Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 21 (31.5.1912)
- Date
- 1912-05-31
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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In der allgemeinen Geschichte der Menschheit bietet die besondere des jüdischer: Volkes das einzig dastehende Beispiel einer Gesamtheit dar, wo religiöse und nationale Momente so eng miteinander verwachsen sind, daß wir fast niemals mit Bestimmtheit ausmachen können, ob' wir es mit . der Geschichte einer gegebenen Nation oder eigentlich mit der einer bestimmten Religion zu tun haben. Diese Unbestimmtheit ist es, die beim Herannahen einer jüdischen Feier uns die unvermeidliche Frage entlockt, ob diese Feier religiösen oder nationalen Ursprungs sei, und wir sind es in allen derartigen Fällen gewohnt, es dem individuellen Ermessen eines Jeden zu überlassen, die letztere nach Belieben als eine nationale oder religiöse Kundgebung zu deuten. Es ist das eine Erscheinung, die tief in den Anfängen der jüdischen Geschichte wurzelt^ deren Wirksamkeit sich bis in unsere Zeit hinein erstreckt, und wenn wir dabei bedenken, daß Religiosität und Nationalität nicht immer miteinander harmonieren wollen, daß vielmehr das religiöse Moment vermöge seiner größeren Allgeineinheit sich gegen die nationale Bestimmtheit, sträubt, so werden wir die ganze Tragweite dieser merkwürdigen Erscheinung für die Schicksale des jüdischen Volkes nicht allzuhoch anschlagen können. Eine vollständige Aufklärung Aber die innere Entwicklung des jüdischen Volkes von seinen ersten Anfängen an bis auf seinen heutigen Stand, weri den wir von der modernen historischen Wissenschaft, trotz ihrer vervollkommneten Forschungsmittel und lut manchen Fällen bewundernswerten Spürsinns, »vergebens erwarten. Es wird uns immer ein wun- Idersämes,. rational unerklärliches Faktum bleiben, Iwie es sich im Dunkel der Zeiten zugetragen haben I Mochte, daß dieser ursprünglich unbedeutende IStamm, mitten in seiner heidnischen Umgebung, Ivon dieser wühlenden, fast unheimlich wirkenden I Leidenschaft für die Gottesidee in einer der anti- Iken Welt unbekannten Werse ergriffen wurde; mehr Inoch, wie diese hartnäckige Anhänglichkeit an die IGottheit, die, mancher Wankelmütigkeit ungeachtet,' Iimmer wiederkehrt, zu erklären ist, und wir »begreifen angesichts dieser Erscheirrnng den russi- Ischen Dichter Dostojewsky, wenn er den merkwür- Idigen Ansspruch tat, er könne sich unmöglich einen iFuden ohne Gott denken. Allein als sicherer Ge- Iwinn der historischen Forschung bleibt uns die sest- Islchende Tatsache, daß Von Anbeginn an das jüd, iVolk als Ganzes in eine enge Berührung mit der laus freiem Entschlüsse gewählten Gottheit gekomwien ist. Während überall bei allen anderen Böl- 1 *) Als beachtenswerte Aeußerung eines in religiöser Miusicht auf freigeistigem Boden stehenden Denkers bringen Mir diesen Artikel des bekannten Schriftstellers, der Megenüber der in liberalen Kreisen bestehenden Tendenz, Mas Judentum des modernen Juden ans seinen rein Religiösen Gehalt zu fundamentieren, grade für den an Mer modernen Kultur vritarbeitenden Juden, die unbedingte Molwendigkeit, an der Basis des Nationalen festzuhalten, be- Mnt und nachweist. Selbstverständlich können wir, die Mir auf dem Boden der Tradition fußen, uns mit dieser Mcheidüng von Religiösem ' und Nationalem nicht Minverständen erklären, sondern .halten demgegen- »ber auch sür alle Zukunft die innige Verschmelzung Mider Momente im Sinne der historischen'Tradition für Unerläßlich. Aus diesen Gründen aber den Kundgebungen Ueigeistiger Richtungen im Judentum keinen Raum geben M wollen, halten wir für inopportun und schädlich. ESer, wie wir, sich die Sorge um das ganze jüdische!olk angelegen sei» läßt, kann an diesen Stimmen icht achtlos vorübergehen. D.'Red. ■ kersch,asten bie religiösen Vorstellungen dem Bewußtsein jedes einzelnen Individuums entsprossen, sodaß die Beziehung zu der Gottesidee Sache des einzelnen Mitglieds der Gruppe war, die es mit sich. selber auszumachen Hatte, und die Religion erst nachträglich sich aus breitere Schichten ausdehnte, sehen wir die GeistesentMicklnng des jüd. Volkes eine entgegengesetzte Richtmrg einschlagen: das Verhältnis zu Gott wird von Anfang an Sache der ganzen Gruppe, um erst hinterher individuelle .Vertiefungen und Ausgestaltungen zu erfahren. Für eine nomadisierende Menschengruppe ohne all' die geographische Bestimmtheit, die dem innerlichen Leben der Gruppe eine wenigstens äußere Festigkeit sichert, rriußte eine allgenreine Idee von solch zusammenhaltender Kraft sich als höchst nützlich, und von großer praktischer Bedeutung erweisen. So sehen wir denn auch diese ursprünglich rein religiöse Idee diejenige Basis werden, .auf die dieses ganze Gefüge von besonderen Lebensgewohnheiten sich aufbaute, die nachträglich im Laufe der Entwicklung das eigentümliche Gepräge des „Nationalen" erhalten. Die Unbestimmtheit der geographischen Lage aber zeigte sich auch umgekehrt ungemein günstig für die Erhaltung der Idee in ihrer Reinheit und diente als viel wirksamerer Schutz vor allen auswärtigen Einflüssen, als irgend welche noch so fixierte geographische Grenze es je im Stande gewesen wäre:. Gin wandernder Stamm kommt nur in seltene und flüchtige Berührungen mit fremden Menschengruppen, und von einer dauernden gegenseitigen Beeinflussung kann hier nicht die Rede sein. So wirkten denn alle Umstände zusammen, um das Religiöse mit dem Nationalen in einen vollständigen Einklang zu setzen, sodaß allmählich beide Atomente einander völlig dürchdringen konnten. Aber es lauerten dahinter große Gefahren. Indem das nationale Moment die Keime einer supranationalen Potenz in sich barg, die vermöge eines natürlichen Entwicklumgstriebes von Anbeginn an dazu, bestimmt war, alle nationale Geschlossenheit zu durchbrechen, mußte der nationale Bestand des jüdischen Volkes viel verhängnisvolleren Störungen ausgesetzt werden können, als es der Fall nrit anderen Völkern War, wo Nationalität und Religiosität fast, voneinander unabhängige Jdeensphären bildeten, die trotz ihrer gelegentlichen Berührungen miteinander doch sehr Wohl ein voneinander gesondertes Leben führen konnten. Hier aber beherbergte das nationale G!ebilde einen allgemeinen Kern, der die Schjale der Nationalität zu sprengen drohte. Denn es lag in der Ncrknr desselben ideellen Bandes, das die Mitglieder der -Gruppe so eng miteinander zusammenhielt, auch Wer diese Gruppe hinauszugeh'en, um sich um andere Menschengruppen zu schlingen, und da religiös und national dem jüdischen Bewußtsein ern und dasselbe bedeuteten, so mußte eine derartige religiöse Verwandtschaft das besondere nationale Gefüge lockern können, sodaß die Bedingung der Erhaltung zu einer solchen des Zerfalls werden konnte. Eine dunkle Ahnung von dieser schwankenden Situation Mochte bereits im Bewußtsein aller bedeutenden jüdischen Bister aufgedämmert sein, sobald das jüdische Volk von seinem umherirrenden Nomadenleben zu dem in sich gefestigten Formen einer.Acker- und Weinbau treibenden Bevölkerung übergegangen war. Denn jedem'unbefangenen Beobachter muß der befremdende Zug in der Mischen .Geschichte aufsallen, daß diese streng. Monotheisti¬ Nr. 21. sche jüdische Religion sich von Anfang an völlig frei von all' jenen Tendenzen zeigte, die im Blute jeder monotheisierenden Religion stecken Müssen: dem instinktiven Verlangen nach Ausdehnung rmd Erweiterung ihrer ideellen .Macht, dem Verlangen, alle ihr in den Weg kommenden Menschengruppen unter ihre Fahne zu zwingen, türzmn dem Verlangen, Proselyten zu machen und Menschen zu bekehren. Proselytenmachern.liegt nämlich im Wesen jeder monotheistischen Religion, denn wenn es nur einen Mott und folglich eine" Religion geben kann, so können natürlich andere Götter rmd andere Religionen neben dieser einzigen nicht mehr geduldet werden, ebenso wie religiöse Toleranz einen wesentlichen Zr^ aller polytheistischen Religionen ausmacht. Auf der ganzen Strecke der alten jüdischen Geschichte aber begegnen wir neben einem eindringlichen und fortwährenden Kervorheben der ausschließlichen und einzigen^ Natur der jüdischen Gottheit einer völligen Indifferenz dem religiösen Treiben aller benachbarten Völker gegenüber. Immer wird nur gegen die Vermischung mit ihnen aufs eifrigste und strengste verwahrt; niemals Wer hörenwir ehre Stimme sich erheben, die den Wunsch ausdrücken sollte, die religiösen Offenbarungen in chre Mitte zu tragen. Es wird sehr viel davon gerWet^ daß in unabsehbarer Zukunft, am Ende der Tage, die Völker, von der Wahrheit der jWischen Religion überzeugt, nach. Jerusalem pllgern werden, was Wer die immittelbare Gegenwart betrifft, so bewahrt das jüdische religiöse Bewußtsein allen anderen Glauben gegenüber eine vollständige Neutralität. In all diesem Berzichtleisten auf einen Einfluß nach auswärts', in all diesen Bemühungen, sich gegen andere Wznschließen, spricht sich deutlich die Angst um seine eigene Nationalität aus. Man redet von der wahren Gotteserkenntnis, And man meint die geistigen Güter der Nation. Die weiteren Schicksale des jüdischen Volkes trugen wesentlich dazu bei, diese nationalisierenden Tendenzen zu immer deutlicherem Bewußtsein zu bringen, denn der erste Zusammensturz des Mischen Reiches und das Leben rin Exil HWen in allen leitenden Männern der Nation das lebhafte Bedürfnis wachgerufen, dem wankenden Geiste des Volkes einen inneren Halt zu geben, unö so sehen wir auch, wie der Wstrakt-religiöse Inhalt eine immer konkretere und schärfere nationale Zuspitzung erhält; wir begegnen überall dem immer deutlicheren Bestreben, die allgemeinen religiösen Wahrheiten in den Sitten und Gewohnheiten des Volkes immer tiefer zu verankern rmd alles, was mit der echten Gotteserkenntnis verbmrden ist, in ein Verwickeltes Netz feststehender Formen einzuziehen, die alle in ihrem letzten GrnWe eine rein nationale Bedeutung HWen. Die prophetischen Improvisationen, die zur Zeit des ersten Tempels aus Las naive Gemüt des Volkes die mächtigsten Wirkungen arrsübten, werden immer mehr durch eine priesterlich-gesetzgebende Geistesrichtung interpretiert und ergänzt. In den tonangebenden Kreisen der jüd Schriftgelehrten gibt sich die. lebhafte Neigung kund, mit dem geistigen Durchschnitt des Volkes «r einem beständigen Kontakt zu blechen, um den universalen Geist der Religion in die Grenzen der Nationalität zu bannen. Als das jüdische Volk nach der Zerstörung des zweüen Tempels sich über die Erde zerstreute, da stand das Lehrgebäude des Judentums so innerlich, in sich gefestigt da, daß es getrost allen Angriffen von außen Trotz bieten durfte. Die Urgeschichte