Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 40 (6.10.1911)
- Date
- 1911-10-06
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Mage za He. 40 lies Miifatfec IftaetitifAea lamilienfilaftes. Das Jahr 5671. (Schluß aus dem Hauptblatt.) " Bon der Türkei wenden wir uns zu ihrem gegenwärtigen Feinde, Italien, übergehen cs im Laufschritt und bemerken, daß von dort nichts zn melden ist, durcheilen Frankreich, >vo der völlige Jndiffcrentismus allenr Jüdischen gegenüber derselbe ist wie bisher — als einzige erfreuliche, vielleicht symptomatische Tatsache tväre zu vermerken, daß die einzige jüdische^ Zeitung Frankreichs, Les Archives Jsraelites, sich im Wahlkampf in der Alliance auf die Seite der Gegner S. Reinachs gestellt hat —, überschreiten den Kanal und gelangen nach England. Daswichtigste Ereignis im inneren jüdischen Leben Englands war zweifelsohne das Dahinschciden des Oberrabbiners Adler. Wir haben bereits alle Borzüge und Mängel der Tätigkeit Adlers eingehend besprochen, und es erübrigt sich, hier. des näheren daraus einzugehen. Die russischen Juden, die in großer Zahl in England ansässig sind, beginnen, sich zu organisieren, und die im vergangenen Jahre stattgefundene Konferenz der russischen Rabbiner ist das deutlichste Symptom dieser beginnenden Organisation. Natürlich kann eine Organisierung der osteuropäischen Juden in England nur freudig begrüßt werden. Allerdings wird man dabei klüger und 'taktvoller Vorgehen müssen, als cs die Rabbinerkonferenz getan hat. Aber auch innerhalb der englischen Judenheit läßt sich ein günstiger Fortschritt in jüdischer Beziehung konstatieren. Die Konferenz der Revercnds vor einigen Monaten hat die Erlernung der hebräischen Sprache lebhaft propagiert, und auch die Stimmen, die sich hie und da, selbst aus englisch-jüdischen Kreisen,. gegen die ^Institution des Oberrabbinats als solchen erheben, weil dieses das selbständige jüdische Leben in den Gemeinden hemmt, lassen diese wachsende Tendenz erkennen. Auch in Amerika erstartt das jüdische Interesse von Tag zu Tag. Die amerikanische Judcnheit,- die bisher meist nur in materieller Hinsicht von Bedeutung für das jüdische Volksleben war, beginnt, auch geistig ein starker Faktor zu werdend Die begeisterte Aufnahme, die das neugegründete hebräische Wochenblatt „Hadror", das jetzt bereits in fünf reichhaltiges Nummern vorliegt, überall gefunden hat — bis weit in die liberalen Kreise hinein —, zeugt von diesem neuerwachten Interesse. Der günstige Einfluß der osteuropäischen Elemente macht sich in steigendem Maße bemerkbar. Die jüdischen Gemeinden Amerikas' haben sich neu organisiert; man beginnt, in erhöhtem Maßstabe für die jüdische Erziehung der' Jugend zu sorgen; überall wird gearbeitet, und neues Leben sproßt allerorts in der neuen Welt. Die judaisierende Tendenz im jüdischen Leben des vergangenen Jahres machte sich auch in den großen jüdischen internationalen Organisationen deutlich bemerkbar. Bon der mächtigsten unter ihnen, der I c a, ist zwar nichts Neues in dieser Richtung zu vermerken; im Gegenteil ist ihr Entschluß, sich von der Kolonisation in Palästina immer mehr zurückzuziehen, als ein Schritt in entgegengesetzter Tendenz sehr zu bedauern und zu verurteilen. Jedoch hoffen wir, Laß die Jca diesen Beschluß, den sie zn einer Zeit gefaßt, hat, da die türkische Regierung der, jüdischen Kolonisation ein wenig mißtrauisch gegenübergestairden hat, nun, da dieselbe — wie verschiedene Nachrichten besagen — ihre Stellung geändert hat und die Kolonisation gern sieht, ändern wird. Doch wie dem auch sei, jedenfalls, kann die Jca als eine Körperschaft, die durch, einige wenige Notabeln geleitet wird, keinen Maßstab abgeben für die Strömungen im -jüdischen .Volksleben. Viel eher lassen sich Liese in der. demokratisch aüfgebäuten Alliance Jsraolite Universelle erkennen. Und in der Tat, der cr-l bittcrte Wahlkampf, der in diesem Jahre! in der Alliance stattfand, ist vielleicht der sichtbarste Ansdruck der judaisierendcn Tendenz. Einen solchen Kampf hat die Alliance seit ihrer Gründung nicht zu verzeichnen, und der Kampf drehte sich nicht um nebensächliche Objekte und Formalitäten, sondern vielmehr darum, daß die Alliance jüdischer werde. Salonwn R e i n a ch, dessen Kandidatur den erbitterten Wahlkampf entfesselt hat, wurde nicht seiner Person toegcn bekämpft, sondern nur als konsequentester .Vertreter der extremsten Assimilation. Der Kampf, der zahlenmäßig zur Niederlage der Gegner Reinachs führte, bedeutet in Wirklichkeit ein Ruhmesblatt in der jüdischen Geschichte des letzten Jahres und hat wie kein anderes Ereignis das lebhafte Interesse für jüdische Angelegenheiten, das in weiten Kreisen der westeuropäischen Judenheit platzgegrifsen hat, und ihren Willen, jüdischer zn werden, zum deutlichen Ausdruck gebracht. Noch ist der' Kampf nicht beendet, und nicht eher wird er beendet werden, solange nicht die Pariser Zentrale sich ehrlich entschlossen haben wird, in einem neuen, jüdischen Geiste zu arbeiten und sich der Ideale, die sie vertritt, würdig zu erzeigen. Und dieselbe judaisierende Tendenz, die sich im allgemeinen jüdischen Leben zeigte, machte sich auch in der Organisatton bemerkbar, die immer mehr und mehr zum Gewissen und Erzieher des modernen Judentums wird, im Zionismus. Wir haben schon bei der Besprechung der Ergebnisse des imposanten X. Zio nisten ko ngresses unserer Ansicht Ausdruck verliehen, daß' dieser Kongreß einen mächtigen Schritt vorwärts nach der jüdischen Richtung hin bedeute. Der Sieg der Richtung in der Bewegung, die man als die der praktischen Zionisten zn bezeichnen pflegt, die erste hebräische Sitzung, die abgehalten wurde und endlich der Entschluß, mit der kulturellen .Arbeit zu beginnen, sind die. drei vornehmsten Anzeichen dieser Tendenz. Noch hat die neue Leitung nicht mit ihrer eigentlichen Arbeit begonnen; aber wir hoffen, daß sie bei ehrlicher Unterstützung seitens der ganzen Bewegung fruchtbar und segensreich arbeiten und so den Verlust, den sie durch das Ausscheiden David Wolffsohns erlitten hat, uns wenig fühlen lassen wird, bis wir die Freude haben werden, den Ausgeschiedenen in der Leitung wieder begrüßen zu können. Doch noch in einem anderen Ereignis innerhalb der zionistischen Bewegung, das unmittelbar mit dem Kongresse zusammenhing, hat sich die alles beherrschende judaisierende Tendenz offenbart: wir meinen die Krise innerhalb des „M i s r a ch i". Trotz aller Verlockungen und Sirenenrufe, trotz aller Drohungen und Angriffe und auch trotz mancher anderer Bedenken, die wir wohl begreifen können, hat der Misrachi sein ferneres Verbleiben innerhalb oer zio-' nistischen Organisation beschlossen und damit gezeigt, daß er an dem großen Gedanken der Einheit des jüdischen Bolkskorpers nicht rütteln will. Wir hoffen, daß' die neue Leitung des „Misrachi", dessen Vorsitz in die Hände eines sowohl in gesetzestreuer wie auch zionistischer Hinsicht so bewährten Mannes wie Dr. Frank übergegangen ist, in diesem Sinne fruchtbar und posittv Weiterarbeiten wird, die Erfolge werden dann schon nicht ausbleiben. " So zeigt auch das letzte Jahr, daß das innere jüdische Leben sich in günstigem Sinne entwickelt. Schritt für Schritt nähern wir uns immer mehr und mehr den großen jüdischen Idealen. Und dieses Bewußtsein ist unser einziger Trost, der uns über die Not unserer äußeren Lage hinwegzuhelfen vermag. Mögen wir von außen noch so'sehr bedrängt unh verfolgt sein, solange wir nur innere Lebenskraft und den inneren Willen zunt Judentum haben, sind wir gegen alle feindlichen Angriffe und Tücken gewappnet. Darum brauchen wir' trotz der düsteren Lage, in der wir uns befinden, trotz der unzähligen Feinde, die uns umlauern, nichts von unserem jüdischen Mut und unserem jüdischen Optimismus aufzugeben. Schaffen wir nur froh und mutig in jüdischem Sinne, werden wir nur immer jüdischer uud jüdischer, und unser Gott wird uns nicht verlassen. Arbeiten wir nur selbst fiir uns, und auch unser Gott wird mit uns sein. Aus der zionistischen Bewegung. Köln. Mit der Verlegung des zionistischen Büros nach Berlin scheidet Dr. Jakob Klotz! in (der unseren Lesern als Jakob ben Elijah durch seine zahlreichen Artikel gewiß noch in Erinnerung sein wird) aus der Redaktion der „W e l t". Das Ausscheiden Dr. Klatzkins, eines unserer gediegenste» jungen hebräischen Schriftsteller, eines Mannes, der sowohl in jüdischer wie auch in profaner Hinsicht über eine tiefe Bildung verfügt, ist als ein Verlust für die „Welt" zu bedauern. Pretzburg. Die „Ungar!. Jüd. Ztg." schreibt: „Der Austritt des einen Teiles des Misrachi ist übrigens — wie wir informiert sind — nicht als definitiv zu betrachten, und es wird von den nächsten Verständigungen des E. A. K. mit dem Zentralbüro der Misrachi abhängig sein, ob die Dissidenten wieder in die Föderation eintreten. Falls dies nicht erfolgen können wird, werden die Dissidenten natürlich keine selbstständige Organisation bilden können, sondern eine Fusion mit einer anderen bestehenden Palästinaorganisation anstreben müssen. Hiebei käme die „Moria" in erster Linie in Bettacht." Aus der Lehrerwett. Breslau. Nachdem die Bestätigung der vier jüdischen Lehrkräfte für die städtischen Volksschulen (Adler - Antonienhütte, Lasowski-Obornik, Vally Muschel-Breslau, Freundlich-Bromberg) von der Regierung xrfolgt ist, hat der Magisttat das Berujungsschreiben an dieselben ergehen lassen. — Rabbiner Dr. Jakob Gnttmann, Vorsitzender des „Allg. deutschen Rabbinerverbandes", erhielt den Titel Professor. Emden. Bei der Konferenz aller Vorsteher der Gemeinden des vakanten Landrabbinats, welche am 27. September hier stattfand, waren 14 Gemeinden vertreten. Nach langer Debatte wurde mit 9 gegen 6 Stimmen (Emden gab 2 Stimmen ab) beschlossen, iu der Ausschreibung der vakanten Stelle das Wort „streng" vor gesetzestren zu streichen. Budapest. Oberrabbiner Dr. S. K o h n beging am 27. Sept. seinen 70. Geburtstag. Er ist ein Schüler des Breslauer Seminars, vertritt aber die Reformrichtuug. Er hat eine „Geschichte der Juden in Ungarn" und ein Buch über die „Scrbbatarier" versaßt. — Vittenez «Ungarn). Hier wurde Rabbiner Josef Bezallel Fischer feierlichst in sein neues Amt als O b e r r a b b i n e r eiugeführt. Jassy (Rumänien). In dem auf Kosten des Philanthropen Mo ritz W achtclerrichteten jüdischen Gymnasium werden nur — christliche Lehrer unterrichten. Rew-Aork. Zu einer grandiosen Ehrung gestaltete sich die Ankunft Rabbiners Wolf Mar - g o l i s, des neuen Rabbiners der „2ldaß Jsroel"- Gemeinde. Die SO Vorstandsmitglieder der vereinigten jüdischen Gemeinde erwarteten ihn bei Ankunft des Zuges uird führten ihn in 8 Automobilen nach dem dreistöckigen Hause, das man für ihn gekauft hat. Einige Stunden später fand ein großes Diner uud Empfang statt, zu dem sich unzählige Menschen einfanden. Chicago (Amerika). Hier starb — 71 Jahre' alt — Rabbiner Dr. I. S. I a c o b s e n, ein geborener Schleswig-Holsteiner. — Rabbiner Isaac Landmau hat wieder ein T h e a t e r st ü ck vollendet. Das dreiaktige, „Ein Manu der Ehre", betitelte Drama, ist von Webers Theater in Newyork angenommen worden. Schweizer Stickereien F. C. Strnbberg & Co. nur 25 Nene Mainzerstrasse 25. Kunst uud Literatur. Heinrich Heines ^sämtliche Werke. 1. Band. Ü00 S., 2 JL, ged. 3 Jk Leipzig, Insel- Verlag. Die wundervolle .Heine-Ausgabe, die Oskar Walzel besorgte, verdient ihr Prädikat durch Ausstattung und Preis. Sie unterscheidet sich dadurch von den bisherigen Ausgaben, daß sie durch neue