Sie fühlten, daß der Jude mit seinen spezifisch jüdischen Interessen verschwand im ällgemeinen Kulturgetriebe. Sie gründeten einen Verein für „jüdische Kultur". Für sie war es zwar schon zu spät. Sie waren innerlich dem 'Zersetzungsprozeß bereits erlegen. Mer die Idee war gut. Und zu spät ist sie in größerem Maßstabe wieder ausgenommen worden, nämlich Vereine stir spezifisch jüdische Interessen zu gründen, Lernvercine, jüdische Literaturvereine, die großen, jüdischen Organisationen, Lugendvereine. In fast jeder „jüdischen" Stadt entfaltet sich heute ein reges jüdisches Bereinsleben, ein Zeichen des erwachenden jüdischen Interesses, geistige und gesellige Genüsse bietend, nicht nur für die ^Fremden", wie sie die heutige Wirtschaftsstellung nilr allzu leicht Von einer Stadt in die ändere schleudert, sondern auch für die „Einheimischen". Es soll nicht nur seine Antcilnehmer der Assimilation in allen möglichen Abstufungen entziehen, sondern muß anch.positiv Jüdisches geben. Zwar zeigen sie noch nicht alle ausgeprägt jüdische Form. Noch nicht überall ist die Erkenntnis von der Notwendigkeit der jüdischen Wissenschaft, des Lernens" der jüdischen Geschichte, der hebräischen Sprache dnrchgedrungen. Noch bestehen in nur wenigen Städten jüdische Bereinshänser. Noch lacht man über jüdische „Bereinsmeier". Aber mit der Zeit wird man sie Verstehen lernen und ihnen dankbar sein. Denn sie haben nicht nur den Gedanken der Organisatioir dem Judentume nutzbar gemacht, sondern ihnen ist's Vorbehalten,' uns eine große Idee lebendig zu erhalten, den Begriff der jüd. Volksfamilie. Dieser Begriff ist wichtiger, als manche unserer „Glaubensgenossen" glauben. Und her alte Satz, daß die Familie das Judentum erhalten habe, spricht von Zeiten, in denen der Jude, als er seinen Fuß über die Schwelle des Hauses setzte, wie im ‘ Ghetto, sozusagen wieder in jüdisches Territorium kam. Bei unserer heutigen Lage muß Pas jüdische Milieu erst wieder geschaffen werden. „Die Familie muß heut' größer sein". Einen solchen „Familienanschluß" können die jüdischen Vereine bilden. Das ist das Feld, auf dem wirklich die gesellschaftliche Assimilation und mit Erfolg bekämpft werden kann. Und wie in der Familie die Jüngsten ganz besonderer Sorgfalt bedürfen und sich erfreuen, so wird die Entwicklung dahin führen müssen, den 'jüngsten Sprößling der jüdischen Vereinsbewegung, den jüdischen Jugendverein, mit besonderer Mühe zu fördern und wahrhaft jüdisch zu. gestalten. Ist erst dies Ziel erreicht, dann wird das jüd. Bereinsleben neben dem altbewährten jüdischen Heim größte Bedeutung in der Zukunft für die Zukunft des Judentums erlangen. Ei« Philanthrop. Zum 70. Geburtstag des Herrn Michael Moses Mainz. Seitdem Charles Hallgarten, Henry Seligmann, Eduard Cohen u. Hermann Lehvmnn dahingegungen sind, sind inUnserem Frankfurt jene Menschen, deren Wirken ihnen den Ehrentitel „Philanthrop" verleiht, sehr selten geworden. In aufopfernder Hingabe an die Geschicke seiner Mitmenschen die schönste, vornehmste Lebensaufgabe erblicken, nicht aus Gutmütigkeit, die schon nach, einigen üblen Erfahrungen die Segel streckt, sondern aus Welt- und Lebensänschauung mit dem Wohl und Wehe seiner Mitmenschen sich verbunden fühlen und daher unermüdlich Witzen, raten und helfen, setzt einen Menschenfreund reiner, edler Gesinnung voraus. Eines solchen Menschenfreundes Ehrentag begeht am 18. Aw die Frankfurter Judenheit. Michael Moses Mainz feiert nämlich an diesem Tage in jugendlicher Vollkraft seinen 70. Gebilrtstag. . Der ganze Ban der Frankfurter philanthropischen JnWtutionen in seiner imponierenden Größe und Mannigfaltigkeit erzählt von des Fnbilars Sorgen und ist Resultat seiner Arbeit. Viele JnWtutionen verdanken nur seiner Anregung ihr Entstehen, seinen Plänen ihre Organisation und . seinem Schaffen ihre Entwicklung. So hat er ge- I gründet und zu ihrem heutigen Stande entwickeln . Helsen: die Suppenanstalt, das Mersheim, die Häushaltungsschule und die Knranstalten in Soden, Nordrach und Nauheim. Aber auch das Deutsch- Israelit. Kinderheim in Diez, das Mädchen-Erziehungs-Institut in Ems und noch zahlreiche andere JnWtutionen wissen von den Segnungen seiner Mitarbeit zu erzählen. Doch das alles verschwindet vor seinem Tun fiir den einzeln Bedürftigen, vor seinem Tun, von dem nur die zu erzählen wissen, die an seine Tür Hilfe suchend pochten. ' Michael Moses Mainz' Persönlichkeitswert erschöpft sich aber nicht mit seinem philanthrophischen Wirken. Auch sein jüdisches Wirken innerhalb der hiesigen Israelitischen Gemeinde ist von jeher von nachhaltiger Bedeutung gewesen. Er war einer der treuesten Mitarbeiter des unvergeßlichen Räbb. Dr. Horovitz s. A„ imb seine Beliebtheit auch bei den neologen Kreisen hat er stets vermittelnd und versöhnend int Interesse des Friedens der Gesamtgemeinde, bei strengster Wahrung seines orthodoxen Standpunktes, zu betätigen gewußt. Wenn die Gemeinde alle traditionell-jüdischen Einrichtungen in mustergültiger Weise ihr Eigen nennt, so hat er sein gut' Stück Verdienst daran. Möge der Jubilar in zehn Jahren in gleicher Frische seinen 80. Geburtstag, feiern! Frankfurter Berichte. Lucius Picard ist zum schweizerische!» . Konsul ernannt worden. ■» a S chächter Schloß wurde nach Köln berufen. Aus -er zionistischen Bewegung. Teplitz (Böhmen). Rerthold Perutz, Chef deS angesehenen Bankhauses Beer Perutz u. Söhne, ein treuer Anhänger der zionistischen Bewegung, ist plötzlich verschieden. New-Bork. Der bekannte Philanthrop Nath an Straus, Bruder des früheren Botschafters und Staatssekretärs Oskar Straus und des bei der „Titanic"- Katastrophe verunglückten Isidor Straus, richtete an die Jahresversammlung der amerikanischen Zionisten einen Brief. In diesem Briefe heißt es: „Bei meinem jüngsten Besuch in Palästina machte der gewaltige Fortschritt im Vergleich zn den Zuständen bei meiner früheren Palästinareise vor sieben Jahren einen überaus tiefen Eindruck auf mich, tleberall treten die Wirkungen von Dr. Herzls Geist und den großen Idealen, die er in Jung-Jsrael wachgerufen hat, deutlich zutage. Gleichwohl bleibt noch, manches zn tun übrig. Dr. M a g n e s, der Ihrer Versammlung beiwohnt, wird Ihnen über unsere Bemühungen zur Besserung der Lage berichten . . . In den letzten drei Monaten war mein ganzes Sein vomGedanken des Zionismus beherrscht, und ich habe eine Fülle von Plänen für das Wohl des Heiligen Landes erwogen. Infolge unseres jüngsten Mißgeschicks (der Titanic-Katastrophe) waren jedoch meine Nerven derart angegriffen, daß ich unfähig war, sogleich, wie es incin sehnlichster Wunsch gewesen wäre, ans Werk zu gehen. Aus diesem Grunde suhle ich in ich auch außerstande, in össentticher Bersammlung zn sprechen." Aus de« Vereine». Berlin. Das Jafsa'sche Fürsorge- und Waisenheim den G r o ß l o g e j ü r Deutschland Vin. ll. O. B. B. in der Roscherstraße erzog in seinem letzten Berichtsjahre 8 Knaben und 9 Mädchen. Die Erziehung liegt in den Händen des Rabbiner Dr. G r ft n t h a l 'scheu Ehepaares. . Meran. Das „Genesungsheim" deS Ber» eines „Asyl für mittellose kranke Israeliten" wird mit 1. Oktober 1912 für die Herbsts a i s o n wieder eröffnet. Mittellose Bewerber wollen sich brieflich wegen der ausführlichen Aufnahmebedingungen an die Kanzlei des Vereines tuenden unter der Adresse: „AM für mittellose kranke Israeliten, Meran" (Tirol) und ihre Gesuche um Aufnahme möglichst bis Ende August einreichen.__ 8 Schweizer Stickereien 8 q F. C. Strubberg «& Co. q Q 25 Nene Mainzerstrasse 25. Q Kunst uud^Literatur. Die Bedeutung des Sabbat im jüdischreligiösen Leben von Rabbiner Jakob H o f s - mann-Kostel. 24 Seite». Wien und Budapest, Jos. Schleßinger Buchhandlung. ' Die Broschüre ist lesenswert. Sie schildert in kurzgefaßter, anschaulicher Weise, welche Bedeutung das. jüdische Gesetz dem Sabbat gibt und des weiteren seine Bedeutung sür die Erhaltung des Judentums. 4780