Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 21 (31.5.1912)
- Date
- 1912-05-31
- Page
- Seite 2 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite L des Volkes wiNerhvft siH hier in ihren Hauptzügen : Ms, jüdische Volk b^innt von neuemein Mcherschweifendes Leven zu führen, Europa heißt die große Wüste, in der es sein unstätes Dasein fristete, und der einzige Unterschied' bestand bloß darin, daß die kompakte Masse des Volkes nunmehr in viele einzelne Gruppen auseinanderfÄk, die, unter den verschiedensten Nationen verstreut, ohne äußeren Zusammenhang miteinander zu leben schienen. Allein über ollen diesen zerstreuten Gliedern waltete ein und dasselbe G!esetz, und diese Einheit 'des Gesetzes wurde der heintatliche Boden, auf dem sich alle diese membra dvjecta znsammenfan- Äen. Es war da§ frellich nicht mehr die unmittelbare Wogenwart Gottes, in dessen Nähe man sich gkdorgen fühlen konnte; oder dieses Gebäude eines Neuartigen positivistischen Idealismusan dem die eminentesten Geister des Judentums' emsig zu arbeiten fortfuhren, war so kunstvoll angelegt und so wohnlich eingerichtet, daß die grämte Judenhell Karin sich wirklich zu Hanse fühlte. Die Intoleranz der christlichen Welt, in deren Mitte die Juden lebten, sorgte anderseits dafür, alle intimeren Kontafte Mit der Außenwelt zu verhindern, und das ist eigentlich der gewichtigste Umstand, der für die innere Abgeschlossenheit des Volks'von entscheidender Bedeutung war. So lagen die Dinge bis auf den Ausbruch der großen religiösen Käse, deren Anfänge wir schon im,17. Jahrhundert gewahr werden können, und deren Mlauf noch nicht abznsehen ist. - Man hat nicht Mit Unrecht die Zeit, in der wir gegenwärtig lÄen, als die der Umwertung von Werten bezeichnet. Wie die neu zu schaffenden Werte Nnstig ausfallen werddn, — das entzieht sich jeder Mutmaßung. Eines aber ist sicher: die wählende .Arbeit unserer.aufgeregten, kritisch veranlagten Zeit äußert scharfe Tendenzen, alle Bisherigen leitenden Ideen, wenn nicht von Grund ans M zerstören, so doch gewiß wesentlich Nrnzuandern; rärd da unter diesen leitenden Meen die religiöse und Ne Moralische den ersten Platz behaupten, so müssen Me .Angriffe sich gegen die letzteren auch richten, mü> tiSSeä, was mit Religion oder Moral auf, irgend' - welche Weise verbunden ist, Muß in diesen allgemeinen Strudel so oder anders hinerngezogen lver- Len. Keine noch, so kmrstvolle Einlleidung und Verhüllung ihres Wesens vermag den religiösen oder moralischen Kern vor diesen Angriffen zu schützen. Zu einer solchen Zeit gewinnt Ne soziocke Stellung eines Volkes, wo Ne Spuren der Religiosität und Nationalität sich fast vollständig decken, eine bedeutungsvolle Problematik, und die Frage nach einem Verhallen diesen Sphären gegenüber lvird gercdezu -ringend. Wir haben gesehen: Ideelle Faktoren religiöser und moralischer Natur waren es vorzugsweise, die die fundamentale Entwicklungsrichtnng des' Wüschen Geistes beWmmten, Und erst aus ihrem Zusammenwirken erwuchs der ganze Komplex all' Nieser sozialen Verhältnisse, Ne wir als nationale zu bezeichnen gewohnt sind. Wir hoben gesehen, daß das jüdische Denken von Anbeginn an iMmer deUllicher werdende Tendenzen offenbarte. Ne natürliche Expansionskraft dieser Ideen auf ihr nationales Matz einznschtränken, indem' man diesen ganzen ideellen Gehcckt in die festgewvrdenen Formen der sich, hinterher entwickelnden Vollssitten und Gewöhnungen hineinzusperren suchte. Solange der rnnerc kulturelle Bau noch nicht Abgeschlossen war. Wurde ausschließlich dafür gesorgt, der tlüberwucherung des universellen religiösen Moments möglichst v-orznbeugen: alles Religiöse wird national. In der Diaspora begegnen wir einer umgekehrten Mchtung. Das nationale Werk war vollendet und lag vor den Ächzen des Volkes als fertiger Befund da; man wendete die Aufmerksamkeit der religiösen Seite zu; man suchte alles rein Nationale Lurch das Religiöse zu bestätigen: alles - Nationale wird religiös. Wenn wir nun vor die folgende Frage gestellt werden: Ms welches von den beiden, Momenten der Nachdruck gelegt werden, welcher von den beiden Seiten im weiteren Verlaufe der jüdischen Geschichte unsere besondere AufMerffamkeit zugewendet werden soll, so werden wir in Ailletracht des Vorhingesagten und angesichts der gegenwärtigen geistigen' Situation dem rein Nationalen den entschiedenen Vorzug gchen Muffen; und wenn dasreligiös Mrankfürter Israelitisches NlmWenbllrtt. gewordene Nationale seiner Auflösung ^pntgegengeht, so wird sich. unser ganzes BenMhen daraus richten müssen, denjenigen nationalen Rahmen wieder herzustellen, in welchem sich der Geist des Volkes künftighin bewegen soll, also vor allem die Sprache und das Territorium AM Schlüsse seines Vortrags: „Die Bedeutung des-Judentums für den religiösen Fortschritt der Menschheft", in welchem wir dm ausgeMchneten Denker, ebenso wie den trefflichen Kenner des Judentums nach Gebühr würdigen müssen, sagt Professor Hermann Cohen folgendes: „Wir modernen Juden hegen unser Judentum nur als den Glauben an den einzigen Gott, und nur anerkennm nur diejenigen Pflichten, welche Mit diesem Grundglaubm zusammenhängen. Welche Bürgschaft diese Glaubenstreue bietet" in einer Zell, in der der Glaube an Gott (unterstrichen.vom Verfasser) so schweren Erschütterungen ausgesetzt ist- und in der innerhalb der kulturell höchst entwickellm Religion selbst Ne dogmatischen Schwierigkeiten den Grund des Gottesgtanbens berühren, Las sollte als ein tiefes Problem beacht werden." Welch sonderbare Ueberhebung! Wir modernen Judm, Ne doch vvn keiner noch so modernen Krankheit verschont bleiben, so sollm allein inmlltm all dieses grassierenden Unglaubens die Reinheit des Herzens bewahren? Glaubt denn wirklich Prof. Cohen, daß wir modernen Juden uns im Besitze eines wundertätigm Talismans befinden, der Ms vor allen Uebeln Nr Kultur schützt'? Wdnn er cs glaubt, und wenn es wahr istdaß sozusagen unser besseres Teil von den Mfgaben Md Unruhen der Zeit nicht berührt wird, so wird er auch konsequenterweise zugeben müssen, daß wir nicht Mit unserer ganzen Seele an der Arbeit der Kultur find, daß wir in einem gewitzen Sinne einen Staat im Staate bilden, und daß Ne besonderen Beziehungen zu uns 'modernen Juden dadurch eine gewisse Rechtfertigung erhalten. Wenn aber in all' diesen Versicherungen, wie sich Jedermann von der alltäglichen Erfahrung überzeugen kann, kein Körnchm von Wahrheit enthalten ist, so werden wir Modemen Juden, die an allen Gebresten der Kultur kranken, und alle ihre Triumphe Mftmachen helfen, uns nach anderen, sichereren Kriterien nMsehen müssen. Aus de« Ereig«iffe« -es Tages. Das Angolaprojett. Die Judensrage ist gelöst. Die Wanderung Ahasvers kann ein Ende nehMen; ein neues Vaterland, ein neues Zion ist gesunden, und sein Name ist — Angola. Angola, die Kolvnie Portugals, soll das neue Judenland werden, also verkündet es Don Terlo, also proklamieren es rührige Zeitungen, also beabsichtigen es Ne Leiter der Jto. Der Hergang .der Sachp selbst aber ist merkwürdig vnd iseltsäm, sft seltsam wie Ne ganze JudM frage selbst. Don Terlo, wie er jetzt heißt, Herr Terlo, wie er früher hieß, war borbertv ein gewitzigter jüdischer Weinhändler. Derselbe Herr fiedelte dann nach Lissabon über, wo er der Freund des fmheren FinanzMinisters Don Relvas und eine einflußreiche Persönlichkeit im Ministerium wurde.' Barmherzig und weffe, wie er ist, hatte er die geniale Idee, der Judenfrage eine Lösung zu geben, indem er dem jüdischen Volke die Kolonie Angola verschaffte. Gesagt, getan. Herr Terlo ließ verkünden, daß jeder Mische Bauer in Angola 500 Hektar Boden unentgeltlich erhalten werde, dazu alle erdenklichen Vorrechte Und Bortelle usw. usw., Mit einem Worte: Sobald es einem Juden aus der Welt schlecht ergeht, braucht er nur nach Angola zu kommen, und,er darf sicher sein, dort ein parcLiesisches Leben zu führen. Dieser ganze simllose Plan verdiente natürlich nicht, daß auch nur eine Zelle IHM gewidmet würde, wenn mdjit — und hier koMmt hie Pointe des Ganzen — sich', ernsthafte jüdische Politiker, ja eine ernsthafte jüdische Organisation gesunden hätten, Ne dieses Geschwätz Ns Herrn Terlo ernst genommen hätten Und mll einem 'Eifer Mer das Profest hergefallen wären, als enthielte es in der Tat Ne Lösung der Judenfrage. Allerdings, Ne Jto — denn um diese handelt es sich in Nesem Falle — ging .nicht ohne welleres darauf ein; sie stellte ihre BÄngungen. Sie forderte uänllich, Laß He Regierung 100,0M QncchratMeter zur Verfügung stellen sollte. Herr Terlo — was vermag HM Terlo Ilicht Nr. 21 — erwirkte die Zustimmung der Regierung, und somit "ist alles perfekt. Schon soll eine, Konferenz einberufen werden, die über das „Angolaprojekt" beraten Md zu der auch Herr Terlo zugezogen werden soll, schon reist Herr Teitel nach Angola, um das neue Judenland kennen zu lernen, schon studiert Man sicherlich in den Büros der Jto eifrig die Geographie Angolas, noch, eine kurze Weile, und .der Auszug Israels nach Angola kann beginnen.- Das Ganze ein Witz.? Ein recht guter, wenn er nicht soviel Tragik enthielte. Und das Traurige daran ist nicht, daß mft einem solchen Probleme, wie es die Judenfrage darstellt, mutwilliger Spott von jedem Unberufenen getrieben werden kann, — was würde es uns scheren, wenn ein Herr Terlo die Welt um einen lächerlichen.Einfall bereicherte —' nein, däs Traurige daran ist vielmehr dies, daß die Haltlosigkeit, die Ziellosigkeit bei Manchen unter uns so stark geworden ist, daß ein solcher Einsall mit Ernst, ja mit Begeisterung ausgenommen werden konnte. M zeigt wieder einmal, daß es bei uns Politiker gibt, die die verrücktesten Projekte sür gut genug hüten, sich mit ihnen zu beschäftigen, dagegen sich sofort die Ohren verstopfen, wenn sie nur den Namen Palästina vernehmen. In der Geschichte der Jto bedeutet. aber diese Episode nur eine Bereicherung ihrer an Lächerlichkeiten und Witzen .solcher Art bereits reichen Geschichte. Man sollte doch Won endlich enüftal die Lächerlichkeit des Territorialismus einsehen, und Ne unwürdige Ländersucherei . dürste schon wirklich ein Ende nehmen. Es wäre an der Zeit, daß Ne vernünftigen Mitglieder der „Jto" zur Einsicht gelangen, daß der Territorialis'mus bei seiner Gründung vielleicht noch eine verständliche Utopie war, heute aber nur eine lächerliche Farce ist. Wenn Las Angolaprojekt dies erreichen könnte, den einsichtigen Jtoisten endlich die Augen zu öffnen, dann würde es wenigstens eine gute Wirkung gehM hüben, und es nmrde auch darauf das alte Wort sich anwenden lassen: „Gdm. su letauwoh!" 13. Delegiertentag der Deutsche« Zionisten. Posen, 27. Mai. Eröffnungsrede des Vorsitzenden Dr. Hantke-Berlin. Aus dem Wesen der zionistischen Bewegung ergeben sich für die Tätigkeit unserer Organisation zwei Hauptgesichtspunkte: Die Nationalisierung des Volkes und die Schaffung einer neuen Siedlung in Palästina. Beide Seiten unserer Arbeit bedingen einander. Die Neusiedlung im Lande unserer Vergangenheit wird nie unsere Zukunft bedeuten, wenn sie nicht mehr voll nationaler Begeisterung getragen sein wird. Die Wiedererweckung des jüdisch-nationalen Lebens wird nie gelingen, wenn den Natiönalisierungsprozeß nicht der Erdgeruch Palästinas durchzieht. In der wegen ihrer Fruchtbarkeit altberühmten Ebene Jesreel in Galiläa ist zum erstenmal durch die Palästina Land Development Company und die Siedlungsgenossenschaft Erez-Jsrael, die wir der Initiative unseres Gesinnungsgenossen Franz Oppenheimer verdanken, ein größerer Landbesitz in jüdische Hände nbergegangen. Das Stadtviertel Tel Awiw in Jaffa hat sich zum Denkmal jüdischen Unternehmungsgeistes in. Palästina entwickelt und zeigt, ebenso wie unsere Dörfer^ einem jeben, daß ’ die Schaffung einer jüdischen Siedlung in Palästina für die Menschheit ein Hinauswachsen des europäische» Knlturkreises bis an den Rand der großen arabischen Wüste bedeutet. Die Kunstgewerbeschule Bezalel in Jerusalem, die Wolffsohn-Stistnng zur Schaffung von Arbeiter-Häusern, die vom Verband für Frauenarbeit in Palästina geschaffenen Spitzenateliers, die Oelbaumspende, der fortschreitende Landerwerb mit Hilfe des jüdischen National- Fonds, unsere Bank, die Anglo Palestine Company mit ihren sechs Niederlassungen, das Palästinaamt, die Farme» der bereits erwähnten P. L. D.. C., die Schulen des Odessaer Komitees, unsere landwirtschaftlichen Kurse, die landwirtschaftliche Versuchsstation brauchen in diesem Zusammenhang nur genannt zu werden, mh den Fortschritt des jüdischen Palästina zu zeigen. Dieser Fortschritt ist deswegen so bedeutungsvoll, weil er aus einer systematischen Arbeit der zionistischen Organisation beruht, welche gleichmäßig den wirtschaftlichen, gewerblichen und kommerziellen Interessen, wie den kulturellen Erfordernissen gerecht zu werden versucht. Und 'nur eine methodische, planmäßige Leitung bietet die Gewähr, daß all diese Einzelaktionen, in einem einheitlichen Rahmen gehalten, sich zu einem kolonisatorischen System zusammenfügen. Die Organisation festigt sich; denn überall verbreitet sich.die Einsicht, daß Parteisekretariate für die Propaganda und Parteibüros für die Organisation, eine vom Landesverband beeinflußte Presse, festgefügte Ortsgruppen unerläßliche Vorbedingungen fiix. eine einheitliche national« Erziehung sind, das hinter dem Agitator eine stramm organisierte Partei als.Deckung