Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 16 (22.4.1910)
- Date
- 1910-04-22
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Beilage zn ilc. 16 des Frankfurter IsmekWm IflmtMMes. Perez. Eine literarische Silhouette.*) Perez, einer der bedeutendsten russischen Jargonschriftflcller, ist Niederschlag, Prototyp und Diener seiner Zeit. Das ist nicht eben der größte Ruhm, wenn man einem Dichter nachsagen muß, seine Zeit habe ihn geboren mrd er sei ihr knechtisch untertan. Wahrhaft große Künstler haben es sonst als ihre Lebeirsaufgabe betrachtet, ihrem Jahrhundert die "Wege zu weisen, durch ein Sieb zu schütteln, was in ihm an Unfertigem, Unreinem, Verworrenem breite Hülsen- und Spreugewalt ausübte, und den Weizen zu köstlichen! und erfreulichem Brot zu verbacken. Nicht so Perez, obgleich er ein großer Künstler ist. Mag sein, die Enge und Beschränkung des jüdisch-russischen Milieus hat die Kraft in ihn: nicht erstarken lassen, sich über die Mangelhaftigkeit seiner Zeit hinauszuschwingcn. Denn nlangelhaft, unreif und gegensätzlich ist diese gegenwärtig. Auf der einen, der Lichtseite, eine reiche, unseren deutschen Verhältnissen in diescnt Umfange und in dieser Leidenschaftlichkeit fremde Hingebung an alt- und rein-jüdische Ideale, an Beseelung und Durchgeistigung des Lebens mit Gottesworten und Gottesgedankcn. Und auf der anderen, der Nachtseite, ein wilder, ebenfalls in dieser kompakten Massenhaftigkeit und Rücksichtslosigkeit deutschen Zuständen unbekannter Drang nach Anpassung an moderne Anschauungen, nach scheinbarer Erweiterung und Ausgestaltung des Daseins durch freie Selbstbestimmung. In Perez nun verdichten sich beide Richtungen, jene glüht strahlend auf und diese versteinert sich. Er ist in seinen Gestalten oft Glut von der heftigen Glut seiner Landsleute, die in chassidischer Fröhlichkeit ihre unterdrückte und verkümmerte Seele loslösen von der Erdenschwerc, sie beflügelt hinaufsenden zu den Regionen reinster Verzückung, zum seligen Bewußtsein der Gottesnähe. Er ist Mark von dem Mark seiner Mitbrüder, die um alles nicht, auch nicht trotz des Frondienstes ihres Botengänger- oder Wasserträgerdaseins, die jüdische Innigkeit und Zartheit ihres Empfindens hingeben. Und er ist wieder Splitter von der harten, steinernen Unbeweglichkeit der russischen „Fortgeschrittenen", die mit kecker Hand Wurfgeschosse schleudern gegen die Weihe unserer Feste, gegen die Würde unserer Anschauungen. Dort, in der Glut, bleibt seine Kraft Kraft, weil sie die Verkörperung des Besten und Höchsten seiner Umwelt ist, hier, in der Versteinerung, wird seine Kraft Schwäche, weil sie sich den unklaren und ungeläuterten Instinkten seiner Umwelt anschmiegt und beugt. So wird er Sklave, wo er Herrscher sein sollte. Herrscher, souveräner Herrscher, bleibt er nur stets in den Kunstmitteln. Sein Kunstinhalt ist anfechtbar und zu großem Teil verwerflich, seine Kuttstmsttel sind es nicht. Er hat ein Sehvermögen von einer Schärfe und Deutlichkeit sondergleichen. Ein unsichtbarer Spiegel scheint ihm im Auge zu ruhen, durch den ihm nichts entgeht. Kein Zucken der Wimper, kein Schatten des Gemüts, kein Traum der Begeisterung, keine Regung des Jugendtriebs, kein Lauern der Selbstsucht, kein borstiges Kratzen der Bespöttelung. Dazu weiß er aus natürlichem, Instinktiven Empfinden zu gestalten. Nichts Gemachtes, nichts Geklügeltes, nichts Erborgtes, nichts Zurückgehaltenes. Alles ursprünglich, alles hingegossen, alles Eigenes und alles verschwenderisch. Und wie stehen die Gestalten alle da, wie plastisch und wie angewurzelt! Marmorbilder und doch wieder von der Röte wärmsten Lebens durchhaucht! Wohl keiner, der prachtvoller zu formen und inniger zu beseelen wüßte! Nicht Dostojewsky im „Raskolnikow", nicht Tolstoi in der „Auferstehung", aber auch, um auf engeres Gebiet zu kommen, nicht S. Kohn in den „Pra¬ *) I. L. Perez, Ausgewählte Erzählungen und Skizzen. Jüdischer Verlag, Köln. ger Ghettobildern". Allerdings, jener Herz blutet, sie sind leidenschaftlich beteiligt an dem Wohlergehen und dem Wehergehen ihrer Gebilde, sie treten aus der persönlichen Reserve heraus und werden zu Warnern, zu Mahnern, zu Erqnickcrn ihrer Zeit. Nicht so Perez! Er bewahrt stets seine künstlerische Zurückhaltung, er thront über seinen Gebilden, führt sie und betrachtet sie ohne nähere innere Anteilnahme. Nicht seine Kunst ist kalt, ini Gegenteil, sie kann manchmal feurig wärmen und mächtig erheben, aber der Künstler ist kalt im Verhältnis zu seinen Menschen. Kalt auch und dazu noch zersetzend und negierend ist seine Ironie. Sie hat keine Spur von Liebenswürdigkeit und Gutmütigkeit, sie sticht nur mit scharfgeschliffenen Dolchen. Sticht mit bewußter Absicht auf das los, was sie nicht versteht und darum nicht achtet und darum nicht anerkennt, und darum für wert hält, daß sein Blnt fließt. Hier sind wir ivieder an der schwer scheidbaren Grenze znnschen Kunstmitteln und Knnstinhalt angelangt. Wollte einer die sittliche Lässigkeit irgend eines italienischen oder französischen Zeitalters darstellcn, ohne sich selbst darüber mannhaft hinausznschwingen, und stünden ihm der markig-monumentale Griffel des größten Geschichtsforschers, die glühendsten und blendcnstcn Farben des größten Malers, die reifsten'und tiefsten Erkenntnisse des größten Psychologen zur Verfügung, — wsr würden seinem Werke entgegentreten müssen, weil cs aller Kunst letztes und reinstes Endziel nicht erreicht: sittlich befruchtend und fördernd zu wirken. Und wenn Perez von schlechten und dunklen Zeitströmungen sich zuweilen mit in den Strudel reißen läßt, er, der die Macht hätte, ihrer Herr zu werden und zu aller Freude und Befreiung die Wellen zu teilen, so müssen tvir die vorliegende Auswahl seiner Schriften mit Bedauern ablehnen. Max Speicr. Das Zentralkomitee der zion. Organisation in Rntzlaud über den Kampf gegen die Leitung auf dem 9. Kongretz. (Im Auszuge.) (Schluß). Der Natur der Sache nach mußte sich dieser Kampf im Ganzen im Permanenzausschuß konzentrieren. Dieser hat stets die Möglichkeit, bei der Beratung über die Kandidatenliste für das E. A. - K. die Frage über die leitenden Personen nach allen Seiten hin aufzuklären und alle Details in Betracht zu ziehen, was auf dem Kongresse vollständig ausgeschlossen ist. Die ersten Schritte der Kommission hatten Erfolg. Zunächst gelang es ihr, die Trennung des Kongreßpräsidiums vom Präsidium der Organisation durchzuführen. Der Antrag der Permanenzkommission, Nordau zum Kongreßpräsidenten zu wählen und das Recht den Mitgliedern des E. A.-K. einzuräumen, das Wort zu erteilen, wann es ihnen belieben würde, wurde vom Kongresse angenommen. Damit war der parlamentarische Modus der Geschäftsführung auf unserem Kongreß eingeführt. Dieser Beschluß der Permanenzkommission zeigte, daß sie in ihrer Majorität nicht auf der Seite des bisherigen E. A.-K. stand. Im Laufe der weiteren Arbeiten der Kommission trat diese Erscheinung noch deutlicher zu Tage. Und nicht bloß ihre Mitglieder aus Rußland, die in der Kommission mit nur 15 von 59 Stimmen vertreten waren, sondern auch die Delegierten der andern Länder, darunter sogar 2 von den 5 Mitgliedern aus Deutschland, schlossen sich der Opposition an. Die erdrückende Majorität der Permanenzkommission, die sich der Opposition angeschlossen hatte, machte es sich zur Aufgabe, die Bewegung aus der schwierigen und gefährlichen Lage, in der sie sich dank dem Ueberwiegen des kommerziellen Geschäftsgeistes befand, herauszuhelfen und an ihre Spitze ein Organ zu stellen, das die Bewegung in Uebereinstimmung mit den Aufgaben einer nationalpolitischen Bewegung leiten würde. Die Majorität der Kommission faßte folgende grundlegende Beschlüsse: 1. Das E. A.-K. hat aus einem Kollegium von 5 bis 7 Personen zu bestehen und soll in Berlin seinen Sitz haben. 2. Wenigstens 3 Mitglieder des E. A. - K. müssen in Berlin ihren Wohnsitz haben. 3. Der Präsident des E. A.-K. wird nicht vom Kongreßsondern vom Kollegium selbst gewählt. Die Majorität des Permanen zausschusses entsprach aber nicht der Majorität .des Kongresses. Zum ersten Male in der Geschichte des Kongresses drückte die Permanenzkommission nicht die Wünsche der Kongreßmehrheit aus. Augenscheinlich hatte sich die Stimmung der Kongreßdelegierten auf dem Kongresse selbst geändert. Die Furcht vor der Aenderung der existierenden Ordnung, das Nichtverstehen der Abnormität der Lage in ihrem ganzen Umfange, die Verständnislosigkeit für die Forderungen der Opposition, die Äugst vor Spaltungen und noch eine Menge anderer Nebenmotive, das alles wirkte auf den Kongreß ein, und die Anträge der Permanenz-Kommission wurden abgelehnt. Es ist hier nicht der Ort, auf die Taktik der Majorität und insbesondere der deutschen Delegierten, die an der Spitze dieser Majorität standen, einzugehen; aber es verdient die Tatsache hervorgehoben zu werden, daß der Kongreß zum ersten Mal seit seinem Bestehen dabei Alugenzeuge war, wie die Delegierten im Verlaufe einer halben Stunde 3 Mal ihre Stimmenabgabe wechseln: das eine Mal geben sie rhre Stimmen überhaupt nicht ab, das andere Mal beteiligen sie sich und stimmen dagegen, das dritte Mal beteiligen sie sich nur an der Mstimmung eines einzigen Punktes, stimnien dafür und enthalten sich der Abstimmung über die übrigen Punkte. Freilich, nicht alle Anträge der Permanenzkommission wurden abgelehnt; tatsächlich wurde bloß der Antrag abgelehnt, der besagt, daß die Präsidentenwahl nicht durch den Kongreß (mit einer Stimmenmehrheit von 148 gegen 128 Stimmen) zn erfolgen hat; aber eben dieser Antrag war die Basis, ans welche sich die ganze vorgeschlagene Umbildung des E. A. -K. gründete. Obgleich nun dieser Antrag zum zweiten Male zur Abstimmung vorgelegt und dieses Mal von der einen Halste des Kongresses bei Stimmenenthaltung von Seiten der andern Hälfte angenommen wurde, so konnte dieser Mstimmung keine Bedeutung mehr zukommen, sie konnte an der Tatsache, daß die Permanenzkommission keine Majorität auf dem Kongresse hinter sich habe, nichts mehr ändern. Gleich darauf verzichteten die von der Kommission vorgeschlagenen Berliner Mitglieder des E. A.-K. auf ihre Kandidatur, da sie den ihnen angetragenen Posten gegen den klar ausgesprochenen Willen der deutschen Landsmannschaft nicht annehmen konnten. Dieser Umstand machte es einerseits den übrigen Mitgliedern des E. A.-K. unmöglich, das Amt anzunehmen und den Sitz des Zentrums bei dem offenbaren Widerstande seitens der Zionisten Berlins und Deutschlands gegen diese Umbildung nach Berlin zn verlegen. Andererseits erschien es ebenso unmöglich, dasjenige E. A.-K. wiederzuwählen, gegen welches fast die Hälfte des Kongresses aufgetreten war. So blieb nur ein Ausweg — überhaupt kein neues E. A.-K. .zu wählen und das bisherige E. A.-K. als provisorische Leitung bis zum zehnten Kongresse zu sanktionieren. Hier muß noch bemerkt werden, daß D. Wolfssohn sich mit dem ursprünglichen Anträge der Permanenzkommission einverstanden erklärt hatte, nachdem ihm garantiert worden war, daß die Leitung der Finanzinstitutionen in seinen Hände verbleiben und zu dem Zwecke eine Aenderung des Orgcmisationsstatuts in dem Sinne durchgeführt werden würde, daß der Vorsitzende des Aufsichtsrates der Bank ex officio Mitglied des E. A.-K. mit beschließender Stimme ist: — Der Kongreß schloß mit Beibehaltung des früheren E. A.-K. an der Spitze der Bewegung. An und für sich bedeutet das keinen Sieg des E. A.-K. Die Opposition war nicht stark genug, um die.Führung der Bewegung im Ganzen zu übernehmen, aber doch so stark, um die Wahl eines ihr nicht erwünschten neuen E. A.-K., zu verhindern. Somit haben wir gegenwärtig eine provisorische Leitung. Das Provisorium schwächt jedoch durchaus nicht im mindesten das Organisationsbefugnis des jetzigen E. A.-K. und befteit absolut keinen Teil der Organisation von den ihm auferlegten Pflichten gegenüber dem E. A.-K., es läßt blos die Frage offen, die dem 9. Kongreß Vorgelegen ^hat, nämlich die Frage der Zusammensetzung eines leitenden Organs der Bewegung, das der gestellten Hauptanforderung, das führende Organ der national-politischen Bewegung und nicht blos das der Institutionen der Organisation zu sein, voll und ganz genüge. Gegenwärtig trittnochmehr als früher die Frage in denBordergrund, welcher Geist in der Bewegung herrschen soll, ob der Geist eines Handelsunternehmens, der Geist kommerzieller Berechnung, oder der Geist einer großen Bewegung, deren Aufgabe die Wiedergeburt des jüdischen Volkes in seinem Heimatslande ist? Diese Hauptfrage ist der Mittelpunkte der vorbereitenden Arbeit zum 10. Kongresse. Wir haben jetzt den Beschluß gefaßt, die allLemeinen Organisationsfragen, ebenso die Frage über die Zusammensetzung