Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 21 (3.6.1910)
- Date
- 1910-06-03
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 21. grftÄffutfet WriKMWS FcrmilienVlait. Seite 11. Im 72. Lebensjahre verschied Kürschnermeister Carl Stempel, ein angesehener Bürger unsrer Stadt. — Der Stadtälteste Fsaac Bloch in Kempen wurde anläßlich seines 80. Geburtstages zum Ehrenbürger der Stadt und Ehrenvorsitzenden der jüdischen Gemeinde ernannt. — In Murowana-Goslin und in Obersitzko wurden Synagogencinbrüche verübt und die Spendenbüchsen geleert. — Die Wahl des Kaufmanns und Vorstehers der Synagogengemeinde M a x Z i m m t zum M a g i st - ratsmitgliede der Stadt Schrimm ist bestätigt worden. -t. Metz. In dem nahegelegenen Montignh feierten heute die Eheleute Josef und Caroline Cohen das Fest ihrer goldenen Hochzeit. Der Jubilar, der zu den angesehensten Bürgern von Montigny zählt, gehörte 30 Jahre lang dem Gcmeinderat seiner Gebnrtsstadt an. Oldenburg. Die Tagung des Jüd. Land - Gemeinderats wurde verbunden mit der 25 j ä.h r i g e n Jubiläumsfeier des Mitglieds dieser Behörde Gustav Schwabe -Varel. Landrabbiner Dr. Mannheimer brachte die Wünsche der Olbenburgischen Judenheit, Gemeindevorsteher Joseph- Jever sprach im Namen der Landes-Synagoge, Rabbiner Dr. Rosenak-Bremen im Namen der Kaiser-Friedrich-Loge zu Bremen, Lehrer Beruhe im im Aufträge der Synagogen-Gemeinde Barel, Rechtsanwalt Dr. Klee-Berlin übcrbrachtc dem Jubilar die Grüße der zionistischen Organisation und insbesondere die privaten Glückwünsche des Präsidenten Wolsfsohn. Jni Namen der Zionistischen Vereinigung Bremen sprach Schragenhe im- Bremen. Turin. Moise Guiseppe Treves und LcopoldWolff wurden zu Rittern desitalienischen Kronenordens ernannt. Paris. Oberstabsarzt 2. Klasse May und Äucien Bickert wurden zu Rittern der Ehrenlegion, Oberstleutnant Mayer, Buchhändlcr Felix Alcan, Professor Emile Cahen, Kaufmann Alfred Hirsch und Direktor der „Galeries Lafayettes" A l p h o n f c Kahn zu Offizieren der Ehrenlegion ernannt. New-Aork. Kontre-Admiral Adolf Mar ix Vorsitzender der Leuchtfeuer-Behörde, tritt nach 46jähriger Dienstzeit in den Ruhestand. M a r i x, der in Dresden geboren lourde, verdankt seine hohe Stellung seinen ungewöhnlichen organisatorischen und strategischen Fähigkeiten. Die Marine der Vereinigten Staaten hatte vor ihm bereits schon einmal einen Juden, als Kontre-Admiral, nämlich Edward T. Taussig. Ans der zionistischen Bewegung. Frankfurt a. M. Wie wir erfahren, veranstaltet die Zion. .Vercinigung in: Laufe der nächsten Woche eine große Prote st Versammlung gegen die russ. Ausweisungen, bei der einige der hervorragendsten zion. Redner sprechen werden. Saal und Tag werden durch Plakate bekanntgegeben. s. Berlin. Die Zion. B e r e i n i g u n g hatte zu Dienstag' Abend eine Versammlung-einberufen, um gegen die jüngsten I n d en au s w e i s u n g e u zu protcstiexen. Die Versammlung leitete Dr. W i t k o w s ki-; : :v Der Hauptreferent Rechtsanwalt Dr. Klee berichtete zunächst? kurz über die den Juden neuerdings in Rußland zugefügten Unbill und ging dann dazu über, darzulegen, welche Mittel zur Mhilfe zu ergreifen sind. .Redner erklärte als die einzigmögliche Losung die Emigration nach Palästina, als einer Stätte,' wo jie frei und sicher leben könnten. Die von den großen Organisationen geleistete Hilsstätigkeit sei nur Augenblickshilfe, zwar notwendig, aber ohne eigentlichen Erfolg. Diesen Standpunkt vertraten auch die beiden anderen Redner, Lazarus Barth und Dr. Heinrich Löwe. Beide Redner eiferten gegen die Täuflinge, die die gefährlichsten Gegner sind und ebenso gegen die, die zwar nominell noch dem Judentume angehören, aber gegen cs wüten und ihm raten, den Weihnachtsbaum auszuschmücken. Die Redner wurden oft durch Bravorufe unterbrochen. Zum Schluß lourde eine von Dr. Heinrich Löwe eingebrachte Resolution einstimmig angenommen. Sie hat folgenden Wortlaut: „Die am 30. Mai 1910 im Tiergartenhof zu Berlin, von über 2000 jüdischen Männern und Frauen besuchte Volksversammlung, nimmt mit Abscheu Kenntnis von den gegen die Juden von der russischen Regierung verübten Greuel. In der Erkenntnis, daß moralische Vorstellungen diesem Lande gegenüber persagen, fordert sie die hiesige jüd. Großfinanz, deren Stamm im Judentum wurzelt und endlich alle gerecht und moralisch denkenden Männer auf, der russischen Regierung jede finanzielle Unterstützung zu versagen, solange nicht den Juden die Menschenrechte gewährt werde n." Hamburg. Die Herzlfeier unserer Ortsgruppe, der die Henry Jones-Loge U. O. B. B. in dankenswerter Weise ihren stimmungsvoll ausgestatteten Arbeitssaal für diesen Zweck überlassen hatte, and am 19. Mai unter sehr großer Beteiligung tatt. Ref. Manfred Zadik rezitierte das von Adolf Friede mann verfaßte, in der Passah- Nummer der „Jüd. Rundschau" erschienene Festgedicht. Unser Vorstandsmitglied, der Schriftsteller Richard Huldschiner, hielt die Gedenkrede, die, ein erlesenes Kunstwerk, dem Herzlschen Genius gerecht wurde. Der „Hamb. Correspondent" gab Kinen Lesern den größten Teil der Rede wörtlich ieder, in einem Feuilleton, das betitelt war: „Huldschiner über Herzl". Die weihevolle Feier schloß, indem die Versammlung unter Harmoniumbegleitung die „Hatikwoh" anstimmte. K. Aschaffenburg, 24. Mai. Zu einer für die zion. Sache in A. vielversprechenden Veranstaltung wurde die heutige Versammlung, in der Herr Martin Levigard -Frankfurt a. M. über „Die Judenfrage" sprach. In von Herzen kommenden, zu Herzen sprechenden Ausführungen behandelte der Redner sein Thema und wußte au der Darstellung der Judenlage die Entstehung der Judenfrage in klarer Weise zu definieren. An überzeugende» Beispielen zeigte er, daß: lediglich Philanthropie eine Lösmig dieser heiklen Frage nicht gebracht habe und nicht bringen könne und schloß unter starkem Beifalle niit der Begründung der programmatischen zion. Gedaukengänge. In der sich anschließenden Diskussion berührte Herr Löwenthal die Stellung eines Teils der Orthodoxie der zion. Bewegung gegenüber und behauptete, daß es eine Judennot, besonders in Deutschland, nicht gäbe. Dem gegenüber vertraten der Referent und H. L. Perlmutter-Frankfurt am Main unter stürmischem einmütigem Beifalle die zion. Ideen. Insbesondere wurden die Ausführungen begeistert unterstrichen, daß die innere Gleichgültigkeit, die stete Folge äußerer Sorglosigkeit und die Ursache aller jüd. Katastrophen, nicht genug bekämpft werden könne. Das Ergebnis' des Abends war, daß sich die Anwesenden fast ohne Ausnahme als Schekelzahler anmeldeten. Es herrschte nur darüber allgemeines Bedauern, daß der Rabbiner in A., der schon oft als Gegner pes Zionismus von sich reden machte, cs versäumt hat, trotz schriftlicher und mündlicher Einladung, seine Ansichten vor Zionisten selbst zu entwickeln. L. P. Aus der Lehrerwett. Augsburg. Rabb. Dr. Grünfeld-Bingen, ciu Schüler des Breslauer Seminars, wurde zum Rabbiner unserer Gemeinde gewählt. -t. Straßburg. Die von dem Israel. Beziikskonsistorinm zu Colmar vorgenommene Ernennung des Rabbiner Dr. Schwarz ^bisher in Lanterburg) zum Rabbiner in Sulz u. W. ist vom Ministerium bestätigt worden. Aus den Vereinen. Frankfurt a. M. Die anläßlich des 50 jährigen Besteherss der Alliance Jsraolite Universelle von der hiesigen^ Ortsgruppe derselben veranstaltete Festfeier war von einem zahlreichen und illustren Publikniu besucht. - Direktor Dr. Adler feierte die Alliance als die vornehmste und ausgebreiteste Vertretung der Judenheit, gedachte der hochherzigen und mutigen 17 Männer, die sie vor 50 Jahren in Paris gründeten, und der verstorbenen Frankfurter leitenden Alliance - Persönlichkeiten Direktor Dr. Bärwald und Chareles Hallgarten und wies aus die Ziele der Alliance hin, um ihrer Religion willen leitenden Glaubensgenossen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen und Wissenschaft und Bildung unter den Juden des Orients zu verbreiten. Professor Dr. G o l d st e i n - Darmstadt hatte den Solidaritätsgedanken im 19. Jahrhundert — Solidarität ist ja das Motto der Alliance — zum Gegenstand seiner Festrede gewählt, und es war eine Stunde von hervorragendem Genuß, die er den Festteilnehmern bot. Davon ausgehend, daß der Solidaritätsgedanke bereits in der Thora in den Sätzen „Du sollst Deinen Nächsten zurechtweisen" (3. B. M. 19/17) und „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst" (3. B. M. 19/18) enthalten ist und daß ihn dann die Propheten bis zur höchsten Höhe dachten, wandte sich Redner dem 19. Jahrhundert zu, in dem auf weiten, sehr verschlungenen Wegen die Menschheit wieder zck den alten Solidaritätsgedauken der Bibel zurückfand, ein Gedanke, der uns heute überall entgegentritt. In großen, meisterlich herausgemeiselten Linien zeigte er, welche besondere Eigentümlichkeiten des 19. Jahrhunderts diesen Gedanken gefördert haben. Da war zuerst die moderne Technik („Machet die Erde Euch untertan" ruft Gott in der Thora den Menschen beim Beginne ihrer Erdenlaufbahn zu), die die tiefste Veränderung unseres Wirtschaftslebens verursachte, sodaß alle Volkswirtschaft immer mehr in Abhängigkeit von einander geriet. Dann die moderne Verkehrstechnik, die die Menschen zusammenrückte. Die Technik hat die Menschen unabhängiger gemacht von der Natur, aber abhängiger von den Menschen, die die Technik gestalten. Durch die Presse hat sie das altruistische Empfinden verfeinert. Ferner ist die Menschheit im 19. Jahrhundert aus der passiven Hinnahme des Uebels, der Leiden der Welt zu einer aktivistifchen Stellung zum Hebel getreten. In der Gedankenwelt sind alle Konflikte und Probleme ins Gigantische gewachsen. Die wissenschaftliche Arbeit ist zu dem Resultate gekommen, daß alles von allem abhängig ist, daß also der Mensch nicht willkürlich in diese Welt gesetzt, sondern daß er niit dem Weltganzen eng verbunden ist und nur seine freie Willensbestimiming ihn auS dem Weltganzen heraushebt. So sind denn auch die sittlichen Ideen der Menschen- und Bürgerrechte gewachsen. Und das alles hat die sittliche Solidarität der Menschheit begründet. Vor einem hat aber die sittliche Solidarität der Menschheit halt gemacht: vor den Juden, die mit ihrer Bibel ihr die Wege gewiesen, vor den Anhängern jenes Buches, das die Größten der Menschheit mitbcseuert und beflügelt hat. Millionen von Anhängen! des edelsten Glaubens der Menschheit werden heute noch bedrückt und verfolgt. Hier ist die Alliance eingetreten und ist so im Dienste der sittlichen Solidarität oft genug das Gewissen der sittlichen Kulturwelt gewesen. Napoleon sagte einst: Es gibt nur zwei Mächte. Schwert und Gedanke; möge der Gedanke bald über das Schwert siegen! - Nach dem Vortrage .ergriff zum Schluß noch einmal Direktor Dr. Adler das Wort, an der Hand von Ziffern einen Ueberblick über die weitverzweigte Tätigkeit der Alliance gebend. Duisburg. Einen glänzenden Erfolg — 60 neue Mitglieder — hatte eine Versammlung der O r t s - g.ruppe des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüd. Glaubens. Rechtsanw. Dr. Herzfeld-Essen sprach über das Thema „Der Kampf nnis Recht". In der Debatte ergriffen Rabb. Dr. Neumark, Rechtsanw. Saul-Duisburg, Lehrer U ck o, A l b. u. Moritz M e y e r - Hamborn das Wort. Der Vorsitzende der Ortsgruppe, Dr. S. A m b e r g, leitete die Versammlung. — Im Israel. Franenverein zu Marxloh hielt Lehrer 1l ck o einen Bortrag über ,Das jüd. Weib im öffentl. Leben, in Kunst und Wissenschaft." dl. Bunte Chronik. Kometenfurcht in der jüd. Literatur. Zu allen Zeiten hatte das Erscheinen eines neuen Himmelskörpers auf die Menschen einen mächtigen Eindruck ausgeübt. Es gab auch stets kluge Köpfe, die daraus Nutzen zu ziehen verstanden, indem sie das, was sie darüber wußten oder vielmehr nicht wußten, durch die Druckerschwärze an den Mann zu bringen suchten. Ein Gleiches geschieht in einem vor einigen Jahren in Galizien in hebräischer Sprache erschienenen Büchlein, das angeblich den Inhalt einer . 500 Fahren alten Handschrift wiedergibt. Es steht darin geschildert, welche Ereignisse Erdbeben oder sonstige außergewöhnliche Naturerscheinungen andeuten, je nach dem Movat oder der Tageszeit, in der sie sich zeigen. Zum Schlüsse entdeckt jedoch der Verfasser sein jüdisches Herz und will seiucn Glaubensgenossen keinen zu großen Schrecken einjagen, weshalb er mit den Worten schließt: „Ihr aber mein Volk, Ihr braucht vor dein Zeichen des Himmels nicht zu erschrecken." Wie der Komet es anfängt, daß er die Erde zerstört und doch die Juden schont, verrät der Autor nicht. Nach glaubwürdigen Berichten soll von unseren Brüdern im Osten der jetzige Kometcnruinniel oft mit dem Ausspruche eines Rabbi im Talmud, daß im Jahre 6000 die Welt nntergehe, in Beziehung gebracht worden sein. Viel moderner wäre es allerdings gewesen, der an gleicher Stelle geäußerten Ansicht eines anderen Rabbi eingedenk su sein, wonach im messianischen Zeitalter die Menschen den Vögeln gleich fliegen werden. Im allgemeinen findet der Werglaube beim jüd. Volk keinen Boden, getreu dem Bibclversc: „Verborgene Dinge sind dem Herrn Vorbehalten: was aber offenbar, geht uns und unsere Kinder an, daß wir alle Worte dieser Lehre erfüllen sollen." Auf die Frage betreffs der Eventualität eines Kometenznsammenstoßes gibt man am besten die Antwort, die einst hier ein Talmudgelehrter gab, der, als man ihm im Jahre 1866 die Nachricht vom Einzug der Preußen brachte, einfach sagte: „Wir lernen weiter." L. L. Abraham Geiger über Samson Raphael Hirsch. Wraham Geiger, dessen hundertjähriger Geburtstag auf den 24. Mat ds. Is. siel, bezog im Oktober 1829 die Boimer Universität. Er wurde dort mit Samson Raphael Hirsch bekannt, und beide gründeten zusammen einen theologischen Rednerverein. Geiger schreibt darüber: „Dieser