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Neue jüdische Presse · 1909-08-27 · Heft 33 (27.8.1909) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 33 (27.8.1909)
Date
1909-08-27
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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Mage M ilt. ZZ des Icanlifntk IsmekMea lamMtaftes. D “«I Kämpfe. Ein Beitrag zur Lage der Juden in Oesterreich. Von Dr. M. S ch e r l a g. (Schluß). Eine Leuchte der edlen Demokratie war Dr. Adolf Fischhof. Leider unterläßt es der Dichter, seinen ungeheuren aktiven Anteil an der damaligen Bewegung ausführlich zu schildern. Wir sehen nicht die Phasen der geistigen Kämpfe, wie sie dieser Heros aussocht, wir hören nicht die flammenden Reden dieses redegewaltigen Führers. Eininal nur blitzt seine Erscheinung meteorartig auf. Charakteristisch ist der Vergleich, bezeichnend sind die Worte, mit denen ihn Ertl einführt. „2Bie der Geist Gottes über dem Gewässer, so schwebte ein bärtiger junger Mann über der Menschenmenge. Er warf die Hände in die Luft, weil er zu der Menge redete, hochgehoben auf den Schultern von Studenten. Ab und zu trug die Luft ein Schlagwort herüber: Preßfreiheit! Volksvertretung! Glaubensfreiheit! Der Geist Gottes tauchte nieder. . . Stumps dröhnte der Beifall. Man verlangte nach dem Namen. Da tauchte er empor. Stille trat ein, und man hörte ihn sagen: „Das Damoklesschwert der Polizei schwebt über meinem Haupte, aber ich sage mit Hutten: „Ich hab's gewagt, ich, Dr. «ldolf Fischhof." Welch theatralisches Auftreten, durch einen ironischen Berkleinerer gesehen! Aber auch welche Größe! Dieses Erfassen der Stimmung! Diese zeitgemäße Anpassung an die Umgebung! Das Schwungvolle, Pathetische in diesem Manne. Aus all dem erklärt sich seine fabelhaft hinreißende Wirkung! Doch was nützten all die Begeisterung, all der Idealismus, der ausstürmende Kampf? Die Kanonen hallten in den Gassen Wiens, Soldaten wüteten gegen Studenten und Bürger. Und wer fiel als Vorkämpfer für die Freiheit? Ein Jude. Heinrich Spitzer, der Heldenjüngling mit den abstehenden Ohren, erlitt am 13. März in der Herrengasse als erster den Opfertod. Freilich war dann sein Bild in allen Auslagen zn sehen, mit schwungvollen Gedichten. Freilich wurde er und mit ihm wurden viele andere jüdische Studenten mit allen Ehren bestattet. Schwermut beschleicht einen bei der Schilderung eines Begräbnisses der Märzgefallenen , . . „Etwas alyeits bei den zwei rohen fichtenen Särgen, die die Leichen der gefallenen Juden enthielten, stand der Rabbiner im schwarzen Ornat, der zu zögern schien. Da trat ein wohlbeleibter katholischer Priester im weißen Chorhemd auf ihn-zu und bat ihn, sich ihm anzuschließen, um denen, die für die Freiheit gefallen, die letzte Ehre zu erweisen. . . Und man erlebte bald das Schauspiel, daß ein katholischer Priester und ein Rabbiner neben einander hinter de» Särgen herschritten." Freilich war das ein ergreifendes Schauspiel. Aber — — Nein! Wir wollen nicht nach den Früchten jener Kämpfe unserer Intelligenz fragen, wir wollen nur aus der Geschichte lernen. Wo es um die.höchsten.Güter der Menschheit gilt, wird man uns stets in den ersten Reihen sehen. Wir dürfen aber nicht der eigenen Brüder vergessen. Ihnen vor allem soll unser Mut, soll unsere Kraft, soll unser Leben geweiht sein. Vielleicht kommen wir so näher der Freiheit, die ich meine. . . Auch andere Gedanken weckt dies .beneidenswerte Buch. Wozu waren jene Kämpfe gekämpft worden? Haben die.Völker Oesterreichs wirklich die Freiheit errungen? Und wo ist die Brüderlichkeit, die dazumal das lockende Losungswort war? Verflogen ist jener edle Rausch, und was übrig blieb, ist nichts als roher Haß und—Kampf. Verändert hat sich höchstens die Szenerie und Regie. Auch ging es. im Jahre 1848 um mehr als um Bahnaufschriften oder Verhandlungssprachen. Ein kläglicher Rückschritt! Mit bitterer Wehmut folgen wir der talentierten Auguste Hauschner, die in ihrem bei' Fleischel und Cö. in Berlin erschienenen Roman: „Die Familie Lowositz" ein Bild von der Prager Gesellschaft entwirft und die Anfänge der nationalen Kämpfe, die auf dem .heißen Boden Prags lodern, vorzüglich und überlegen schildert. .Wir sehen, wie die politischen Wirren ins Privatleben hinübergreisen und auf das Gefühlsleben der Jugend einwirken. In den Mittelpunkt der Gesellschaft hat die Verfasserin die Familie Lowositz gestellt, um an ihr die eigenartige Zwitterstellung der Juden in Böhmen zu demonstrieren. Sie tut es mit Wärme und Gerechtigkeit und zeigt uns, wie unlöslich jedes Einzelwesen mit seiner Art und Gattung zusammenhängt und daß er sein Leil nur in der Ehrlichkeit der Ueberzeugung finden kann. Der Held des einfach geschriebenen Romans, Rudolf Lowositz, ist jung und voll Sehnsucht nach Schönheit! Er leidet am Alltag und schwankt zwischen zwei Idealen. Einmal neigt sich sein Sinn den Deutschen zu, ein andermal den Böhmen. Nur für sein eigenes Volk fehlt ihm der Sinn. Und darin liegt seine Tragik, darin, daß er so entwurzelt ist. um> so haltlos. Ein nächster Band soll uns zeigen, wie er dem Leben beikommt. Borlänsig fühlt er sich fremd in seinem Vaterhaus und nimmt teil an den Kämpfen zwischen der deutschen und tschechischen Jugend. Die Anfänge sind es. Wirre Köpfe, Phantasten streiten miteinander über nationale Eigenart, Kunst und Sprache, raufen hei Theatervorstellungen und führen die Fäuste und Stöcke als überzeugeiche Argumente ins Treffen. Sie meinen es gut, diese Hitzköpfe, wenn sie auch übersprudeln. Aber nicht lange bleibt es bei diesen fast knabenhaften Schlägereien; professionelle Politiker bemächtigen sich des vorhandenen Jugendübermutes. Der Patriotismus der Jugend ist Wasser auf die Mühlen der ältern Rufer im Streite, die nicht so sehr den Vorteil ihres Volkes als ihren eigenen im Auge behalten. Immer männlicher wird der Kampf, aber auch immer egoistischer, materialistischer. Wenn Auguste Hauschner uns dies in dem nächsten Band schildern wird, so werden wir ihr ein großartiges Dokument unserer Zeit zu verdanken haben. Das Zeug dazu hat sie. Einen Ausschnitt aus dem Kampfleben unserer Gegenwart gewährt der junge Dichter Rudolf Hans Bartsch in seinem poetischen Roman „Zwölf aus der Steiermark", der bei L. Staackmann erschienen ist. Wir befinden uns auf dem Grazer Boden, wo Deutsche und Slowenen.einander in den Haaren liegen. Es ist ein starkes, markiges Buch, voll Duft und Schönheit, blühend wie das wechselvolle Gelände um die reizende steiermärkische Hauptstadt, die den Mittelpunkt dieser jugendlich frischen, berauschenden Dichtung in Prosa .bildet. So kernig war schon lange kein deutsches Buch und so voller Gemüt und Hiebe. Als Kunstwerk mag es wohl Kompositionsfehler haben, aber man genießt die Sprache wie einen kö.stlichen Wein, und die originellen flotten Einfälle wirken wunderbar . . . Jugend, Frühling, Freundschaft bilden den Dreiklang, auf den diese Dichtung gestimmt ist. Die Freundschaft der Zwölf aus der Steiermark ist so jugendlich und klar, daß sie auch einen Juden umfaßt. Bohnstock heißt er, ist jung wie die andern, wenigstens den Jahren nach, seines Zeichens Geiger und Komponist dazu. „Außer seiner Musik und einer unermeßlichen, tödlichen, hoffnungslosen Sehnsucht nach dem dentschgermanischen Wesen lebten wenig andere Kräfte in ihm" . . . Deutsch sein! Wie viele träumten es und wähnten, es zu werden! Offene Arme müßten ihrer harren, glaubten sie. Aber eines andern belehrt sie das Leben, tägliche stündlich. Nun bietet es mehr als ästhetischen Reiz, zu lesen, wie der deutsche Dichter und österreichische Offizier Bartsch seinem sympathischen, rührend naiven Bohnstock eine Lehre von den Deutschen erteilen läßt. Zu symbolenhafter Größe steigt diese Szene empor und überragt fast alles, was darüber bis nun geschrieben wurde. Wie Bohnstock an dem Kampfe der Deutschnationalen gegen Slawen und Klerikale teilnimmt, wie er beglückt ist, endlich bluten zu können für das Volk, das ihm heilig war, und wie er hofft, durch dieses vergossene Blut echt zu werden, — das afles ist eindringlich geschildert. Kein Wort zu viel, keins zu wenig. Da kommt die große Enttäuschung . . . Man öffnet dem edlen „Deutschen" grausam die Augen. Inmitten des Kampfes wendet sich gegen ihn, den Vordersten, der Haß der Kämpfer. „Weg mit dem Juden — int Kampf zwischen Deutschen tmd Slawen!" heult die Menge. In Grimm und Schande ausgestoßen, verzetert von .Freund und Feind, wankt Bohnstock davon, „weggejagt wie ein Hund aus dem Hause des in den Tod geliebten Herrn" . . . Was blieb ihm? Wie so viele in seiner Lage, geht er den Weg zum Judentttm. Und wie ein Rausch kommt es über ihn: „Ich will mich schlagen für unser verhöhntes Volk." Wir freilich möchten ihm zurufen: Arbeite für dein Volk! Hamburg. Maximilian Hirsch. Chef der Firma Veit Ph. Hirsch u. Söhne, erhielt das Ritterkreuz des österr. Franz Josef-Ord e n s. LreSla«. Am29. Aug. feiern Rentier Simon Sonnenfeld und Frau Dorothea geb. Katfchinsky die diamantene Hochzeit. (L.) Posen. Rentier Louis Elkeles feierte mit seiner Gattin Henriette geb. Peltesohn die goldene Hochzeit.— Rentier und Armenrat Julius Wolfsohn feierte seinen 80. Geburtstag. — In Schocken wurden bei oer Borstandswahl der jüd. Gemeinde Joseph Elias und Theodor Dreier zu Vorstehern und Schneidermeister Rosenthal zum Stellvertreter gewählt. (I,.) Posen. Rentier Lippmann in Strelno wurde zum Magistratsmitgliede gewählt. In Pinne verstarb der Beigeordnete Max Szamatolski, Vorsteher der jüd. Gemeinde. Friedheim (Posen,. Bei der heutige» Borstandswahl der jüdischen Gemeinde wurden folgende Herren gewählt: Isaak Machol (Bors.), Biedermann (stellv. Bors.), Jacob Jacoby und Heymann Tobias. Mit dem Bau der neuen Synagoge wird im nächsten Frühjahr begonnen. Basel. SchriftstellerIoseph Morgenstern, Mitarbeiter des Schweiz. Israel. Wochenblattes und des Franks. Israel. Familienblattes, ist plötzlich verschieden. Er stammte aus Ungarn und hatte in seiner Jugend die Talmudschulen seiner Seimat besucht. In den letzten Jahren seines ebens hat er feine Feder vorzugsweise jüdischen Fragen gewidmet. Paris. Oberstleutnant Mayer in Berdun wurde zum Offizier, Reservehauptmann Carcas sonne und Fabrikant Henri Levy gen. Levy-Finger zn Rittern der Ehrenlegion ernannt. Aronssohn gen. Fordyce, Leiter des Journal, erhielt das Ritterkreuz der Ehrenlegion. Ernannt wurden zu Officiers de l'Jnstruction publique: Jacob Baruch in Nice, C. Dreyfus in Paris, Georges Francfort in Paris, Wwe. Lang-Wellhoff in Neuilly, Salomon -Anselm Leon in Bordeaux, Frau May geb. Ochs, Jules Rosenstock in Paris, Georges Ulmo in Daulain« court. Zu Officiers d'Academie wurden ernannt: Pierre-Georges Bernard-Wolff in Paris, Fernand Bloch in Lille, Maurice-Moise Bloch in Paris. Paul Marc Bloch, Maurice Ärannschweig in Paris, Raymond Caen in Nancy, Isidore Lehmann in Bourges, Moise Schwöb in Paris» Fernand Seligmann in Valencienner, Adolphe Strauß in Paris. Paris. Grünebaum-Ballin. einhervorragend befähigter Beamter, wurde zum Bürodirektor des Ministeriums des Innern ernannt. London. Der neue Minister Herb ert Samuel entging während des Badens im Seebad Saltburn mit knapper Not dem Ertrinken. London. Oberstleutnant Sir Matthew Nathan, Gouverneur von Natal, wird mit Beginn des nächsten Jahres den wichtigen Posten des Staatssekretärs des Postamts übernehmen. Rew-Pork. Oscar Straus hat mit dem Dampfer Prinz Friedrich Newyork verlassen, um den Botschasterposten in Könstantinopel anzutreten. Personalien. Frankfurt a. M. Die Eheleute MoseS und Babette Loewenthal (Leerbachstr. 14) begingen am Mittwoch das Fest ihrer diamantenen Hochzeit. Beide Jubilare erfreuen sich körperlicher und geistiger Frische, insbesondere Herr Loewenthal, der noch täglich seinen Stammtisch aufsucht. Frankfurt a.M. In der Frankfurt-Loge fand vergangene Woche eine interessante Trauung statt. Ein aus Verehrung für das Judentum Jude gewordener Protestant heiratete eine jüdische Dame aus Heilbronn. Den feierlichen Akt vollzog Rabbiner Dr. Seligmann. Hamburg. Redakteur und Schtiftsteller Dr. Anton Lindner erhielt das Ritterkreuz des österreichischen Franz Joseph-Ordens. Kunst und Literatur. U .»t-! M »3 p -'S!, - M ~4i ■ Ä * H .ff Vom Kriegsschauplätze der Israel irischen Religionswissenschaft. Eine gemeinverständliche Schilderung der Kämpfe auf dem Gebiete der modernen Bibelforschung von Dr. Sigmund Jampel. Frankfurt a. M. Kauffmann, Preis 80 Pfg. Wir Juden interessieren uns fw: alle wissenschaftlichen Fragen der Welt, nur nicht für solche, die uns am allermeisten angehen. Wenn sonst eine Frage soviel Staub aufwirbeln würde, wie das moderne Bibel-Problem, dann würde sich auch der fernstehendste Laie schämen, darüber nicht informiert zu sein; so aber handelt es sich hier um die Lebensfrage und um die Zukunft des ganzen jüdischen Volkes, da geht der Jude gleichgültig daran vorbei. Oder will der Jude mit der Bibelkritik Vogelstrauß-Politik treiben? Dieses Verfahren hätte vor mehreren Jahrzehnten noch einigen Sinn gehabt, nicht aber heute, wo die Ergebnisse der Bibelkritik schon in vie Tagespresse übergegangen sind und die öffentlichsten Bortragspulte beherrschen. Am allerwenigsten darf das konservative Judentum mit der weltbewegenden modernen Bibelforschung Bersteckels spielen, zumal das liberale Judentum sich der Bibelkritik verschrieben hat und die Ergebnisse derselben programmmäßig im ReligionSunterricht verwertet. Es ist jedem Juden, dem die

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