Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 16 (22.4.1910)
- Date
- 1910-04-22
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 16. Seite 10. ' Frankfurter Israelitisches Familienblatt. der Leitung nnf die Zeit zn verschieben, wann die Vorbereitung zu den Wahlen zum 10. Kongreß beginnen wird. Jetzt ist "jbie Zeit für sie noch nicht gekommen, und das Aufwerfen dieser Fragen könnte nur der positiven Arbeit, der organisatorischen und ideellen, hinderlich sein. Groß ist dje Verantwortlichkeit, die uns jetzt auferlegt ist. Solch ein Kampf, wie wir ihn auf dem 9. Kongresse geführt haben, legt Verpflichtungen auf. Wir haben nicht das Recht, auch nur auf eine Minute an unsere Pflicht zu vergessen, der zion. Bewegung aus der schwierigen Lage, in der sie sich jetzt befindet, herauszuhelfeu. Mit großer Energie müssen wir jetzt an unsere laufende Arbeit, die Befestigung und Entwickelung unserer Organisation, herantreten. Außerdem müssen wir unaufhörlich das zion. Denken wecken, unermüdlich die großen zion. Ideen in ihrer ganzen Reinheit verbreiten, müssen ununterbrochen daran arbeiten, daß die Bewegung nicht in geschäftlichen Unternehmungen versinke, müssen zur Revision der Anschauung?» Hervorrufen. Wir müssen unseren Einfluß aus diejüd. Gesellschaft, auf den Gang des jüd. Lebens verstärken; wir müssen an allen öffentlichen gesellschaftlichen Fragen, die unser Leben im Golus uns stellt, Anteil nehmen; unsere Idee muß eine schaffende, bewegende Kraft werden, die die jüd. Oeffentlichkeit nach vorwärts, nach Zion treibt. Die gesellschaftliche Apathie, die gesellschaftliche Kraftlosigkeit, die in der russ. jüd. Welt so sehr empfunden wurden, beginnt allmählich abzunehmen. Diejenigen Organisationen und Parteien, die in früherer Zeit in größerem oder kleinerem Maße auf das Leben gewirkt haben oder zu wirken bestrebt waren, fangen an, Lebenszeichen von sich zu geben. Allgemeine politische jüd. Fragen, Fragen unseres Lebens beginnen wieder die Aufmerksamkeit unserer Gesellschaft, unserer Jugend zu beschäftigen, und wieder beginnt das gesellschaftliche Denken zu arbeiten, die Lösung brennender Fragen, die eine Zeit lang gleichsam vergessen waren, zu suchen. Aus aller Well. Paliisti«-. Jerusalem. Das unerwartete Hinscheiden des Herrn Rabbiner Dr. M. Horovitz -Frankfurt a.M. hat in der heiligen Stadt eine allgemeine und tiefe Trauer hinterlassen. Ganz Jerusalem ist sich darüber klar, daß Israel um einen Thorahelden ärmer geworden ist, einen Thorahelden, dessen gleichen es leider ohnedies nicht viele-gibt. In den Bote-Midraschim finden darum Hespedim statt. Gleich nach dem Bekanntwerden der traurigen Nachricht veranstaltete die Lämelschnlc einen Trauer gottesdien st. Es sprachen Dr. Grünhnt, Pines, Aellin, Adelmann als Vertreter des Vereins „Lemaan Zion" und Lehrer Preß. Am 4. d. M. als am Schlußtage der Schiwah fand im Deutsch-jüdischen Waisenhause eine Trauerfeier statt. Die 3Lde hielt Dr. Grünhut. Bon dem Texte: „Mein Vater, mein Vater! Israels Streitwagen und seine Reiterei" ausgehend, entwarf der Redner ein zutreffendes Lebens- und Eharakterblld des großen Toten, den schlvercn Verlust hervorhebend, welchen namentlich das Waisenhaus zu beklagen hat. Die Anstalt wird von dem „Vereine zur Erziehung jüdischer Waisen in Palästina", dessen Sitz in Frankfurt a. M. ist, erhalten. Nahezu dreißig Jahre hat Rabbiner Horovitz als Vorsitzender dem Vorstande dieses Vereins angehört. Wieviel hat ihm das Waisenhaus zu verdanken, bis es sich zu seiner gegenwärtigen Hohe entwickelte. Die Insassen haben in ihm einen fürsorglichen Vater verloren. — Nachdem Direktor Cohn im Namen der Lämelschule gesprochen, verrichtete Kantor Jüdelso hn mit seiner klangvollen Stimme in sehr eindrucksvoller Weise das „El mole rachmim" - Gebet, womit die Feier endete, einen nachhaltigen Eindruck ans die Zuhörer zurücklassend. Ii. Personalien. e. Berlin. Samstag verschied tm Alter von 79 Jahren Frau Caesar W oll heim, die Gattin des 1882 verstorbenen Begründers der weltbekannten Kohlenfirma. Frau Wollheim hat lange Jahre hindurch eine bedeutende Rolle in der Berliner Gesellschaft gespielt. In reichem Maße übte. sie Wohltätigkeit, ohne dabei ihren Namen an die Oeffentlichkeit zu drängen. Berlin. Nach langem Leiden verschied Moritz Mendelsohn, seit 40 Jahren Vorstandsmitglied des Synagogenvereins „Ahawas Scholaum". Saudberg i. P. Kaufmann Louis Pawel wurde anläßlich seiner goldenen Hochzeitsfeier in Anerkennung feiner langjährigen Tätigkeit als Stadtverordneter zum Ehrenbürger ernannt: -t. Stratzbnrg. Die Israel. Religion?« gesellschaft wählte für den ausgeschiedenest Achille Levy Max Goldschmidt in die Leitung. Gestern verschied — 69 Jahre alt — der in weiten Kreisen bekannte Kaufmann Jacques H i r s ch. Wie». Dr. jur. Alois Klemperer, einer der Gründer und Präsidenten der „Wiener Bnci Brith", verschied im Alter von 64 Jahren. Budapest. Alexander Bernat, dkr Philosoph Ungarns und der einzige ordentliche jüd. Professor Budapests, feierte seinen 60. Geburtstag. — Frau I. S. B a r b e r geb. Davidssohn, eine edle Menschenfrenndin, ivurde dieser Tage zur letzten Ruhe geleitet. — Die Eigentümer der Mannfaktnrfirma Bettelheim u. Co.: Hetees haben das Adelsprädikat de Galgocz erhalten. Z i o n i. Budapest. In T o k a j verschied im Alter von 93 Jahren Frau I e s s c l Groß, die ein Muster echtjüdischer Wohltätigkeit war. Sie hinterläßt von ihren 20 Kindern 13, außerdem 48 Enkel, 64 Urenkel und 11 Ururenkel. Strij (Galizien). Dr. Julius P o l l a k wurde zum Bürgermeister unserer Stadt gewählt. Alexandrien (Aegypten). Der König von It - lim hat Edgar Suarss, Schnlinspektor der jüd. Schulen, das Ritterkreuz und Baron Jacques Be ho r de Men asse den Titel und Charakter eines Kommandanten verliehen. Aus der Lehrerwelt. Heilbronn. Nathanael Wolf und Frau Regine, geb. Kälbermann, begehen am 19. Juni er. das Fest der goldenen Hochzeit. Herr Wolf hat über 50 Jahre als israel. Religionslehrer amtiert, ist Inhaber der goldenen Verdienstmedaille und domiziliert heute noch am Platze seiner letzten Stelle in Sennfeld i. B. Alsheim bei Worms. Im Alter von 86 Jah>m verschied dahier Karl Marx, der 63 Jahre als Lehrer der hiesigen jiid. Gemeinde wirkte. Fraustadt (Posen). Die hiesige jüd. Schule wurde wegen zu geringer Schülerzahl ausgelöst und Kinder und Lehrer der evangelischen Volksschule zugeteilt. Rappoltsweiler i. Elsaß. Rabbiner K. Weill erhielt anläßlich seines 50jährigen Amtsjnbilänms den Roten Adlerorden 4. Klasse. Reitze. Kantor Nathan Kenipner tritt am 1. Mai, nach achtunddrcitzigjähriger Tätigkeit als Kantor und Lehrer, in den Ruhestand. Wanne. Die Regiemng hat den Antrag der hiesigen Shnagogen-Gemeindc um Errichtung einer öffentlichen j ü d i s ch e lt Volksschule genehmigt. Aus der zionistische« Bewegung. Frankfurt a. M. Die Generalversammlung der Zion. Vereinigung wurde von Rechtsanwalt Dr. S i e g f r. S ch w a r z s ch i l d, dem Vorsitzende», geleitet. Dem Berichte entnehmen wir n. a., daß der Verein iin Berichtsjahre fast 3000 Jk für zion. Zwecke nach Berlin sandte, daß er, um auch die jüngeren' Mitglieder zur Tätigkeit heranzuziehen, eine Kommission für lokale und eine für äußere Propaganda und eine Nationalfondskommisfion errichtete und daß sich ein Sharcclnb in seiner Mitte bildete. In Offenbach gründete der Verein eine Ortsgruppe, die heute — nach wenigen Monaten — bereits 47 Mitglieder zählt. Der Bericht wird debattelos zur Keirntnis genommen. Die V o r st a n d s w a h l ergab folgendes Resultat: Dr. Schwarzschild (1. Vorsitzender), F r i tz S o n d h e i m e r (2. Vors.), S a l y Geis, I. L. G o i t c i n, Lehrer G o l d m a n it, Dr. Gottlieb, A. Lcwisohn, Joseph Oppen heiin e r und Dr. Steinmarde r. Das verdiente Vorstandsmitglied Martin Levigard mußte aus beruflichen Gründen für dieses Jahr eine Wiederwahl zum allgemeinen Bedauern ablehnen. Köln a. Rh. Die ordentl, Generalversammlung des Jüd. Nationalfonds, die anschließend an eine Sitzung des Engeren Aktionskomitees am 11. dss. Mts. hier stattfand, beschloß eine Landspende in Höhe von 50 Frcs. einznführcn, die zur Erwerbung eines Du - nam Landes in Palästina dienen soll. Ans diesem Boden sind dann jüd. Arbeiter als Erbpächter anzusiedcln. Jedem Spender soll für seine Spende ein Diplom zugestellt werden. Köln a. Rh. Die Jahreskonferenz ist aus den 27. und 28. Juni nach Berlin einberufen worden. — In der zweiten Hälfte des Jahres 1909 gingen bei der R a t i o n a l f o n d s v e r w a l t u n g für Deutschland 34 642 Jk ein, und zwar 11521 Jk für den Nationalfonds, 18 247 Jk für Oelbäume, 361 Jk für die Kunstgewerbeschule Bezalel, 235 Jk für die Misrachist. Mittelschule, 128 Jk für den Palästina - Kulturfonds, 3079 Jk für das Mikrobiolog. Institut und 1068 für verschiedene Zwecke. Anl 10. Jjar (19. Mai) ist der 50. Geburtstag des unvergeßlichen Theodor Herzl's. „Die Welt" wird aus dieser Veranlassung eine vornehm ausgestattete und reich illustrierte Herzl-Ge-j d e ii f it u in m e r herausgeben, zu der Vorbestellungen schon heute angenommen werden. Wien. Das hiesige zion. Zentralkomitee hat die in München erscheinende Monatsschrift „P a - l ä st i n a" übernommen. Dr. med. Felix Teilhaber, der bisherige Herausgeber und Leiter der Zeitschrift, wird auch iveiterhin der Redaktion erhalten bleiben. London. Die englische zionistisch? Föderation wählte für den zum Kölner Hauptbüro übergegangenen Israel Cohen Paul Goodman — geboren 1875 in Rußland — zu ihrem Sekretär. Goodmann war Hilsssekretär der span.- Portug. Gemeinde und ist Ehren-Superintendent der Sabbatschule der Isewish Religions Educatioa Board, die mit 1400 Schülern und 35 Kindern die größte Schule ihrer Art ist. Er ist der Verfasser des hervorragenden Buches „Die Synagoge und die Kirche". Cairo (Aegypten). Der amerikan. Botschafter Oscar Straus empfing gelegentlich seines hiesigen Aufenthalts M. C. D. M o s s e r i, den Präsidenten des Zentralkomitees der egypt. zion. Föderation, und Dr. H. G. Hey m a n n - Berlin, z. Zt. Mitglied des gleichen Zentralkomitees. Straus versicherte den beiden Herren, daß er das lebhafteste Interesse hege für jede Bewegung, welche die moralische und materielle Hebung des jüd. Volkes znm Zwecke habe. Aus den Vereinen. Frankfurt « M. Aus dem Büro des .Montefiore-Vereins", hier, geht uns die Mitteilung zu, daß die Bereinslokalitäten.während der Pesach-Feiertage den ga n z e n Tag geöffnet sind und die Restauration wie sonst in Betrieb bleibt. Berlin. Die auf gesetzestreuem Boden stehende „Vereinigung Jüdischer Akademiker" (V. I. A.) war auch im vergangenen Wintersemester mit gutem Erfolge tätig. An den wisse nschaft- I ijch e n Abenden wurden über eine Reihe von Fragen, die an einen orthodoxen Juden herantreten, Vorträge mit Diskussion gehalten. Es sprachen die Herren Rabb. Dr. E. Biberfeld über „Ueberknltur", cand. chem. W. Halber stabt über „S. R. Hirschs Rede zur Schillerfeier", cand. Phil. A. M i ch a l s k i über „Rätselhaftes der jüdischen Literatur", Rabb. Dr. E. M u n k über „Die Strafrechtstheorie im Talmud", cand. math. M. Munk über „Etwas über jüdische Wissenschaft", cand. jur. I. Schneider über „Napoleon und die französische Judenverfassung", cand. chem. W. Halberstadt über „Jüdische Pädagogik nach S. R. Hirsch", sind. jur. A. W i e n e r über „Die Stellung des Staates zur Religion und ihren Bekennern", cand. med. W. Hofmann über „Einiges über das Problem der Willensfreiheit im Lichte der jüdischen Weltanschauung", Oberlehrer Dr. I. Carlebach über „Kulturkämpfe im Judentum einst und jetzt." — Für die jüngeren Mitglieder fand ein Fuxennnterricht statt, der vom cand. math. M. Munk geleitet wurde. Hier werden diese mit den Zeitfragen, besonders denen, die den jüdischen Akademiker angehen, bekannt 'gemacht und erhalten einen Einblick in die jüdische Geschichte und Literatur. Besonders erwähnt zu werden verdienen die Schiurim. Es fanden zwei Gemara - Schiurim unter Leitung der Herren Rabb. Dr. E. M n n k und cand. med. W. H o f m a n n und zwei Mitgliederschiurim (Schulchan - Aruch und Chumesch mit Nascht) statt. Neben der wissenschaftlichen Arbeit lvurde die Geselligkeit durch Veranstaltung von Kneipen, Ausflügen, Kegeln rc. gepflegt. Der sür das kommende Seinester gewählte Vorstand setzt sich zusammen aus den Herren cand. Phil. S. B r o m (Vorsitzender), Rabb. Dr. E. Munk (stellt,. Vorsitzender), sind. jur. M. Nnßbaum (1. Schriftführer), stud., jur. M. W o l f s o h n (2, Schriftführer), cand. med. I. Levy (Kassenwart). — Anfragen: stud. jur. Martin Wolfsohn (Berlin N. 24, Elsässerstr. 19, Hochpart.). Berlin. Der Verein »Freunde der Taubstummen, JebideJlmim" (Vorsitzender: Geh. Sanitätsrat Dr. Boas) unterrichtete im abgelaufenen Jahre 26 Mädchen und 20 Jungen durch 4 Lehrer und 2 Lehrerinnen. — Anmeldung neuer Zöglinge bei Adolph Salomon, Charlottenbürg 2, Knesebeckstraße 35/36. Wiesbaden. Sonntag hielt im hiesigen Sabbatverein Herr Dr. med. Ratner einen Bortrag über das Thema „Der Lebensbanm oder umgekehrt proportional." Nach einer einleitenden beachtenswerten exegetischen Erklärung über das Sabbat-Gebot ergriff der Redner die Gelegenheit, um Herrn Rabbiner Dr. M. Horovitz s. A. einen würdigen Nachruf zu widmen. Darauf ging er zur kritischen Beleuchtung des Geiger'sche „Weihnachtsbaumartikels" über, indem er nach dem Satze ridendo dicere verum,- in scharf humoristischer Weise verschiedenes poin-