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Neue jüdische Presse · 1911-11-17 · Heft 45 (17.11.1911) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 45 (17.11.1911)
Date
1911-11-17
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Mage za 91c. 45 des Frankfurt IsmikksM #amiCien6 [affes. Rabvi Levi Jizchok von Berdttschew.*) I Von S. A. Horodezky. Aus dem Hebräischen übertragen von P, GolÜring. Im ganzen Judentum des Exils finden wir nicht eine ähnliche Persönlichkeit, welche sich wie er in seiner geivaltigen Liebe zu Juden und Judentunl auszeichnetc. Nirgends wieder hören wir Worte, die so aus der Tiefe des Herzens dringen, in denen man solche unendliche Sehnsucht, solche Herzensergüsse und das Aufgehen der- Seele in Gott und Israel verspürt, wie die aus dem Munde Rabbi Levi Jizchoks von Berditsch ew. Fürwahr, noch 700 Jahre vor ihm ließ schon der große Nationalist Rabbi Jehudah Halevi in seinem Buche „Der Kusri" Liebes- und Sehnsuchtstöne für Juden und Judentum erklingen. Er war der erste und einzige in der 'Entwicklungszeit der jüdischen Rcligionsphilosophie im Mittelalter, welcher Juden und Judentum als solche liebte, ohne jegliches Bedürfnis nach irgendwelchen Gutachten aus der platonischen oder aristotelischen Philosophie, wie es viele vor und nach ihm taten. Aber doch sind seine Worte aus Ueberlieserung und ernstem Nachdenken hervorgegangen. Er lebte in einer philosophisch-rationalistischen Atmosphäre, und diese drückte ihr Gepräge, ohne daß er es wollte, auch seinem Gcdankengange auf. Er, Rabbi Jehudah Halevi, mochte zwar nicht die Philosophie, „die keine Früchte sondern Blüten trägt", aber schließlich konnte auch er ihr nicht entgehen, und auch er philosophiert, nach seiner Art, über Juden und Judentum. Aber nicht so Rabbi Levi Jizchok: seine Liebe zu Juden und Judentum ist eine natürliche, sie entströmt einem feurigen Herzen, einer Gottesslamme . . . Diese Liebe hat ihre Wurzel in der glühenden Begeisterung, dem Gefühle, das aller Klügelei und Unnatürlichkcit bar ist. Er' kennt keinerlei Philosophieren über Juden und Judentum. Wo man philosophiert, ist auch Zweifel da, und sei es auch der Schütten eines Zweifels. Doch Rabbi Levi Jizchok konnte niemals im Zweifel sein über alles, was Juden und Judentum betrifft. Er und sie sind gleichsam zu einem Körper vereinigt! worden. Sie sind ihm sein Leben und noch mehr als das. Sie sind ihm heiliger als jedes Heiligtum und erhabener als alles Erhabene. Immer, wenn er über sie spricht und denkt — und wann geschieht cs denn nicht? —, ist er ganz Herz, ganz Gefühl, ganz Liebe, reine, erhabene Liebe, die keine' Grenzen und Enden kennt, die Liebe Gottes und Israels. * „Der Liebende Israels" oder ,cher Verteidiger Israels", das ist der Name, den der Chassidismus seinem Liebling für alle Ewigkeit verliehen hat. Das ist der hervorragende Strich in seinem großartigen Charakter. Das ist die Basis, auf der er seinen Chassidismus baute: der Mittelpunkt seines Lebens. Und seine Liebe zu Israel überschritt alle Grenzen. Er liebt sein Volk mehr als alles, lvas ihm teuer und heilig ist. Cr liebt es noch mehr als seinen Gott. Um seines Volkes willen ist er bereit, auch Gott von seinem Throne herabsteigen zu lassen. „Herr"' — ruft einmal R. Levi Jizchok aus — „solltest Du mal harte *) Rabbi Levi Jizchok Berditschewer — geb. 1740 — war eine der hervorragendsten und populärsten Persönlichkeiten, die das russische Jrckentum in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zeitigte. Nachsdem er in verschiedenen Städten. Polens und 3iE* thauens die Stellung eines Raws bekleidet hatte, wurde er im Q'aTjre 1785 als „Aw-Beth-din" (Ober- . rabbiner) nach Berdttschew berufen. Er, „der Berditschewer Raw", war Ebenso als großer Gaon wie als „Zaddik" berühmt. Diele seiner „Chidduschim" sind in seinem -chaffidistischen Perke ^chnschath Levi" veröffenLikht worden. Im Jähce^l.809 starb .er .in Berditschew. D. Redakt/ Beschlüsse gegen die Juden fassen, so werden wir Zaddikim sie zunichte machen!" Er sieht in Israel nichts Ungerechtes, für ihn ist es schuld- und schattenlos. „Und wenn wir auch den Wunsch des Herrn nicht erfüllen, sind wird doch besser als andere Völker". „Man darf kein schlechtes Wort über Israel fallen lassen, sondern nnlß immer für es plaidieren." Israel ist das Höchste aller Dinge, es ist heilig und rein und über alles erhaben. „Israel, das heilige Volk, ist höher als alle Welten." Für ihn ist Israel der Mittelpunkt der ganzen Schöpfung, in ihm sieht er das Licölingskind Gottes, denn alles, was Gott geschaffen hat und schafft, hat er nur wegen seines Lieblings Israel geschaffen. „Alte oberen und unteren Welten sind nur wegen Israel geschaffen." Israel steht zu Gott! im Verhältnisse eines Lieblingskindcs zu seinem Vater. Mles, was der Sohn wünscht, tut der Vater. „Wie Israel das Waltendes Herrn in den Welten sich wünscht, so regiert der Ewige." Und sein ganzes Leben war nur eine lange Kette von Leiden und Qualen. Tiefe Wunden trug er in der, Seele, und sein großes Herz blutete immer. Er hat viel, sehr viel gelitten. Mer nicht wegen seiner persönlichen Sorgen. Er war stets mit Gott und seinem Volke eng verbunden. Er war in ihnen restlos aufgegangen, — und er litt an den Leiden der Allgemeinheit. Das „Gefühlsjüdentum" hat das Mysterium geschaffen: Gott, die Thor« und Israel sind eins. Nach diesem Mysterium befindet sich Israel niemals allein, sondern steht immer in unzertrennlichem Bunde mit Gott und Judentum. Und wegen dieser „Dreieinigkeit" hat R. Levi Jzchok sein ganzes Leben hindurch gelitten. .Er sicht sein Volk im Exil, verachtet und verfolgt von allen Seiten. Ec sicht sein Volk, das so hoch steht und alles überragt, auf Schritt und Tritt allen möglichen Qualen ausgesetzt, und sein glühendes Herz vergeht ihm 4 . . Aber über diese Leiden Israels kann er doch noch einen Trost finden. Schließlich gelten sie doch einem hohen Ideal. Israel leidet um das Judentum, um seinen Gott. Und wie lieb find daher solche Schmerzen, „wie süß und angenchm sind mir all die Folter und Schläge, durch welche der Name des Ewigen in aller Welt einst geheiligt und gefeiert werden wird". Nur vermag ihn nichts darüber zu trösten, daß die Geistigkeit Israels in Verbannung ist: Israel im Exil, das Judentum im Exil, Gott im Exil. Israel hat sein Land verloren, dann wandelte auch sein Gott mit ihm in die Fremde. „Hier im l^il ist auch die Gottheit im Exil," Und Rabbi Levi Jizchok, der durch und durch Ideal war, hoffte auf Tage, wo das Ideal sich in allen Menschen verkörpern wird, „wo alle Völker den Herrn zu ihrem alleinigen Herrscher krönen werden". Dann „wird alles Böse von der Erde verschwinden und keine Verbrechen werden mehr Vorkommen". Dies sind die Messiastage. Und dann, an jenemj großen Tage, am Messiastage, wird die endgültige Erlösung eintreten, eine Erlösung fürs Judentum, für Israel, für Gott. Und an jenem großen Messiastage wird Israel in sein Land zurückkehren, in das Land der Väter. Denn nur dort, im Lande Israels, kann die vollständige Erlösung zustande kommen: nur dort, im Lande der Väter, „welches hoch ist in der heiligen Geistigkeit" und in der „großen Vernunft", kann ein „Aufsteigen der Gottheit" geschehen. Und dann wird Israel zur höchsten Stufe gelangen, die von den Engeln noch.nicht erreicht ist. „Israel wird im Mlerinnersten sein, und die Engel werden Israel fragen: Was tut Gott?" Und diesen großen Tag hat Rabbi Levi Jizchok herbeigesehnt. An jedem Tage und zu Heber Stunde hat er gewartet auf jenen Tag, auf den Meffias. El! war.überzeugt und von tieffiem Glauben durchdrungen, daß nicht lange mehr, ein klein wenig noch. Er, der Ersehnte, erscheinen und dann für alle Leiden Israels, des Judentums und Gottes das Ende kommen wird. Und am Vorabend des neunten Ab — erzählt der Chassidismus — zur Tämmerungsstundc, als die Inden in seiner Synagoge schon versammelt waren, um über die Zerstörung ihres Landes zu wehklagen, zu dieser bitteren Stunde stand R. Levi Jizchok in seiner dunsten Zelle und schaute zum Fenster hinaus. Er war ganz Begeisterung und von einer feurigen Glut durchdrungen. Er schaute hinaus in die Ferne, in die weite Unendlichkeit. Er wartete auf etwas. Von Zeit zu Zeit neigte er das Ohr, um seine Schritte zu vernehmen; — vielleicht kommt Er aus der Ferne, vielleicht ist Er bereits in der nächsten Straße .... Er wartete — auf den Messias. Ter Tag der Zerstörung, der Tag der großen Nationaltrauer, der neunte Tag im Ab — sagt eine talmudische Legende — wird verwandelt werden in einen Tag der Freude, zum Messiastage. Und R. Levi Jizchok der Gläubige, der zu jeder Zeit den Meffias erwartete, hat hauptsächlich auf diesen Tag gewartet, auf den neunten M. Die Mendschatten waren verschwunden. Und die Juden tvarteten in der Synagoge auf den Rabbi, Und er stand am Fenster in Gedanken verloren, erwartungsvoll. Der Diener kam und flüsterte ihm leise zu: „Rabbi, es ist die höchste Zeit, die „Klagelieder" anzustimmen, Tie Juden sitzen bereits §mf der Erde und warten," . Wie ein Donnerschlag trafen diese Worte sein großes Herz. Er erwachte aus seinen tiefen Gedanken und schaute um! sich her; — wie furchtbar, wie schrecklich ist doch die Wirstichkeit: die Juden im Exil, das Judentum im Exil, Gott im Exil. Und Er ist nicht da . , . Und mit einem fürchterlichen, herzzerreißenden Schrei stürzte er in die Synagoge. Er fiel zur Erde an der „Bundeslade" und jammerte bitterlich: „Eicho joschwoh woüodl hoir Jeruscholojim" . . . (Wie liegt so wüst die Stadt Jerusalem.) * * * Im Jahre 1809 verschied der „Verteidiger Israels", Rabbi Levi Jizchok Berditschewer. Das große Herz hatte zu ttopfen aufgehört. Tie heilige Seele mit den tiefen Sehnsüchten entflog in den Raum des Mls. Gesättigt an Leiden und Kummer verließ er die unreine, von Uebeln besudelte Erde, und der große Tag war noch nicht gekommen , . , Mit Augen voller blutigen Tränen hat der „große Sehnende" zum letzten Male geschaut auf sein geliebtes Volk und das geliebte Judentum, „Goluth", „Goluth" überall. Und der große Tags ist noch nicht gekommen. , , , . Und M essias nicht da . . . Aus aller Wett. Oesterreich-Ungar». Krakau. Im Gemeinderat gab es anläßlich der Wahlreformsrage eine interessante Debatte Es war bereits früher beschlvjfen worden, daß die Wählreform sich au^ Grundlage des allgemeinen, geheimen und direkten Wahlrechts anfzubauen habe, und nun betonte der Gemeinderat K.KaPnta, daß das Wahlrecht den polnischen Charakter Krakaus währen und daher an dem dreijährigen Wohnsitz und an der Beherrschung der polnischen Sprache gebunden werden müsse. Die Annahme eines derartigen Borschlages würde eine Entrechtung der Juden, die ein Fünftel der Bevöllerung Krakaus bilden und meistens jüdisch und deutsch sprechen, zur Folge haben. Das stellten auch verschiedene Redner fest. Ueber das Schicksal des Vorschlages wird erst die nächste Sitzung entscheiden. Wie die Dinge liegen, müssen aber die Juden sehr aus der HM sehr, daß der Antrag nicht in der einen oder anderen Form Gesetz werde.

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