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Neue jüdische Presse · 1911-02-03 · Heft 5 (3.2.1911) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 5 (3.2.1911)
Date
1911-02-03
Page
– (sequence 9)
Language
German
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M ilt. 5 des fanfcfatfet IsmckWm FamikMalteL Genialiiiit bei Juden und anderen?) Von Zahnarzt Alfred Lichtwitz in Guben. Der von Köhler in der „Deutschen Montags-Zeitung" über „die Juden" veröffentlichte Artikel hat zwar schon in der „Jüdischen Rundschau" und auch in der „Deutschen Montags- Zeitung" von W i t k o w s k y eine Erwiderung erhalten. Der Artikel von Witkowsky enthält aber meines Erachtens manche Schwächen, führt lange nicht scharf genug manche irrige Angaben Köhlers cid absurdum, ja unterstreicht sie sogar noch, während er die einzig richtige Behauptung Köhlers, daß nämlich „ans der Taufe und dem Uebcrtritt der Juden für die deutsche Nation außerordentliche Vorteile erwachsen können," völlig unnötiger Weise abzuschwächen sucht. Es seien daher auch mir einige Darlegungen vergönnt, bei denen ich mich möglichster Kürze befleißigen werde, ohne auf völliges Erschöpfen des Gegenstandes Anspruch machen zu können. Köhler erklärt: „Die Inden sind eine der begabtesten Rassen, welche die Menschheit erzeugt hat, weniger schöpferisch in großen Genies, aber gesättigt durch eine Uebcrfülle von Talenten usw." Diesen alten Gemeinplatz übertrumpft Witkowsky noch, indem er schreibt: „Durchaus zutreffend hat Geh. Rat Köhler die geistige Eigenart des Juden, im Gegensätze zu der des Germanen, geschildert, den fast vollkommenen Mangel an genialen Naturen und den außerordentlichen Reichtum an Talenten u. s. f." Diese beiden mit kühner Sicherheit aufgestellten Behauptungen möchte ich denn doch auf das richtige Maß zurückzusühren suchen. Und wenn man cs Köhler verzeihen kann, daß er solche unbewiesenen Behauptungen ohne weitere Prüfung nachspricht, muß uns dies bei Witkowsky sehr wundernehmen. Wie steht es 'denn in Wirklichkeit? Sind die Genies bei den Germanen so dick gesät, während man sie bei den Juden mit der Lupe suchen inuß? Ja, was ist denn überhaupt ein Genie? Ich kann an dieser Stelle nicht erschöpfend auf das Wesen des Genies cingehen. Ich möchte nur das eine seststellen, daß nach eingehender strenger Kritik nur ein einziges deutsches Genie gesunden werden 'kann. Dieser geniale deutsche Mensch ist Goethe. — Mit dem Worte „genial" wird ein großer Mißbrauch getrieben, dann aber muß man auch sehr scharf unterscheiden zwischen einem genialen Fachmanne und zwischen einem genialen Menschen. Und nur der letztere Begriff besitzt für die hier behandelte Frage einen Wert. Wohl war Bismarck ein genialer Staatsmann, so wie Disraäli ein solcher war, aber geniale Menschen, geniale Persönlichkeiten im höheren Sinne waren beide nicht. Wohl sind Robert Koch und Paul Ehrlich geniale Forscher, wohl Böcklin, Menzel, Lieber mann, Israels geniale Kiinstler, aber geniale Menschen, nein, das sind sie nicht. Ein solcher genialer Mensch im schönsten Sinne des Wortes, war von allen Deutschen nur Go et he. ein Süddeutscher. Selbst Schill er kann bei einer strengen Kritik nicht bestehen; denn Goethe war weit mehr als nur ein genialer Dichter, diese eine Eigenschaft allein genügt nicht. Ganz schweigen »vollen wir von Richard Wagner; denn Pöbelgenies können bei einer solchen Vergleichung nie mitsprechen. Pöbelhastigkeit kann bei einem genialen Musiker Vorkommen, ein Genie i st auch zugleich ein vornehmer Mensch. Ich glaube, diese kurzen Beispiele werden genügen, um zu zeigen, von welchen Gesichtspunkten aus die Frage nach dem Vorhandensein von Genies iin deutschen Volk beantwortet werden muß. Das deutsche Volk hat ein wirkliches Genie hervorgebracht, ist das etwa viel? Wie steht es nun bei uns Juden? Alle Jahrtausende überdauert eine hochragende Gestalt, fast übermenschlich steht er da — MoseS. Während Jesus als eine mystische Persönlichkeit aus dem Spiele gelassen werden muß, ist die Existenz von Moses 'bisher noch nie angezweifelt worden. Wenn man jedoch die Stiftung des Christentums für eine Tat ansprechen will, die nur von einem wirklichen Genie ausgeführt werden konnte, so -können wir in dem Juden Paulus einen zweiten genialen jüdischen Menschen anführen. Auch in den Propheten des jüdischen Volkes, besonders in Jesaias und Jeremias, haben wir Genies zu bewundern — also wieder Genies jüdischer Rasse. Diese Beispiele mögen genügen, zu zeigen, daß die Behauptung, die Juden hätten weniger Genies *) Zu dein mehrfach erwähnten Kohler'schen Artikel in der „Welt am Montag," der viel Aufsehen gemacht und eine große Diskussion in, der jüd. Presse hervorgerufen hat, .erhalten wir die nachstehenden 'Ausführungen. Wir ,sind gern bereit, weitere Aeußerungen auS unserem Leserkerise aufzunehmen und werden selbst Stellung zu dem Artikel nehmen. D. Redakt. hervorbringen können als andere Rassen, eine völlig haltlose ist. Vergleicht man nur Juden und Deutsche, ergibt sich sogar ein Plus auf seiten der Juden. — Bei dieser Gelegenheit möchte ich zugleich auch Köhler antworten, warum die Juden nicht imstande sind, aus Ueberzeugung —> und darauf kommt cs an — zu einer der christlichen Konfessionen überzutreten. Die Antwort kantet ganz kurz: Weil sie zu klug sind. Sie sind viel zu kritisch veranlagt, um nicht die vielen, vielen Widersprüche . klar zu erkennen, die auch das protestantische Christentum noch enthält. Wenn Köhler den großen Nutzen eines jüdischen Einschlages für die deutsche Nation betont, so gebe ich ihm voll und ganz recht. Und wenn er sich die Ansicht von H a m e r l i n g zu eigen macht, der da ausführte: „Falls inan die Juden sämtlich nach Palästina verbrächte, so würde das finanzielle Leben in Deutschland so veröden, daß man sie gern wieder herbeiholte," stimme ich ihm auch bei. Ilber der Nachsatz: „Und umgekehrt würde» ihre unternehmenden industriellen Geister sich dort in kurzer Zeit so sehr langweilen, daß beiderseits die Rückkehr sehnsüchtig erwartet und schließlich mit braufendenr Jubel begrüßt würde," dürfte wohl sicher nicht in Erfüllung gehen. Ich habe z. B. schon oft gehört, daß Juden aus Deutschland nach England und Frankreich gezogen sind, aber nie umgekehrt. Also warum sollte bei Juden, die frei und geehrt in der Türkei leben, so große Sehnsucht nach den lieben Deutschen herrschen, die den Antisemitismus in der heutigen Form erst aufgebracht haben? Ich möchte den ersten Teil des H a m e r l i n g - s ch e n Satzes »och ergänze», sodaß er, wie folgt lautet: Wenn die Juden sämtlich Deutschland verließen, so würde in Deutschland nicht nur das finanzielle Leben so veröden, daß nran sie gern.wieder herbeiholte, sondern cs würde auch das gesamte politische und wissenschaftliche Leben stagnieren, zum mindesten .aber degenerieren. (Man denke an Spanien und Portugal.) Wir Juden aber wollen dem Deutschtum nicht den Gefallen tun, daß wir ihm durch Assimilation und Mischehe wertvolle Bestandteile' zuführen und selber zu existieren aufhören; denn wir sind stolz darauf, daß unsere Väter schon vor Jahrtauscntzen ein Kulturvolk bildeten, als die Germanen noch halbnackt, nur mit Fellen bekleidet, im Urwalde hausten und die erschlagenen Feinde verzehrten. Wir Juden glauben, daß wir es unseren besonderen Fähigkeiten verdanken, daß wir vor Jahrtausenden bereits eine Kultur hatten, die höher war als die, die ein christliches Volk vielleicht jemals erreichen wird. Darum wollen wir der unberechtigten Uebcrhebung der arisch-christlichen Völker den Stolz auf unsere Abstammung, auf unsere Geschichte und auf unsere Taten entgegensetzen! Darum wollen wir .unseren Vätern nachstreben, um ihrer würdig zu sein! Wir wollen bleiben ein Bollwerk der Gerechtigkeit; denn Gerechtigkeit gibt es nicht bei den deutschen Völkern. Wir wollen alle Assimilationsvcrlockungen fest von uns weisen; denn wir wollen höher schreiten, nicht niedriger. Wir wollen Fortschritt, nicht Rückschritt! Aus de« Vereinen. Frankfurt a. M. Am letzten Samstag fand die Generalversammlung des Zentralvereins isr. Gemeindemitglieder statt. Dem Berichte des Vorsitzenden, Dr. W i l h. Hanauer, entnehmen wir, daß der, Verein im abgelaufenen Jahre 6 Versammlungen abhielt. Die wichtigsten Beratungsgegenstände waren die Revision der Statuten, die Wahlen zum Ausschuß, sowie die Neuschaffung eines Regulatives für die israelitische Gemeinde. Gemeinsam mit dem Freisinnigen Verein wurde eine Kommission eingesetzt, die ihre Arbeiten in zahlreichen Sitzungen so gefördert hat, daß der Entwurf des neuen Regulativs nun in Bälde fertiggestellt sein wird. In den meisten Punkten ist eine Einigung erzielt worden. Zn bearbeiten sind im wesentlichen noch die Kultusangelegenheiten. Sobald der Entwurf fertig ist, wird er der Mitgliederversammlung zur Beratung vorgelegt werden. Bernhard Heimann erstattete den Kassen-Bericht, der erfreulicher Weise in diesem Jahr mit einein Ileberschuß abschließt. Für das Propagandakomitee berichtete Herr Spiro. Derselbe konnte über einen stattlichen Zuwachs von neuen Mitgliedern berichten. Dem Vorstände wurde Entlastung erteilt und ihm der Dank des Vereins für seine erfolgreiche und . ersprießliche Wirksamkeit ausgesprochen. In der Diskussion zunr Jahresbericht wurde mehrfach betont, daß die gesetzliche Festlegung der Ritualkvmmis fron im neuen Regulativ conditio sine qua non für die Annahme desselben sein müsse. Die V o r st a n d s w a h l ergab die Wiederwahl des bisherigen Vorstandes per Akklamation. Derselbe besteht aus den Herren: Dr. Hanauer (1. Vorsitz.), Dr. Heinemann (2. Vorsitz.), Hugo Fränkel, Eli Michael, Bernhard Heimann, Hermann Schwab, A. Levi, I. L. G o i t e i n und Reis. Als Revisoren wurden gewühlt : Jakob Levi und Willi Mainz. Zuin Schlüsse wurden noch Gemeindeangelegenheiten besprochen und berichtet, daß mit dem Neubau des Hospitals nunmehr bald begonnen werden tönne, nachdem ein erheblicher Teil der Kosten durch freiwillige Beiträge gezeichnet nmrde. Die Rcligionsschule anlangend, so wurde die Reorganisation derselben als dringend bezeichnet. Frankfurt a. M. Am 10. Januar fand die Generalversammlung des Vereins „I ü - di sch e Bibliothek und Lesehalle" in der neuen Lesehalle, Langestraße 33, statt. Der Vorsitzende, Rabbiner Dr. Lazarus, begrüßte die Anloesendeir ilnd berichtete eingehend übex die Tätigkeit des Vereins, die als erfreulich zu bezeichnen ist; die Zahl der Besucher nimmt stetig zu, sodaß die Räume der Lesehalle sich als unzureichend für die große Zahl der Leser erweisen. Herr G o i - t e i n erstattete den Kassenbericht. Der Bestand der Bibliothek beträgt 2006 Bände (273 Neuerwerbungen), die Zahl der Entleihungen betrug 1188; iu der Lesehalle liegen 41 Zeitungen auf (30 deutsche, 4 hebräische^ 3 Jargon, 3 englische, 1 russische). Die Zahl der Besucher betrug 10 288 gegen 5502 im Jahre 1806 (dem ersten Jahre nach der Gründung). Nach einer kurzen Diskussion wurde dem Vorstand Decharge erteilt; er wurde per Akklamation wiedergewählt. Wie aus der stetig wachsenden Besucherzahl hervorgeht, wächst das Interesse für die jüdische Bibliothek und Lesehalle immer mehr. Die vorhandenen Mittel jedoch hemmen die freie Entwicklung der Bibliothek außerordentlich. Es ist daher die unbedingte Pflicht der hiesigen jüdischen Bevölkerung, die Bibliothek materiell und durch Büchergöschenke tatkräftigst zu unterstützen. Aus der zionistische» Bewegung. Frankfurt a. M. Am 7. Februar, abends 8^/t Uhr, ivird in einer von den beiden hiesigen Zionistischen Ortsgruppen veranstalteten öffentlichen Versammlung (Kausmännisches Bereir.shaus, Eschenheimer Anlage) Frau Rosa Melzer -Lemberg über das Thema: „Die Jüdin als Tochter ihres Volkes" sprechen. Zum ersten Male refe-- riert damit in einer hiesigen zionistischen Versammlung eine Frau, sodaß der Vortrag insbesondere für Damen von großem Interesse sein wird. Frau Melzer ist eine bekannte Rednerin und Schriftstellerin. Sie hat unter ihrem Mädchennamen „Rosa Pomeranz" in dem Buche „Im Lande der Not" eine interessante Schilderung des jüdischen Lebens in Galizien gegeben. Sie ist auch die Gründerin des jüdischen Frauenbundes für Galizien und die Bukowina. Darmftadt. Vor einigen Tagen hielt die neugegründete zion. Ortsgruppe eine Sitzung in der Restauration „Cafe Stamm" ab. Die Mitglieder waren vollzählig erschienen und nahmen mit lebhaftem Interesse Teil an den Besprechungen der Bereinsangelegenheiten. Es wurde der Wunsch geäußert, eine jüdische Bibliothek und Lesehalle zu gründen, ein Wunsch, der sich hier in Darmstadt schwer verwirklichen lassen wird. Ch. Schönberg. Duisburg. Vergangene Woche svrach in der Zion. Vereinigung Parteisekretär Kurt Blumenfeld- Berlin über das Thema „Die Zukunft der Juden." An das glänzende, fast 2 Stunden dauernde Referat schloß sich eine interessante längere Diskussion. M. Bunte Chronik. Eine jüdische Fremdenlegion in der türkische» Armee. Der große polnische Dichter Mickiewicz und . sein jüdischer Sekretär Armand Levy machten 1855, zur Zeit des Krimkrieges, den Versuch, eine jüdische Fremdenlegion für die türkische Armee anzuwerben. In der „Jeune Turc" lesen wir hierüber: „Die Idee Mickiewicz' war, daß die Juden, die trotz scheinbarer Assimilation ihren nationalen Charakter zu erhalten vermochten, imstande wären, eine bewaffnete Macht im Dienste der Türkei zu bilden, für welche alle Israeliten Dankbarkeit empfinden müßten. Mickiewicz wollte nicht nur seine Nation, sondern auch alle anderen Nationen sich zum Lichte und zur Gerechtigkeit erheben lassen, aus diesem Grunde wollte er, der die Lage der^- russischen und polnischen Juden kannte, ihnen zur Wiedererrichtung jenes nationalen Ideals verhelfen. 4280

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