Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1911-02-17 · Heft 7 (17.2.1911) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 7 (17.2.1911)
Date
1911-02-17
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2692297-2692716-2692723--05992-2700950
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Muttep iit. 1 des FrMfnrikr IsmeKWm #amttieu6Caftes. Das 150 jährige Jubiläum der Israelit. Frauen-Krankenkasse zu Frankfurt a. M. Di eakade mische Feier. Eine Veranstaltung, deren geistige und kiinstlcrischc Darbictnnge» in ihrer Trefflichkeit harmonisch züsaminenllangen, bot die Israelitische Frauenkrankenkasse mit der akademischen Feie r anläßlich ihrer 150 jährigen Jubelfeier. Der große Saal der Frankfurt-Loge war bis znin letzten Platz mit einem festlich gekleideten Publikum — in den ersten Reihen die Ehrengäste — besetzt, als der Chor der Westendshnagogc unter der Leitung Frank Rothschild's mit dem Psalm „Herr, wie ist deine Liebe so groß", die Feier eröffnete. Sodann begrüßte Julius Hey man, der Vorsitzende, die Erschienenen und verbreite sich in längerer Rede über die soziale Stellung der Inden im 18. I ahrh n nd crt. Ans Befehl Kaiser Friedrich III. waren die Inden 1462 in besondere Straßen, die von hohen Mauern umgeben wurden und deren Tore sich des Abends schlossen, verbannt worden, in denen sie 334 Jahre blieben. Vorher hatten angesehene Bürger, selbst einmal der Bürgermeister, unter den Juden gewohnt. Das Judenviertel bot in seinem seltsamen Gewirr und mit seinen architektonisch harmonischen Häusern ein sehr malerisches Bild. Doch nicht nur durch ihr Wohnen waren die Juden eingeengt, sie durften verschiedene Straßen und die 'Anlagen nicht betreten, mußten eine besondere Kleidung tragen, den Leibzoll erlegen, und noch bis 1807 war ihnen der Besuch der Kaffeehäuser untersagt. Bis Mitte des 18. Jahrhunderts war ihnen auch Grund: die damaligen Frauen waren in der Erfüllung ihrer Amtspflichten überaus lässig. Die Mitgliederzahl betrug 1761: 170, 1790 : 400, 1817: 682, 1830: 800 und 1910: 1050. Die Familie Rothschild, die viele Zuwendungen machte, stiftete 1826 100 000 Gulden zum Bai: des heute noch bestehenden Krankenhauses und außerdem ein Kapital, das 1200 Gulden Zinsen jährlich brachte. Das Vermögen, das 1815 rund 2400 Gulden betrug, ist heute, nachdem das Krankenhaus ans den Verein überschrieben ist, 670 000 Jf. hoch. Die Ausgaben sind von 15 000 Jh im Jahre 1840, 25 000 M im Jahre 1880 ans 37 000 M. im Jahre 1910 gestiegen. Die 1050 Mitglieder zahlen 14 400 M. Beiträge. Es ertönt nun iviederum Gesang des Chores, und nun folgten die Ansprachen der Vertreter der Behörden und Vereine. Stadtrat Dr. K i r ch h e i »i versicherte im Namen der Stadt deren tvarmes Interesse; Salomon Epstein gratulierte für den Vorstand der israelitischen Gemeinde; Albert C a h n, der Vorsitzende der Israelitischen Männer- Krankenkassc, überreichte der Schwesterinstitution eine Adresse, und Stadtrat a. D. Horkheim er, der die Glückwünsche des Israelitischen Almoscnkasten und der jüdischen Wohltätigkeitsvereine überbrachtc, sprach gleichzeitig den Wunsch Nus, daß eine Vereinigung der gesäurten Frankfurter Wohltätigkeitsvereine zustande kommen möge. Julius H e y m a n, der Vorsitzende, dankte den Gratulanten, und mit dem Chor aus Mendelssohn'» Athalia schloß sodann die Feier. Das F e st e s s e n. Der akademischen Feier folgte am Abend ein Festessen im kleinen Saale der Frankfurt-Loge, an dem sich ca. 50 Herren beteiligten. Von Seiten des Vorstandes und Ausschusses der A«S den Vereine«. Frankfurt a. M. Im Verein „Mekor Chajim" stieg im abgelaufenen Jahre die Zahl der Mitglieder vorr 349 auf rund 400. Auch der Wirkungskreis des Vereines hat sich weiter ausgedehnt und ztoar durch Slufnahme neuer Schiurim, Vergrößerung der Bibliothek und Einrichtung von Freitagabend-Zusamnlenkimsten. Ebenso erwiesen sich die schönen neuen Lokalitäten als eine Anziehungskraft. Die jüngst stattgchabte Generalversammlung tvählte die Herren Ansbacher und Eschwege wieder und Gabriel Plaut neu in den Vorstand. 'Als Delegierte wurden die Herren Harr Y H i r s ch und Max Meyer geloähkt. Fran'snrt a. M. Im Verein „Nachlaß Zwi" sprach A. M. Loeb-Dieburg über das Thema „Der Gesang iin jüdischen Volksleben". Moses' Lied am Roten Meere und vor seinem Tode, das Lied der Deborah, die Psalmen usw. zogen ans der biblische» Zeit, die Piutim usw. aus dem Mittelalter an den Zuhörern vorüber. Zum Schlüsse gedachte Redner der Verschönerer unseres heutigen Synagogengesanges (Lewandowski, Japhct usw.). Frankfurt a. M. Am Sonntag veranstaltete der Verein „T i f e r e s .B a ch u r i m" einen g es e l l i g e n A b e n d. Der Vorsitzende, Wilhelm Rosen, leitete deir 'Abend init einer kurzen Ansprache ein und wies darauf hin, warum der Verein den Chami« scho - Ofer - be - Schewat, den Neujährstag der Bäume, zur Veranstaltung seines geselligen Abends wählte; für Schüler und Lernende war Jahrhunderte lang der Chamischo-Oser ein Hälbfeiertag, an welchem die zum Lernzweck gegründeten Ber- IHM illW Die Krankenhäuser zur Zeit der Gründung. Die im Jahre 1829 erbauten Krankenhäuser (nach einem Stich der Zeit). .MB der Handel sehr erschwert. Kein Wunder, daß unter solchen Verhältnissen das geistige Leben der Juden notlitt rmd ' es zuletzt so weit bei dem Volke der Bücher gekommen war, daß das Aneignen allgemeiner Bildung, ja sogar nur das Lesen eines deutschen Buches verpönt wurde. Doch überraschend schnell trat in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts eine Uniwandlung ein. Das Toleranzedikt Josef II., Moses Mendelssohn's Uebcrsetzung der Bibel ins Deutsche, Lessing's Nathan der Weise, Dohm's lieber die bürgerliche Verbesserung der Juden, durch die der verachtete Jude des Ghetto in den Augen seiner Mitbürger wieder zum ebenbürtigen Menschen erhoben wurde, hatten auch die innere Umwandlung vollbracht. In diesem Jahre sind 100 Jahre verflossen, daß das Ghetto siel; doch die völlige Gleichberechtigung haben wir auch heute noch nicht erreicht. Nachdem der Chor wiederum in Aktion getreten war er sang das Terzett aus Mendelssohn's Elias „Hebe deine Augen auf" —, ergriff Rechtsanwalt Dr. Richard M e r z b a ch das Wort und zeichnete die Entwicklung der Israelitisch en Fr au en-Kr ankenkasse. Er gab in seinem Vortrage zahlreiche kulturhistorisch interessante Einzelheiten. Große geschichtliche Ereignisse sind freilich mit der Entwickelung des Vereins und seiner Institution nicht verbunden; es sei denn ber Posten von 40 Gulden unter dem 30. März 1848 für Illumination und Ausschmückung zu Ehren des Vorparlaments. Ein Protokollbuch ist erst seit 1817 vorhanden. Der Frankfurter Rat war den Israelitischen Krankenkassen nicht immer freundlich gesinnt, 1793 wollte er die bestehenden drei Kassen sogar unterdrücken, denn er glaubte, daß sie mit der Bestimmung, die Mitglieder in Strafe nehmen zu dürfen, in seine Strafhoheitsrechte eingreife; anders der Fürstprimas . Dahlberg, der 1810 in begeisterten Worten ihr Wirken rühmte. Bis 1812 bildeten nur Frauen den Vorstand, 1817 sind es bereits ^12 Männer neben 6 Frauen und später nur Männer; israelitischen Gemeinde waren Th. Epstein, Dr. B a e r w a l d, Dr. Hanauer, von Seiten der Religionsgesellschaft Moritz Baß und Hugo B o n d i erschienen. Die Rabbiner Dr. Seligm (tun, Dr. Lazarus und Dr. Nobel waren anwesend, ferner die Aerzte der Krankenkasse, in erster Linie Geh. Sanitätsrat Dr. Th. Neubürger, der seit 50 Jahren Vertrauensarzt der Anstalt ist. Nachdem man sich zum Andenken der Stifterinnen erhoben hatte, brachte der.Vorsitzende, Julius Heyman, der übrigens anläßlich des Jubiläums mit dem Kronenorden 4. Klasse ausgezeichnet worden ist, den ersten Toast aus. Er betonte, daß das Jahr 1911 ein Jahr der Erinnerungen für die Frankfurter Inden sei. Vor 450 Jahren erging der Befehl, der die Juden in die Enge einer Gasse verbannte. Vor 200 Jahren brach der große Brand aus und vor 100 Jahren erfolgte die endliche Emanzipation. Das Jahr in der Mitte zwischen Brand und Befreiung, ist das Gründungsjahr der Frauen-Krankenkasse. Dann gab er der Freude Ausdruck, Vertreter be-ider Gemeinden vereinigt zu sehen. Wie verschieden auch die Ansichten seien: auf dem Boden rein geistiger Kultur und in der Hochhaltung des Judentums nach außenhin. fände» sich doch die Parteien immer wieder zusammen. Sein Hoch galt beiden Gemeinden. Weitere Trinksprüche wurden u. a. gehalten von Moritz Baß, Rabb. Dr. Seligmann und Lazarus, Stadtrat Dr. Kirchheim, Geh. Rat Neubürger, Sanitätsrat Altschul, Albert C a h n, Dr. M e r z b a ch und Eduard Feist. Herr Meyer-Offenbach trug „Kol nidrei" von Bruch auf dem Cello vor, Herr Naumow verschönte die Feier durch Gesangsvorträge von Beethoven, Haydn usw. Ein Tischlied des Vorsitzenden, das auf die Einanzipationszeit Bezug nimmt, wurde gesungen und fand Viesen Beifall. eine statutengemäß einen festlichen Abend veranstalteten. Den Vortrag des Abends hielt Dr. I. H einemann. Er sprach über die neuesten Ausgrabungen in Palästina. Wir entnehmen aus dem Vortrage als Wesentlichstes: Es sind 75 Tonscherbe» mit kurzen, den Weinhandel betreffenden Inschriften aus der Zeit des Königs Achabs gefunden worden. Bon Wichtigkeit ist: 1. Das Material: die Verwendung der Tonscherben, die in harten! Zustande beschrieben wurden, setzt eine hohe Technik des Schreibens in damaliger Zeit voraus. 2. Die große Menge von Namen, die sich auch in der Bibel finden, weil sie die Glaubwürdigkeit des bibl. Berichtes bis in Einzelheiten beweisen. 3. Der Name „Egeliohu" beweist den Kälberkultus. Es folgte nun der m'usikal.-deklamatorische Teil. D. Wallach wurde seiner Aufgabe in jeder Weise gerecht, indem er außer einigen jüdischen Liedern» die Arie „Lache, Bajazzo" und »Wunderbares Land" mächtig und schön in der Tongebung, wie warm empfunden im Bortrag zu.Gehör brachte. Großen Beifall hatte er mit der Rezitation „Die Werkstatt" von Morris Rosenfeld, der „alte Chasen," und „Der Chosid." Die nächstfolgende Rezitation Friede. Oberdorfer's verriet mehr den Künstler als Dilettanten. Vorzüglich brachte er neben den „Heideknaben" von Hebbel, einige Gedichte u. a. die Rose von Saron und jüdisch humoristische Vorträge. Durch die Deklamation Siegfr. Oppenheimer's, der seine Empfindung für bas Schöne und Gute zum Ausdruck brachte, hörte man einige sehr gute Gedichte, so die Methamorphose, Schlennls Schicksal und andere jüdische» auf innere und äußere Judenfeinde gerichtete Deklamationen. Vorzüglich trug er das ,^Hexenlied" vor, in Begleitung des jungen und feinfühligen, zu großen Erwartungen berechtigenden Künstlers Alfred Penas vom hiesigen Dr. Hoch's Konservatorium. Die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.