Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 18 (13.5.1910)
- Date
- 1910-05-13
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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MW M Ar. 18 ckk8 FmMfarter IsmMWm MMMilM. Ritter ben Amitai. Abermals eine Erwidern n g. Sie sind wirklich ein Ritter sonder Furcht und Tadel, verehrter Herr Ben Amitai! Hinter geschlossenem Visier, unter dein Deckmantel eines erborgten Namens, dringen Sie wacker auf mich armen Skribenten ein! Das Blut ist Ihnen heiß in die Wangen gestiegen bei meiner kleinen Skizze über Perez. Sie haben vor lauter Zorn darob, dag ich so dreist war, einem Mitglied aus der Ihnen dreimal heiligen Familie der russisch-jüdischen Jargonschriftsteller einige herbe Worte der Zurechtweisung zu widmen, sogar vergessen, was ich eigentlich gesagt' habe! Wie meint doch gleich der weise König: Der Zorn . ruht im Schoße der Thoren. Ist es nicht töricht, zu . bekämpfen, was ich niemals und nirgendwo behauptet habe, zu behaupten, >vas ich niemals und nirgendwo bekämpft habe? Ich muß Ihnen ein wenig das Gedächtnis anffrischcn. Ihnen zur sanften Belebung, den Teilnehmern unseres Turniers zur Ermunterung! Ich habe behauptet: In Rußland giebt's heute unter den Juden zwei große Hanptströmungcu: eine tief und herrlich religiöse, die weit reicher, reiner und ausgedehnter ist als unsere deutsche Frömmigkeit, eine bewußt und beharrlich antireligiöse, die weit rücksichtsloser, trüber und kompakter ist als unsere deutsche Ungläubigkeit. Haben Sie dagegen etwas einznwcndcn, lieber Herr Ben Amitai? Dies wahre Liedlein, das die Spatzen von allen Dächern Pfeifen, ist ja auch wohl schon Ihren feinhörigen Ohren erklungen, nicht wahr? Also sind >vir darin einig? Gut! Ich habe ferner behauptet, daß Perez — verzeihen Sie, wenn ich selbstgefällig mich zitiere — „Niederschlag, Prototyp und Diener dieser seiner Zeit ist," daß er künstlerisch beide Richtungen verkörpere, die chassidisch -begeisterte oder zartinnige und demütige Frömmigkeit einerseits, die grobwuchtig vordrängcnde, uns Heiliges, weil Gottgebotenes, mit Füßen tretende Unglänbigkcit andrerseits. Sie dagegen, liebwerter Ritter, schmettern in Ihrem heiligen Eifer, in Ihrem glühenden Groll in die Welt hinein, ich hätte geäußert — Ihre Zitierung gestatten Sie ja wohl? — der Dichter sei abzulehnen, weit er sich zutveilen hat dazu hinrcißcn lassen, gegen die religiösen Gebräuche der russischen Juden anfzntrcten, daß ich möglicherweise auch die Ansicht der deutschen orthvdox-jüdischen Kreise teile, - alle frommen russischen Juden feien Engel, daß ich als Konsequenz dieser lächerlichen Meinung alle jene jüdischen Dichter für religionsfeindlich erkläre, die solche häßliche Erscheinungen — niir äußerlich fromme Juden — darstellen. Angchäugt haben Sie dann noch einige niedliche Liebenswürdigkeiten, lute die, daß ich anscheinend auf dem Standpunkt stehe, jeder Vorstoß gegen auch zu Unrecht bestehende religiöse Anschauungen sei unsittlich, und daß ich ein drastisches Beispiel für jene Leute sei, die sonst klar nnd logisch denken — danke verbindlichst — diese Fähigkeit aber sofort verlieren, sobald es sich um einen jüdischen Gegenstand handelt Ich fürchte, ich fürchte, guter Freund, Sic haben Ihrer Sache der Ehrenrettung von Perez einen schlechten Dienst erwiesen! . Denn ich bin nun gezwungen, scharf und deutlich ausznsprechcn, was jch nur behutsam nnd schonend angedcutet habe, scharf und deutlich ausznsprechcn, d a ß n a ch meiner festen U e b e r z e u g u n g der I a r - gonschriftstcller I. L. Perez zu der unter der russischen jüdische n I u g e n d herrschenden grauenhaften religiösen Verwirrung nnd V e r w ii st u n g sehr viel b e i g e t r a g e n hat. Weil er ein Künstler ersten Ranges ist, weil er auch das religiös Lieblichste, Rührendste und Erhabenste unvergleichlich wundervoll darznstellen versteht, eben darum stachelt er auf der andern Seite um so heftiger, einschneidender nnd wirkungsvoller auch die schlechten Instinkte der unreifen Masse auf, eben darnin jubelt sic ihm' frenetisch zn und weiß nicht mehr zu unterscheiden > „zwischen gut und böse." So weit werden Sie Ihre friedfertige ästhetische Toleranz wohl nicht treiben, daß Sic Chuppo nnd Kiddnschin, daß Sie die jüdische Eheschließung und die Heiligkeit der jüdischen Ehe nur für „Gebräuche der rusi.i(chen Juden" oder fjir „zu Unrecht bestehende religiöse Anschauungen" halten, daß Sic es gntheißcn. wen» Perez im „Streimcl" nnd andere» Orts diese Vorschriften und Einrichtungen mit deutlich fühlbarem hämischem Behagen angreift und unverblümt der freien Liebe das Wort redet. Oder lueint er den Jaum Kippur entedelt, das Schewnausfest seiner Weihe beraubt, die Achtung vor den Trägern der Thaurv, den Rabbinen, untergräbt. Und nun will ich Ihnen, Sie ritterlicher Annehmer der bedrängten Perez'schen Unschuld, gegen Perez noch einen Kronzeugen vorführen, den mir ein trefflicher Kenner seiner sämtlichen Werke namhaft gemacht hat, Perez s e l b st in der Vorrede zur Jubiläumsausgabe seiner Schriften, in der er sich unumwunden als antireligiös bekennt. Genug, mein Herr Ritter! Sollten Sie nicht vielleicht ein drastisches Beispiel für jene mimosenhaft empfindlichen Russen, sein, die cs als Vaterlandsverrat betrachten, wenn man einen ihrer Landleute mit der gebührenden Deutlichkeit in die Schranken weist? Schelten Sie mich getrost einen ästhetischen Banausen, ich erkläre Ihnen dennoch, daß es für mich noch ein Höheres giebt als das Künstlertnm, nämlich unsere Religion! Und wer sie begeifert nnd beschmutzt, >v e r ihr Geister und Ge m ü t e r abspenstig m acht, der m ö g e meinethalben ein Goethe in seiner Art sein: ich werde ihn doch a b - l e h n e n! Max Speier. Personalien n. Kleine Mitteilnnge«. Berlin. Dr. Ernst Blum, Finanzamtmann in Mannheim, ivurde zum B e r w a l t u u g s i r e k - t o r des Krankenhauses der hiesigen j ii d. Gemeinde gewühlt. — Die Dr. Dr. S i e g f r. Brauer, Julius Brannschild (Charlottenburg), Robert Jacob h, Isidor Kirsch»er, Berthold P u l v e r m a ch e r (Wilmersdorf), Max Radzicjewski (Charlotteuburg), Alb recht Ro feilst e i n (Wilmersdorf), Moritz Rothenberg, Georg Schlesinger (Charlottenburg), R i ch. S i m o n (Eharlottenbnrg), Ernst Singer nnd I g n. S t e r n b e r g erhielten den Charakter als SanitätSrat nnd die Sanitätsräte Dr. Dr. Emil Adler (Schöncberg), Prof. Paul Hehmann, Max Kaiser (Charlottenburg)» Prof. I u l. L a z a r u s n. R i ch. R o s e n t h a l (Charlotteuburg) den Charakter als Geh. S a n i t ä t s - r a t. — Berlin. Geheimrat Professor Senator erhielt anläßlich des hundertjährigen Bestehens der Uuiversitätspoliklinil den Roten Adlerorden 2. Kl Der hiesige österreichische Generalkonsul, Direktor der Dresdener Bank, Kommerzienrat G u st a v K l e m p e r e r wurde vom Kaiser von Oesterreich in den erblichen A d e l st a n d erhoben. Wiesbaden. Endlich ist es gelungen, ein st ä n d i g e S P r i v a t m i n j a m ini Kurzentrum zu errichten. Dasselbe berücksichtigt ganz besonders die religiösen Bedürfnisse der jüd. Kurgäste ans dem Osten nnd soll auch Gelegenheit zur Thorabelehrung bieten. Spectator. (L.) Posen. Geh. Kommerzienrat Aronsohn- Brombcrg wurde als Mitglied des Provinzialausschusses bestätigt. — In W i l k o w o wurde der stellvertret. Bürgermeister Max Berne in sein Amt eingeführt. BreSlan. Durch das Ableben des Stadtältesten F. PringSheim ist eine Stelle im Vorstand der S h n a g o g e n - G e m e i» d e frei geworden. An seine Stelle rückt Emil Sachs, der nächstülteste Stellvertreter. Hamburg. Dr. A. Alsberg feierte sein 25 j ä h r i g e s I u b i l ü n m als Oberarzt der chirurgischen Abteilung des jüdischen K r a ii k e n h a u s e s. Posen. Kommerzienrat Nazarv Kantorowicz wurde in den L a n d c s e i s e n b a h n r a t berufen. -t. Großblittersdorf. Kankmann Heinr. Ury erhielt den Landwehrverdienstorden 2. Klaffe. Jarotschin lPosen). In Kattowih verschied Rentier Moritz Hirsch, der Jahrzehnte hindurch als Repräsentant unserer Gemeinde nnd Rendant der Chewra-Kadischa segensreich gewirkt hat. Wien. Hier verschied die Schriftstellerin Laura Feil (Feibelsohn), die Schwester der verstorbenen Schriftstellerin Elit Felson. Beide wurden in Schildberg geboren und — früh verwaist — int Hause ihres Onkels Dr. D. Honigmann in Breslau, der eine Schwester Lina Morgensterns zur Gattin hatte und gleichfalls schriftstcllerte, erzogen. — Äußerordentl. Professor Dr. LeopolbKönigst ein, einer unserer verdienstvollsten und beliebtesten Mediziner, feierte seinen 60. Geburtstag. — Josef Engel de I a n ssp, Präsident der israelit. KnltuSgemeinde Pecs (Fünfkirchen), wurde zum H o f r a t ernannt. Czeruowitz lBukowina), 10. Mai. Bürgermeister Baron Fürth überreichte gestern dem Reichsratsabgeordneten Dr. S t r a n ch c r den Ehrenbürgerbricf. Paris. Zu Abgeordneten wurden gewählt: I e a u I a v a l in Sens, L. L. Klotz in Montdidier und Theodor R e i n a ch in Chambcry. Kopenhagen. Der bekannte Schriftsteller Georg Brandes hat seinen Austritt aus der hiesigen jüdischen Gemeinde angemeldet. Als Grund für diesen Schritt gibt er die Zwistigkeiten an, welche die Führer der hiesigen Gemeinde mit ihrem Obcrrabbiner Dr. Lewenstein haben. Georg Brandes erklärt, daß die Gcmeindeleitung ihrem depossedierten Oberrabbiner gegenüber sich im Unrechte befinden. Konstantinopel. Großrabbiner Nah um begibt sich demnächst nach Palästina. Amsterdam. David da Costa, ehemaliger Präsident des kolonialen Parlaments nnd Vorsteher der jüdischen Genieinde in Paramaribo, wurde zum Präsidenten des obersten Gerichtshofs von Niederlündisch-Guaiana ernannt. Rew-Nork. Franklin Belasco Nieto, einziger Sohn Rabbiners Nieto in San Francisco, ertrank beim Rudern im Lagunitassee. New-Aork. Adolph Lewisobn, der s. Zt. 250 000 Dollars für die Columbia University School of Mincs und je 125 000 Dollars für die Hebrew Technical School of Girls und für die Hebrew Sheltering Guardian Society spendete, hat dem M t. Sinai- Hospital 130 000 Dollars für die Erbauung eines pathologischen Laborator i n m s überwiesen. — In Chicago wurde der 26jährige Karl E i s c n d r a h t, der Sohn einer dortigen sehr angesehenen Familie, erschossen ins einemZimm e r a u f g e s n n d e n. Den Umständen nach scheint es, daß er unvorsichtig mit seinem Revolver hantiert hatte. Aas der zionistische« Bewegung. Frankfurt a. M. Mitteilung der Nationalfon d s - K o m m i s s i o n. — Wir machen die Inhaber von Sammelbüchsen hiermit darauf aufmerksam, daß von der nächsten Woche ab mit der Entleerung der Büchsen begonnen wird. Um Mißbräuchen vorznbeiigen, führen unsere freiwilligen Entleerer und Entleererinnen Legitimationskarten bei sich, die ans die betr. Namen ausgesteUt und und von deni Nationalfonds-Kommissär, Herrn Joseph Oppenheimer, unterschrieben sind. Frankfurt a. M. Die Generalversammlung der M i s r a ch i - O r t s g r u p P e nahm nach längerer Debatte, an der sich fast sämtliche Unwesendeu beteiligten, Anträge, die ihre Konstituierung als selbständige Ortsgruppe zum Zweck haben und mehrere Vorschläge enthalten, die ein Zusammenarbeiten niit der zionistischen Ortsgruppe herbeiführen sollen, an. In den Vorstand wurden die Herrn Prof. A. Wehl, Josef Hackenb r o ch , Isidor Hirsch, Louis Kahn und Hermann F r i e s l ä n d e r gewählt. In der laugen, sehr angeregten Debatte, machten sich zwei Strömungen bemerkbardie eine, und zwar die ausschlaggebende, mit Herrn Prof. Wehl an der Spitze, ist für freundschaftliches Zusammenarbeiten mit der Ortsgruppe, während die anderedie durch Lehrer Stern repräsentiert wird, fiir reinliche Scheidung ist. A«s de« Vereine«. Frankfurt a. M. Im Centralverein isr. G e m e i ii d e m i t g l i e d e r referierte Dr. med. Will). Hanauer über den Haushaltungsplan der Franks. Israel. Gemeinde. Der Ausgabe-Etat betrug 700 000 JL im Ordinarium und zwar 164 000 JL Zinse» und Amortisation, 137 000 JL Synagogen- und Hilfsgottesdienste, Mark 100000 Zuschuß zum Philanthropin, 66000 JL Zuschuß zum Hospital, 42 000 JL Schlachtwesen, Mark 38000 Verwaltung und Unterhaltung der Gemeindegebäude, 27 000 JL Religionsunterricht, 27 000 JL allgemeine Verwaltung, 20 000 JL Beerdigungswesen usw. Dem stehen an Einnahmen gegenüber: 500000 JL Steuern, 51 000 JL Zinsen, 49 000 JL Synagogenplätze, 45 000 JL Beerdigungswesen, 31000 Mark Schlachtwesen usw. Referent beleuchtete verschiedene interessante Einzelposten — so wies er darauf hin, daß für hebräischen Unterricht 1200 Mark und für die Armenpflege (als Zuschuß züm Lllmosei,kästen) 3300 JL ausgegeben werden — und ging dann zum Extraordinariunr über, das weitere 318000 JL für den Neubau der Westendsynagoge und 320 000 JL für Terrainerwerb und 80000 JL, für sonstige vorläufige Kosten des Hospitals-Neubau vorsieht, welche Kosten aus Anleihemitteln gedeckt werden. Ans der sehr angeregten Debatte sei nur das Wichtigste heransgegriffen. ■ ■ Martin Levigard weist nach, daß die Zuschüsse der Gemeinde für die Zwecke der Liberalen 161000 JL, für die der Konservativen aber nur 28 000 JL betragen. Er wünscht die Einrichtung eines traditionellen Religionsunterrichts am Philanthropin. Es sei Pflicht der Lehrer des PhilanthropinS, sich in der Schule nnd in der Qeffentlichkeit in jüdischen Dingen neutral zu verhalten. Dr. I. H e i n e in a n n beschäftigt sich hauptsächlich niit der Religionsschule. Durch die Einrichtung eines kostenlosen liberalen Unterrichts seien die Einnahmen der Religionsschule znrückgegangen: man plane ihre Uebernahme ans den Gemeinde- Etat unter Wahrung ihrer religiösen Autonomie. I. L. G o i t e i» stellt als Parole auf: „Gleichberechtigung fiir die Konservativen in der Gemeinde". Er verlangt, daß die Gemeinde sich auch als soziale Körperschaft begreife, sie werde dadurch manche religiös Indifferenten dem Judentume erhalten.