Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 2 (13.1.1911)
- Date
- 1911-01-13
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Mage M ilt. 2 ck« Esra. Der Verein „Esra" veranstaltet Dienstag, den 17. Januar hier eine größere Kundgebung, Im Anschlüsse daran erscheint es uns für notwendig, auf die Bedeutung und Aufgabe dieser Vereinigung hinzuweisen. Der Verein Esra —, also heißt es in der Einleitung zu der im vorigen Jahre erschienenen Festschrift des Vereins zu seinem 25 jährigen Jubiläum — hat den Zweck, den Strom der jüdischen Auswanderer von dem christlichen Westen nach den Ländern des mohammedanischen Orients, speziell nach Palästina und Syrien, abzulenken. Wege: Da in genannten Ländern weder Industrie noch Handwerk so entwickelt sind, daß sie einer größeren Anzahl von jüdischen Einwanderern als Nahrungsquelle dienen könnten, so bleiben diese vorerst auf die Erzeugung von Artikel ersten Bedarfs, also auf die Beschästigung mit der Landwirtschast angewiesen. Landwirtschaftliche Produkte gedeihen in Palästina überall, wo nur Luft und Licht, Wasser, und Wärme der fleißigen Menschenhand reichlich. zu Gebote stehen. Daher sind die besten Männer im Judentum seit bald 30 Jahren ernstlich bemüht, in Palästina jüdische landwirtschaftliche Kolonien zu errichten. Schon sind daselbst gegen 43 000 da Lanir in jüdischen Besitz übergegangen, auf welchem 33 größere und kleinere Kolonien begründet worden sind. Nicht weniger als 7500 jüdische Flüchtlinge ails Rußland, Galizien und Rumänien haben in denselben Obdach und Ruhe, sowie eine ehrenvolle Existenz ass Ackerbauer gefunden. Und weitere Tausende von Juden könnten noch in den bereits bestehenden Kolonien als'Landarbeiter Unterkunst finden. dazu ist aber erforderlich der Bau von Arbeiterwohnungen: Denn die klimatischen Verhältnisse des Landes nötigen die Bauern in Palästina, dauernd eine Lroße Anzahl fremder Arbeiter zu beschäftigen. Bislang Mußten diese Hilfskräfte ans den umliegenden Dörfern entnommen werden. Der Verein ^,Esra" ist nun bemüht, in den bestehenden Kolonien Wohnungen für jüdische Arbeiter zü bauen und so den Kolonisten zu ermöglichen, die Tausende in den Kolonien beschäftigten arabischen Arbeiter, durch jüdische zu ersetzen. Mit dieser seiner Tätigkeit hat der Verein „Esra" nun bereits vor 26 Jahren begonnen, eine Anzahl Jahre also noch vor der Entstehung der zionistischen Bewegung. In dieser Tatsache beruht das eine große Verdienst des Vereins. Er hat als erster unter der deutschen Judenheit den Gedanken von der Kolonisation Palästinas vertreten und ein beträchtliches zu seiner Verbreitung beigetragen. Wenn nun auch diese agitatorische Seite seiner Tätigkeit dem Verein von ‘ der zionistischen Bewegung abgenommen wurde, so hat der „Esra" deswegen nichts an Bedeutung verloren. Gegenüber dem Zionismus, der als großzügige und ideale Volksbewegung notwendigerweise mehr Gewicht auf seine agitatorische und propagistische Tätigkeit legen mußte, hat der Verein „Esra" in der ganzen Zeit seit der Gründung des Zionismus still, geräuschlos, aber unablässig gearbeitet. Und wenn auch natürlich der „Esra" einerseits infolge dieser seiner Geräuschlosigkeit, andererseits aber infolge seiner begrenzten Ausbreitung — er erstreckt sich nur auf Deutschland' — nicht den Erfolg haben konnte, den der Zionismus zu verzeichnen hat, so ist die Wirkung seiner 25 jährigen Tätigkeit darum doch von erheblicher Größe und Bedeutung, und die Forschung seiner segensreichen Arbeit für die Kolonisation Palästinas ist heute unentbehrlich. Seiner Bedeutung nach hat aber der Verein „Esra" bis heute noch nicht die genügende Unterstützung seitens der deutschen Judenheit gefunden. Jeder deutsche Jude — welcher Richtung er auch, ängehöre — kann und muß an dem Verein, der frei von aller politischeil und parteilichen Färbung ist, teilnehmen. All die vielen deutschen Juden, die heute der zionistischen Bewegung ihrer Nationalen .Grundidee wegen noch nicht beitreten wollen, was' kann sie davon abhalten, dem „Esra" ihre Unterstützung zu entziehen? Vielleicht hängt dieses verhältnismäßige noch ungenügende Interesse, das der „Esra" bei der deutschen Judenheit gefunden hat, mit ^seiner geringen Propagandatätigkeit zusammen. So können wir es nur begrüßen, wenn der „Esra" hier in Frankfurt mit einer größeren Kundgebung hervortreten will, und wir hoffen im Interesse der palästinensischen Kolonisation, daß der .Erfolg seinen Erwartungen voll und ganz entsprechen wird. Sehr geehrte Redaktion! In dem Artikel „SSie Epigonen das Jubelfest der Alliance begehen" (Nr. 40 Ihres geschätzten Blattes vom .23. Dezember, Seite 2, Spalte 3) .finden wir verspätet/did folgenden Ausführungen: ,/Oie Reinachs Ind. es, die. die Einheit zu zu zerstören .suchen., und Streit und Hader in der Judenheit säen und so kam daß die anderen Müder sich / nach und .nach von der tir Pariser Zentrale loslösten. England und Oesterreich haben sich schon längst getrennt, die einzigen, die zil dem universellen Charakter’ der Alliance unter den schwierigsten Verhältnissen treu gehalten haben, waren die Juden Deutschlands." Der obige Passus könnte die Auffassung erwecken, als ob die Juden Englands und Oesterreichs sich durch „Streit und Hader" veranlaßt gesehen hätten, sich von der Mliance Jsraelite Universelle zu trennen. Das ist keineswegs der Fall. Wir gestatten uns, ans die Verösfentlichung in Nr. 12 von Ost und West, Jahrgang .1907, Seite 792/93 ergebenst hinzuweisen. Dort ist ausdrücklich gesagt und belegt, daß die „Anglo-Jewish-Association tu connection with the Alliance Jsraelite Universelle, wie der volle und richtige Name lautet. 1871 entstanden ist aus der Besorgnis, der Krieg von 1870/71 möchte den Fortgang des segensreichen. Werkes der Alliance Jsraelite Universelle stören. Um dieser Möglichkeit zu begegnen, um das Werk der Alliance anfrechtznerhalten, - hat die Anglo-Jewish-Association sich gebildet." Was d.ie Israelitische Allianz zu Wien betrifft, so hat sie „sich 1873 gebildet, einfach weil das österreichische Staatsgesetz die Bildung von Komitees einer Gesellschaft verbietet, deren Zentralsitz sich außerhalb Oesterreichs befindet. Dieser gesetzlichen Vorschrift mitßte natürlich Folge gegeben werden. In Ungarn gilt das eben erwähnte österreichische Staatsgesetz nicht, hier, bestehen die alten Alliance- Komitees fort." Sie wiirden uns durch Aufnahme dieser. Berichtigung zu Dank verbinden. Mit ausgezeichneter Hochachtung Deutsche Konferenz-Gemeinschaft der A. I. U. Justizrat Max Fuchs stellvertr. Präsident. Mit unserem in Nr. 49 erschienenen Artikel: „Wie Epigonen das Jubelfest der universellen Alliance begehen" wollten wir durchaus nicht den Werdegang der A. I. U. geschichtlich festlegen, sondern lediglich unser Bedauern über die Geschäftspraxis der A. I. U., die verderblicher und dezemierender Natur ist, zum Ausdruck bringen. Daß dem so ist, bedarf keines näheren Beweises. Schon der bloße Hinweis aus die Pariser Beschlüsse und die Behandlung des Präsidiums der D. C. G. am 30. November genügt, um die Richtigkeit unserer Behauptung zu beweisen. Was die Ausführungen des Artikels von „Ost und.West" betrifft, so liegt uns leider jene Nummer nicht vor. Wir vermögen jedoch nicht einzusehen, was eine jüdische Körperschaft mit einem Krieg von zwei christlichen Nationen zu tun hat, es .sei denn, daß die A. I. U. eine rein französische Institution ist und als solche angesehen wird. Doch zugegeben, daß der Krieg es war, der zur Gründung des „Anglo - Jewisch- Association" beitrug, bleibt die Frage offen, weshalb man noch jetzt — nach 40 Jahren — eine besondere Organisation bestehen läßt. Wenn Paris so gut funktioniert, so sollte man doch alles ihm überlassen, auch die besonderen Landesbediirfnisse. Bezügl. Oesterreichs ist es eine Tatsache, daß es dort eine zionistische Organisation gibt, deren Zentrale in Deutschland ist. Zum Schluß noch eine Bemerkung: wenn wir die Verhältnisse innerhalb der Alliance so aufmerksam verfolgen, so geschieht es nur, weil wir das lebhafteste Interesse für das Gedeihen der Alliance und die Erhaltung des großen Alliancegedankens haben. D. Redaktion. AuS den Vereinen. Frankfurt a. M. Der g'änzend besuchte Vortrags-Abend zu Gunsten des Heimes des Jüdischen Frauenbundes bereitete den Freunden dieses so notwendigen Institutes frohe Stunden, denn er führte ihm eine stattliche Summe zu und — was noch wichtiger ist — klärte auf über das Wirken des leider mitunter verkannten, weil nicht gekannten Heimes. lieber dieses Wirken sprach, nachdem der Chorgesang unter Leitung Siegfried Würzburgers verklungen war, Dr. I. Heinemanu. Wie es für körperlich Unterernährte Sanatorien gebe, so sei hier ein Sanatorium für sittlich Unterernährte errichtet worden, das durch seine Erziehung sittlich Gefährdete vor dem Straucheln bewahren solle. Als Heim für Gefallene, wie manchmal gemeint wird, sei die Anstalt nicht bestimmt. Für jedes Mädchen werden 30 M monatlich verlangt, während die Selbstkosten 60 JL betragen. Die hierdurch erforderliche große materielle Anstrengung bedinge das Interesse weitester Kreise, denn bisher mußte blutenden Herzens manch ein Mädchen zurückgewiesen und damit einem traurigen Schicksal überlassen werden. Nunmehr sang Fräulein Clara Lion, deren Stimme «ine sichere Beherrschung der Gesangs- FmiKMaites. technik zeigt, und dann ging das bereits vor Jahren geschriebene Schauspiel Frl. Bertha Pappenheims, der unermüdlichen Führerin der jüdischen Frauenbewegung, über die Bretter. Eine eigens von Max Bertuch hierzu komponierte Musik begleitete die Ausführung und führte die Zuhörer einleitend in die Stimmung des Stücks ein. Der Komponist dirigierte selbst. Ein Tanz von Bauern und Bäuerinnen — Clara Goldschmidt, Hertha Jacoby, Recha und Sidonie. Scheuer, Aschenbrand, Gerhard Horwitz, Moritz Michel, Heinz Levy u. Charles Frankenheu z e — machte den Anfang, als der Vorhang aufging. Und dann spielte sich, schnell aufeinanderfolgend, in dreimaligem Szenenwechsel die Handlung ab. Die erloschene Liebe des Bauern Janko (D. Alfred C a r l e b a ch) zu der von ihm verführten Tochter des Rabbi (Nelly Bamberger) und seine glühend erwachte Liebe zu der Bäuerin Aranka (Else Adler) führen zur Verwicklung und Katastrophe. Janko tötet sein Kind, um die Hand der Geliebten zu erhalten und beschuldigt sodann die Juden des Ritualmords. Er will als Anführer der Bauern die Synagoge stürmen, wird aber iin kritischsten Moment von Aranka der Tat überführt. So kurz die Handlung, die die Dichterin geschickt und in edler Sprache aufgebaut hat. Die auf einer Dilettantenbühne selbstverständlichen Mängel konnten jedoch die Frage nach der theatralischen Wirkung des Stückes nicht zur abschließenden Beantwortung bringen. Frankfurt a. 4K. Verein für jüd. Geschichte und Literatur. — In seinem Lichtbiürervortrage ,Kulturbestrebugen in Palästina einst und jetzt" zeigte Seminarlehrer David Pellin-Krysalem die rapide Entwicklung der dorngen kulturellen jüdischen Zustände während der letzten drei Jahrzehnte. Moses Montefiore, Albert Cohen, Ludwig August Fränckel sind die Namen der Männer, denen der Anstoß zn diesem Fortschritt zu verdanken ist. Den hervorragendsten Einfluß hatte jedoch die Lämelschule, nachdem der von dem unvergeßliche» Rabb. Dr. Horovitz gegründete Frankfurter Hilfsverein zur Erziehung palästinensischer Waisen „Sernaan Zion" sie übernommen und ihr ein Lehrerseminar, angegliedert hatte, und der Hilfsverein der deutschen Juden mit seiner Gründung von mustergiltigen Kindergärten und Schulen im Anschluß an dieses Lehrerseminar. Der Hilfsverein hat jetzt sein Werk durch Errichtung einer technischen Hochschule gekrönt, die in Bälde in in Haifa eröffnet werden wird. Frankfurt a M Im Berein „Nachlaß Zwi" sprach Rabb. Dr, Mark-Berlin über den Begriff der Ehre im Judentum. Er betrachtete diesen Begriff im allgemeinen und zeigte dann, wie hoch der Begriff.der Ehre im Judentum gewertet wird. ,Lowaud" wird sowohl für Ehre, als für Seele und Gott gebraucht. Der Maßstab für das, was für den Juden Ehre ist, gibt das Thorageseh. Frankfurt a. M. Sonntag, den 8 Januar eröffnete der Verein „Tiferes Bachurtm" sein neues Jahr mit einer Rede Rabbiners Dr.. N o b e l. Der ehrwürdige Redner gab zu dem ersten Abschnitt der „Schemannoh-esreh" gedankenreiche Worterilarungen, woran er tiefe und originelle Gedanken über die verschiedensten Probleme der jüd. Weltanschauung anschloß. Es ist uns unmöglich, hier auch nur annähernd die einzelnen Gedanken wiederzugeben, die eine genauere Behandlung erfordern. Am Schlüsse seines Vortrages wies der Herr Rabbiner aus die wunderbare Schönheit und Tiefe unserer Gebete hin, die ihnen jedoch nur in ihrem hebräischen Originale zukommt. Er schloß daraum eine warme Mahnung an die Zuhörer, stets für die Beibehaltung der hebräischen Sprache in den Gebeten einzutreten. Persoualien« Kleine Mitteilungen. Frankfurt a. M. P,okeffor Ehrlich erhielt den russischen Annenorden .1. Klasse mit Brillanten, eine Auszeichnung, die bisher von Gelehrten nur Pasteur zuteil geworden ist. Berti». Hl« verstarb Jnirns Fräenkel, der langjährige Schatzmeister des Vereins für jüdische Geschichte und Literatur. Der Heimgegangene hat auch eine Reihe von Jahren der GemeindeunterpLHnngs-Kommisnon des Deutsch-Jsraelit. Gemeindebund es "und dem Kuratorium des jüdischen Knrhospitals rn Bad Warmbrrmn angehört. Mannheim. Die Mitinhaber d« Zigarrenfabriken Hoeber-Mandelbanm dahier wurden von der Gemeinde Oberhausen zu Ehrenbürgern ernannt. (L.) Posen. In Krojanke verschied der Kauf mann Cohn> Beigeordneter der Stadt. — Dem Kaufmann Louis Krouheim in Bromberg wurde der Charakter afö Komin issionsrat verliehen, t—, i In Hohensalza ist der Fabrikbesitzer Dr. Levy zum Studtverordnetenvorsteher wiedergewählt worden.