Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 48 (8.12.1911)
- Date
- 1911-12-08
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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rÄ " „ zu Jlt. 48 (fes FrankfurterFauiilieuklailes. Die Sabbath-Jdee. I .(Klassenaufsatz einer Schülerin der I. Kl. der! Heincmannschen Höheren Mädchenschule, Ruth Frank.) Tic Grundsordcrung, die der Sabbat an den Juden stellt, ist die Ruhe. Diese Forderung aber setzt die Arbeit voraus. Wir müssen uns denmach, um die Forderung der Ruhe inhaltlich verstehen zu lernen, zuerst fragen: Was ist Arbeit? Cartyle sagt in dem Sammelwerke „Arbeiten und nicht verzweifeln", daß der Mensch, der arbeitet, „ein König sei", daß der Mensch, der arbeitet, über alles Aeußere herrsche. Tie Arbeit ist die Ausprägung des eigenen Ich; daher gewährt sie diese große Befriedigung. Ich drücke dem Ding, au dem ich arbeite, den Stempel meines Jchs auf, und an der Art, loie ein Mensch seine Arbeit verrichtet, kann man seinen Charakter erkennen. Arbeiten bedeutet also mit Hilfe meiner Vernunft und der dazu angewandten Mittel über die Tinge herrschen, einen Zweck außerhalb meiner erreichen. Was ist dann Ruhe? Ruhen heißt dann: die Herrschaft über die Tinge niedcrlcgen, Ding werden in der Hand des Schöpfers. Am Sabbat sollen wir erkennen, daß' unsere Vernunft, mit deren Hilfe ivir allein irgend einen Zweck erreichen können, aus der Hand Gottes kommt, sodaß wir infolgedessen uns nicht inr Bewußtsein unserer eigenen Kraft überheben und in das Stadium kommen, in dem sich Goethe befand, als er seinen Prometheus sagen läßt: „Hier sitz' ich und forme Menschen nach meinem Bilde". Der. Sabbat verlangt von seinem Bekenner, daß er jede Art von Herrschaft über das Aeußere niederlege, daß er seine Gedanken auf das eigene Ich konzentriere. Am Sabbat ist daher das geistige Studium erlaubt, ja, es wird verlangt, während jede Arbeit verboten ist. Der Mensch begibt sich in die Hand Gottes zurück, versucht nicht mit Hilfe seines Verstandes irgend einen Zweck außerhalb seiner zu erreichen uno erkennt seine Kleinheit gegenüber dem allmächtigen Weltenherrscher. Wer diese Idee einmal erfaßt hat, der kann auch nicht mehr mißverstehen, warunr eine scheinbar mühelose Arbeit, die sogar noch Genuß bereitet, genau so wenig gestattet ist wie eine schwerere. Sobald meine Vernunft sich durch irgendwelche Mittel in einen Zweck verwirklicht, so heißt das Arbeit. Wie anders faßten dagegen die Griechen den Begriff der Arbeit auf. Bei ihnen galt die Arbeit als Schande, an. die das Judentum Lei der Forderung: sechs Tage sollst du arbeiten, zuerst denkt, nämlich die körperliche; waren doch fast alle unsere großen Gelehrten Handwerker; sagt doch in den „Sprüchen der Väter" einer unserer Weisen: „Liebet die Arbeit und hasset das bloße Grübeln". Ein Volk, das so spricht, ein Volk, das den Sabbat kennt, muß die körperliche Arbeit gekannt haben, muß sic geachtet und geliebt haben. Und wenn dem Judentum der Vorwurf gemacht wird, es hasse die physische Arbeit, es lebe nur von geistigen Arbeiten, so ist das nicht wahr. Tenn was sollten die Juden im Mittelalter tun, die keine Heimat ihr eigen nannten? Sie konnten weder Ackerbauer noch Handwerker werden, so gern sie es auch getan hätten; cs blieb ihnen keine andere Wahl, sie urußten Geldgeschäfte treiben. Das Griechentum läßt nur deu Griechen als echten Menschen gelten, und unter den Griechen ist die oberste Klasse der denkende, der geistig arbeitende Mensch. Daher ist es erklärlich, daß das Griechentum die Sklaverei als etwas Selbstverständliches ansieht; denn der körperlich Arbeitende ist ja für den Griechen kein vollwerttger Mensch. Im Judentum aber wird durch die Sabbat-Idee die Sklaverei im Prinzip aufgehoben, denn: „Es soll ruhen Du, Deine Famllie, Dein Knecht und Deine Magd". Am Sabbat sind alle Menschen gleich; er "ist die reale Umschreibung des Wortes: „Fm Ebenbildc Gottes schuf er den Menschen". Das ist einer der ethischen Werte der Sabbat-Idee; doch sie hat noch andere. Nur dem Ruhetage haben es unsere Vürer zu verdanken, daß sie, die eine Behandlling wie Tiere ertragen mußten, Menschen, wahre Meuchen. geblieben sind. Für sie waren die Saübarc Festtage, auf die sie sich sechs Tage hinourch freuten, nach denen sie sich sehnten. Uno am Sabbat da ivars der arme, geknechtete Jude seine Sorgen von sich, da ließ er von dem Meister nn Himmel sich anschaueu, sich formen, .und wie er ihn schaute, so empfand er ihn, so besang er ihn. Und wer singen kann, dessen Geist ist noch nicht erstorben, der ist ein Mensch. Und daß der Geist 'der Juden "hicfjt verkümmerte, das zeigt die neue Zett. Als ihnen die Tore zur Freiheit geöffnet wurden, da blieben sie nicht, wie z. B. die Neger nach ihrer Emanzipation, mir Boden; da schnellten sie gleich einer elastischen Feder in die Höhe und wurden den andern gleichwertig; und daß sie dies sind, das hat die Sabbat-Idee bewirkt, der Sabbat, den sie zur Herrschaft über sich selbst verwendeten. A«S den Vereinen. Frankfurt a. M. Im Verein „Tiferes B a ch u r i m" fand am 3. crt. ein zahlreich besuchter D i s k u s s i o n d a b e n d über „N r - s p r n n g, Wesen and T r a g w e i t e des A n t i s c m i t i s m u s" statt. Als erster Redner referierte Herr Z l o t l i n s k y. Er verbreitete sich über die, geschichtliche Entwicklung des Antisemitismus und seine Erscheinungen in der Gegenwart und sprach seine Ansicht dahin aus, das; eine erfolgreiche Bekämpfung dieser Bewegung lediglich durch tatkräftige Mitarbeit aller Juden am politischen Leben möglich sei. Ter zweite Redner, Herr Rabbiner Dr. I. Horovitz, führte n. a. aus, daß der Antisemitismus, wenn man ihn richttg bekämpfen wolle, die Juden in erster Linie zur Arbeit an sich selbst, zur Selbstkritik anregen müsse, so daß auch er ein Teil jener Kraft werde, die Böses will und Gutes schasst. Es folgte ein fesselndes Referat des Herrn N a ch u m Gold m a n u, der auseinandcrsetzte, daß man bei der Betrachtung des Antisemitismus sich nicht zu sehr in die -Einzelheiten vielfach kleinlicher und für das jüdische Bvlksganze unbedeutender Acußcrungen desselben verlieren dürfe, vielmehr sein Hauptwesen, die vollständige Unterschätzung und absichtliche Verkennung der Juden ohne jeden wissenschaftlichen Untergrund, richttg begreifen müsse. Es sei daher auch demütigend sür die Inden, wenn man ihm streng wissenschaftlich begegnen wolle. Seine wahren Ursachen bedingten aber auch die Unmöglichkeit, ihn völlig verschwinden zu lassen. Selbst Tolstoi habe geäußert, daß er, so sehr er es bedauere, sich einer inneren Abneigung gegen die Juden nicht habe entledigen können. Der Antisemitismus besitze 3 Ursachen: einmal seien die. Juden Fremde, und gegen Fremde besitzt man stets ein natürliches Mißtrauen. Ferner seien sie Schwache, und Schwache suche man stets zu unterdrücken, und endlich seien sie Zerstreute, vor denen man eine Art von Gcspensterfurchi empfinde. Diese Ursachen verschwinden zu lassen, gibt es nur zwei Mittel: völlige Assimilation oder Realisierung des Zionismus. Für den Moment jedoch gibt eS noch ein anderes Mittel, uns gegen die schädlichen seelischen Wirkungen des Antisemit^mus zu schützen: jüdischer Stolz. Nach weiteren Debatten der Herren Wechsler, S a l k i n d und Oppenheimer, wurde ans vielfachen Wunsch die Fortsetzung des Abends am nächsten Sonntag beschlossen. J. \V. Frankfurt a. M. Verein „Nachlaß Zwi". Alles hat seine Geschichte, auch das Lernen, d. h. die Lehr- und Lernweise, die zum Verständnis des gigantischen jüdischen Schrifttums führt. Lehrer M a n n h e i m e r - Dettelbach hatte sich daher mit seincnr Vortrage „Verschiedenes Lernen" einen dankbaren Stoff gewählt. Er ging von den Worten der Thora „Weschinantom wedibarto bom", „Ihr sollt sie einschärfen und sollt von ihnen sprechen" aus, in welchen Worten Geistesschärfe und Belesenheit zu den beiden Prinzipien eines richtigen Lernens gemacht werden und schilderte dann die Methoden des Lernens zu den verschiedenen Zeiten und in den verschiedenen Ländern. Frankfurt a. M. Der „Montefiore"-Berein hat zu Beginn dieser Woche seine Einladmigen zur Chanuka-Feicr am 16. Dezember in den Räumen des Kaufmännischen Bereinshauses ergehen lassen. Das Prograinm hat freudiges Aussehen erweckt. Ist es der Bereinsleitung doch gelungen, ganz hervorragende Kräfte für den Abend zu gewinnen. Herr H n t t, der schwärmerisch gefeierte Tenor unserer Oper und Fräulein Cornelius, die junge 'Altistin des gleichen Kunst-Instituts, die dem Vernehmen nach ans angesehenem jüdischen Hanse stammt und in Königsberg sehr gefeiert war. werden den gesanglichen Teil bestreiten. Fräulein H c g y e s i, eine junge, von der Ärittk sehr gerühmte Eellistin. den Jnstrunientalpart versehen und ein Ensemble, bestehend ans den besten Kräften des Neuen Theaters, ein Drama zur Aufführung bringen, dessen Stoff der jüdischen Geschichte entnommen ist. Nach dem Festakte, bei deni Herr Prof. H ü t s e n die Ansprache übernommen hat, wird die Jugend der Freude des Tanzes ftvhnrn können. Da unmittelbar nach Ausgabe des Programms, wie wir erfahren, ein wahrer Ansturm von Bestellungen auf Plätze erfolgte, so empfiehlt cs sich, baldigst sich einen Platz zu sichern, da es wohl ein „ausverkauftes Hans" geben wird. Hamdurg. Im Jüd. Jugendbund erstattete S. Silberberg Bericht über den Bremer Telegiertentag des nordwestdeutschen Bezirksverbandes und referierten sodann E. Kallmann und Dr. R i e g e r über Gractz „Geschichte der Juden", Bd. III, Kapitel 1. — Einen kine inatv grap h is che n Palästina-Vortrag — den ersten dieser Art — wird Königlicher Bibliothekar Dr. Heinrich L o c w e - Berlin am 12. dss., 9 klhr abends, im Velodrom-Theater (Rotenbanm-Chaussee 86) halten. Hainftadt i. vaden. Israelit. Jngendverein H a i n st a d t - B u ch e n. — Unter diesem Namen ist hier ein Jugendverein ins Leben gerusen worden, der den Zweck hat, jüdische Literatur zu pflegen und ideale Interessen des Judentums zu wecken. Um dieses zu erreichen, sind für das Winterhalbjahr neben der reichhalttgen jüdischen Leihbibliothek und jüdischen Zeitungen im Bereinslokal Vorträge und Vorlesungen vorgesehen. Die Mitgliederversamnilung wählte folgenden Vorstand: Benjamin Lißberger (1. Vors.), Lehrer Schereschewski (2. Vors, und Bibliothekar), Lehrer Weingarten - Buchen (Schriftführer), 'Albert N e n b e r g e r - Hainstadt (Kassierer) und Josef Ncuberger (Beisitzer). Bei der ersten Zusamnrenkunft, welche Freitagabend (l. Dezember) stattfand, erschien eine stattliche Zahl der aktiven und passiven Mitglieder, so daß das große Lokal kaum die Menge faßte. Benjamin Lißberger hielt die Erösfnungsrede. Lehrer Schereschewski sprach über die Ziele und Zwecke des Vereins und gab einen klaren Ueberblick über die Entstehung der Jugendvereine im Deutschen Reiche. Derselbe ging von der Begründung des „Moiitefiorevereins" in Frankfurt a. Maus und führte uns bis zum Delegiertentag der Jugend- Vereine in Berlin. Darauf las der Vorsitzende ein schönes Gedicht „Beruria" von Berthold Faiwel. und zum Schlüsse las Lehrer Schereschewsky noch einiges in prosaischer und dichterischer Form über dasselbe Thema vor. — Der 'Abend fand ungeteilte Befriedigung, und alle gingen froh lind vergnügt nach Hause. Ein großes Verdienst um das Zustandekommen des Vereins hat sich Frau SophieNeuberger« Hainstadt erworben, die dem Verein ein Zimmer als Bereinslokal unentgeltlich zur Berfiignng stellte. Aus der zionistische» Bewegung. Frankfurt a. M. Die Zion. Jugend« gruppe hatte mit ihrer gestrigen Veranstaltung das Experiment eines 'Abends akademischen Charakters gemacht. Denn der Borttag .Kritik A ch a d H a a m s" und die Behandlung, die der Referent, Dr. Jakob Klatzkin -Köln, naturgemäß dem Thema geben mußte, stellte höhere Ansprüche au die Zuhörer. Dr. Klatzkin schilderte in kurzen Strichen das Besondere Achad Haams und unterzog dann die Anschauung Achad Haams über die Grundlagen des jüdischen Nationalismus einer eingehenden Kritik. Er wandte sich gegen den Standpunkt Achad Haams, daß die Zugehörigkeit zur jüdischen Natton an einem gewissen Inhalt, an die Ethik des Judentums, gebunden ist: dieser Standpunkt sei antinational, da er auch solche als Juden anerkenne, die ihrer Abstammung nach keine Juden seien und nur die jüdische Weltanschauung anerkennen Wer). Demgegenüber vertrat Referent den rein nationalen Standpunkt, der aus dem Willen zur Schaffung freier Entwicklungsmöglichkeiten sür das jüdische Volk basiere. Dem an Inhalt reichen und tiefgründigen Vortrag schloß sich eine eingehende Diskussion an, in der Dachauer, Haskin, Bollag, Dr. Szametz und N. Goldmann sprachen. Nach einem längeren Schlußwort des Referenten schloß die anregend verlaufene Versammlung, der ein Publikum von über 200 Leuten bis zum Schluß mit Interesse folgte. Darmstadt. Montag Abend hielt find. Silberdig im Cafs Stamm einen sehr interessanten Borttag über den 10. Kongreß. ^53394