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Neue jüdische Presse · 1910-06-03 · Heft 21 (3.6.1910) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 21 (3.6.1910)
Date
1910-06-03
Page
– (sequence 9)
Language
German
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_ _L -, _ —rr_T---—r— 7—■ -r_ - 11 . ' ■ " - ■ M fit. 21 tfcs Jtamjtfntfet Ifmetififfa fanutienfitaffes. Die versagende Logik. (Neue Beweise.) Zuerst eine persönliche Bemerkung, die ich sonst gern vermieden hätte, zu der ich, aber durch die persönlichen Angriffe des Herrn Max Speier gezwungen worden bin. Herr'Max Speier macht mir den schweren Vorwurf der Feigheit, weil ich „unter dem Deckmantel eines geborgten Namens" ihn angegriffen hätte. Nun, als ich meine erste Erwiderung schrieb, dachte ich, daß der Name des Schreibers ziemlich nebensächlich sei, da es in erster intb letzter Linie ans die Sache des Streites ankomme. Sachlich zu streite», vermag jedoch Herr Speier nicht — Beweis: der ganze Ton seiner Erwiderung —, und so brennt er förmlich danach, kleinen Namen zu erfahren. Wozu? Kann ich wohl ahnen, nicht bestimmt wissen. Vielleicht wird sein Verlangen nach meiner Namensnennung schwinden, wenn er erfährt, daß ich ein russischer Jude bin. Trotzdem will ich ihm diesen Gefallen erweisen und nieinen Namen nennen. Herr Speier wird ihn am Ende dieser Zeilen finden. Ich hätte diesen ungerechten Vorwurf gar nicht weiter beachtet, wenn er mir nicht für die Anschauung einer großen Anzahl westeuropäischer Juden als t y p i s ch erschiene. Ich meine nämlich die Unfähigkeit vieler deutscher Juden, sachlich zu kämpfen. Wer das jüd. Leben, besonders aber die Preßfehden in den jüd. Blättern Deutschlands aufmerksam verfolgt, wird wahrnehmeu können, wie diese Debatten meistens unangenehm persönlich werden. Die näheren Ursachen dieser Erscheinung kann ich hier nicht anseinandersetzen; die erste und wichtigste Ursache jedoch ist eben — die versagende Logik. So habe ich den persönlichen Angriff meines Gegners gern entgcgengenommen, weil er mir wieder ein Beweis war für seine versagende Logik. Herr Speier wirft mir vor, ich hätte bekämpft, was er nie behauptet hätte. Sehen wir zu, was ich behauptet habe. Ich habe gesagt,,,Herr Max Speier lehne Perez ab, weil er sich zuweilen dazu hat hinreißen lassen, gegen die religiösen Gebräuche der russischen Juden aufzutreten." Nun, stimmt das nicht? Sagt nicht Herr Speier selbst, daß Perez zwei Richtungen vertrete, die gute, die demütig fromme einerseits, die schlechte, die irreligiöse andererseits. Damit UM er doch offenbar sagen, daß Perez nicht immer antireligiös sei, sondern nur z u w e i l e n. Nun sagte Herr Speier serner, Perez sei abzulehnen, weil er eben auch diese zweite Richtung zuweilen vertritt, weil er also zuweilen antireligiös sei. Habe ich — wenn auch in anderen Worten als Herr Speier — etwas anderes als dieses behauptet? Wenn also Herr Speier mich töricht nennt, weil ich angeblich bekämpft hätte, was er nie behauptet habe, so mache ich ihm den Vorwurf der Inkonsequenz, weil er in dem einen Artikel bestreitet, was er im vorigen behauptet hat. So Iveit zur Verteidigung.' Ich, komme nun zum Angriff. Ich konstatiere, daß Herr Speier fast keine einzige meiner Behauptungen widerlegt oder zu widerlegen vermocht hat. Ich sagte vor allem: Perez ist ein durchaus objektiver Schriftsteller, der das Leben schildert, wie cs ist. Hat Herr Speier mich in diesem wichtigsten Punkte irgendwie widerlegt? Nein! Der einzige Beweis, den er für Perez' antireligiöse Tendenz bringt, ist das „Streimel". Nun auch im Streimel schildert Perez durchaus objektiv. Wer den Typus eines solchen Streimelmachcrs kennt, wird verstehen und einsehen, daß dieser verbitterte, unglückliche Mensch unbedingt so denken muß, wie ihn Perenz denken läßt. Darin jedoch steckt des Pudels Kern. Erst versteht man den Dichter nicht — und ein westeuropäischer Jude, der das jüd. Leben in Rußland nie kennen gelernt hat, kann den Streimel nicht verstehen —, und dann fällt man über den Dichter her. Der richtige Sah „Wer den Dichter will verstehen, nnltz in Dichters Lande gehen" hat bei einem Schilderer des täglichen Lebens, wie Perez, doppelte Giltigkeit. Wenn Herr Speier gewissenhaft wäre, hätte er es als westeuropäischer Jude, der den Osten nicht kennt, überhaupt nicht wagen dürfen, öffentlich ein Urteil,— und dazu ein solch schwerwiegendes über Perez abzugeben. Ich glaube auch in der Tat, daß derselbe Herr Speier sich niemals unterstehen würde, einen englischen oder französischen realistischen Dichter daraufhin zu beurteilen, ob er das Leben naturgetreu schildert oder nicht. Was er aber bei einem französischen Dichter nicht wagen würde, tut er bei einem jüdischen wohl. Der Grund dieser erstaunlichen Tatsache? — Nun, man findet ihn in der versagenden Logik. Doch Herr Speier bringt einen Kronzeugen für Perez antireligiöse Tendenz in Perez selbst.. Er hat sicherlich in dem Augenblicke, da er von diesem Kronzeugen erfahren hat, eine große Freude empfunden. Denn nun glaubte er, den Haupttrumpf aüZspielen und allmeine Behauptungen mit einem Schlage vernichten zu können. Nun, er hat sich sehr getäuscht. Denn nichts mir Unbekanntes hat er offenbart. Daß Perez für sich als Mensch irreligiös ist, wußte ich und weiß jeder Kenner von Perez' Schriften. Was aber will das sagen! Muß Perez, weil er als Privatmann irreligiös ist, seinen realistischen Novellen eine antireligiöse Tendenz geben? Herr Speier scheint dies für unbedingt notwendig zu halten — er hätte sonst diese Tatsache nicht in solch triumphierendem Tone angeführt —, und diese seine Meinung ist mich symptomatisch und typisch für eine Erscheinung innerhalb des größten Teiles der westeuropäischen Judenheit: für ihre Unfähigkeit nämlich, die Meinungen und Gefühle Andersdenkender. zu verstehen und zu respektieren, oder kurz gesagt, für ihre Intoleranz. Aus dieser Intoleranz Andersdenkenden gegenüber. stanimen auch all jene Trenuungsgelüste und jenes Scharfinachertum, das für die Juden Deutschlands im allgemeinen, für die Frankfurts noch ganz besonders, so überaus charakteristisch ist. Aus dieser Intoleranz heraus schließt mich Herr Speier, daß Perez, der ja im Privatleben irreligiös sei, nun unbedingt auch die religiösen Gefühle Anderer verlachen und angreifen müßte. Woher stammt nun diese Intoleranz? Nun, woher anders, als aus der versagenden Logik? Doch mit dieser logischen Auseinandersetzung komme ich Herrn Speier nicht bei: Nun vielleicht hilft es mehr, >venn auch ich eineu Kronzeugen anführe. Das Schicksal wollte es, daß ich grade einen solchen fand, und zwar in — Perez selbst. In einer großen Rede, die der Dichter am 9. Mai in Kiew gehalten hat, sprach er folgende Sätze: Literatur ist Kunst; K u n st i st Freiheit; da - r u ni m u ß d e r D i ch t e r f r e i u n d n i ch t t e njdleingiös fein (Nachzulesen in Nr. 100 des Hed Hasman). Ich will diesen Worten Perez', desselben Perez, der, nach Herrn Speier zu urteilen, die Grundlagen der jüd. Religion und Sittlichkeit angriff, nichts hinznfügen. Sie sind der beste Beweis für die Fähigkeit des Herrn Speier, einen Dichter zu verstehen, der beste Beweis zugleich für seine versagende Logik. Und nun noch eine kurze Frage an Herrn Max Speier, die ich schon in meinem vorigen Artikel gestellt habe, die ich aber, da sie nicht beantwortet worden ist, hier nochmals wiederholen muß? Ich fragte: Angenommen, daß Perez in seinen Schriften antireligiös sei, ist er dann abzulehnen? Und wenn Herr Speier ihn ablehnt — fragte ich ferner —, warum lehnt er nicht auch alle nichtjüdischen Schriftsteller ab, die irgendwie antireligiös sind, waruin also nicht beispielsweise den „großen Heiden" Goethe? Daraus erwiderte Herr Speier: „Wer die jüd. Religion begeifert und beschmutzt, wer ihr Geister und Gemüter abspenstig macht, der möge meinethalben ein G o e t h e in seiner Art sein: ich werde ihnchoch ablehnen!" Wie klug geantwortet. Dies wußte ich wohl, Herr Speier, daß sie einen jüd. Goethe, der antireligiös wäre, ablehnen werden. Ist dies beim, deutschen Goethe der Fall? Lehnen Sie auch ihn ab, oder — Hand auf's Herz, Herr Speier — steht nicht der deutsche Goethe in der ersten Reihe Ihres Bücherschrankes, sind nicht die Werke des deutschen Goethe das Buch, das Sie so und so oft als Barmizwah-Geschenk verwandt haben, zitieren Sie nicht, so oft Sie es können, aus „Faust" und geraten Sie nicht stets in Begeisterung, wenn man von dem großen deutschen Goethe spricht? Ich bin überzeugt davon, daß dies der Fall ist Tun Sie es aber, verherrlichen Sie den deutschen antireligiösen Goethe und lehnen einen jüd. antireligiösen Goethe ab, dann begehen Sie eine Handlimgsweise, die ein Uebelwollender für einen Ausfluß von Unehrlichkeit, die ich aber als die Folge der versagenden Logik betrachte. Und nun genug der Debatte. Wäre der Artikel des Herrn Speier über Perez etwas Vereinzeltes gewesen, ich würde darauf nicht erwidert haben. Denn schließlich ist es ziemlich gleichgültig, was der oder jener Frankfurter Jude über die jüd. Literatur im allgemeinen, über Perez im besonderen denkt. Was ich durch meine Erwiderung bezweckte, das war, die Leser aufznklären und ihnen an einem drastischen Beispiel zu zeigen, wie sinnlos und leichtfertig man bei jüd. Angelegenheiten die schwerwiegendsten Urteile zu fällen pflegt. Dr. I. K iss in. Herrn Dr. I. Kissin. In Beantwortung Ihrer obigen Ausführungen niuß ich Sie auf meine in der vorigen Nummer dieser Blätter veröffentlichte Betrachtung »Kontra Perez und Genossen" verweisen, in er ich mich ausführlicher über die Aufgaben eines Dichters und über meine Wertschätzung deutscher Klassiker ausgesprochen habe. Vertraulich will ich Ihnen noch benierken, daß in der ersten Reihe meines Bücherschrankes Mir iit der ersten Reihe des Bücherschrankes der " vielgeschmähten westeuropäischen frommen Juden überhaupt nicht der deutsche Goethe, sondern das jüdische Chumesch, das jüdische Mis.chnajis, die jüdische Gemoroh und. die jüdischemNewiim stehen. Erst in angemessen weiter Entfernung kommen dann die deutschen Klassiker. Zn zitieren pflegen wir ebenfalls vorzugsweise culs den erstgenannten jüdischen Büchern, die wir zur Richtschnur unseres Denkens und zur Richtschnur unseres Lebens zu machen gewohnt sind. MaxSpcier. Personalien «. Kleine Mitteilungen. Frankfurt a. M. Der verstorbene Kaufmann Julius Obernzenner hat testamentarisch u. a. verschiedene wohltätige A n statt e n n n d Vereine bedacht. Auch'die Angestellten, die zehn Jahre und länger iin Hause tätig waren (darunter Angestellte mit einer Dienstzeit bis zu 17 Jahren), sind mit Geldspenden bedacht worden. Apotheker D. S z a m a t o l s k i wurde vom König von Sachsen zum H o f r a t ernannt. Frankfurt a. M. Anläßlich des ersten Jahrzeitstages für die so früh verstorbene Frau Rosa Joseph geb. Mainz, welcher anr 26. Jjar ds. Js. stattfindet, wurde von Freunden und Verwandten der Verstorbenen eine milde Stiftung ins Leben gerufen, die den Namen Rosa Joseph-Stiftung tragen soll. Die Zinsen dieser Stiftung, die von der Israel. Religionsgesellschaft verwaltet wird, sollen der Schulgclderkasse der Realschule der Israel. Religionsgesellschaft zufließen und insbesondere für Unbemittelte verwendet werden. Berlin. Bon dem vor einigen Tagen im 87. Lebensjahre verschiedenen Geh. Kommerzienrat Plaut erzählt die „B. Z. a. M.": „An schönen Sommernachmittagen konnten die Besucher des Zoologischen Gartens ein gebücktes, hageres Männchen beobachten, das in einem Ueberrock von recht unbestimmt brauner Farbe und einem Zylinder auf dem Kopfe, der zur Revolutionszeit modern gewesen sein mochte, umgeben von Kindern und Bonnen, auf den Stühlen vor der Musikkapelle den Klängen lauschte. Niemand, der den alten Herrn nicht kannte, ahnte, daß das ein Mann war, der über 100000 Mark Steuern jährlich dem Staat entrichtete. Diese Bänke waren der Lieblingsplatz des alten Plaut, denn dort brauchte niau — nichts zu verzehren. Er konnte nicht annähernd bie Zinsen seines Vermögens verbrauchen, aber er brachte sich seine eingewickelten Stullen mit in den Zoo. Besucher des Ausstcllungsparkes wollen ihn sogar dort ans einer Treppe am äußersten Ende des Parkes seine Stullen haben essen sehen, um diel.Ausgabe für die Getränke zu sparen. Sein Geiz bot natürlich den Anekdotenerfindern, die an der Börse besonders zahlreich sind, ein reiches Feld. Sie erzählten von ihm, daß er, wenn er wirklich einmal ein Cafe oder ein Restaurant besuchte, vor dem Zahleic fortging und den genau ausgerechneten Gegenwert seiner Zeche seinen Freunden übergab, damit er dem Kellner kein Trinkgeld zu zahlen brauchte. Sie behaupteten sogar, daß er Groschen und Sechser, die er auf dem Börsenparkett fand, anfhob. — Als wenige Jahre vor Uebergang seiner Firma an die Breslauer Diskontogesellschaft eine flaue Geschäftszeit herrschte, erzählte man eines Tages an der Börse, der alte Plant sei durch die Bureaus gegangen und habe zn seinen Angestellten gesagt: „Kinder, Kinder, es ist doch bei den faulen Zeiten gar nichts zn tun: belastet mal jeden Kunden für einen Taler Spesen." Berlin. An der Riviera verschied Justizrct Dr. I. Stranz, der Nachfolger Stanb's in der Redaktion der „Deutschen Juristen-Zeitnng". Bon seinen zahlreichen Schriften sei hier „Der Drcysus- Prozeß" erwähnt. Stranz ivurde 1854 zn Gnesen geboren. — Als Nachfolger des zurücktretcnden Gehcimrats Senator ist Geheimrat Goldscheider vom Rudolf Virchow - Krankenhaus zum Leiter der Universitäts-Poliklinik berufen wordem Dresden. Infolge eines Schlaganfalls verstarb, 51 Jahre alt, der antisemitische Reichstagsabg. Oswald Zinimermann. Hamburg. Das durch ein Legat von 340 000 Mk. der Frau Betti Röe geb. Calvary testete Genesungsheim für Kinder aller Konfessionen ist feierlichst eröffnet ivorden. Königsberg. Stadtrat a. D. R o s e n b e r g, der von 1875—1886 dem Magistrat unserer Stadt angehörte, feierte seinen 90. Geburtstag. Nürnberg. Der neue israelit. Friedhof ist mit einem feierlichen Festakt eingeweiht worden. Darmftadt. Dr. Max May aus Worms wurde zum Amtsrichter in Osthofen ernannt. Damit ist zum ersten Male, die bisher in Hessen von dem Vorgänger des jetzigen Justizministcrs Ewald hartnäckig festgehaltene Uebung, jüdische Anwärter nicht zu Richtern 51t befördern, durchbrochen worden. (L.) Posen. Der Verein »Anschei Chessed", einer der größten und ältesten Vereine unserer Gemeinde, feierte unter zahlreicher Beteiligung das 25 j ä h r i g e A m t s j u b i l ä u m seines Vorsitzenden Max Ehrenwerth. —;r .< 1; •; r /-! •. j i 48

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