Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 31 (4.8.1911)
- Date
- 1911-08-04
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Sie. ZI. «eite 5. Me zur Besprechung sehende Angcsegeiiheit hat nnt „Liberal" uni» ..Konservativ", was tote gemeinhin unter diesen Bezeichnungen verstehen, nichts zu tun. Es sind auch, nicht die Liberalen und Konservative», die sich im vorliegenden Streite in die Haare gefahren sind, es sind vielmehr die lieber-Orthodoxen und ein Teil der Zionisten, die sich zum Kampfe verbrüdert haben, eine Erscheinung,' die in den letzten Jahren »nederholt wahrzunehinen rvar." Sehr richtig erwiderte Max Gold reich: „Ich möchte, daß, die Worte des Herrn Eliel, die er heute hier gesprochen hat, hinausgehen und draußen gehört werden, damit man sieht, wie hier in Köln diese Frage gerecht und tmirdig beurteilt wird, Auf eines möchte ich aber kurz erwidern. Herr Eliel sagte, daß in den letzten Jahren der Streit durch die Orthodoxen und Zionisten in die Gcnieinden getragen wurde. Das ist nicht richtig. Richtig ist vielmehr, daß das Selbstbewußtscin der Iuden in den letzten Jahren gewachsen ist, man kümmert sich mehr um die Angelegenheiten des Judentnins, und die Herren, die in Berlin herrsche», können nicht mehr so' ungestört schalten und rvalten wie früher. - Die Herren sind das nicht gewöhnt nnd empfinden jede Aenßeruug und Meinungsverschiedenheit als Störung." Den Worten des Herrn Eliel sei unsererseits noch hinzugefügt: In diesen Worten steckt so viel Rischns, so viel Autokraten!»»! und so viel Parteiischkcit, daß. cs verständlich wird, wieso dieser Herr in seiner Gemeinde das reaktionäre Dreiklassenwahlsystem mit aller Macht aufrecht erhält. Oesterreich-Ungarn. Wien. Im Reichsrate verlief die Debatte über die sechs Dringlichkeitsanträge in Sachen des Drohvbyczer Blutbades unter allgemeiner Teilnahmslosigkeit. Außer Dr. Strauch er, der eine glänzende anderthalbstündige Rede hielt, sprachen fast nur Mitglieder der galizischen Parteien. Selbst der Obmann des Polenklnbs Dr. Bilinski mußte sich unter der Wucht der Tatsachen dazu herbeilassen, die rücksichtslose Bestrafung der Schuldigen zu fordern. Für die Regierung gaben der Minister des Innern und der Landesverteidiguugsminister Erklärungen ab, in denen mit vielen Worten herzlich wenig gesagt wird. Aber selbst aus diesen dürftigen Antworten geht hervor, tvie unberechtigt der Waffengebrauch war, der durch angebliche Revolverschüsse eines Unbekannten provoziert worden ist, und erhalten die Wahlschchindeleien der Garde Löwensteins ihre Bestätigung. Interessant ist, daß der Minister des Innern die Versetz nng des Bczirkshauptmauns Piatkewicz ankündigte nnd ihn durch einen Beamten abzulösen versprach, der sich nicht scheuen tverde, in den dunkeln Winkel von Drohobycz hineinznteuchten. Karlsbad. Durch die christliche Bevölkerung Karlsbads und Marienbads geht ein stark antisemitischer Zug —. und das, trotzdem die jüdischen Kurgäste jährlich hunderttausende von Kronen in jeden: dieser beiden Bäder lassen. Wir brachten vorige Woche die Nachricht von der Entleibung des angesehenen Arztes Dr. Albert S ü ß k i n d und können diese Woche hinzufügen, daß es den Anschein hat, als ob das Motiv zu dieser Handlungsweise in folgender Tatsache gesucht werden darf: Dr. Süßkind verwendete sein Beriilögen aus die Errichtung eines Prachtbaues, konnte diesen aber nicht nutzbar machen, da die Stadt ihm die Wohniingskonsens verweigerte. Derselbe Dr. Süßkind schaffte eines Tages seinen jüdischen Anwalt ab, „da er sehe, daß er nicht von der Stelle komme, wenn er nicht eine» Anwalt habe, der wenigstens zum Scheine Antisemit sei." .Das weist doch auf ganz eigenartige Zustände hin. Gibt es Heini bei unseren reichen Juden, die Karlsbad oder Marienbad aufsuchen, nicht auch solche, deren Ehrgefühl eine Aktion der Selbsthülse veranlaßt? Aus diese merkwürdigen Zustände in dem gesellschaftlichen Verhältnis der Christen zu den Juden, dürfte auch die Tatsache Hinweisen, daß in Karlsbad nicht ivcniger als 18 Acrzte praktizieren, die aus dem Judentum ausgetreten sind. Maros Vnsürhely. Josef Deutsch, Szekelyhis Wäre fast das Opfer des Ritnalmord Wahns der hiesigen Wallachen geworden. Er und seine 3 Kinder wurden —i unter dem Vorwände, ein kleines Mädchen ermordet zu haben — von den Bauern belagert, mit Totschlag bedroht, an der Flucht gehindert. Und als er sich in dein Keller seiner > Mohnung verbarrikadierte, ließ es die Gendarmerie geschehen, daß er 3 Tage nnd Nachte in Höllenpein zubringe, ohne einen Finger für ihn zu rühren. Er war schon samt seiner Familie dem Verhungern nahe, als die Totgeglaubte frisch und froh zu ihren Eltern znrückkehrte. Zioni. KvamHMer UraelitischeK AanWeMatk. Rußland. Petersburg. Gleich nach seiner Rückkunft hierher hat sich Stolypin in einem Brief an 'den Haildelsminister Timaschew und an den Finanzminister K o ko w z e w gewendet, in dem erfordert, die Fn d c n i m Handel z u r ü ckzndrängen; besonders 'im Getreidehandel seien sie zu mächtig, die Banken mußten ihnen cincn kleineren Kredit geben. Der Handclsniinister wie auch! der Finanzminister — beide durchaus keine Judenfreunde — antworteten ablehnend, — und so hat Stolypin die Angelegenheit auf die T a g e s o r d n n n g des Ministerratcs gesetzt. Petersburg. In hiesigen gutunterrichteten Kreisen führt man die Verschiebung des Wiener E in i g r a ti o ii s ko i, g r e s s es auf den Einspruch Jacob Schiffs zurück, der crtlärtc, die Abhaltung eines Emigrationskongresses im gegenwärtigen Zeitpunkte würde eine schwere Gesahr für die amerikanisch-jüdische E m i g r ä t i o n bedeuten. Die vor kurzem in Petersburg abgehaltene Emigrationskonserenz hatte eine Abordilnug an die großen jüdischen Organisationcil in Westeuropa entsandt, um sie für den Plan des Emigrationskongresses günstig zu stimmen und zur Beschickung der Wiener Versammlung zu veranlassen. Diese Abordnung besuchte auch Schiff in Frankfurt .a. M. Herr Schiss erklärte den Herren jedoch, daß nach seiner Kenntnis der Sachlage ein internationaler Emigrationskongreß wie der jetzt geplante die Verschärfung der E i n w a n d e r n n g s b e st i m in ii ir g e n in de n Vereinigten Staaten zur Folge hätte, also gerade das Gegenteil von dem erreichen würde, was seine Veranstalter beabsichtigten. Moskau. In den hiesigen jüdischen Kreisen herrscht: lebhaftes Interesse für P ä l ü st i n a. Außer einem großen Stück Land, das hiesige reiche Juden gekauft haben, werden jetzt von hiesiger Seite in Jerusalem zivei neue Anstalten gegründet. Die erste Anstalt ist ein Rabbiners e in i n a r, für das Rafael Götz, der Schwiegersohn Wisotzkis s. A., außer dem Gelde für Miete 50000 Francs gegeben hat, und das er zusammen mit dem „Hilfsverein der deutschen Juden" gründet. Dieser Tage war in Berlin in Sachen dieses Seininars eine Beratung, an der ii. a. auch Rektor Dr. H o s nt a n n nnd Prediger Dr. Meier Hildesheimer teilnahmeu, nnd in der ciiistimmig beschlossen wurde, an die Spitze dieses Seminars einen angesehenen orthodoxen Rabbiner zu stellen. Die zweite Anstalt ist eine professionelle Mäd schens chule, die Josef Pcrschitz n. seine Frau geb. Slatopolski gründete». vseffa. Etwa 100 jüdische Familien aus den bessarabischen Städten Nowosselitzi nnd Bryozany haben bei K o n st a n t i n o p c l 1200 acres Land gekauft, um sich dort als Ackerbauer niederzulassen. Nach dem „Raßwjet" beteiligte sich die „Jca" an dem Kaufe mit der Hälfte des Kaufpreises. Rosischtsch (Wol. Gouv.) Die jüdische Bevölkerung in den ninliegenden Dörfern befindet sich in der Gefahr der A u s w c i s u u g infolge jüdis ch e r D e n u n z i a t i an. In dem Orte Kapotschnbka hatte ein Jude eine Bierschänke eröffnet. Das wollte sich der bisherige. alleinige Bierschänker, gleichfalls ein Jude, nicht gefallen lassen; er zeigte seinen Konkurrenten an, daß er kein Wohnrecht habe. Die Polizei wies den Deilimzicrten ans, und dieser rächte sich, indem er der Polizei schrieb, wenn er kein Wohnrecht habe, dann hätten cs noch hunderte Juden nicht. Daraufhin wird mm das Wohnrecht der Juden in all den Dörfern der Gegend untersucht. Jüdischkeit. „Erzählungen aus der Gasse" von Oskar Stein.*) — Lässig schneide ich die Seiten auf, lässig beginne ich AN lesen; gilt'S doch nur, meiner Rezenseiitciipflicht zu genügen. Ghettogeschichten; — seitdem das Ghetto Geschichte geworden ist, sind die Geschichtenschreiber erstanden, die die engen, winkligen, Licht und Lust cntbchreiiden Gassen mit einem vergärenden Schiinmer übergießcu. Dort in dem Gewirr der Winkel und Ecken atmete es Poesie, — nnd unsere Weite ist banal, öde, poesielos. Dort, in den bleichen Gesichtern nnd gekrümmten' Rücken lebte menschliche Größe/ menschliche Größe, die ttt unseren lichten .Tagen der Freiheit der menschlichen Persönlichkeit so selten geworden ist. Eine Fülle von Stofs gibt so das Ghetto dem Juden, der Dichter ist und dem Dichter, der Jude ist. Denn beides mnß er sei». Nur ein Dichterauge wird die Poesie der Judengäßchen schauen; nur ein Jude von wahrem jüdischen Bewußtsein wird der Vergangenheit Goldbarren der Gegenwart für die Zukunft dienstbar zu machen verstehen. Doch weil so selten Dichter und Juden eins sind, deshalb hatte ich längst die Geschichtcnschreiber des Ghettos in die Klasse derer versetzt, bei denen Wollen nnd Können nie zilsammenkomitten können, ivenn sie es ach! auch gar zu gern inöchten. Lässig, ohne Neugierde hatte ich auch zu der neuesten Erscheinung der Ghetto-Literatur gegriffen. Aber schon nach wenigen Leiten war mein Interesse gefesselt und blieb es bis zur letzten. Bald hörte ich eines Dichter» Sprache und sah eines Dichters Schanen, bald sprach ein Mann jüdischen Fühlens und Denkens zu mir. Endlich Dichter und Jude in harmonischer Vereinigung! Uns interessiert an dieser Stelle mehr der Jude als der Dichter. Deshalb sei denn aus de» Geschichten ein Abschnitt wiedergegeben, in dem ioir den Dichter als Juden kennen lernen. Es ist aus der Erzählung „Der Marschalk" der Abschnitt von der Jüdischkeit. Lassen wir also den Autor sprechen: „Hätte man zu Zeiten, da die gute, alte Jüdischkeit noch lebte, da sie jeder Ghettojude fühlte, hochschätzte und in sich trug, gefragt, was denn dieses gewichtige Wort bedeute, die Antwort wäre ebenso selbstverständlich eine entsetzte, nnglänbige nnd verachtungsvolle Miene des Befragten geivesen, wie es selbstverständlich ist, daß kein Jude jener Zeit eine derart unnütze Frage gestellt haben würde. Einem Menschen von heute aber hätte Asarja Schütz geantwortet: „Nimmt ein jüdischer Mann ein jüdisches Weib und Gott segnet sie mit Kindern, klugen Burschen und bescheidenen Mädchen, so wird ihr Haus voll Jüdischkeit sein, voll zufriedenen Glückes." Und Baruch Oppenheimer hätte gesprochen: „Euer Wohltun ist Jüdischkeit. Oefsnet Euere Taschen den Armen und schüttet Segen über die Bedrückten, weinet Tränen mit den Leidenden nnd freut Euch mir den Geretteten, so wird Euer Leben ein Leben der Jüdischkeit sein." Esthers große, glänzende Auge» hätten von Jnirigkeit und Leide gestrahlt nnd ihre Anwort wäre gewesen: „Meine Mntter." Auch Malka, die alte Beschließerin und Köchin im Hause Oppenheimers, hätte ihre Meinung nicht vorcnthaltc». „Esthers Mutter? Gewiß, sie ist die Jüdischkeit! Doch warum? Weil sie ein goldenes Herz hat und ein goldenes Kind, unser Esther!. Der Gabbe ist auch kein schlechter Mann, doch Frau Gitel versteht die .Jüdischkeit. Oben nnd unten jst sie, hält alles zusammen und sorgt und schasst fürs ganze Haus. Wenn der Schabbes kommt, so deckt sie selbst den Tisch mit schwerem, weißen Damast uiid stellt die silberen Leuchter zurecht, steckt die Kerzen an und entzündet daS Licht, daß dann ein jeder sieht, wie warm und innig ihre Augen dabei glänzen, llnd wovon? weil unser Esther! dabei steht. . . nnd die hat selber ein warmes Gesicht, Klagen voll Sonne und ein Grübchen mit Sonne nnd ein Lacken darüberhin, daß jeder lachen mutz vor Freude und Glück, sie zu sehen. Ja, ini}cv Esther!!" Doch das waren Ansichten, und auch Gitel, auch Löb Perels, der Marschalk, auch Koppelmann Beer und jeder, jeder andere hätte seine Ansicht geäußert, jeder nach seiner Art, manchmal wäre vielleicht ein Name gefallen, ein glorreiches Beispiel, eine bescheidene Erwähnung, und die Jüdischkeit hätte schließlich aus jedenr Winkel hervopgelenchtet, ans jedem Worte, aus jeder Tat, aus den Augen der Kinder, aus den Herzen der Frauen, aus dem Geiste der Männer, aus den verschlungenen Gängen der jüdischen Gelehrsamkeit, aus dem stolzen Ruhme der Vergangenheit nnd der stillen, mamihaften Größe der Gegenwart. Die Jüdischkeit war eben das Erdreich, aus dem das Ghetto stand, die tief verankerte Wurzel des jüdischen Lebeiisbaumes, die Ranken, deren duftende Blüte» und grüne Blätter sich an die düsteren Häuser, um die finsteren Fensterlöcher schmiegten, die den Tisch des Hauses schmückten, die Stube bekränzten, unsichtbar um die Menschen Rosenlanbeii bauten, in denen sie den Frühling atmeten, die Lebenslust einsogen, in denen sie der Dornhecken vergaßen, der Not, der Verachtung, des Elends nicht mehr achteten, in denen sie frei waren und sonnbestrahlt saßen und zufrieden aufstandcn imd sich in unbehindertem Sehnen zu den höchsten Sternen ihres Seins empvrreckten. Die Jüdischkeit war das erfüllte Judentum. . . ." Lieber Leser, das war Jüdischkeit; lieber Leser, das ist Jüdischkeit; —, und nun gehe hin und blicke in deinem eigenen Heim umher, vb diese Jüdischkeit da wohnet. *) Erzählungen aus der Gasse von Oskar Stein. 96 Seiten. JL 1,40. Prag, Richard Brandeis. „Fit-sure" Pincenez doublö, 14 kr Goldauflage, Mk. 7.50, Nickel Mk. 5.50. Operngl., Feldst, nur Veste Fabrikate in großer Auswahl, Lorgnons, Brillen, Pincenez; Spezialwerkstättefür Optik, Mechanik, Elektro» technik. Physikalische Lehrmittel. „I. W. Albert, Inh. Paul Wandereh, Haus Neptun. Ecke Reue Mainzttstr. u> Weißftauenstr. 11. Tel. 7254, Amt l."