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Neue jüdische Presse · 1910-11-11 · Heft 43 (11.11.1910) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 43 (11.11.1910)
Date
1910-11-11
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Der Frankfurter Mädchen-Club. ■ ©eit mehreren Jahren schon verfügt der Frankfurter Mädchen-Klub, dank dem Entgegenkommen des Israel. Hilfvereins und der tatkräftigen Hilfe des verstorbenen Herrn Eh. Hallgarten, über ein eigenes geräumiges und behagliches Heim. Sobald die Feierabendstunde herangekommen ist, zieht reges Leben in die Tagsüber stillen Räume. Schon auf der Diele bietet sich dem abendlichen Besucher ein erfreulicher Anblick: An langer, freundlich gedeckter Tafel nehmen die jungen Mädchen, die kein eigenes Heim haben, ihr billiges, aber nahrhaftes und schmackhaftes streng rituelles Abendbrot ein. In den rings um die Diele liegenden teils kleineren, teils sehr großen Räumen beginnt indessen allmählich die Arbeit. Hier wird geschneidert, dort wird der Hut -für die neue Saison unter sicherer und nie ermüdender Anleitung zurechtgemacht. Im Nebenraum findet wöchentlich einmal die Ausgabe der zahlreichen und guten Bücher der Klubbibliothek statt. Alles, vollzieht sich in bester Ordnung und streng den Satzungen entsprechend, sodaß schon allein dadurch das Beispiel zu den weiblichen Tugenden der Ordnungsliebe, - der Pünktlichkeit und der Gewissenhaftigkeit auf die Mitglieder erzieherisch wirken muß. Die großen Haupträume dienen hauptsächlich der Erteilung des wissenschaftlichen Unterrichts. In erster Linie werden alltäglich deutsche Stunden erteilt, und gar manches junge Mädchen, das nach Frankfurt kam, ohne etwas anderes, als sein heimatliches Idiom zu sprechen, ja ohne jemals Unterricht genossen zu haben, wird hier in verhältnismäßig kurzer Zeit im Schreiben, Lesen usw. soweit gefördert, daß es "-von der Stelle einer niederen Arbeiterin zu einein höheren Posten und dltzu auch zu höherem Einkommen gelangen kann. Außerdem werden französische und englische Stunden erteilt und Maschinenschreiben und Stenographie gelehrt; in einzelnen Fällen wird auch Klavierunterricht gegeben." Größter Beliebtheit erfreuen sich die Zeitnngslesestunden unter bewährter Leitung, auch fehlt es nicht an fortgeschrittenen Schülerinnen für Literatur- und Kunstgeschichts- Unterrichts, sowie für Deklamationsstunden. Es ist eine Freude zu sehen, mit welcher Hingabe die freiwilligen Hilfskräfte ihres Amtes walten und mit welch regem Anteil und welchem Eifer die Mädchen, die doch zumeist' einen angestrengten Arbeitstag hinter sich haben, sich am Unterricht beteiligen. Abend für Mend wirb fleißig gearbeitet, und der Segen, der von dieser stillen Tätigkeit 'ausgeht, läßt sich nicht ermessen. Die Klubmitglieder fühlen einander durch ein starkes Band der Gemeinsamkeit verbunden; sie find geschützt vor allen Gefahren, an denen das Großstadtleben — gerade für die Alleinstehenden und Heimatlosen — so reich ist. Ein besonderes Verdienst des F. M. C. ist neben seinen Leistungen auf erzieherischem und unterrichtlichem Gebiet die sorgfältige Pflege einer edlen Geselligkeit. Im Sommer werden an den' Svnntagnachmittagen gemeinsame Ausflüge unternommen; im Winter bietet der Klub häufig gesellige Veranstaltungen verschiedenster Art. Getreu diesen Gepflogenheiten wurde am 30. Oktober die diesjährige Wintersaisvn mit einem frohen.Oktoberfest eröffnet. Schon lange vor dem offiziellen Beginn des Festes, herrschte ein fröhliches Treiben in den sonst der ernsten Arbeit geweihten Räumen. Um den Charakter des „bunten Abends" schon äußerlich hervortreten zu lassen, waren die meisten jugendlichen Klubmitglieder in Kostüm erschienen. Muntere Tirvlerinnen vertrugen sich aufs Beste mit feurigen Polinnen, ein stattlicher „Schutzmann" waltete von Zeit zu Zeit energisch seines freiwilligen Amtes, fröhliche Marketenderinnen eilten geschäftig hin und her, Blumenverkäuferinnen, Postillions und eine ganze Reihe bunter Gestatten ließen das Bild höchst malerisch und abwechslungsvott erscheinen. Selbst die Damen des Vorstandes hatten es zur Freccde der Jugend nicht verschmäht, in Kostümen zu-erscheinen, und neben der seierlichernsten Gestalt der Relbezin aus Galizien wirkte ' eine stattliche „Koscher-Würstl- Berkäuferin" doppelt drastisch. Ueberall gab es zu sehen und zu hören. Ein-Bücherstand bot zu Spottpreisen — das „Geld" bestand aus reichlich zur Verfügung gestettten Kärtemnünzen — beste Lektüre; am Bilderstand, wo allerlei Hübsches zu haben war, herrschte zeitweise ein nicht zu bewältigender Andrang. Dazwischen lockte der redegewandte. Ausrufer einer -Menacherie — ein junger Anwalt, der seine Beredsamkeit für den Abend in den Dienst der güten Sache gestellt hatte — zahlreiche Zuschauer in seine höchst abenteuerlich ausgestattete' Bude, deren Inhaberin einen Teil der dort zu sehenden, originellen Wundertiere herumzeigte, um die Neugierigen anzulocke». — Humoristische Solovorträge, die im Lause des Abends geboten wurden, legten ein beredtes Zeugnis für den Erfolg des dekla- . matorischen Unterrichts ab; ein Amateurhumorist verstand es meisterhaft, die Lacher auf seine Seite zu bringen. Und gar die Schnadehupfle zweier Tirolerpaare, in denen allerlei vom Klub, den Mitgliedern und den Borstandsdamen ausgeplaudert wurde, fandenstürmischen Beifall, ebenso auch die von allen gemeinsam gesungenen Verse zu höchst originellen Illustrationen. Dazwischen erklangen muntere Tanzweisen, und die Tänzerinnen zeigten, daß die Tanzstunde des Klubs mit Erfolg erteilt wurde. Kein Mißton störte das frohe Fest, und alle, die teil an ihm genommen, werden mit Befriedigung gern an diesen Abend zuruckdenken. Die Veranstalter werden.durch den Erfolg zu neuer freudiger Arbeit angeregt und die Teilnehmerinnen nehmen ein gut Teil Lebensfreude mit sich,, und das Erinnern an dies heitere Pktoberfest wird noch lange in ihnen leben und wie ein goldener Oktobersonnenstrahl manch grauen Arbeitstag freundlich erhellen. Aus der zionistische« Bewegung. Frankfurt a. M. Die zion. Jugendgruppe .veranstaltet Dienstag, abends 9 Uhr, im Kursaale Milani, Seilerstraße, einen „Jungjüdischen Abend", mit einleitendem Vortrag und Rezitationen. Lffenbach. 6. Nov. In einem bis auf den letzten Platz besetzten Saal sprach hier heute Mend Herr Martin Levigard-Frankfurt a. M. über das Thema: „Der Zionismus, was er geleistet und zu leisten" hat." Redner rollte ein großes, farbenreiches Bild vor unseren Augen auf. Er schilderte zunächst die traurige geisttge Lage der Juden, insbesondere der westeuropäischen Juden, vor dem Entstehen des Zionismus. Die wohl gutgemeinte und gewissermaßen nicht nutzlos gewesene Uebertragung der Bibel ins Deutsche durch Mendelsohn habe leider eine ungeahnte, tief tragische Folge zu verzeichnen gehabt. Es sei dies nämlich der schreckliche Verfall des Hebräischen! Ein Nebel, unter dem die deutsche Judenheit noch heute viel, sehr viel leidet. — Und mit dem jähen Schwinden des Hebräischen ging auch bald der wahre Sinn, das warme Interesse für's Judentum verloren. Eine immer größere Dimensionen annehmende Starrheit und ein monotoner Jndifferenttsmus bemächtigte sich vieler. Und so kam das Atterschrecklichste: die Assimilation! . In dieser traurigen.Zeit tauchte der Zionismus wie ein rettender Engel, auf. Und in der Tat! Mit ihm kam Rettung! Sein Wahlspruch besaß die göttliche Kraft, Hunderte und Tausende, die bereits auf der Schwelle der Taufe gestanden, zu begeisterten Juden zu bekehren. Das war die erste unendlich große Leistung des Zionismus. Und diese Arbeit der Stärkung des Judentums wird noch immer fortgesetzt. Jeder zionistische Vortrag, jedes zionisttsche Zusammenkommen bilden — wie unbedeutend dies manchem erscheinen mag — in der Tat ein ganzes, umfangreiches Kapitel zionistischer Tätigkeit, da in der Regel jede zionisttsche Veranstaltung dem Zionismus und dem Judentum neue Anhänger und Freunde zuführt. Nachdem Redner nun von der praktischen Arbeit des Zionismus, von der Kolonisation in Palästina, von dem Bank- und Schulwesen und von dem grandiosen Plane Dr. Franz Oppenheimers gesprochen hatte, schloß er seinen Vortrag unter stürmischem, anhaltendem Beifatt. —- In der Debatte sprachen sodann N. Goldmann, Redakteur Saly Geis, Fritz Selka- Frankfurt und Wodowski-Osfenbach. v—t. Köln. Die für den 22 November anberaumte- Sitzung deS Aktionskomitees findet nicht in Köln, sondern in Berlin (Elite- Hotel) statt. Aus de« Vereinen. Frankfurt a 8R- Der Verein für jüd. Geschachte und Literatur erösfnete sein Wintersemester unter verheißungsvollen Auspizien: der große Saal der Frankfurt-Loge — er faßt 500 Plätze — war vollbesetzt. Als Redner war für den Abend der abessynische Forschungsreisende Dr. Faitlowitsch gewonnen worben, der die Falaschas, Juden, die wahrscheinlich schon zur Zeit des ersten Tempels aus ihrem Heimatslande ausgewandert sind und allmählich vergaßen, daß es außer ihnen noch Inden giebt, zum Gegenstände seiner durch Lichtbilder unterstützten Ausführungen machte. Die Falaschas sind in kümmerlichen sozialen Verhältnissen lebende Ackerbauer, und Handwerker — die Töpferkunst betreiben nur sie in Messynieu —, die hebräische Sprache haben sie vergessen, und die seit 1860 in Abessynien tättge protestanttsche Mission hat Zehntausende von ihnen der Taufe zugesührt. Um diese zersprengten Juden zu retten, hat sich unter der Leitung Oberrabbiners M a r gu l i es -Florenz ein Komitee gebildet, das hauptsächlich die Errichtung einer jüdischen Wanderschule für die Falaschas ins Auge gefaßt hat und zur Ausführung dieses Planes der materiellen Beihilfe weiter jüdischer Kreise bedarf. Nach 'dem Vortrage richtete I. L. Gortein einen feurigen Appell an das Publikum, die'. Falascha-Frage ernst im Auge zu behalten und das wichtige Werk zu fördern. — Es sei an dieser Stelle aus das vorzügliche Winterprogramm — siehe Inserat in der heuttgen Nummer — aufmerksam gemacht. Frankfurt a M. Der Verein „Tiferes B a ch u r i m" begann letzten Sonntag seine dieswinterliche Tättgkeü. Der Vorsitzende begrüßte die zahlreichen Anwesenden und gedachte nochmals. des dahingegangenen Gründers des Vereins, Rabb. Dr. Horovitz s. A. — Sodann legte Rabb. Dr. I. Horovitz in klarer Weise die Ziele des Vereins dar. Nicht „Naase lonu schem" sei seine Devise; man wolle nicht in der Oeffentlichkeit groß dastehen, sondern man wolle ernste Arbeit lischmo — nur um ihres Zweckes, der Vertiefung in die Geschichte unseres Volkes und die Geistesschätze unserer Literatur willen' — leisten. Richtunggebend für das Wirken des Tiferes Bachurim sei der Ausspruch unserer Weisen „Kabel es hoemmes l'mi scheomro," die Dereinsmitglieder sollten selbst durch Uebernahme von Referaten und rege Beteiligung an den Diskussionen, die sich den ersteren anschließen, Mitarbeiten. —- . Hierauf begann eand. Phil. W. Müller seinen ersten Bortrag über: „Die französische Revolutton und ihr Einfluß auf die soziale Stellung der Juden." Der Redner führte im Verlauf seines in klarer Weise dargebotenen Referates aüs, daß wir uns als Juden deshalb über die Revolutton und ihre Begleiterscheinungen freuen können, da sie zum ersten Male mit dem Gedanken aufräumte, daß „der Jude auch ein Mensch ijt" und nunmehr anerkannt wurde, daß er ein Mensch gleich jedem anderen sei. — Die Juden selbst hatten ihre Lage erkannt und taten Schritte zur Verbesserung derselben. Im Elsaß erreichten sie die Abschaffung des Leibzolles. Die, Mirabau'schen Schriften fanden Widerhall bei seinen Glaubensbrüdern. Es war in erster Linie der Elsässer Jesaia Beer Bing, der sich mit dem Ersuchen zur Lösung der Judenfrage an die Regierung wandte und ein genaues Programm aufstellte, in dem er die Gleichberechtigung verlangte. An dem hierauf ergangenen Preisausschreiben für eine Arbeit, die die Mittel darlegen sottte, „um die Juden in Frankreich glücklicher zu machen," beteiligte sich u. et. der große Talmudist Sattin Hurwitz. Es gelangte daraufhin an die Nattonalversammluitg ein Antrag zu Gunsten der Juden, und auch diese selbst reichten ein Gesuch ein. Beer ließ sich vor die Nattonälversammlung führen und erwirkte die Festsetzung eines Termines zur Regelung der Judensrage. welcher aber schließlich doch nicht genügende Beachtung geschenkt wurde. Es wurde aber erreicht, daß der Magistrat von Paris den Juden gastliche Aufnahme unter Zusprechung aller Bürgerrechte gewährte, welchem Beispiel dann viele andere Städte folgten. Im Jahre 1793 wurde dann der Antrag aus volle Gleichberechtigung der Juden angenommen. Der Vortrag, der mit vielem Beifatt ausgenommen wurde, wird am kommenden Sonntag seine Fortsetzung in einem zweiten Referat des Herrn cand. phil. W. Mütter über „die unter Napoleon geschaffene soziale Lage der Juden" finden. Frankfurt a. M. Ber-in Jwrtab. — Der hebräische Sprachkursus für Anfänger beginnt Sonntag Nachmittag 5% Uhr und der Kursus für Fort-, geschrittene Montag Mend 9 Uhr. Lokal: Hermesweg 25/27. Neumeldungen bei Beginn der Stunde. Frankfurt a. M. Montag, den 7. November, abends fand die erste Bersanimluug des neugegründeten Vereins Jwriah statt. Die Versammlung war stark besucht und zeugte von dem lebhaften Interesse, das in weiten jüdischen Kreisen dem Verein entgegengebracht wird. S. G e i s, der den. Vorsitz führte, eröfsnete die Tagesordnung mit einer Besprechung der Unterrichtsstunden der zwei Kurse, die der Verein errichtet. Es wurden nach längerer Beratung der Ansängerkursus auf Sonntag ö1/«—6T/e Uhr nachmittags, der Kursus für Fortgeschrittene auf Montag 8%—93A Uhr abends festgesetzt. Sodann ergriff N. Goldmann das Wort zu einem längeren Referate. Der erste Teil desselben war einem Nachrufe über A. L. Lewinsky gewidmet, in dem er die Eigenart dieses großen Mannes als Mensch und als Schriftsteller eingehend und Har schilderte. Daran schloß sich eine Würdigung des bekannten hebräischen Dichters und Publizisten I. L. L e w i n, dessen Tätigkeit und Bedeutung vornehmlich in der zwetten Haskalahperiode. er darlegte, woniit er eine Charatteristik dieser Periode, wie der Haskalah überhaupt verband. Nachdem er sodann eine kurze Würdigung des Kritikers A- Papirno, dessen 70. Geburtstag gegenwärtig gefeiert wird, gegeben, ging fr zu

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