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Neue jüdische Presse · 1909-09-10 · Heft 35 (10.9.1909) · page 17

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 35 (10.9.1909)
Date
1909-09-10
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Nr. 15 Jüdische Anders war Jonathan. Dieser hatte anfangs auch einen lobenswerten Fleiß zu erkennen gegeben. Bald aber »ahm David wahr, daß sein Freund in seinem Eifer nachzulassen begann, daß er oft länger von seiner Wohnung fern blieb, als 'dies zum Besuche der Kollegien erforderlich war. Er lehnte es meistens unter bcu nichtigsten Ausrede» ab, David auf seinen Spaziergängen zu begleiteil. Dagegen unternahm er oft Ausgänge, deren Ziel -und Zweck ec seinen! Freunde verheimlichte. Dieser empfand ein lebhaftes- Mißbehagen, das durch die Erkenntnis gesteigert lvnrdc, das; ctloas trennend zwischen die Herzen der beiden Freunde sich zu - legen begann. Auch merkte David, daß der religiöse Sinn Jonathans iui Wnchmen begriffen war. Hierfür lieferte so manches äußere Zeichen einen gar sicheren Beweis. Während sie beide sonst gemeinschaftlich an jedem Morgen, angetan mit den heiligen Gebetriemen, im andächtigen Gebete vor ihrem Gott standen, sah sich David jetzt sehr oft allein bei seiner Andachtsübung. Jonathan hatte daun entweder längst die Wohnung verlassen, oder er verrichtete die heilige Handlung mit solcher Nachlässigkeit und Eilfertigkeit. daß er sie längst beendet hatte, wenn David eben erst damit begonnen. Lange zögerte dieser, seinem Freunde Vorhaltungen darüber zu machen. Eitles Tages aber fühlte David sich gedrängt, ihn auf sein Verhalten aufmerksam zu-mächen. David war im Begriff, die Synagoge aufznsuchcn, denn cs war der Sterbetag seines so früh verschiedenen Vaters, wo er zu Ehren desselben das Kaddischgebet zu sprechen hatte. Dieser Tag war von jeher für ihn ein ernster Tag der Einkehr und Buße, aber auch ein Tag des heißesten Dankes gegen Gott, den Vater der Waisen, der chm in seiner unendlichen Gnade einen so fürsorglichen Wohltäter bestellt, welcher das Glück seines Lebens begründete. Obwohl sein leibliches Auge seinen Vater kaum je geschaut, sein Bild chm auch nicht in seiner Erinnerung förtlcben konnte, so hegte er dennoch eine innige Verehrung für ihn im Herzen, und er glaubte, durch die äußere Bekundung dieser Verehrung seine treue Mutter, die ihm alles war, um so mehr zu erfreuen. David war an diesem Morgen mehr als eine Stunde früher von seinem Lager aufgestanden, obwohl er am vorhergehenden Tage, bis tief in die Nacht hinein studiert hätte. Joni dagegen hatte den größten Teil der Nacht außerhalb der Wohnung zugcbracht und sich erst spät nach Mitternacht niedergelegt. David war im Begriff, die Vorbereftungen zum Gange nach dem Gotteshause zu treffen, nachdem er sorgfältig nach dem Jahczeitslichtlcin geschaut, das er an diesem Tage znm Gedächtnis seines in Gott ruhenden Vaters brennen ließ. Durch seine Hantierungen hatte David unabsichtlich ein Geräusch verursacht, durch welches Joni in seinem Schlafe gestört wurde. In ärgerlichem Tone besagte sich der Geweckte über diese Störung und fügte hinzu: „Was hast Du denn eigerttlich schon so ftüh herumzriwirtschaften?" „Entschuldige, lieber Joni, wenn ich Dich gestört habe," entgegnete David in ruhigem, freundlichen Tone, „Du weißt, daß ich heute Jährzeil habe, deshalb will ich in die Synagoge zehen und das Andenken meines seligen Vaters feiern." „Ach was, Jahrzeit!" entgegnete Joni unfreundlich, „das ist wieder eins von Deinen altmodischen Dingen, auf die kein Mensch mehr einen Wert legt." David »vor beim Vernehmen dieser Worte starr geworden vor Erstaunen. So weit also war es mit seinen'. Freunde in der verhältnismäßig kurzen Zeit gekommen. Zorn uitd Schmerz erfaßten sein Herz, und mit zttternder Stimme sprach er: „Joni, Joni, das wagst Du mir zu sagen? Die Feier des Jahrzeitstoges zu Ehren der verstorbenen Eltern nennst Du ein altmodisches wertloses Ding? Joni, Du hättest gerade am allerwenigsten Grund und Ursache, so zu sprechen. Du hast noch, o denke dem Herrn des Himmels dafür auf den Knieen, liebe gute Ellern, die der Allgütige noch lange, lange erhalten möge. Du genießest noch heute ihre Wohltaten in so überreichem Maße. Und diese Ellern sollten nicht vermögen, in Deinem Kindeshrrzen kraft alles dessen, was sie Dir sind und bieten, sich ein Denkmal zu errichten, das ihr irdisches Dasein lange, lange überdauert? Joni, ich will h.eutc nicht mit Dir rechten; ich merke, daß die eben vernommenen Worte zum Teil schon die Gesinnungen wiederspügeln, die Du leider gegen unser Judentum im Herzen zN tragen beginnst. Du bist Dir und Deiner Religion nicht mehr ganz treu. Joni, gestatte mir, daß ich Dich auf Dein Unrecht aufmerksam mache. Ich mag mir den Schmerz nicht vorstellen, den Deine guten Ellern empfinden würden, wenn ihnen die Knude würde, ihr einziger Sohn kehre immer mehr dem jüdisch-religiösen Leben den Rücken. Darum, mein Freund, gehe in Dich!" Jonathan hatte schweigend die Worte Davids angchört. Sie waren nicht ohne Eindruck auf ihn geblieben. Er sprach: „Du hast recht, mein treuer Mentor; ich will Deine Worte beherzigen. Ich will versuchen, ein anderer zu werden." „Habe Dank, lieber Joni," sprach hierauf David mit freudigem Gesichte, „und bekunde Deinen guten Willen dadurch, daß Du mich zur Synagoge begleitest." Joni erklärte sich bereit, den Wunsch Davids zu erfüllen. Dieser eilte auf seinen Freund zu, der sich inzwischen angelleidet hatte, und umarmte ihn, indem er in die Worte ausbrach: „So halten wir uns' doch wiedergeftinden! 0, denke an den Augenblick, da wir vor Gott an geheiligter Stätte standen und' in inniger Umarmung ihm und uns selbst ewige Treue gelobten." Es ist eine trübselige Erscheinung, daß derjenige, der erst einmal. den Verlockungen zum Bösen Gehör geschenkt hat, sich ans dieser Umgarnung nur schwer uud iiicistcils nicht dauernd befreien kann. Wem nicht rechtzeitig die Einsicht kommt, und wer nicht die moralische Kraft besitzt,', den Verführungen zu widerstehen,' ist rettungslos verloren. Wie Wichtig sagt doch der Dichter: „Des Lasters Pfad ist anfangs zwar Ein Weg durch gold'ne Auen, Sein Fortgang aber bringt Gefahr, Sein Ende Nacht und Grauen." Davids Freude darüber, daß cs ihm gelungen war, aus Jonis Verhalten mit Erfolg einzuwirken, war nicht bon langer Dauer. Joni war in Kreise gckomnicu, die ihn zu einem zügellosen Leben verleiteten. Es war daher ein Glück, daß Herr Sternheim die Geldsendungen, die für die beiden Studenten bestininit waren und regelmäßig am ersten Tage eines jeden Monats Knliesen, in die Hände Davids gelangen ließ. Herr Sternheim hatte gewiß. schon den leichten Sinn seines Sohnes erkannt und war der Üebcrzeugung, daß David mit den Geldmitteln haushälterischer umgehen werde. Jetzt sollte sich die Annahme des' Vaters .bestätigen. David, der von seiner Jugend her an Sparsamkeit gewöhnt war, der es auch über sich vermocht hatte, ab und zu auf irgend welchen außerordentlichen Lebensgenuß zu verzichten und sich mit den notwendigsten Dingen zu begnügen, hatte meistens die ihni zur Verfügung gestellten Mittel zur Bestreitung seiner eigenen Bedürfnisse gar nicht völlig verbraucht. Er lebte eben zurückgezogen, und seine Ansprüche waren sehr gering. Jonathan dagegen war nanrentlich in letzterer Zeit bereits mit seinen eigenen' Mitteln zll Ende, wenn die erste Hälfte des Monats noch nicht verflossen war. Er erlaubte sich allerlei außerordentliche Ausgaben,, die überflüssig waren, und' die ihm seine Mittel nicht erlaubten, so reichlich sie auch bemessen' waren. Wiederholt ivar Joni au David, mit der Bitte herangctrctcn, ihm Geld, zu geben, obwohl er längst den ihni für den betreffenden Monat zur Verwendung bestimmten Teil entitommcn hatte. David gab ihm mich stets gern seine Ersparnisse. Allmählich aber regten sich in ihm gar seltsame Gedanken. Es beschlich ihn mit der Zeit die Sorge, daß auch das moralische. Leben Jonis durch den übcrmäßigeit Verbrauch der Mittel Schaden erleiden könnte, und cs traten Augenblicke ein, .in denen er sich Vvrivürfe machte, ohne Widerspruch die - Wünsche seines Freurtdes zu erftillen. Er sagte sich dann aber auch: „Habe ich denn eigentlich einen Anspruch auf die Mittel, die mein Wohltäter in nicinc Hände legt? Ich darf doch ivohl nur denjenigen Teil als mein Eigentum bettachten, den ich zur Bestreitung meiner Bedürfnisse brauche. Was ich erübrige, ist nicht mehr mein Eigentum." Er fügte noch hinzu: „Würde aber mein Wohltäter es bllligen, daß das Erübrigte dazu verwendet 'wird, den Leichtsinn seines Sohnes zu fördern?" Diese Erwägungen drängten David eines Tages, Joni ernste Vorstellungen zu machen, als dieser ' ihn wieder einmal um Geld anging. Joni spottete über die Worte Davids. ' Dieser fühlte sich wohl lies verletzt, da er jetzt seine gewiß loohlgemeinten Mahnungen so ganz unbeachtet fand, doch ließ er auch diesmal seinen Freund nicht int Stiche, obwohl ihn Gewissensbisse quälten. Ja, er suchte nach allerlei Grüitden, um sich vor seinem eigenen Gewissen zu rechtfertigen und die Wünsche Jonis erfüllen zu können. Er gab seinen letzten Heller freundlichen Gesichtes hin, wenn er auch selbst, namentlich gegen Schluß des Monats, hatte darben. müssen. Das dritte und letzte Studienjahr war herangekommen, und mit ihm hatten sich die Arbeiten bedeutend vermehrt. Denn nun galt cs, zu beweisen, ob man ernstlich berrrühlt war, sich den erforderlichen Schatz von Kenntnissen und Fähigkeiten anzneignen, um mit Erfolg durch die verschiedenen Examina gehen zu können. Dieses dritte Studienjahr sollte aber für unsere beiden jungen Freunde von hoher Bedeutung werden. Neben einem größeren Maß von Arbeit sollte cs ihnen große Sorgen zusthren und schließlich ihre ganzen Lebensverhältnissc völlig umgestalten. Es konnte nicht ausbteibeir, daß David Merango . infolge seines bescheidenen Auftretens, seines seltenen Fleißes und seiner hohen Begabung die Ansinerksamkcit seiner Lehrer ans sich lenkte. Namentlich war der Professor R. dem jungen Studenten besonders zugetan. Er machte ihn bald zu seinem Assistenten, und David hatte nunmehr Gelegenheit, mit der Praxis seines Berufs sich 'nach den verschiedensten Richtungen hin bekannt »hd vertraut zu machen. Der Professor Äußerte wiederholt David gegenüber den Wunsch, er möge in B. seinen dauernden Aufenthalt nehmen und sich dem akademischen Lehramte widmen. David bedauerte diesen Wunsch des Professors nicht erftillen zn können. Nach dem Grunde gefragt, entgegnete David zunächst, er verspüre kein«' Neigung dazu. Als aber der Professor eines Tages den 'Wunsch wiederholte und iiamcntlich alle die Vorteile schilderte, d'.e ihm geboten werden kömiten, da entgegnete David: „Wäre ich auch geneigt, ilnd fühlte ich mich auch berufen, nach Ihrem Wunsche zu 'handeln, die mir -geschilderten Vorteile würden mir doch niemals zugute kommen können." Fragend schaute ihn der Professor an und sprach: „Warum denn?" „Nun, well ich Jude bin!" entgegnete David. „Sic sind Jude?" fragte hierauf verwundert der Professor. Aber ohne eine Antwort Davids abzüwarten, fuhr er fort : „Daß Sie ein Jude sind, habe ich nicht gewußt. Doch wer zwingt Sie, Jude zu bleiben?" (Fortsetzung folgt.)

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