Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 35 (1.9.1911)
- Date
- 1911-09-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Mage fflilt. 85 tfes Frankfurter Ifmelttififtffli FaMMaiks. Das Sabbatproblem. Noch vor wenigen Jahrzehnten standen neun Zehntel der jüdischen Gesamtheit in ihrer Lebenspraxis aus dem Boden des traditionell-gesetzcstrcucn Judentums, noch vor einem Jahrzehnte war cs wenigstens die Mehrheit; und heute ist auch das bereits zweifelhaft geworden. Beobachtet doch von den 2i/2 Millionen Juden Amerikas und von den I1/2 Millionen Inden Deutschlands, Englands, .Hollands, Frankreichs re. sicher nicht mehr der zehnte Teil den Sabbat, das Kriterium des traditionell-gesetzestreucn Judentnms. Aber auch von den zwei Millionen Inden Oesterreich-Ungarns ist schon mehr als die .Hälfte dem Sabbat untreu geworden, und aucf) unter den fünf Millionen Juden Rußlands hat bereits die Sabbatentweihung begonnen und schreitet von Jahr zu Jahr weiter fort. Nach dieser Richtung hin lagert für uns Inden das . Problem unserer Zukunft: wo der Sabbat beobachtet wird, ist jüdische Gcgcmvart und Zukunft, wo er übertreten wird, sind Gegenwart und Zukunft aus dem Boden der Vergangenheit gelockert und haben ihre Lebenskraft cingebüßt. Doch da mit der fortschreitenden Sonntagsruhe die Beobachtung des Sabbats dauernd und verstärkt erschwert wird, so muß damit gerechnet werden, daß die Sabbatbeobachtung in Israel, die stets eine Tatsache war und heute immer mehr zu einem Probleni wird, ihren Kreis fortgesetzt verengert. Denn auch in den bis vor wenigen Jahren verschonten Ländern des Ostens ist heute die Sonntagsruhe cingeführt, und ihre Wirkungen werden von Jahr zu Jahr sichtbarer. Es ist i 11 der Diaspora unmöglich, dieser sozialen Ursachen Herr zu werden. Rechnet man hierzu eine erhebliche Verringerung des jüdischen Wissens und damit eine Verflachung des jüdischen Lebens als natürliche Folge der Anteilnahine an dem allgemeinen geistigen Leben und des Fehlens eines jüdischen Milieus, rechnet man ferner dazu die gesteigerten Ansprüche der persönlichen Bedürfnisse bei dem schon kostspieligeren jüdisch-traditionellen Leben, — so wird einem das Kritische d e r S i t u at i 0 n klar. Leider wird selbst in leitenden Kreisen der traditionell-gesetzestreucn Judenhcit der Ernst der Zeit nicht erfaßt. Denn sonst würde man ängstlich alles vcnneiden, was zu einer Entzivciung innerhalb der eigenen Reihen führen könnte, würde vielmehr alle Gedanken auf die eine Frage konzentrieren, wie der Sabbat zu erhalten sei. Alljährlich?sehen sich z. B. in Deutschland Dutzende junger Leute vor die Alternative gestellt, weiter den Sabbat unter materiellen Opfern zu halten oder mit der Hingabe des Sabbats ihre Existenz günstig zu gestalten. Wer kümmert sich um diese mit sich Kämpfenden? Ist nicht die Stütze dieser Schwankenden mehr wert als der Kainps um die Frage, ob einer die Trennnngs- oder die Einhcitspolitik als zweckmäßiger fiir die traditioncll-gcsctzcstrcuc Judenhcit hält? Wie man sich seiner Pflichten gegen die geknechteten osteuropäischen .Brüder durch einen Griff ins Portemonnaie ledig zu machen glaubt, so seiner Pflichten für die Erhaltung des Sabbats durch einen Verein, der sabbatfreie Stellen vermittelt und gegen Stellenlosigkeit versicherte Als wenn hiermit selbst in diesem Rahmen all das getan Ivärc, was geschehen könnte, wenn jeder, der den Ehrennamen eines frommen Juden zu tragen glaubt, sich nun auch wirklich dieses Ehrennamens würdig erweisen würde. Nach dieser Richtung hin propagandistisch zu wirken, wäre für manche leitende Männer ein viel dankbareres Arbeitsfeld, als sic cs jetzt haben, da sie ihre subjektiven jüdisch-politischen Anschauungen zum- Prüfstein der wahren jüdischen Gesinnung aichen. Auf dem Boden der Verbindlichkeit des Thoragcsetzcs gab cs bei uns stets vollste Gesinnungsnnd Meinungsfreiheit. Können doch die Unterschiede der Anffassung nicht größer sein, als sie zwischen den Schulen Hillels und Schammais bestanden; doch nie ist der Schule Schammais in ihrer scharfen Auffassung auch nur im entferntesten der Gedanke aufgeblitzt, daß die milde Anffassung der Schule Hillels die weniger jüdische sei. Einzig die für die Erhaltung des Sabbats aufgcwcndete Kraft ist der Prüfstein der wahren j ü d i s ch c n G c - st u n u u g. Wer wirklich mit seinem ganzen Herzen, seiner ganzen Seele und seinem ganzen Vermögen Jude ist, wie es das täglich dreimal gesprochene Sch'ma verlangt, der wird nicht niüde »verden, nach der Lösung des Sabbatproblcms zu suchen, mit dessen Lösung die Zukunft des. Judentums steht und fällt. Wo ein Wille ist, da ist auch eine Tat; — aber bis jetzt hat es bei den meisten an dem wirklichen Willen gefehlt. Daß unseres Erachtens nur im Lande der Väter die Lösung dieses Problems möglich ist, das anszufiihren liegt nicht im Rahmen dieser Zeilen. Sic sollten nur angesichts des begonnenen Ellul-Monats einen Warnungsruf an die traditionell-gcsetzestrcue Judenhcit erschallen lassen, ihre ganze Kraft auf die Hut der Sabbatbeobachtung, von der allein die jüdische Zukunft abhängt, zu konzentrieren. Jeder einzelne der traditioncll-gcsetzestreuen Judenhcit trägt hier die schwerste Verantwortung; sein Gewissen wird ihm sagen, ob er sich dieser Verantwortung in jedem Augenblicke voll bewußt war. Aus aller Welt. Rußland. Petersburg. Die Praxis der Judenausweisungen kommt jetzt auch dort, zur Anwendung, wo sie selbst den größten Widersinn zeitigt. Sie sollen angeblich die „einheimische" Bevölkerung vor dein ökonomischen Druck der Juden schützen, die Verwaltung ist aber gezwungen, von dieser Rigorosität auch in denjenigen Fällen Gebrauch zu macken, in denen die Abwesenheit der Juden für ihre Mitbürger eine Lebensnotwendigkeit äst. Ein besonders instruktives Beispiel für die Absurdität der Austveisungsmethoden bieten die neuesten Vorgänge von Rischni- Nowgorod. Dort findet, momentan die berühmte Messe statt, zu der sich auch, wie alljährlich. Zahlreiche jüdische Kaufleute eingefunden haben. Denn die Messe von Nischni-Nowgvrod ist b:t Pnlzschlag für das Leben einer Meihe von Industriezweigen, in denen die Juden sich eifrigst betätigen, Bis jetzt glaubte auch die Regierung gegen de» zeitweiligen Aufenthalt dieser von der Be völkerung gern gesehenen Ankömmlinge in Rischni- Nowgorod nicht einschreiten zu sollen und machte auch durch direkte Verfügungen vom Gesetz eine Ausnahme. Also geschah es bis zu dieiein Jahre: das Leben erwies sich stärker als alle Buchstäbenweisbeit der Ausnahmebestimmungen. Im laufenden Sommer soll jedoch mit der bisherigen Praxis gebrochen werden. Denn alle Juden, die nicht über das allgemeine Wol,»Privileg verfügen, verfallen der Ausweisung. ungeachtet dessen, daß die Messedarunter in ganz außerordentlichem Maße leidet. Der Präsident der Messe hat in einem lange» Telegramm an Stolypin um Redressiernng der schädlichen Anordnung gebeten. Er weist darauf hin. daß die Durchführung der angedrohten Maßregel auch den Nichtiuden einen nicht wieder gut zu mackenden Schaden bereiten würde: nicht nur die .Millionengcschäft«, weiche die nach Nischui-Nowgorod kommenden Juden gelegentlich der Messe nach dem Auslande machen, würden verloren gehe», auch die jüdischen Hand^ Kerker die jahraus, iahrci» bedeutende Arbei'cn bei der Sortierung, Färbnna, Zuschneidunq der Stoffe u. a.!>n. verrichteten, seien unentbehrlich „Die Maßnabme, welche angeblich gegen die Juden gerichtet ist. wird ährein Wesen »ach die Russen schmerzlich treffen und kan» — insbesondere mit Rücksicht auf die Ernteungewißhe-t und mit Rücksicht auf die schleckte Situation des Mcssemarktes — solch schwere Folgen »ach sich ziehen, daß sic im gegenwärtigen Moment noch nickt äbzuschätze» sind"/ Obwohl nun das Ivohlbegriindcte telegraphische Gesuch auch die Gutheißung des örtlichen Gouverneurs 'gefunden khät, ist es Loch noch zweifelhaft, ob Stolvpin ->cu allseitigen Wünschen stattgeben wird. Ihm ist weit mehr als am wirtschaftlichen Fortschritt Rußlands an der Gunst der hetzerischen Patrioten!nnd ihrer Förderer bei Hofe gelegen. „Rufs. Korresp. Wilna. Auf dem jüdischen Friedhofe spielte sich dieser Tage e i n e kl e i n e S eu s a ti 0 it ab. In einer herrschaftlichen Kutsche fuhren zwei Damen der gräflich Potvckischen Familie vor dem Haupttore des Friedhofes vor und baten den Wächter, ihnen des Gräb des daselbst ruhenden Mitgliedes der Familie P 0 t 0 ck i, das, wie bekannt, seinerzeit zniic Judentum übergetreten war, zu zeigen. Der Wächter führte die,Damen auf das gewünschte Grab. Die Damen verlangten allein zu bleiben Sji: blieben nahezu anderthalb Stunden an dem Grabhügel ihres jüdischen Verwandten in Gedanken versunken stehen. Ms sie nachher den Friedhof verließen, überreichten sie dem Fricdhofswächtcr eine größere Summe, mit dem Aufträge, das Grab in Stand zu halten und von Zeit zu Zeit mit frischen Blumen zu schmücken. Türkei. Konftantinopel. Bon der Tribüne des X. Zionistenkongresses herab ist die günstige Lage der Juden in der Türkei verkündet worden. Dies trifft auch im großen und ganzen zu. Doch beweisen einzelne Tatsache», daß nian auch in der Türkei vor dein Gespenst A n t i s c in i t i s in n s nicht sicher ist. So ereignete sich diese Woche in der ottomanischen Armee ein Fall, der die Aufmerksamkeit der Oeffentlichkeit verdient. Der Kommandant des Reservebataillons in der Vorstadt Haidarpascha. beleidigte schwer die jüdischen Soldaten. Auf dem Exerzierplätze in Anwesenheit einer großen Anzahl von Zuschauern rief er den ca. 260 jüdischen Soldaten zu: „Was kann das Vaterland von euch Feigen und Heuchlern mehr erwarten als Untreue und Verrat?!" In seiner Extasc ließ er sich hinreißen, den Juden n. a. die Verbreitung von Krankheiten vorzuwersen und auch die Ehre des Großrabbiners anzngreifen. Zu dem bedauerlichen Vorfall, der absolut nicht geeignet ist, Friede und Eintracht unter den Nationalitäten zu fördern, ist noch zu bemerken, daß der genannte Kommandant seine Ausbildung i n D en t s ch l a it b genössen hat, wo er, wie es scheint, mehr deutschen^ Antisemitismus als deutsche Kultur sich angeeignet hat. J. K. Amerika. Rew-Aark. Am 1. September d. I. wird hier die erste Nummer einer neuen hehr ätschen Wochenschrift, die den Namen ..Had'ror" (Die Freiheit) trägt, erscheinen. Der Redakteur dieser neuen Zeitung ist der bekannte hebräische Schriftsteller Rüben B.rainin. Donnerstag, den 31. August findet im großen Saale der Coover Union eine von dem Verein „Achi- Eber" veranstaltete Fest- und Propagandaversammlung zu Ehren der neuen Zeitung statt. In dieser Versammlung werden u. a. Dr. I. L. M a g n e s, Mr. I. Barondeß, Rev. H. Masliänsky und Rüben B r a i ni n das Wort ergreifen. Man hofft, daß die Bcrsammlnna sich zu einer machtvollen Kundgebung der hebräischen Renaissancebewegung in Amerika gestalten und dem „Had'ror" wie der junghebräischen Literatur überhaupt zahlreiche neue Freunde und Förderer zuführen wird. Personalien u. Kleine Mitteilungen. Berlin. Die amerikanische orthovüdische Gesellschaft ernannte Professor Dr. Io ach im s t h al, den Direktor der hiesigen Universitätspoliklinik für orthopädische Chiurgie, zunr korrespondierenden Mitglied. . München. Kommerzienrat Julius Freundlich ist zu», Handelsrichter wiederernannt worden. : ' ' ' tzobensalza. An Stelle des bisherigen Abgeordneten Lusenskn ist von den deutschen Komproinißparteien der Stadtverordnetenvorsteher, Kommerzienrat Dr. Lev» rum Landtagskandidaten ausgestellt wor.de». Sollte Dr. Levy gewählt werden, so würde er seit dem Austritt Laskers der erste jüdiscke nationalliberalc Landtagsäb'geordnete sein. W.) Dettekbach. Hier verschied nach fänerent Leiden Frau Rosa Kleeblatt, eine Frau altjüdischer Tugenden und Lebcnsbetätigung. ll,.l Posen. Die Stadt Posen verl>-b dem Geh. Konnnerzienrat Michael Herz, Präsidenten der Handelskammer, Vorsitzende» der Repräsentanten- Versammlung der jüdischen Gemeinde :c., das Ehrenbürgerrecht. Allenüeiä. DemMhmnanal-Oberlebrer Ludwig Lev y wurde der Titel Professor und der Rana der Räte 4. Klasse verliehen. Rülzbeim tPkglzi. Die Wabl des Svnag 0 gen-Aus schuss e s verlief ergebnislos, da von 50 Wahlberechtigte» nur einer seine Stimme abgab. Wie«. Im 87. Lebensjahre verschied Hirsch F i s ch b 0 s, eines der besten Mitglieder der hi« figen Orthodoxie.