Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 2 (12.1.1912)
- Date
- 1912-01-12
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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z« Nr 2 tfes Iranftfucfec Ifmefifpeti #amifien6Catfes. Aus -em Frankfurter Vereinsleben. Verein „Tiferis Bachnrim." Die vorwöchentliche G e n e r a l v e r s a m in f » » g gewährte einen zufriedenstellenden Rückblick auf das verflossene Mereinsjahr. Die 16 Vortragsabende, teilweise stark besucht, waren folgende: 1. Eröjfnungsvortrag: Rabb. Dr. Nobel (Scheinauno Esrc), 2. Untergang des jüd. Staates, 3. Fall Jerusalems (W. Rosen), -t. Jüdische Wohltätigkeit (2.° Jeidel), 5. Moses Mendelsohn (B. Stern), 6. Die Anfänge der Frankfurter jüd. Gemeinde (I. Weil), 7. Aus den Selichans (Herrn. Goldschmidt), 8. Moses Montefiore (L. Jeidel), 8. Die jüd. Frau (Saly Geis), 10. „Raschi" (I. Salkind), 11. Die Karäer (N. Wolff^, 12. Onlelos und Netinah Lager (Lehrer H. Schwöb), lg. Ter Antisemitismus' und seine Bekämpfung (cand. phil. W. Miller), 14. Leopold Zunz (M. Snlzbacher) sowie 2 Diskussionsnbende,über Antisemitismus. Allsonntäglich fand unter der bewährten Leitung des Herrn Rad. Dr. I. Horovitz ein Hiob-Schiur statt, auf den an dieser Stelle besonders hingewiesen sei, da er weitgehendes Interesse unserer Mitglieder und Freunde verdient. Während des Vereinsjahres wurden zwei „gesellige Abende" veranstaltet, die sich des Beifalles unserer Mitglieder erfreuten. Nach der Neuwahl des V o r st a n d e s setzt sich dieser wie folgt zusammen: cand. Phil. W. Müller, sind, phil. H. Hahn, Jsaar Weil, S. Posen und F. Sulzbacher.' Der erste Vortragsabend wird am 21. Januar stattsindcu. Verein „Nachlas: Zivi." In seinem Bortrage „Zur Schöpfungsgeschichte" zeigte Zahnarzt Ehrmann-Werden, wie sehr die praktischen Ergebnisse der 'Naturwissenschaft init dem Schöpsungsberichte der Bibel im Einklang stehen. Redner beherrscht das gesamte einschlägliche Material. Leider spricht er mit einer solchen sich überstürzenden Schnelligkeit, das; der Zuhörer nicht zur geistigen Apperzeption all der wertvollen Einzelheiten kommt. Z i o n i st i s ch e Ortsgruppe. Es ist bei Borträgen Ivie bei Büchern: es gibt ihrer 2 Arten: unpersönliche und persönliche. Unpersönliche, zu denen der Redner kein inneres, seelisches Berhältnis besitzt, die nur Ergebnisse seiner geistigen Arbeit darstellen, ohne seine Seele berührt zu haben und persönliche, in die der Redner ein Stück seines „Ich" hineinlegt, denen man es anmerkt, das; sie nicht nur sein geistiges, sondern auch sein seelisches Eigentum sind, die den Charakter von Konfessionen und Lebensberichten haben. Diese persönlichen Vorträge sind die bei weitem selteneren: denn nur der ist fähig, sie zu bieten, der ein reiches, eigenes „Ich" besitzt. Unr persönliche Vorträge zu halten, muß man selbst Persönlichkeit sein. Nur diese Borträge aber besitzen eigentliche, bleibende Wirkung. Sie stellen ein seelisches Band zwischen Redner und Hörer her, sie ergreifen den Hörer, weil sic ans einer Ergriffenheit des Redners hervorguellen. Es war ein Bortrag dieser seltenen persönlichen Art, den Rabb. Dr. Emil Cohn-Kiel in seinem Referate uns geboten/ den er Montag, de» 8. Januar, in einer von der Zionistischen Ortsgruppe veranstalteten öffentlichen Versammlung über „Probleme ini modernen Judentum" gehalten hat. Dreierlei sind diese Probleme: dasJndividnalptätsproblem, das Wirtschastsproblem und das K ü l t n r p r o b l e m. Dreierlei auf den ersten Blick, e i n Problem nur bei tieferem Erfassen, eben das Problem des modernen Judentums, zugleich das Problem des Redners: das Jndividnalitätsproblcm. Und also lautet die tatsächliche Grundlage der Problems. Der moderne Jude hat seine Geschlossenheit verloren; er ist etwas Halbes; er ist begabt, ideal, energisch, aber eines fehlt ihm, das wichtigste von allem: die Persönlichkeit. Und also lautet die Problemstellung selbst: Wie gewinnt der moderne Jude seine Persönlichkeit wieder? Der moderne Jude hat seine innere Geschlossenheit verloren! Und »nn entwarf der Redner in meisterhafter, scharf nmrissener, origineller Form ein eindrucksvolles Bild von der Geschichte der Assimilation des westeuropäischen Jltdcntums seit der Einanzipation, von ihrenr Bankerotte, der eben dazu geführt hat, daß der moderne Jude bei allem Können, bei allem Wollen unfähig ist, einheitlich, harmonisch zu sein und etwas Halbes Bleiben muß. Und daraus laufen alle andereir Probleme hinaus: daS Knlturproblenr ist nur die Rückseite des Jndividualitätsproblems; das Wirtschaftsproblem ist nicht eher zu lösen, als bis der moderne Jude es als ganzes Problem historisch erfaßt haben wird und anstatt nur momentane Krisen und .momentane Abhilfe zu kennen, das Problem als solches wird lösen wollen. Und hier ist auch die Grundlage des Problems W e st - und O st j u d e n t n m zu suchen. Der Ostjnde besitzt noch die inneren, sittlichen Kräfte; es fehlt ihn« die materielle Kraft; beim Wcstjuden ist es umgekehrt. Verleihen «vir dem Ostjudentum die nötige materielle, dem Westjudentum die not>ve»dige sittliche Kraft. Wie aber kann der moderne Jude wieder Persönlichkeit «vcrden? Nur durch eins: er «uns; Jude werden. Sein Judentum muß seine Seele ausfnllen: alle seine anderen Fähigkeiten, Neigungen, Bctätigilngeu inüssen in seinem Jrrdesein Platz und Inhalt finden. Welcher Weg aber führt zu diesem Ziel? Der Zionismus. Er gibt den« Juden sei» Judentuin, seine Eigenart, seineir Seeleninhalt, seine Fähigkeit zur Persönlichkeit. Zwei große Jude» stimbolisieren diese Wahrheit der These: Moses Mendelssohn und Theodor H e r z l. Der eine steht am B e g i n n der Assimilation, er ging voin Judentum hinaus und trat. in die europäische Knltur hinein; und das Resultat? Seine Kinder, seine Freunde fiele» ab, er blieb ein llniknm. Theodor H e r z l stand am E n d e der 'Assimilation. Er kam vom Europäertum hinaus und in das Judent»«m hinein, lind sein Erfolg? Er wurde der Gründer einer «nächtigen Beivegnng, Tausenden >v««rde er ein Idealer ward ein T «1 p u s. Eins ist das Problem des «uodernen Judentums: der «noderne Jude muß Persönlichkeit «vcrden; eins ist das Mittel dazu: der «noderne Jude muß Zionist werden. Und als der Redner seiiie Ausführungen schloß, enipfand jeder: Der diese Worte sprach, hat das Protz lein für sich gelöst. Er war Europäer und ward Jude: er war etwas Halbes und «vurde innerlich geschlossen: er war Llssiinilant und «vurde eine Persönlichkeit. Der Eindruck, den der Bortrag machte, «var tief «nid nachhaltig. Da niemand sich zu Worte meldete, schloß der Vorsitzende, Dr. S. S ch w ar z sch ild , die Bersammlnng mit einein Appell znn« 'Anschluß an die zionistische Bewegung. Wir wissen «richt, ob viele es getan. 'Aber nicht daraus kommt cs an. Der Redner hat alle denr Zionismus näher gebracht; die Zionisten waren, hat er gekrüstigt, die es nicht «varen, herangezogen. Er hat da» Problem, das er theoretisch behandelte, in einer Gestalt rerkörpert. Man fühlte: Einer sprach nicht aus blasser Theorie, sondern aus tiefster seelischer Erfahrung. Das Leben sprach durch die Person des Referenten zu den zahlreich Versammelten. U«rd die größte, beste, wirkungsvollste Lehrmeisterin im Leben war auch von jeher das Leben selbst. Ans der zionistische« Bewegung. Lffenbach a. M>. 7. Januar. In der zwecks Gründung einer Jugendgrnppe im Kaiser Friedrich-Hotel stattgehabten Versammlung, referierte Herr Nach um Goldman n - Frankfurt a. M. über das Thema: Das Probten! der jüdischen Jugend. In de,n theoretischen Teil seines forinvollendeten, einstündigen Referates behandelte Redner das Probleni der Jugend im allgemeinen und die spezifische Frage der jüdischen Jugend iin besonder». Die Aufgabe der Jugend eines jeden Volkes besteht darin, den notwendigen Fortschritt des kulturellen Volkslebens zu beivirken. Dazu aber bedarf es zweierlei: einmal des Respektes vor dem Alten und sodann der Liebe zum Neuen. Fehlt Auf Mil AK. Bon S. Lutz-Mannheim. (Fortsetzung.) „9ia, Sie sind jetzt Kaufniann liito ich bin Arbeiter." „Ich wohne so gut und billig bei Ihnen, das; ich aciviß nicht freiivillig von Ihnen fortgehe." „Das ist recht, Herr Sichel." * . „Um Gottes willen, nennen Sie mich nur nicht iminer Herr Sichel, sagen Sie nur wie früher Ludwig und Du zu mir." „Nein, Herr Sichel, das geht nicht, ich «vill Ihnen auch gleich sagen warum. Wenn Sic jetzt ins Magazin .kommen, dann haben Sie nur noch mit Herrn Petersen;u tun, weil Sie die Tabake kennen lernen müssen; da kann es Vorkommen, daß Sie cinen« 'Arbeiter etwas l heißen müssen, was er tun soll. Wenn ich Du zu I Ihnen sage, sagen die andern auch Du, und «venu ein Arbeiter jemanden duzt, dann ist der halbe Respekt weg; er ist dann, wenn Sie ihm etwas befehlen, imstande zu antlvorten: „Tu Dir's selber." Ich will mich drum gleich daran, gewöhnen, immer Sic zu sagen." „Ich halte die Sache nicht für so wichtig, Herr öeiiicniann." „Da irren Sie sehr, Herr Sichel. Gerade tuir ßufceii müssen unsere Stellung immer so vollkommen pusfüllen ivie möglich, weil man jeden Fch'er, den pr eine macht, gleich verallgemeinert." l Wenn nun auch Frau Heinemann und die Kinder kvi« jetzt ab Ludwig stets „Herr Sichel" titulierten, >o blieb sonst das Berhältnis dasselbe. Eduard und kudwig fuhren fort, zusammen französisch zu üben, bnd abends zog Lndlvig die Arbeitsschürze an und Zigarrenarbeiter. I heinemann bezeigte seine Achtung vor Ludwigs ktandeserhöhung dadurch, daß er ihn wie einen Erivachscnen behandelte und bei jeder Gelegenheit auf seine Art mit ihm philosophierte. „Das freut mich, Herr Sichel, daß Sie das Zigarrcnniachen «licht aufgeben," sagte Heinemann den ersten Abend beim Beginn ihrer 'Arbeitstätigkeit, „wissen Sie warum?" „Wahrscheinlich, «veil «vir beide dadurch etwas verdienen." „Nein," versicherte Heinemann lebhaft, „daran habe ich jetzt wahrhaftig nicht gedacht. 'Aber Sie haben doch die Tesille (das tägliche Gebetbuch) übersetzen gelernt, und da finden Sie in den Sprüchen der Väter das schöne Wort: „Liebe die Arbeit". Der Jude soll fleißig sein, nicht nur als Kaufmann, sondern auch als Arbeiter; in Palästina «varen die Juden gar keine Kaufleute, dazu hat man sic erst später mit Gemalt gezwungen, «veil «nan ihnen das Handwerk und die Landwirtschaft versperrte. In den Sprüchen der Bäter finden wir gerade, daß, die größten Gelehrten und Rabbinen Handwerker «varen, Rabbi Jochanan z. B. war Schuhmacher, Hillei .Holzhacker. Es schadet also auch Ihrer Ehre als Kaufniann nicht, wenn Sie zugleich Zigarrenniacher sind." „Ich bin doch «wch gar kein Kaufmann, ich bin doch erst Lehrling." „Ganz gleich. Sie gehören jetzt zuin Kaufmannsstand und müssen nun auch das Zigarrenmachen anders lernen. Ein Zigarrenmacher ist schon perfekt, wenn er das Wickelmachen und Rollen kann, abec ein. Kaufmann sollte alles, was zur Fabrikation gehört, gründlich kennen lernen. Die Tabake lernen Sie im Geschäft kennen, nno bei mir sollen Sie nun auch oas Sortieren lernen und — was die Hauptsache ist — das Präparieren und das Mischen der Tabake. Tenn Sie können gute Tabake als Einlage, Umbla.t und Deckblatt benützen, und doch schmeckt die Zigarre nicht, «veil die verivendeten Tabake nicht zusammen passen. Die Sorten, die ich zu mischen verstehe — mto darunter sind feine —, die sollen Sic kennen lern)»." Wie im Hause Heinemanns so wurde Ludwig auch in; Büro und Magazin allgemein mit dem Familiennamen und Sie angcredet, sodaß er sich im Innern selbst gehoben fühlte. Wiederum war es Otto Freudenreich, der ihm den süßen Wein des Lebens durch einen Tropfen Wermut verbitterte. Otto hatte ini Juli den Einjährigen-Berechtigungsschein erhalten und war dann ebenfalls als Lehrling in das Geschäft eingetreten. Als er zum erstenmal, von Ludwig sprechend, „der Jud" sagte, wurde ihm das von Herrn Schneider so ernstlich verwiesen, daß er es im Büro zum zweitenmal nicht zu tun wagte. Er vermied im Büro jede Anrede, aber sobald er mit ihm im Magazin zusammen zu arbeiten hatte, machte ec wieder seine Tretbewegung nach ihnr. Das beachtete Ludwig nicht, als aber — durch diese schweigende Duldung kühner geworden — Otto ihm „Stinker" zuries, da trat Ludwig ganz nahe an ihn heran und sagte: „Herr Otto, «renn Sie noch einmal wagen, mich zu beleidigen, werde ich Sie nicht mehr „Herr Otto" sondern einfach „Du" nennen, und wenn Sie nochmals den Fuß gegen mich erheben, dann erhalten Sie eine Tracht Prügel, wie Sie in Ihrenr Leben «roch keine erhalten haben!" Als Otto die stämmige Figur Ludwigs und seine blitzenden Augen ansah, nahm er insoweit Vernunft an, daß er Ludwig vorerst in Ruhe ließ. „Recht haben Sie gehabt," sagte beim Mittagessen Heineinann, der die Auseinandersetzung der beiden Lehrlinge ungesehenmitangehört hatte, „nicht zugcschlagen haben Sie, denn im Chnmesch wird derjenige, der die Hanö gegen seinen Nächsten erhebt, ein Böselvicht genannt, abec die Zähne haben Sie chm gezeigt, — und das ist genug." Einige Wochen gingen in stillem Groll hin, die beiden Lehrlinge vermieden es, sich anzureden. Da kam kurz vor 12 Uhr mittags, als gerade das Büropersonal schon im Aufbrechen begriffen war, Herr Schneider init einem Depeschenformnlar aus de«: Privatkontor. „Hier, Herr Otto, ist noch eine Depesche zu besorgen, die von größter Wichtigkeit ist. Wenn Sie sich beeilen, kann bis zwei Uhr schon Antwort da sein." Damit gab er Otto einen Taler und entfernte sich, drehte sich im Weggehen aber noch einmal herum und rief: „Herr Otto, die Depesche ist von großer Wichtigkeit!" (Fortsetzung folgt.) 4288